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Leitartikel |
Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil ist «für die katholische
Soziallehre dieser Gedankengang wegweisend: Grundlegend ist die Würde
der menschlichen Person; um sie zu schützen, eignen der menschlichen
Person unveräusserliche Rechte, die Menschenrechte; ins staatliche
Rechtssystem übersetzt werden diese zu durch die Verfassung geschützten
Menschenrechten. So hat sich auch die Schweizer Bischofskonferenz in ihrer
Vernehmlassung für die Einführung eines Grundrechtskatalogs in
die Bundesverfassung ausgesprochen.» <1>
Von solchem Bemühen um eine gute Landesverfassung wäre der als
«Nachbar», bei Como, <2>
geborene italienische Bischof von Piacenza, Giovanni Battista Scalabrini,
seiner Abstammung nach ein ausgewanderter Schweizer Bündner, <3> angetan. Dass nämlich Menschenrechte
zu schützen staatliche Erstaufgabe ist, gehört zum Lebensverständnis
des Mannes, der zeitlebens mit den Behörden gerungen hat und dabei
besonders für Minderheiten eingetreten ist. Galt doch sein ganzes Leben
Grundrechten, die er sowohl von Regierungen, der eigenen wie jenen der Migrationsländer,
gefordert als auch im kirchlichen und privaten Bereich in die Tat umgesetzt
hat: bei Arbeitslosen durch Arbeitsbeschaffung, bei Taubstummen durch Schulung
mit Sprachunterricht, bei Kindern mit einem für sie geschriebenen Katechismus.
Sein verstehendes Wirken am besonderen Brennpunkt seiner Zeit, «der
Auswanderung», brachte ihm den Namen «Vater der Migranten»
ein.
Am 9. November 1997 wird unser Sozialpapst, Johannes Paul II., diesen Bischof,
einst Prügelknabe des Sozialpapstes Leo XIII., seligsprechen. Damit
Leo XIII. vom öffentlichen Zerriss unbehelligt bleiben konnte, veröffentlichte
Scalabrini dessen Schrift zu Pro und Kontra politischen Mittuns als «von
einem Bischof». Scalabrini schrieb seinem ahnungslosen Freund Bonomelli:
«Wenn Du wüsstest, wer dahinter steckt... Qualche straccio bisogna
ben che vada alla folla, e se quello straccio sono io, sit nomen Domini
benedictum!» <4> Und selig er,
der seinen Papst nicht verriet, weil ihm nur eines wichtig war: der Mensch
und seine Würde.
«Scalabrinianer», in den Fussstapfen ihres Gründer-Bischofs
Priester, Missionsschwestern und Laien ihre ausgewanderten italienischen
Landsleute in fremder Ferne begleitend, besonders die Ärmsten der Armen,
freuen sich über die Seligsprechung des Gründers ihrer Kongregation.
Damit wird vor allem bestätigt, dass sein Bemühen, dem Emigranten
Religion und Kultur der Heimat zu sichern und damit einem Menschenrecht
Geltung zu verschaffen, richtig ist. Mit Kultur mag der italienische Bischof
Giovanni Battista Scalabrini auch Kunst, sicher Musica Sacra und bekannte
Malerei wie biblische Gemälde von der Erschaffung Adams bis zum Jüngsten
Gericht gemeint haben, vor allem aber doch wohl das Brauchtum, etwa das
gemeinsame Tischgebet, den familiären Umgang miteinander, in den Frömmigkeit
integriert ist, wie er es aus der eigenen Familie kannte, Wurzel zu einer
tiefen Gottesliebe, aus der wie selbstverständlich Nächstenliebe
blüht.
In seiner Lebensbeschreibung <5 > heisst
es: Nicht Applaus oder der anerkannte Wert von Sozialarbeit bewegt Scalabrini
von klein auf, Not zu lindern, sondern Liebe zur gekreuzigten Liebe. Sein
Ausgangspunkt zu seinem sozialen Mühen, die Kreuzesmystik, ist Schlüssel
zu erfülltem Leben durch Einbezug des Heiligen, das die Welt wandelt:
Zartheit in der Gestalt Mariens, zugleich Gottes Braut und Mutter, in der
göttliches Wort Fleisch wird, unser von Mitleiden brennendes Herz zu
sozialem Tun drängend aus Liebe.
Wem Kreuzesliebe fremd geworden, läuft Gefahr der Verflachung im Diensteifer
angesichts der Not des andern, läuft Gefahr, im Dienstbereich immer
mehr nur Oberfläche zu tangieren. Staatlicher Sozialabbau ist vorprogrammiert,
wenn wir nur «Rechten» genügen wollen, die dem «Zu-wenig-Habenden»
zustehen, statt im Blick auf den, der uns zuerst geliebt bis zum Tod am
Kreuz, in verschwenderischer Liebesfülle jeden Mitmenschen verwöhnen,
glücklich machen wollen.
Eine Episode meiner Sudienzeit in Rom ist mir heute Bild für verlorengehende
Werte: Meine Zimmervermieterin hatte mich eingeladen, von ihrem Ricotta-Kuchen
zu kosten. Auf ihrem Schoss wiegte sie den einjährigen Enkel, dem sie
einen Rosenkranz zum Spiel gegeben, wobei sie immer wieder das Kreuzlein
an seine Lippen führte, ihn selbst herzte mit der Aufforderung: «Dai
bacci a Gesù buono Gib dem guten Jesus Küsschen»,
während von mir ihr Mann wiederholt bestätigt haben wollte, wie
gut der Kuchen sei: «Mangi, mangi, è buono, buono, davero?»
Welch seltsame und so selbstverständliche Kombination alles Guten.
Konnte Scalabrini, Priester, Lehrer am Seminar, Pfarrer, Bischof mit dem
Wunsch, Missionar zu werden, der zeitlebens in Freud und Leid sich am Kreuz
festgehalten, «Gesù buono» an die Lippen geführt
und darin Trost und Heimat, Geborgenheit erlebte, anders als im Mut
seines ritterlichen Vorfahren im Mittelalter, der durch Anlehnen der Leiter
(«Scala», seither mit Lilie im Wappen) an die Stadtmauer, auf
der er nach kühnem Sprung die Siegesfahne des den Kreuzzug anführenden
heiligen Ludwig über Damiette gehisst die Schiffe erklettern,
die ihn über See in damalige Emigrationsländer: USA, Brasilien
führten, zu den dort vieler Rechte beraubten Ausgewanderten, um ihnen
den Trost zu bringen von Halt und Geborgenheit der Heimat: Gesù buono?
Bekannt ist sein Stossgebet: «Fac me cruce inebriari Mach mich
kreuzestrunken.» «Selig der Mann», singt der Psalmist,
«der betet bei Tag und Nacht». Im Bild gesagt: Selig, wer Halt
findet, küssen kann den, der Geborgenheit schenkt, Trost und Heimat
bei Tag und Nacht: Gesù buono, am Kreuz, gekreuzigt für uns.
Im Kreuz ist Heil, ist: Schutz der Menschenwürde und eine gute
Landesverfassung.
Rosmarie Zell promovierte, nach einer künstlerischen Ausbildung, an der Philosophischen Fakultät der Päpstlichen Universität Gregoriana mit einer Arbeit über Thomas More und an der Theologischen Fakultät Theresianum mit einer Arbeit über Teresa von Avila; heute geht sie einen eigenen Weg teresianischer Lebensweise und schreibt so für den Pilotkarmel-Verlag
1
Rolf Weibel, Die Schweiz in guter Verfassung?, in: Schweizerische Kirchenzeitung
165 (1997) Heft 37, S. 537.
2
Fino Mornasco, Provinz Como, Norditalien, am 8. Juli 1839.
3
Roveredo (Mesolcina).
4
Wenn die Menge einen Lappen braucht und dieser Lappen ich bin, dann...
5
Silvano Guglielmi, Ein neuer Exodus. Der selige Giovanni Battista Scalabrini,
Bischof von Piacenza und Vater der Migranten (18391905), Basel (Provinzialat
St. Raphael) 1997; Umberto Marin, Tutto a tutti. G. Battista Scalabrini,
Vescovo e fondatore, Piacenza (Casa Madre) 1986.