SKZ 49/1997

INHALT

Leitartikel

Das Wunder der Macht in Beziehung

von Daniel Kosch

Nach dem Wunder des schlafenden Jesus, der die Jünger auch in Angst und Unglauben nicht verlässt, <1> und nach dem Wunder des befreienden Jesus, der den Widerstand überwindet und die Mächte des Todes und der Selbstzerstörung besiegt, <2> erzählt das Evangelium ein drittes Wunder der heilenden Macht in Beziehung.

Jesus fuhr im Boot wieder ans andere Ufer hinüber, und eine grosse Menschenmenge versammelte sich um ihn...Darunter war eine Frau, die schon zwölf Jahre an Blutungen litt. Sie war von vielen Ärzten behandelt worden und hatte dabei sehr zu leiden; ihr ganzes Vermögen hatte sie ausgegeben, aber es hatte ihr nichts genutzt, sondern ihr Zustand war immer schlimmer geworden. Sie hatte von Jesus gehört. Nun drängte sie sich in der Menge von hinten an ihn heran und berührte sein Gewand. Denn sie sagte sich: Wenn ich auch nur sein Gewand berühre, werde ich geheilt. Sofort hörte die Blutung auf, und sie spürte deutlich, dass sie von ihrem Leiden geheilt war. Im selben Augenblick fühlte Jesus, dass eine Kraft von ihm ausströmte, und er wandte sich in dem Gedränge um und fragte: Wer hat mein Gewand berührt? Seine Jünger sagten zu ihm: Du siehst doch, wie sich die Leute um dich drängen, und da fragst du: Wer hat mich berührt? Er blickte umher, um zu sehen, wer es getan hatte. Da kam die Frau, zitternd vor Furcht, weil sie wusste, was mit ihr geschehen war; sie fiel vor ihm nieder und sagte ihm die ganze Wahrheit. Er aber sagte zu ihr: Meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Geh in Frieden! Du sollst von deinem Leiden geheilt sein (Mk 5,21a.24b­34).

Die Frau, die im Mittelpunkt dieser Heilungserzählung steht, hat einen langen und schwierigen Weg hinter sich. Seit zwölf Jahren leidet sie an einer Krankheit, die viel mehr ist als ein bloss medizinisches Problem. Eine blutende Frau gilt als unrein und als nicht vollwertig. Sie muss sich von ihrer Familie absondern und darf auch ihre Sexualität nicht leben. Sie zählt zu den Unberührbaren und erfährt sich in ihrem Frau- und Menschsein fundamental eingeschränkt. Kein Zweifel, dass dies sie in ihrer Existenz und ihrem Selbstvertrauen trifft.
Die Verletzung, mit der sie leben muss, hat die Frau zur Suchenden gemacht. Alle möglichen Ärzte und Heiler, Therapeuten und wohl auch Scharlatane hat sie in ihrem Verlangen nach Heilwerden aufgesucht und dabei ihr ganzes Vermögen, wahrscheinlich aber auch ihre Hoffnung und ihren Glauben an das Gute im Menschen verloren. In ihrem Verletzt-Sein, ihrer Sehnsucht nach Sinn und Heilung und in ihrer Suche steht diese Frau vielen Menschen in unserer Zeit nahe; Frauen und Männern, aber vielleicht besonders Frauen, die aufbrechen und nach Neuem su-chen: für sich selbst, für ihre Spiritualität, für den Umgang mit ihrem Körper, ihren Beziehungen und ihrem ganzen Leben.
Die verletzte und suchende Frau hat sich mit ihrem Schicksal nicht abgefunden. Sie hat von Jesus gehört und sucht seine Nähe. Sie sucht bei ihm nicht den wahren Glauben oder die wahre Lehre. Sie sucht auch keine religiöse Gemeinschaft oder Kirche und auch kein Programm für eine bessere Welt. Sie sucht körperliche und seelische Heilung, sie sucht eine Beziehung, die ihr Kraft gibt, sie sucht einen Menschen, der sie aufnimmt und annimmt, sie sucht einen Weg aus ihrer Isolation. Sie ist es auch, die die Beziehung zu Jesus herstellt, sein Gewand von hinten berührt, ihre Hoffnung auf ihn setzt, mit einem einfachen, fast magischen Glauben.
Und Jesus lässt sich berühren. Er lässt die Frau zu, er lässt sie an sich heran. Und diese Berührung setzt Kräfte frei, führt die Frau aus der Vereinzelung, hat heilende Wirkung. Jesus begegnet ihr nicht als Held, sondern als Offenbarung beziehungshafter Macht. Glaube erscheint nicht als Unterwerfung unter eine Herrschaft oder ein System, sondern als Macht in Beziehung. Jesus ist nicht der, der von oben herab eingreift, sondern einer, der Nähe gewährt und zulässt, nicht als der, der ein vollkommenes Glaubensbekenntnis verlangt, sondern als einer, der das Vertrauen der suchenden Frau aufnimmt und stärkt, nicht als der, der die Frau an sich bindet, sondern als einer, der sie in Frieden und Freiheit entlässt.
Die Zahl der Geschichten, die das Evangelium von Jesus erzählt, und die Antworten geben auf die Fragen, wer Jesus Christus für uns heute ist, liesse sich vermehren ­ durch weitere biblische Erzählungen, aber auch durch heutige Erfahrungen von Frauen und Männern, von Gruppen und Gemeinschaften aus aller Welt. Aber mit den drei Abschnitten aus dem Markusevangelium sind wichtige Bereiche heutigen Suchens und Fragens nach Jesus in den Blick gekommen:
In einer Kirche und einem Christentum, das sich in einem tiefgreifenden Umbruch befindet, der Krisen und Angst auslöst, ist uns Jesus als der nahe und gegenwärtige verheissen, auf den wir vertrauen dürfen, selbst wenn er nicht eingreift.
In einer Gesellschaft und Wirtschaftsordnung, die besetzt und beherrscht ist von selbstzerstörerischen Kräften und Gesetzen, tritt Jesus als der widerständige und befreiende auf, der mit uns eintritt für das Leben und gegen den Tod, für die Solidarität und gegen falsche Abhängigkeit.
In einer Zeit, in der viele Frauen und Männer vom Verlangen nach Heilwerden und von der Suche nach einem tiefen, tragfähigen Glauben umgetrieben werden, begegnet uns Jesus als beziehungshafte Macht, die Verletzungen heilt, Grenzen überwindet und Nähe ermöglicht.
Entdecken und erfahren lässt sich dies, wenn wir uns immer wieder aufmachen zu neuen Ufern und auf seiner Spur bleiben.

Der im Fach Exegese des Neuen Testaments promovierte Theologe Daniel Kosch leitet die Bibelpastorale Arbeitsstelle des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks.


Anmerkung

1
Das Wunder der schlafenden Gegenwart, in: SKZ 165 (1997) Nr. 47, S. 697­699.

2
Das Wunder der Befreiung von selbstzerstörerischen Mächten, in: SKZ 165 (1997) Nr. 48, S. 713­715.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1997