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Lesejahr C |
Für die unter griechischem und römischem Kultureinfluss
lebenden und unter wirtschaftlicher und politischer Herrschaft leidenden
Jüdinnen und Juden war es wichtig, sich immer wieder der eigenen Traditionen
und Geschichten zu vergewissern. Dazu leistete die liturgische Literatur
einen wichtigen Beitrag, besonders dann, wenn sie wie das Buch Baruch
nicht nur traditionalistische Formeln repetierte, sondern sie in der
Sprache der Zeit und in bezug auf Zeichen der Zeit aktualisierte.
Das nur griechisch überlieferte Buch ist eine deuterokanonische
Schrift, die in hellenistisch-römischer Zeit (vielleicht im ausgehenden
1. Jh.v.Chr. in Jerusalem) entstanden ist. Es handelt sich um ein pseudepigraphisches
Werk, das von Baruch, dem Sekretär Jeremias (vgl. Jer 32,12ff.; 36;
45) stammen soll. Deshalb hat es in katholischen Bibeln seinen traditionellen
Ort hinter dem Buch des Propheten Jeremia, nach den Klageliedern, die Jeremia
selber zugeschrieben wurden. Meistens wird ihm ein ebenfalls pseudepigraphischer
Brief Jeremias als sechstes Kapitel angehängt. Er sei von Baruch den
vor dem babylonischen Heer nach Ägypten geflohenen Jüdinnen und
Juden vorgelesen worden, bevor man es zusammen mit einer Kollekte für
den gottesdienstlichen Gebrauch den Hinterbliebenen in Jerusalem geschickt
habe (Bar 1,115). Das ganz und gar in der Frömmigkeit der Heiligen
Schriften verwurzelte Buch führt die Betenden von der Busse über
das Gotteslob und die Klage in den Trost.
Der Abschnitt der Sonntagslesung besteht aus den letzten Versen
der Trostlieder. Es sind Zusprüche an die Stadt Jerusalem, in welchen
die Verheissungen Deutero- und Tritojesajas wachgerufen, teilweise fast
wörtlich zitiert werden. Die personifizierte Stadt Jerusalem soll die
Trauerkleider ausziehen und schmückende Ehrengewänder anziehen,
die mit würdevollsten Namen bezeichnet werden (vgl. Jes 61,10; zum
Motiv s. den Kasten). Die Stadt selber soll von Gott die Ehrentitel «Friede
(gegründet in) der Gerechtigkeit» und «Herrlichkeit/Glanz
(gr. doxa) der Gottesfurcht» erhalten. Mit diesen Worten, die in der
jüdischen Frömmigkeit kaum durch andere überboten werden
können, wird sie fast in himmlische Sphären entrückt. Sie
wird aufgefordert, sich auf den höchsten Punkt zu begeben und nach
Osten zu blicken. Um von Jerusalem nach Osten blicken zu können, muss
man sich auf den Ölberg begeben. Dort wird die Stadt die heimkehrenden
Kinder Israels erblicken (vgl. Jes 40,9; 60,4), offenbar jene aus dem babylonischen
Exil. Ihnen wird eine königliche Rückkehr bereitet: sie werden
in Sänften getragen und die Unebenheiten des Landes werden planiert
eine phantastische Übertreibung angesichts des ruppigen Reliefs
Palästinas zwischen dem Ölberg (900 m ü.M.) und dem 30 km
entfernten Toten Meer (400 m ü.M.)! Das entsprechende, berühmte
Zitat stammt aus dem Trostbuch Deuterojesajas: «Bahnt für den
Herrn einen Weg durch die Wüste! Baut in der Steppe eine ebene Strasse
für unseren Gott! Jedes Tal soll sich heben, jeder Berg und Hügel
sich senken» (Jes 40,3f.). Das Wort war zur Zeitenwende im Munde aller
religiösen Erneuerer. Es wird im Evangelium des Sonntags im Munde Johannes
des Täufers zitiert (Lk 3,5) und war auch ein Wahlspruch der Essener
von Qumran.
Für die Gemeinschaft der Gläubigen, die sich als Erbin der Verheissungen an Jerusalem betrachtet (vgl. SKZ 47/1997), werden die Zusprüche zu Ansprüchen. Was berechtigt die Kirche zum Führen der Ehrentitel, zum Tragen der Ehrenkleider? Dem Trost durch die prächtige Einkleidung geht bei Baruch Einkehr und Busse voraus. In diesem Sinne hat beispielsweise der Papst dieser Tage die Gläubigen zu einer «Reinigung des Gewissens» in bezug auf die jüdisch-christliche Geschichte aufgefordert. Er kritisierte den mangelhaften «geistigen Widerstand» vieler Christen während den europäischen Judenverfolgungen und hielt ausdrücklich fest, dass Jesus ein Jude gewesen sei, was für die Kirche von grosser Bedeutung sei. Selbstkritik und Umkehr dieser Art ist die Voraussetzung dafür, dass die Kirche die Nacktheit der Schande ihrer Geschichte wieder mit einem Ehrengewand, dem geschwisterlichen Dialog mit der Schwesterreligion, bekleiden darf.
Noch nie gab es so viele Menschen auf der Erde, die fern ihrer Heimatstadt in der Fremde leben müssen. In einer vernetzten, globalen Gesellschaft ist ihr Schicksal auch das unsere. Migration ist nicht nur die Schuld der Betroffenen, sondern die Folge ungerechter Strukturen in Wirtschaft, Politik, Kultur und Religion. Was muss sich bei uns ändern, damit die Flüchtlinge Nigerias in ihre Städte zurückkehren können? Was können wir dazu beitragen, damit Sarajevo, das «Jerusalem des Balkan» wieder mit Ehren bekleidet wird? Wer unterstützt die Friedenswilligen in Israel/Palästina, damit das heutige Jerusalem den Ehrentitel «Frieden der Gerechtigkeit» führen darf? Solange wir auf diese Fragen keine Antworten leben, gereicht uns die postmoderne Pracht unserer Städte und die rassistische Asylpolitik (Dreikreisemodell) zur Schande. Am Ehrengewand der Städte dieser Erde webt kein deus ex machina, sondern die Völkergemeinschaft in ihrem Bemühen um Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung.
Im Orient wurden Städte gerne als Frauen stilisiert. Sie wurden
je nach Situation als junge Frauen, Mütter, Witwen, Huren oder Menstruierende
gelobt, beklagt oder beschimpft. Die Griechen verehrten die Matronin ihrer
Städte in Gestalt einer Göttin, der Tyche. Das Bild zeigt die
Tyche der Stadt Gaza auf einer Münze aus der Zeit Hadrians (2. Jh.n.Chr.).
Deutlich ist der herabwallende Mantel der Göttin und das Diadem in
Gestalt einer stark befestigten Stadt zu erkennen. Diese charakteristischen
Embleme der Tyche erhalten im Sprachbild des Buches Baruch fromme Beiworte.
«Mantel der göttlichen Gerechtigkeit» will heissen: wenn
Jerusalem (sc. ihre Bevölkerung) nicht gerecht ist, steht die Stadt
nackt da und ist der Schande preisgegeben. «Krone der Herrlichkeit
des Ewigen» will heissen: Das Diadem Jerusalems ist nicht eine starke
Stadtmauer, sondern ein mächtiger, glanzvoller Gott, dessen Markenzeichen
seine Sympathie für die Ohnmächtigen ist. Kleider und Schmuck
sind Statussymbole, an welchen sich der Stand eines Menschen ablesen lässt
(«Kleider machen Leute»).
Die Weisheitslehrer(-innen) Israels aber lehrten, dass schändlicher
als Nacktheit ausbeuterische Herrschaft und kleidender als königliche
Gewänder ein gerechtes, weises Verhalten ist (vgl. Ijob 29,14; Spr
1,9; 30,25; Sir 6,29).