SKZ 47/1997

INHALT

Lesejahr C

Gerechtigkeit - das grosse Wort

von Thomas Staubli

Text: Eine Selbstermutigung der nachexilischen Restauratoren

Das Buch Jeremia dokumentiert nicht nur in fast atemberaubender Geschichtsdarstellung die dramatischen Ereignisse die letzten Tage Judas, es enthält auch Entwürfe für einen Neubeginn. Nicht alle diese Texte gehen auf Jeremia selber zurück. Schon immer fiel den Bibelkommentatoren auf, dass Jer 33,14­16 nur in der hebräischen Bibel steht, nicht aber in der ältesten griechischen Übersetzung, der Septuaginta, aus dem 3. Jh. v. Chr. Die Erklärung dieses Umstandes: In Ägypten wurde die erste Auflage des Buches Jeremia ins Griechische übersetzt und in dieser Gestalt weiter überliefert. In Jerusalem wurde das Buch Jeremia in einer zweiten, durch einige nachexilische Kommentare und Einfügungen leicht erweiterten Auflage weiterüberliefert.
Die Erweiterungen dienten der moralischen Stärkung des auf den Ruinen Jerusalems wiedererstandenen judäischen Stadtstaates. Sie passen ausgezeichnet in die Tage Serubbabels, der von den restaurativen Propheten in Jerusalem als legitimer Spross des Hauses David propagiert wurde (Sach 4,9; 6,12f.) Sie scheuten nicht davor zurück, ihn Siegel Gottes zu nennen (Hag 2,23). Jeremia hatte von seinem Ahnen Jojakin verkündet, dass selbst, wenn er ein Siegel an der Rechten Gottes wäre, Gott ihn wegreissen würde (Jer 22,24). Übrigens wusste man schon im Altertum um das Vorhandensein von zwei Versionen des Buches Jeremia und diskutierte die Unterschiede. In den Höhlen von Qumran fanden sich beide Versionen in hebräischer (!) Sprache auf Fetzen von Handschriften, die um 200 v. Chr. geschrieben wurden.
33,14 kündet die Bekräftigung eines älteren Heilswortes an. Gemeint ist wohl die verheissene Rückkehr aus dem Land des Nordens (Babylon) nach Palästina (vgl. Jer 29,10) als Voraussetzung für die Wiederherstellung des Hauses Israel und des Hauses Juda, wozu in erster Linie die Einsetzung eines gerechten (sc. legitimen) Sprosses (v. 15) aus dem Hause David gehört, der für «Recht und Gerechtigkeit» (vgl. Kasten) im Land sorgen wird. Schon Natan, der Hofprophet Davids hatte einen solchen für ewige Zeiten prophezeit (2 Sam 7,13.16; vgl. 1 Kön 2,4; 8,25). Jeremia griff die Verheissung auf und verkündete einen König, der den Namen «Der Herr ist unsere Gerechtigkeit» führen wird (Jer 23,5­6). Die Kommentatoren von Jer 33,14­16 zitieren Jeremia fast im Wortlaut. Um so bedeutender sind die scheinbar kleinen Unterschiede. Der gerechte Spross bezieht sich nicht mehr auf den König, sondern auf Jerusalem, statt «in seinen Tagen» heisst es nun «in jenen Tagen». Indem die Heilige Stadt die Position des Königs einnimmt, wird sie als Wahlheimat Gottes charakterisiert und das Königtum wird eng an den Tempel, das Haus Gottes in Jerusalem, gebunden. Entsprechend wird in den folgenden Versen (33,15f.), die in der Lesung nicht mehr vorgesehen sind, nicht nur dem Königtum, sondern auch dem levitischen Priestertum ewige Nachkommenschaft verheissen. Eben dieses theokratische Modell war das Ideal der nachexilischen Restauratoren.

Kirche: Das neue Jerusalem

Die königlich-priesterliche Kirche hatte keine Mühe, an diesen Text anzuschliessen, wenn sie ­ wie es in der Allegorese üblich war ­ Jerusalem als alttestamentlichen Typos der neutestamentlichen Kirche verstand. Im Mittelalter wurden sogar die Kirchengebäude als Abbilder der Heiligen Stadt gestaltet, um diesen Zusammenhang, aber auch den zwischen Kirche und Königtum deutlich zu machen. Diese triumphalistische Variante einer universalen Auslegung ist durch eine am Wohl aller Menschen orientierten zu ersetzen. Für sie ist das neue Jerusalem «der Entwurf der Befreiung, das neue Vaterland, die neue Erde, Ðwo Milch und Honig fliessenð» (Enrique Dussel). In diesem Reich gelten Gesetze, für die die Erfolgreichen Nonsense sind und die die Armen in den Mittelpunkt des Interesses stellen. Ihr Zustand bringt es an den Tag, ob «Recht und Gerechtigkeit» (vgl. Kasten) walten.

Welt: Markt statt «Recht und Gerechtigkeit»?

Nach marktwirtschaftlicher Ansicht sind «Recht und Gerechtigkeit» durch den Markt überholt. Der «freie Markt» ­ nämlich frei von irgendwelchen moralischen Schranken ­ ist es vielmehr, der automatisch einen gerechten Zustand hervorbringt. F.A. Hayek, Nobelpreisträger und Prophet der Marktwirtschaftsideologie, hält eine soziale Gerechtigkeit sogar für hinderlich, denn die Ungleichheit der Menschen betrachtet er als nötigen Motor der Wirtschaft. Die Gesetze des Marktes, zum Beispiel Arbeitslosigkeits- oder Inflationsraten, werden als naturgegeben hingenommen. Ihnen gilt es, sich demütig zu unterwerfen. Damit tritt in Gestalt der Marktwirtschaft eine individualistische «Naturreligion» auf den Plan, die den geschwisterlichen Religionen Judentum und Christentum diametral entgegengesetzt ist. Opfern jene die Armen auf den Altären des freien Marktes, so bereiten und erwarten wir in adventlicher Stimmung den Anbruch einer gerechten Wirtschaft für die Verdammten dieser Erde mit dem Namen «Jahwe ist unsere Gerechtigkeit».

Literaturhinweis: K. Füssel/F. Segbers, «so lernen die Völker des Erdkreises Gerechtigkeit.» Ein Arbeitsbuch zu Bibel und Ökonomie, Luzern ­ Salzburg 1995.


Recht und Gerechtigkeit (hebr. mischpat uzödaqah)

Dass die Begriffe «Recht» und «Gerechtigkeit» wie eine grosse Überschrift in der ersten Sonntagslesung des dritten Lesejahres stehen, ist kein Zufall. «Die Mitte des Altes Testaments lässt sich am besten mit dem Begriff und der Sache der ÐGerechtigkeitð bezeichnen» (Walter Dietrich, Alttestamentler in Bern). Der abstrakte Begriff «Gerechtigkeit» verdichtet den Zusammenhang zwischen Gottes- und Nächstenliebe. Im gerechten Verhalten gegenüber den Nächsten, insbesondere gegenüber den Schwachen (namentlich Fremde, Waisen, Witwen) zeigt sich bei Menschen die Liebe Gottes. Denn Gott offenbart sich nicht als übernatürliche Erscheinung, sondern in erster Linie in Weisungen, Lebensregeln und im Recht, welches das Ergebnis eines langen, vielschichtigen Rechtsfindungsprozesses ist, bei dem die Intuition der Prophetinnen und Propheten eine entscheidende Rolle spielt. Rechtsfindung, Rechtsprechung und Rechttun sind die grossen Anliegen Jahwes. Wer sich darum bemüht, darf hoffen, dass Jahwe an seiner/ihrer Seite über Feinde und Tod triumphiert. Als Sachwalter des Rechts auf Erden galt im Alten Orient der König (vgl. Ps 72,1f.). Auf der berühmten Stele des Hammurapi (heute im Louvre) ist über der in Keilschrift geschriebenen Gesetzessammlung der Sonnengott (vgl. die «Sonne der Gerechtigkeit» in Mal 3,20) zu sehen, der den König beauftragt, «eine Gesetzgebung im Lande erscheinen zu lassen, den Bösen und Schlimmen zu vernichten und zu verhindern, dass der Starke den Schwachen schädige».


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1997