SKZ 46/1997

INHALT

Leitartikel

Der eine Gott in drei Personen und die Würde des Menschen als Person

von Rolf Weibel

Die neuere Diskussion um den Menschen fordert die systematische Theologie in verschiedener Hinsicht heraus, stellte Helmut Hoping in seiner Antrittsvorlesung als ordentlicher Professor für Dogmatik an der Theologischen Fakultät der Universitären Hochschule Luzern fest. Die Ethik vor allem hat die Aufgabe, die Würde eines jeden Menschen als Person zur Geltung zu bringen; der Dogmatik obliegt die Erörterung der Trinität Gottes und der Gottebenbildlichkeit des Menschen. «Die christliche Trinitätslehre, deren Ausgangspunkt die biblische Erfahrung und Rede von Vater, Sohn und Geist ist, kreist um die Frage, wie diese drei in Analogie zu menschlichen Personen Ðjemandð sein können, ohne individuelle Personen zu sein, was wegen der Einheit und Einzigkeit Gottes ausgeschlossen ist.»

Weil sich Helmut Hoping auf das Thema «Göttliche und menschliche Personen» konzentrierte, war in einem ersten Schritt zu bestimmen, was «Person» im Unterschied zu «Mensch» und «Subjekt» besagt bzw. was uns zu dem macht, «was wir sind oder zu sein beanspruchen». Wer daran festhalten will, dass alle Menschen Personen sind, muss aufzeigen können, dass die Identität der Person mehr ist als ein Bewusstseinsphänomen. Während «Mensch» ein Artbegriff ist, ist mit dem Begriff «Person» nämlich ein normativer Anspruch verbunden: In der Personalität des Menschen konstituiert sich ein Letztes, Unhintergehbares, in dem die unverletzliche Würde jedes einzelnen begründet ist. So trifft es auch zu, dass menschliche Personen in der Regel ­ aber nicht notwendig und nicht von Beginn ihrer Existenz an ­ selbstbewusste Subjekte sind.

Für die Trinitätstheologie bedeutet dies dann aber, dass Vater, Sohn und Geist wohl als göttliche Personen, nicht aber als selbstbewusste Subjekte zu denken sind. Für Helmut Hoping ist es deshalb nicht notwendig, mit Karl Rahner in der Trinitätslehre den Personbegriff zu suspendieren; es ist aber auch nicht möglich, mit Gisbert Greshake die göttlichen Personen als selbstbewusste Subjekte zu denken. Dies müsste zu massiven tritheistischen Missverständnissen führen und es verunmöglichen, von einem einzigen Bewusstsein Jesu zu sprechen. Zudem bedeuten Bewusstsein und Selbstbewusstsein Endlichkeit, weshalb das Bewusstseinsparadigma auch von daher ungeeignet ist, das Verhältnis von Vater, Sohn und Geist auf den Begriff zu bringen.

Die systematische Theologie findet so Anschluss an die neue Diskussion um den Menschen. Gleichzeitig steht sie zu einigen in dieser Diskussion vertretenen Positionen in einem kritischen Verhältnis, weil die christliche Anthropologie, wie Helmut Hoping betonte, darauf besteht: Wer Mensch ist, der ist auch Person, und er ist es unabhängig von Bewusstseinsleistungen. Als theologische sieht diese Anthropologie in der menschlichen Person ein Bild Gottes. Bild Gottes kann der Mensch als Person sein, weil der eine Gott in drei Personen existiert. Für die theologisch angemessene Verwendung des Personbegriffs kommt es indes darauf an, dass Vater, Sohn und Geist nicht in zu starker Analogie zu endlichen Personen begriffen werden. Das tertium comparationis ist das geistige Leben, die geistige Subsistenz der Person, nicht die Intersubjektivität. Die für Personen konstitutive Beziehung kann nämlich auch die Beziehung zu einem Menschen sein, «der passiv und ohne Bewusstsein ist, von dessen Antlitz gleichwohl der Anspruch ausgeht, Ðjemandð zu sein». So benennt für Helmut Hoping die Rede von göttlichen Personen «eine innere Differenzierung des einen und einzigen Gottes, der Geist und Liebe ist, darin aber alle uns bekannten Formen von Bewusstsein und selbstbewusster Subjektivität übersteigt».

Rückblickend stellte Helmut Hoping heraus, dass die Diskussion um den Menschen für die theologische Erörterung des Personbegriffs bedeutsam ist, dass diese theologische Diskussion ihrerseits für die gesellschaftliche Erörterung des Personbegriffs von Bedeutung ist; denn sie wehrt sich gegen die Mediatisierung von immer mehr Menschen, «denen von selbstbewussten und handlungsfähigen Subjekten der Status von Personen abgesprochen wird, weil sie ohne Bewusstsein bzw. Selbstbewusstsein oder zu bestimmten Bewusstseinsleistungen noch nicht oder nicht mehr fähig sind». Um sich in diesem Sinne öffentlich, kompetent und frei zu Wort melden zu können, braucht die Theologie indes den Raum wissenschaftlicher Öffentlichkeit, hielt Helmut Hoping fest. Dann werde sich die Dogmatik auch als das bewähren können, was sie dem Begriff nach ursprünglich ist: «jene vernünftige zusammenhängende Darstellung und Erörterung der christlichen Weisheitslehre, einschliesslich des mit ihr verbundenen Wahrheitsanspruchs».


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1997