SKZ 48/1997

INHALT

Leitartikel

Das Wunder der Befreiung von selbstzerstörerischen Mächten

von Daniel Kosch

Bei der Beschäftigung mit der Seesturmerzählung sind viele Parallelen zu unserer heutigen Glaubenssituation sichtbar geworden. <1> Viele Christinnen und Christen leben in Angst vor einer dunklen Zukunft, verspüren aber die Notwendigkeit, trotz der Unsicherheit zu neuen Ufern aufzubrechen. Viele machen die Erfahrung, dass die gegenwärtigen Umwälzungen und Krisen nicht nur die Welt aufwühlen, sondern auch das Boot der Kirche bedrohen. Viele haben das Gefühl, von Gott verlassen zu sein und sehnen sich nach dem starken Gott und der unerschütterlichen Kirche zurück. Und wie den damaligen Jüngerinnen und Jüngern bleibt auch uns letztlich nur die Hoffnung, dass dort, wo Gefahr ist, auch das Rettende wächst. Diese überraschend zahlreichen Entsprechungen wecken die Neugierde, ob möglicherweise auch das, was am anderen Ufer auf Jesus und die Jüngerschar wartet, uns bei der Suche nach einer Antwort hilft, wer Jesus Christus für uns heute ist. Auf den ersten Blick wird diese Erwartung ganz und gar enttäuscht, denn «am anderen Ufer» findet eine der merkwürdigsten Dämonenaustreibungen statt, die im Evangelium überhaupt erzählt werden: Jesus befreit einen Besessenen, und der Dämon fährt in eine riesige Schweineherde von zweitausend Tieren, die sich in den See stürzen und ertrinken. Auf den zweiten Blick hat allerdings auch diese merkwürdige Erzählung viel mit der Frage, wer Jesus Christus für uns heute ist, zu tun. Doch hören wird zunächst den Bibeltext:

Sie kamen an das andere Ufer des Sees, in das Gebiet von Gerasa. Als er aus dem Boot stieg, lief ihm ein Mann entgegen, der von einem unreinen Geist besessen war. Er kam von den Grabhöhlen, in denen er lebte. Man konnte ihn nicht bändigen, nicht einmal mit Fesseln. Schon oft hatte man ihn an Händen und Füssen gefesselt, aber er hatte die Ketten gesprengt und die Fesseln zerrissen; niemand konnte ihn bezwingen. Bei Tag und Nacht schrie er unaufhörlich in den Grabhöhlen und auf den Bergen und schlug sich mit Steinen. Als er Jesus von weitem sah, lief er zu ihm hin, warf sich vor ihm nieder und schrie laut: Was habe ich mit dir zu tun, Jesus, Sohn des höchsten Gottes? Ich beschwöre dich bei Gott, quäle mich nicht! Jesus hatte nämlich zu ihm gesagt: Verlass diesen Mann, du unreiner Geist! Jesus fragte ihn: Wie heisst du? Er antwortete: Mein Name ist Legion; denn wir sind viele. Und er flehte Jesus an, sie nicht aus dieser Gegend zu verbannen. Nun weidete dort an einem Berghang gerade eine grosse Schweineherde. Da baten ihn die Dämonen: Lass uns doch in die Schweine hineinfahren! Jesus erlaubte es ihnen. Darauf verliessen die unreinen Geister den Menschen und fuhren in die Schweine, und die Herde stürzte sich den Abhang hinab in den See. Es waren etwa zweitausend Tiere, und alle ertranken. Die Hirten flohen und erzählten alles in der Stadt und in den Dörfern. Darauf eilten die Leute herbei, um zu sehen, was geschehen war. Sie kamen zu Jesus und sahen bei ihm den Mann, der von der Legion Dämonen besessen gewesen war. Er sass ordentlich gekleidet da und war wieder bei Verstand. Da fürchteten sie sich. Die, die alles gesehen hatten, berichteten ihnen, was mit dem Besessenen und mit den Schweinen geschehen war. Darauf baten die Leute Jesus, ihr Gebiet zu verlassen. Als er ins Boot stieg, bat ihn der Mann, der zuvor von den Dämonen besessen war, bei ihm bleiben zu dürfen. Aber Jesus erlaubte es ihm nicht, sondern sagte: Geh nach Hause, und berichte deiner Familie alles, was der Herr für dich getan und wie er Erbarmen mit dir gehabt hat. Da ging der Mann weg und verkündete in der ganzen Dekapolis, was Jesus für ihn getan hatte, und alle staunten (Mk 5,1­20).

Das Umfeld, in dem diese Dämonenaustreibung stattfindet, wird eindrücklich als Raum des Todes und der Lebensfeindlichkeit, als Raum der Gottlosigkeit und des Unglaubens geschildert. Der Besessene lebt in Grabhöhlen und will mit Jesus nichts zu tun haben. Der Dämon, der von seinem Leben Besitz ergriffen hat, verleiht ihm übermenschliche, aber selbstzerstörerische Kräfte. Und die Gegenwart der Schweine, die im Judentum als unrein gelten, zeigt, dass die Menschen weder an den Gott der Bibel glauben, noch seinen Willen befolgen.

Schon diese Angaben zur Situation, aber erst recht das Stichwort «Legion», der Name des Dämons, deutet darauf hin, dass es bei dieser Erzählung um mehr geht als um die Heilung eines einzelnen psychisch kranken Menschen. In den Blick kommt die schwierige Situation eines besetzten Volkes. Der Name «Legion» steht für die römischen Armeen, die damals die ganze bekannte Welt beherrschten. So lebten die Menschen in einem Klima der Gewalt, der Unterdrückung und der Ausbeutung. Dieser militärische und wirtschaftliche Druck, den die römische Herrschaft ausübte, machte die Menschen und die Gesellschaft, vor allem ihre schwächsten Glieder, krank. Sie lebten in einer Welt des Todes, schon zu Lebzeiten begraben, gefesselt und unfrei. Dieses Lebensumfeld weckte selbstzerstörerische Kräfte und verhinderte die Offenheit für den Glauben an den Gott der Bibel, der ein Gott der Befreiung ist.

Auch wenn wir kein besetztes Land sind und glücklicherweise nicht von fremden Legionen unterdrückt und ausgebeutet werden, ist auch unsere Gesellschaft Gesetzen unterworfen, die immer mehr Menschen das Leben erschweren, in falsche Abhängigkeiten führen, krank machen und selbstzerstörerische Energien freisetzen. Die Dämonen, die unser Denken und Handeln besetzen, heissen «wirtschaftlicher Sachzwang», «Rationalisierung» oder «Gewinnmaximierung». Und die selbstzerstörerischen Kräfte werden nicht nur sichtbar in der Zunahme psychischer Krankheiten und Depressionen, sondern auch in der Arbeitslosigkeit, dem Anwachsen der Armut, der Verwahrlosung von Kindern und Alten, der Zunahme von Rassismus und Gewaltbereitschaft, dem stressbedingten rücksichtslosen Umgang mit den eigenen Kräften, der Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen Luft, Erde und Wasser und der Abnahme der nationalen und internationalen Solidarität. All dies geschieht um des kurzfristigen Gewinns und Erfolges willen, unter dem Zwang, immer noch schneller, noch besser, noch billiger zu produzieren, zu verkaufen und zu konsumieren.

In einer solchen Welt erscheint Jesus als derjenige, der Sachzwängen und der Macht des sogenannt freien Marktes entgegentritt, denen wir uns ausgeliefert fühlen und die unser Leben im Alltag stärker bestimmen als unser Glaube an den Gott der Liebe und der Befreiung. Jesus leistet den Dämonen unserer Zeit Widerstand. Erfolg und Profit sind keine Namen Gottes, wohl aber heisst Gott Gerechtigkeit und Liebe. Nicht Geld und Leistung zählen letztlich, sondern tragfähige Beziehungen und ein Leben im Einklang mit uns selbst, mit den Mitmenschen und der ganzen Schöpfung. Nicht der tiefe Steuerfuss macht ein Land lebenswert, sondern der Friede und die Rücksichtnahme auf die Schwachen und Benachteiligten, die Offenheit der Schulen für alle und ein Gesundheitswesen, das niemand in die Armut zwingt.

Kirchen und Gemeinden, Christinnen und Christen, die sich zu einem solchen widerständigen und befreienden Jesus bekennen, sind tatsächlich zu neuen Ufern aufgebrochen. Und zweifellos sind solche Aufbrüche zu anderen Ufern mit Ängsten und Stürmen verbunden. Hinzu kommt, dass Botinnen und Boten eines befreienden, für das Leben und gegen die Mächte des Todes kämpfenden Jesus wie er mit Widerstand rechnen müssen. Die Dämonen, die Mächte, die auch unsere Gesellschaft, unsere Köpfe und Herzen besetzen, geben ihre Macht nicht freiwillig auf und müssen ausgetrieben werden. Das ist ein schmerzlicher Prozess, und er hat seinen Preis. Die Schweinehirten und die Leute, die mit den Schweinen ein Stück Einkommen und Besitz verloren haben, bitten Jesus, ihr Gebiet zu verlassen. Der Preis einer neuen Lebensqualität, der Preis der Solidarität mit den Armen, den Kranken und jenen, die im Reich des Todes leben, der Preis der Freiheit ist ihnen zu hoch: ein Leben mit weniger Besitz, weniger Komfort, mit weniger Privilegien.

Jenen, die Jesu Ruf zur Freiheit auch heute hören und sich weder von Widerständen in der Gesellschaft noch von Widerständen im eigenen Herzen abhalten lassen, ist das Wunder der Befreiung verheissen. Diese Befreiung ist ein schmerzhafter Prozess, der seinen Preis hat, aber sie verheisst den Auszug aus den Gräbern in Räume befreiten Lebens, den Abschied vom selbstzerstörerischen Raubbau an der Natur und an den Menschen und eine Gesellschaft, in der auch die Kranken, die Behinderten und die schwächeren Mitglieder wie Kinder oder ältere Leute menschenwürdig leben und ernst genommen werden.

Der im Fach Exegese des Neuen Testaments promovierte Theologe Daniel Kosch leitet die Bibelpastorale Arbeitsstelle des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks.


Anmerkung

1
Das Wunder der schlafenden Gegenwart, in: SKZ 165 (1997) Nr. 47, S. 697­699.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1997