SKZ 50/1997

INHALT

Lesejahr C

Vergegenwärtigung Gottes

von Thomas Staubli

Bibel: Jubellied für Gerettete

­ Es muss für die aus dem Exil zurückgekehrten Israelitinnen und Israeliten ein erhebendes Gefühl gewesen sein, als sie unter ihren Händen allmählich wieder eine Stadt erstehen sahen. Höhepunkt des Wiederaufbaus Jerusalems war zweifellos die Neueinweihung des von den Propheten Haggai und Sacharja propagierten Tempels 515 v. Chr. Nun durfte man sich wieder sehen lassen unter den Völkern. Aus den verachteten Deportierten waren wieder respektable Stadtmenschen geworden ­ Grund zum Jubel.

­ Solcher Jubel findet sich am Ende des Prophetenbüchleins Zefanja. Dieser lebte ungefähr vierzig Jahre vor dem Untergang Judas. Er sah die düstere Zukunft des Zwergstaates in den Hügeln Palästinas genau voraus und warnte seine Landsleute eindringlich mit wortgewaltigen Satiren. Die Zerstörung Jerusalems schilderte er als dies irae, als «Tag des Zornes» für die überhebliche Stadt. Als das Ereignis eine Generation später tatsächlich eintraf, erinnerte man sich an Zefanjas Worte, hoffte aber darauf, dass ein Rest Israels, ein demütiges und armes Volk Zuflucht finden wird beim Namen JHWHs. Für diesen Rest haben Schüler Zefanjas nach dem Exil der Buchrolle ihres Meisters Worte der Zuversicht, ja des Jubels über die Befreiung angefügt (3,9­20): eine Trostrede an Jerusalem (die Tochter Zion, die praktisch mit Israel gleichgesetzt wird), ein Lied und einige Schlusssätze. Das fünfmal wiederkehrende Leitmotiv dieses Anhangs lautet: Gott ist in eurer Mitte (vgl. Kasten), indem er für das Recht eintritt (3,5; vgl. SKZ 47/1997), die Prahler entfernt (3,11), ein demütiges Volk übriglässt (3,12), das Urteil gegen Israel aufhebt (3,15) und Jerusalem Rettung bringt (3,17).

­ Der Lesungstext umfasst das Lied ­ ein wahres Feuerwerk des Jubels. Es jagen sich darin nicht weniger als sieben Verben im Imperativ, dem Modus der Vergegenwärtigung: Juble! Jauchze! Freu dich! Frohlocke! (2u) Fürchte dich nicht! Lass die Hände nicht sinken! «Reine Gegenwart aber, Wende von Vergangenheit in Zukunft, Hereinreissung des Kommenden in das Heute und Hier ist von Haus aus nur der Imperativ, der Modus der Verwandlung» (Eugen Rosenstock-Huessy). Sogar JHWH selbst, der die Rolle des Königs übernimmt, stimmt ein in diesen Jubel und erneuert seine Liebe zu Jerusalem, die als Tochter Zion, also wieder als eine junge Frau angesprochen wird (vgl. SKZ 48/1997). Nichts könnte die Tatsache, dass wirklich etwas Neues angefangen hat, besser unterstreichen. Dem düsteren dies irae wird am Ende des Buches Zefanja somit ein frenetischer Jubel, ein Tag ekstatischer Freude gegenübergestellt, der ganz hineinführt ins lebendige Jetzt.

Kirche: Gaudete!

Die Kirche beansprucht am dritten Adventssonntag, in den Jubel der Tochter Zion, Jerusalems, Israels einstimmen zu dürfen. Tut sie es aus Gewohnheit, aus Überheblichkeit oder nach viel Durchlittenem als demütiges und armes Volk (vgl. 3,12)? Teilt sie nur die Freude Israels oder auch seinen Schmerz? Geteilte Freude ist doppelte Freude, geteiltes Leid halbes Leid.

Welt: «Am Rand die Mitte suchen» (Urs Eigenmann)

Über die Hälfte der Menschheit wohnt heute in Städten. Bessere medizinische Versorgung, sauberes Trinkwasser und sanitäre Anlagen sorgen dafür, dass die Landflucht nicht abreisst. Doch der Zustrom an Menschen überfordert die meisten Städte, sie geraten aus dem Gleichgewicht. Biblisch gesprochen: Gott flieht aus ihrer Mitte. Prostitution, Kinderarbeit, Kriminalität, Epidemien (Aids, Cholera) und grosse Armut in den Vorstädten sind die Folgen bzw. der Fluch. Aber auch die Errungenschaften der Technik in den hochzivilisierten, reibungslos funktionierenden Städten werden nicht nur als Segen empfunden, sondern sind oftmals Ausdruck einer Leere bzw. Gottverlassenheit der überreichen Zentren. Das hat der Berner Troubadour Mani Matter schon vor zwanzig Jahren so empfunden:

nei säget sölle mir vo nüt meh
andrem tröime
mir wo müesse läben
i de gottvergässne stedt
wo men uf em trottoir louft
und wenn men über d'strass wott
mues warte bis me vom'ne grüene liecht d'erloubnis het
und we mes nid so macht
de wird men überfahre
isch das dr ändpunkt vo'r entwicklig
vo füftuusig jahre

Bereits vor über dreissig Jahren hat der amerikanische Theologe Harvey Cox aber auch auf die Chancen von Gottes Kirche in der modernen Stadt aufmerksam gemacht. Er hat bemerkt, dass das Christliche in den Alltag der säkularen Städte explodierte ohne zu verschwinden. Wer es noch immer nur in der Stadtkirche oder in der privaten Bibelandacht sucht, sucht es am falschen Ort. Gott ist mitten unter uns. Aber die Mitte liegt am Rand. In der Tat: in selbstverwalteten Vorstädten der Dritten Welt, in kreativen Quartiervereinen, bei Selbsthilfegruppen, Basisgruppen und NGOs in kleinen Nischen unserer Riesenstädte hat sich Gott eingenistet. Freut euch, jubelt, jauchzet, lasst die Hände nicht sinken und fürchtet euch nicht!

Literaturhinweis: Harvey Cox, Stadt ohne Gott?, Stuttgart 1971 (6. Aufl.).


Gott in der Mitte der Stadt

Nach altorientalischem Verständnis gehörte eine Stadt der Stadtgottheit. Sie wohnte inmitten der Stadt im Tempel. So galt die grosse Stadt Babylon als die Stadt Marduks, und Isis war die Herrin von Tanis im Nildelta. Auch die Städte der Levante hatten ihre je eigenen Schutz- und Segensmächte. So residierte Hadad in Damaskus, Milkom in Amman, Eschmun in Sidon, Astarte und Jam in Aschkelon und JHWH in Jerusalem. Im täglichen Kult versorgten die Stadtmenschen die Gottheit, um sie bei Laune zu halten und von ihr mit den Gütern des Himmels ­ reicher Ernte, Gesundheit und Friede ­ gesegnet zu werden. Auf einem Ausschnitt des sog. Weissen Obelisken aus Ninive (10. Jh. v. Chr., aufbewahrt im Britischen Museum) ist inmitten der Stadt auf dem Hügel die Stadtgöttin Schirtu zu sehen, der von Priestern Opfer und Gebete dargebracht werden. Ps 46 feiert den Gott Jakobs als Schützer der Gottesstadt: «Gott ist in ihrer Mitte, darum wird sie niemals wanken» (46,6a; vgl. Jes 4,4; Jer 14,9). Nach Ps 116,18f. bringt die Bevölkerung anlässlich der Einlösung von Gelübden Opfer dar «in den Vorhöfen am Hause JHWHs, in deiner Mitte, Jerusalem». In Heilsorakeln versichert Gott immer wieder, dass er weiterhin oder wieder in der Mitte Israels wohnen will (Hos 11,9; Joel 2,27; Sach 2,10f.). Wehe aber der Stadt, deren Gottheit abgeführt wird in die Gefangenschaft, zusammen mit der kulturtragenden Elite der Stadt. Sie wird getroffen vom Fluch der Gottheit, wird zum Tell (Ruinenhügel), auf dem höchstens noch Nomaden und wilde Tiere hausen (vgl. Zef 2,6.13f.).


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1997