SKZ 47/1997

INHALT

Leitartikel

Das Wunder der schlafenden Gegenwart

von Daniel Kosch

Wenn nicht alles täuscht, ist die Frage nach Jesus und sind christologische Diskussionen in den letzten Jahren wieder stärker ins Bewusstsein gekommen. Nach einer Phase, in der die Kirche vor allem mit sich selbst beschäftigt war, wird klar, dass eine Besinnung auf Inhalte, aber auch auf die zentralen Fragen nach Gott und nach Jesus Christus nottut.
Mein Beitrag in drei Folgen <1> zum Nachdenken über Jesus Christus steht in der Tradition der synoptischen Evangelien, die Christologie nicht begrifflich oder reflexiv, sondern narrativ und konkret entfalten. Es handelt sich um einen Versuch, den oft beschworenen «garstig breiten Graben» (G. E. Lessing) zwischen Jesus und uns, aber auch zwischen Wundererzählungen und heutigem kritischem Bewusstsein zu überspringen.
Ausgangspunkt ist eine Wundererzählung, die viel mit unserer heutigen Zeit gemeinsam hat.

Und er sagt zu ihnen an jenem Tag, als es Abend geworden: Fahren wir zur Jenseite! Und sie lassen die Leute stehen und nehmen ihn, wie er gerade war, im Boot mit; auch andere Boote waren mit ihm. Und ein gewaltiger Wirbelwind kommt auf und die Wogen schlugen ins Boot, dass schon das Boot sich füllte. ­ Er aber war im Heck und schlief auf dem Kopfkissen. Und sie wecken ihn und sagen zu ihm: Lehrer, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen? Und auf richtete er sich, herrschte den Wind an und sprach zum See: Schweig, verstumme! Und der Wind erlahmte ­ und es ward grosse Stille. Und zu ihnen sprach er: Wie feig ihr seid! Immer noch habt ihr keinen Glauben! Und Furcht überkam sie, grosse Furcht. Und sie sagten zueinander: Wer ist doch dieser, dass auch der Wind und der See ihm gehorchen? (Mk 4,35­41).

Es ist Abend. Der Tag geht in die Nacht über, es wird dunkel. Das ist mehr als eine Zeitangabe: Die Nacht ist bedrohlicher als der Tag, sie ist gefährlich und unheimlich. Doch der drohende Einbruch der Nacht hält Jesus nicht davon ab, die Jünger zu einer Bootsfahrt aufzufordern: «Fahren wir zur Jenseite.» Sie sollen sich auf den See hinaus wagen. Der See und das Meer gelten als Orte der Gefahr, als Lebensraum der Dämonen, machen Angst. Das Meer und auch der See Gennesaret waren gefährlich, gefürchtet wegen Stürmen, aber auch weil die Boote weitaus weniger Sicherheit boten als heute. Zur Gefährlichkeit der Bootsfahrt kommt hinzu, dass die Jünger nicht wissen, was sie am anderen Ufer erwartet. Die hereinbrechende Nacht soll kein Grund sein, am sicheren Ufer zu bleiben. Sie sollen den Aufbruch wagen, hinaus auf den See, zu neuen Ufern. Obwohl es dunkel wird und es zweifellos sicherer und bequemer wäre, dort zu bleiben, wo man sich auskennt, fordert Jesus ein Wagnis. Und die Jünger lassen sich darauf ein und nehmen Jesus, der sich bereits im Boot befindet, mit. Der Mut und das Vertrauen jener, die aufbrechen, werden aber vorerst nicht belohnt. Ein gewaltiger Wirbelwind kommt auf, das Boot wird nicht nur kräftig durchgeschüttelt, sondern die Wogen schlagen ins Boot, so dass es sich füllt. Die Bedrohung ist nicht mehr nur aussen, im Dunkel der hereinbrechenden Nacht, in der Tiefe des Sees und im gefährlichen Sturm ­ das Boot selbst ist gefährdet, die Jüngerinnen und Jünger bekommen nasse Füsse und haben berechtigte Angst, zugrunde zu gehen. Jesus aber schläft im Heck des Bootes auf dem Kopfkissen.
Diese Darstellung der Ausgangssituation für die anschliessende Wundererzählung kann als Bild für die heutigen Voraussetzungen des Glaubens gelesen werden: Auch in unserer Kirche und unseren Gemeinden haben viele den Eindruck, dass wir uns in einer Übergangssituation befinden. Während dieser Übergang in der nachkonziliären Zeit vorwiegend als «Aufbruch in der Morgenröte» empfunden wurde, in der die Sonne das Dunkel vertreibt, wird der Umbruch zurzeit eher als «Krise» wahrgenommen. Das Wort «Zukunft» hat seinen guten Klang verloren, Angst, Müdigkeit und Resignation bestimmen nicht nur die innerkirchliche Stimmungslage, sondern auch den Blick auf den wirtschaftlichen, ökologischen und politischen Zustand der Schweiz und der Welt. Arbeitslosigkeit, anhaltende Rezession, eine rasch tiefer werdende Kluft zwischen arm und reich erschüttern das Vertrauen in die Überlebenskraft unserer Gesellschaft. Und wie in der Wundererzählung bleiben viele am Ufer zurück, und jene, die aufbrechen, benutzen verschiedene Boote. Die Fahrt mit unbekanntem Ziel, die Nacht, der Sturm und die Angst der kleinen Gruppe im untergehenden Boot lässt auch heute fragen: Kümmert es dich nicht, das wir zugrunde gehen?
Wenn man der Seesturm-Erzählung trauen darf, ist diese beängstigende Situation aber kein Grund, die Hoffnung auf ein Wunder aufzugeben, sofern das Wort Jesu «Fahren wir zur Jenseite!» auch heute gehört und befolgt wird. Wer sich am sicheren Ufer einrichtet oder mit seinem Boot im seichten ufernahen Gewässer dümpelt, bekommt den Sturm möglicherweise gar nicht zu spüren, muss auch kein Wasser aus dem Boot schöpfen, braucht keine Angst zu haben und kann ruhig schlafen.
Jene, die zu neuen Ufern aufbrechen und sich auf das offene Wasser hinauswagen, ohne zu wissen, wohin die Fahrt geht, werden zwar von Sturm und Wind, von Angst und nassen Füssen nicht verschont, aber sie können Wunder erleben.
Das erste Wunder, das sie erleben können, ist das Wunder des ruhig schlafenden Jesus. Die Jünger im Markusevangelium haben dieses Wunder offenbar falsch verstanden, und später wurde es vielfach völlig übersehen. Das Schlafen Jesu ist nicht Ausdruck seines Desinteresses am Schicksal der Leute auf dem Boot, es ist Ausdruck seines Vertrauens auf den Schutz Gottes einerseits und auf das Boot und seine Besatzung anderseits. Diese Gelassenheit, die schweigende und vertrauende Gegenwart des schlafenden Jesus bei seinen Jüngern inmitten des Sturmes müsste eigentlich genügen: Er hat ihnen den Aufbruch zu neuen Ufern trotz einbrechender Nacht zugemutet und vertraut sich ihnen auch im Sturm an, weil nicht nur er selbst, sondern auch das Boot und seine Besatzung, ja sogar der Sturm, die Wellen und der Wind in Gottes Hand sind.
Um mit der Unsicherheit leben und im Kampf gegen Wind und Wellen standhalten zu können, muss der Blick auf die Gegenwart des schlafenden Jesus und das Vertrauen auf seinen Glauben an Gott genügen. Der Ruf nach einem starken, mächtigen Christus, der den Jüngern das Steuer aus der Hand nimmt und selbst den Gang der Dinge bestimmt, ist ein Ausdruck von Unglauben. Der Sehnsucht nach einer starken religiösen Autorität, die auch in der gegenwärtigen Krise wieder wächst, wird eine klare Absage erteilt.
Aber in ihrer Angst und Unsicherheit und trotz ihres Unglaubens erfahren die Jüngerinnen und Jünger, dass Jesus sie nicht ihrem Schicksal überlässt. Er erweist sich als derjenige, der die Bedrängten ihren Ängsten entreisst und aus dem Sturm ein Säuseln macht, so dass die Wogen des Meeres schweigen, so wie es die Psalmen von Gott bekennen (Ps 107,28f.). Dieses Wunder, das Jesus als den bezeugt, der handelt wie Gott selbst, findet nicht am sicheren Ufer statt, sondern ist eine Antwort auf die Angst und den Aufschrei der Jünger, die sich aufs Wasser hinausgewagt haben. Sowohl das Wunder des schlafenden Jesus, das sichtbar macht, dass unser Leben mitsamt seinen Stürmen auch in dunklen Zeiten ganz in Gottes Hand ist, als auch das Wunder des mächtigen Jesus, der jene rettet, deren Angst stärker ist als ihr Glaube, wird nur möglich durch das Wagnis derjenigen, die dem Wort folgen: «Fahren wir zur Jenseite».
Jenen, die dieses Wort auch heute hören und sich weder vom Hereinbrechen der Nacht noch von drohenden Stürmen abhalten lassen, aufzubrechen zu neuen Ufern, ist das Wunder der Gegenwart Jesu verheissen. Diese Gegenwart verschont nicht vor Sturm und Wind, schützt nicht vor Angst und Unglauben und auch nicht vor nassen Füssen. Oft ist es eine schweigende Gegenwart, und nicht immer wacht Jesus auf und gebietet dem Sturm Einhalt. Aber selbst wenn er schläft, ist er mit jenen, die unterwegs sind zu neuen Ufern, und erinnert sie daran, dass weder Sturm noch Wellen, weder Angst noch Unglauben etwas daran ändern, dass alles in Gottes Hand ist. Mehr ist uns in dieser Zeit nicht verheissen, aber auch nicht weniger.

Der im Fach Exegese des Neuen Testaments promovierte Theologe Daniel Kosch leitet die Bibelpastorale Arbeitsstelle des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks.


Anmerkung

1
Ich widme diesen Beitrag meinem Kollegen Pfr. Hans Schwegler zum 65. Geburtstag am 6. Dezember 1997. Dass ich biblischen Erzählungen mehr zutraue als systematischen Reflexionen, ist unter anderem die Frucht unserer guten Zusammenarbeit an der Bibelpastoralen Arbeitsstelle SKB, für deren Anliegen er sich unermüdlich und mit viel Erfolg eingesetzt hat.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1997