SKZ 45/1997

INHALT

Leitartikel

Giovanni Battista Scalabrini: Ein Praktiker der Menschenrechte

von Rosmarie Zell

Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil ist «für die katholische Soziallehre dieser Gedankengang wegweisend: Grundlegend ist die Würde der menschlichen Person; um sie zu schützen, eignen der menschlichen Person unveräusserliche Rechte, die Menschenrechte; ins staatliche Rechtssystem übersetzt werden diese zu durch die Verfassung geschützten Menschenrechten. So hat sich auch die Schweizer Bischofskonferenz in ihrer Vernehmlassung für die Einführung eines Grundrechtskatalogs in die Bundesverfassung ausgesprochen.» <1> Von solchem Bemühen um eine gute Landesverfassung wäre der als «Nachbar», bei Como, <2> geborene italienische Bischof von Piacenza, Giovanni Battista Scalabrini, seiner Abstammung nach ein ausgewanderter Schweizer Bündner, <3> angetan. Dass nämlich Menschenrechte zu schützen staatliche Erstaufgabe ist, gehört zum Lebensverständnis des Mannes, der zeitlebens mit den Behörden gerungen hat und dabei besonders für Minderheiten eingetreten ist. Galt doch sein ganzes Leben Grundrechten, die er sowohl von Regierungen, der eigenen wie jenen der Migrationsländer, gefordert als auch im kirchlichen und privaten Bereich in die Tat umgesetzt hat: bei Arbeitslosen durch Arbeitsbeschaffung, bei Taubstummen durch Schulung mit Sprachunterricht, bei Kindern mit einem für sie geschriebenen Katechismus. Sein verstehendes Wirken am besonderen Brennpunkt seiner Zeit, «der Auswanderung», brachte ihm den Namen «Vater der Migranten» ein.
Am 9. November 1997 wird unser Sozialpapst, Johannes Paul II., diesen Bischof, einst Prügelknabe des Sozialpapstes Leo XIII., seligsprechen. Damit Leo XIII. vom öffentlichen Zerriss unbehelligt bleiben konnte, veröffentlichte Scalabrini dessen Schrift zu Pro und Kontra politischen Mittuns als «von einem Bischof». Scalabrini schrieb seinem ahnungslosen Freund Bonomelli: «Wenn Du wüsstest, wer dahinter steckt... Qualche straccio bisogna ben che vada alla folla, e se quello straccio sono io, sit nomen Domini benedictum!» <4> Und selig er, der seinen Papst nicht verriet, weil ihm nur eines wichtig war: der Mensch und seine Würde.
«Scalabrinianer», in den Fussstapfen ihres Gründer-Bischofs ­ Priester, Missionsschwestern und Laien ­ ihre ausgewanderten italienischen Landsleute in fremder Ferne begleitend, besonders die Ärmsten der Armen, freuen sich über die Seligsprechung des Gründers ihrer Kongregation. Damit wird vor allem bestätigt, dass sein Bemühen, dem Emigranten Religion und Kultur der Heimat zu sichern und damit einem Menschenrecht Geltung zu verschaffen, richtig ist. Mit Kultur mag der italienische Bischof Giovanni Battista Scalabrini auch Kunst, sicher Musica Sacra und bekannte Malerei wie biblische Gemälde von der Erschaffung Adams bis zum Jüngsten Gericht gemeint haben, vor allem aber doch wohl das Brauchtum, etwa das gemeinsame Tischgebet, den familiären Umgang miteinander, in den Frömmigkeit integriert ist, wie er es aus der eigenen Familie kannte, Wurzel zu einer tiefen Gottesliebe, aus der wie selbstverständlich Nächstenliebe blüht.
In seiner Lebensbeschreibung <5 > heisst es: Nicht Applaus oder der anerkannte Wert von Sozialarbeit bewegt Scalabrini von klein auf, Not zu lindern, sondern Liebe zur gekreuzigten Liebe. Sein Ausgangspunkt zu seinem sozialen Mühen, die Kreuzesmystik, ist Schlüssel zu erfülltem Leben durch Einbezug des Heiligen, das die Welt wandelt: Zartheit in der Gestalt Mariens, zugleich Gottes Braut und Mutter, in der göttliches Wort Fleisch wird, unser von Mitleiden brennendes Herz zu sozialem Tun drängend aus Liebe.
Wem Kreuzesliebe fremd geworden, läuft Gefahr der Verflachung im Diensteifer angesichts der Not des andern, läuft Gefahr, im Dienstbereich immer mehr nur Oberfläche zu tangieren. Staatlicher Sozialabbau ist vorprogrammiert, wenn wir nur «Rechten» genügen wollen, die dem «Zu-wenig-Habenden» zustehen, statt im Blick auf den, der uns zuerst geliebt bis zum Tod am Kreuz, in verschwenderischer Liebesfülle jeden Mitmenschen verwöhnen, glücklich machen wollen.
Eine Episode meiner Sudienzeit in Rom ist mir heute Bild für verlorengehende Werte: Meine Zimmervermieterin hatte mich eingeladen, von ihrem Ricotta-Kuchen zu kosten. Auf ihrem Schoss wiegte sie den einjährigen Enkel, dem sie einen Rosenkranz zum Spiel gegeben, wobei sie immer wieder das Kreuzlein an seine Lippen führte, ihn selbst herzte mit der Aufforderung: «Dai bacci a Gesù buono ­ Gib dem guten Jesus Küsschen», während von mir ihr Mann wiederholt bestätigt haben wollte, wie gut der Kuchen sei: «Mangi, mangi, è buono, buono, davero?» Welch seltsame und so selbstverständliche Kombination alles Guten.
Konnte Scalabrini, Priester, Lehrer am Seminar, Pfarrer, Bischof mit dem Wunsch, Missionar zu werden, der zeitlebens in Freud und Leid sich am Kreuz festgehalten, «Gesù buono» an die Lippen geführt und darin Trost und Heimat, Geborgenheit erlebte, anders als ­ im Mut seines ritterlichen Vorfahren im Mittelalter, der durch Anlehnen der Leiter («Scala», seither mit Lilie im Wappen) an die Stadtmauer, auf der er nach kühnem Sprung die Siegesfahne des den Kreuzzug anführenden heiligen Ludwig über Damiette gehisst ­ die Schiffe erklettern, die ihn über See in damalige Emigrationsländer: USA, Brasilien führten, zu den dort vieler Rechte beraubten Ausgewanderten, um ihnen den Trost zu bringen von Halt und Geborgenheit der Heimat: Gesù buono? Bekannt ist sein Stossgebet: «Fac me cruce inebriari ­ Mach mich kreuzestrunken.» «Selig der Mann», singt der Psalmist, «der betet bei Tag und Nacht». Im Bild gesagt: Selig, wer Halt findet, küssen kann den, der Geborgenheit schenkt, Trost und Heimat bei Tag und Nacht: Gesù buono, am Kreuz, gekreuzigt für uns. Im Kreuz ist Heil, ist: Schutz der Menschenwürde ­ und eine gute Landesverfassung.

Rosmarie Zell promovierte, nach einer künstlerischen Ausbildung, an der Philosophischen Fakultät der Päpstlichen Universität Gregoriana mit einer Arbeit über Thomas More und an der Theologischen Fakultät Theresianum mit einer Arbeit über Teresa von Avila; heute geht sie einen eigenen Weg teresianischer Lebensweise und schreibt so für den Pilotkarmel-Verlag

Anmerkungen

1
Rolf Weibel, Die Schweiz in guter Verfassung?, in: Schweizerische Kirchenzeitung 165 (1997) Heft 37, S. 537.

2
Fino Mornasco, Provinz Como, Norditalien, am 8. Juli 1839.

3
Roveredo (Mesolcina).

4
Wenn die Menge einen Lappen braucht und dieser Lappen ich bin, dann...

5
Silvano Guglielmi, Ein neuer Exodus. Der selige Giovanni Battista Scalabrini, Bischof von Piacenza und Vater der Migranten (1839­1905), Basel (Provinzialat St. Raphael) 1997; Umberto Marin, Tutto a tutti. G. Battista Scalabrini, Vescovo e fondatore, Piacenza (Casa Madre) 1986.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1997