SKZ 51-52/1997

INHALT

Leitartikel

Leben aus Gott

von Abt Georg Holzherr

Das Gebetbuch des St. Galler Abtes Ulrich Rösch feiert die Menschwerdung des Gottessohnes mit einem Mariengebet und einem Weihnachtsbild. Das Gebet (um 1150) spricht Maria an als «gesegnete und mehr als alle geheiligte Mutter». Sie ist die Hauptperson in unserem Bild (1472), das dem Gebetstext gegenüber steht. Es ist reizvoll, dieses spätmittelalterliche Bild zu vergleichen mit der hochgotischen Vorlage, die im sogenannten «Hildegard-Gebetbuch» (12. Jh.) dem gleichen Mariengebet gegenübergestellt ist. Manche Details im St. Galler Bild verraten die Herkunft von der älteren Vorlage, und doch ist die Komposition bewusst neu gestaltet.

In beiden Ausführungen fällt auf, dass sich Mutter und Kind in die Augen blicken. In der gotischen Vorlage ruht das Wickelkind auf der altarförmigen Krippe. Sein Kopf ist vom göttlichen Nimbus umstrahlt. Es verdreht ihn zur Mutter hin, um Augenkontakt zu gewinnen. Maria ist als Wöchnerin dargestellt, die sich voll ehrfürchtigen Staunens leicht von ihrem Bette aufzurichten scheint, um dem Sohn in die Augen zu sehen. In unserem Bild dagegen kniet die Mutter als Fürsprecherin vor ihrem Kind. Der Gottessohn liegt nackt auf der Erde, nur leicht geschützt von einem Gewandstreifen Marias. Der Maler zeigt, dass sich Gott auf den «humus» (davon: «humilitas» = Demut) herablässt und unser irdisches Leben teilt. Diese alle Erwartungen übersteigende Selbsterniedrigung Gottes scheint der Grund dafür zu sein, dass die Augen der jungen Mutter fragend auf ihr Söhnlein gerichtet sind.

Aug in Aug Jesus gegenüber! Jesus preist die Augen selig, «die sehen, was ihr seht» (Mt 13,16); er hat «die Augen des Blindgeborenen geöffnet» (Joh 11,37). Als jemand mehr tun wollte, als die Gebote halten, «sah ihn Jesus an, und weil er ihn liebte», lud er ihn zur Nachfolge ein (Mk 10,21). Jesus «blickte Petrus an», der ihn verleugnet hatte (Lk 22,61). Den Emmaus-Jüngern «gingen die Augen auf, und sie erkannten ihn» (Lk 24,31). Augen haben für den menschgewordenen Sohn Gottes! Diese «intuitive» Jesus-Beziehung bildet die Mitte unseres Meditationsbildes. Schneller als Worte finden Augen den Weg zum Herzen einer andern Person.

In unserem St. Galler Bild erscheint Joseph als Hüter dieses Geheimnisses. Er hält die Hände fürsorglich über den Sohn Marias, in dem Gott Mensch geworden ist. Joseph ist fast vornehm gekleidet, wie wenn er mehr als ein Zimmermann wäre, mindestens ein Baumeister (Mk 6,3: griech. «tekton», davon unser: Archi-«tekt»). Seine Haltung und das Rot seiner Kleidung scheinen anzudeuten, wie vordringlich tätige Liebe und Fürsorge sind. In der gotischen Bildvorlage sass Joseph schlafend am Bildrand und deutete auf seinen Kopf oder dessen Träume.

Der Hintergrund unseres Bildes ist einfach gestaltet. Die sauber gefügten Quadersteine des Stalles erinnern von ferne an die Mauern der Messias-Stadt Bethlehem (Haus des Brotes), die in der ikonographischen Vorlage die ganze Szene umrahmen. In beiden Bildern schaut die Tierwelt staunend zu. In unserem Bild von 1472 scheint die grüne Pflanzenwelt wichtig, während in der gotischen Vorlage, byzantinischen Mustern entsprechend, noch die stilisierte Höhle dargestellt ist und damit die Tiefe der Erdenwelt, in die sich Gott einlässt. Der blaue Sternenhimmel des gotischen Bildes deutet darauf hin, dass Gott sich aus der Transzendenz in das irdische Leben einlässt. Dies ist der innerste Kern des Weihnachtsgeheimnisses. Das dem Bild gegenüberstehende Gebet motiviert darum die Bitten mit der Formel: «um seiner heiligen Menschheit willen».


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1997