INHALT |
Leitartikel |
Die Auswertung der Volkszählung 1990 zur Religionszugehörigkeit
der Schweizer Bevölkerung <1> weist auf, dass die Zahl der ausländischen
Immigranten einen wesentlichen Einfluss hat auf die Zusammensetzung der
Mitglieder der römisch-katholischen Kirche in unserem Land. 736708
Ausländerinnen und Ausländer erklärten ihre Zugehörigkeit
zu dieser Kirche; ihr Anteil betrug 23,3% an der katholischen Bevölkerung
<2>, mit steigender Tendenz, wie die Studie zeigt.
Zu überraschenden Resultaten für das Jahr 1996 kommt eine Studie
für die katholische Kirche im Kanton Zürich: «Etwa 30% aller
katholischen Einwohnerinnen und Einwohner des Kantons Zürich sind fremdsprachige
Ausländer. Sie erbringen etwa 19% des gesamten Kirchensteueraufkommens.»
<3>
Experten des Bundesrates gehen heute davon aus, dass sich der Migrationsdruck
auf die Schweiz in den kommenden Jahren weiter verstärken wird; in
unserem Land wird die Nachfrage nach gut ausgebildeten Arbeitskräften
ansteigen; die Ausländerintegration wird zu einer Bewährungsprobe
der Ausländerpolitik; gleichzeitig wird die Zusammenarbeit der Schweiz
mit der Europäischen Union nicht allein auf wirtschaftlicher Ebene
fortgesetzt, sondern auch auf der politischen Bühne in eine neue Phase
treten. <4>
Aus regelmässigen Umfragen wird auch deutlich, dass das Thema «Ausländer,
Fremde, Asylbewerber» zu jenen Bereichen gehört, die in «Sorgen
des Alltags» seit Jahren einen Spitzenrang einnehmen. Über keinen
Sachbereich wird so häufig geschrieben, berichtet, kommentiert und
diskutiert. Politische Abstimmungen zu Ausländerthemen sind immer begleitet
von Emotionen und Auseinandersetzungen. Die sogenannten Überfremdungsinitiativen
mit den heftigen Abstimmungskämpfen bleiben allen in Erinnerung.
Ohne Zweifel haben die ausländischen Arbeitskräfte zu unserem
Wohlstand beigetragen. Sie haben unser Land auch kulturell bereichert. Und
dennoch führt die Immigration fremder Menschen häufig zu Spannungen,
zumal wenn es nicht gelingt, die Ausländerinnen und Ausländer
in die Gesellschaft zu integrieren. Integration ist aber ein Weg, der von
beiden Seiten gewählt werden muss: Sowohl die Fremden, die bei uns
wohnen, müssen Schritte tun, um am Leben der Gemeinschaft teilnehmen
zu können, als auch die Einheimischen, die bereit sein müssen,
die Fremden als Mitmenschen anzunehmen.
An dieser Herausforderung kommen auch die Kirche und die kirchlichen Gemeinschaften
in unserem Land nicht vorbei. Der Kirche muss es angelegen sein, die fremdsprachigen
Mitchristen nicht nur mit Pflichten, sondern auch mit allen Rechten in ihre
Gemeinschaft aufzunehmen. Die zeichenhafte Haltung der Kirche gegenüber
den Fremden hat beispielhafte Wirkung auf die Gesellschaft und die Politik.
Prophetische Zeichen der Kirche für eine Gemeinschaft der Völker
sind heute vonnöten. Ein neuer Geist der Verantwortung ist gefragt.
Ein prophetisches Zeichen im Geist der pastoralen Verantwortung setzte Bischof
Giovanni Battista Scalabrini (18391905), der am 9. November 1997
dem «Tag der Völker» Ausländersonntag»
in der Schweiz in Rom seliggesprochen wird. Zu seiner Zeit waren viele
einfache Menschen in Italien gezwungen, ihre Heimat zu verlassen, um vor
allem in Übersee Arbeit und Lebensunterhalt für sich und die zurückgebliebenen
Familien zu finden. <5> In mehreren Pastoralbesuchen sowohl in den
Kolonien der Emigranten wie in den abgelegenen Dörfern seines Bistums
lernte er die Nöte und Probleme der Auswanderung kennen. Unermüdlich
setzte er sich bei den politisch Verantwortlichen für die Emigranten
ein, um deren Los zu mildern. Nicht weniger jedoch verpflichtete er die
Kirche, die pastoralen Nöte der Ausgewanderten zu mildern, wobei er
als erster Hand anlegte: Die Gründung der Kongregation der Scalabriniani-Missionare
(1887) und der Scalabriniani-Missionsschwestern (1895) war nicht nur die
Erfüllung einer pastoralen Vision, sondern ein konkreter Beitrag an
eine weltumspannende Kirche.
Diese Vision der weltumspannenden Kirche am Ort, die sich zusammensetzt
aus Gläubigen verschiedener Herkunft und Sprache, ist auch heute gefragt.
Sie zu verwirklichen ist die aktuelle Herausforderung, nicht die Bedrohung
unserer Zeit.
Der promovierte Theologe Urs Köppel ist Nationaldirektor für Ausländerseelsorge und Generalsekretär der Schweizerischen Katholischen Arbeitsgemeinschaft für Ausländerfragen (SKAF)
1
L'évolution de l'appartenance religieuse et confessionelle en Suisse
Recensement fédéral de la population 1990, Bundesamt
für Statistik, Bern 1997, insbesondere S. 81ff.
2
Zum gleichen Zeitpunkt betrug der Anteil der ausländischen Wohnbevölkerung
an der Gesamtbevölkerung in der Schweiz 16,4%, das heisst 1100262 Ausländerinnen
und Ausländer lebten als Jahresaufenthalter oder Niedergelassene in
unserem Land.
3
Seelsorge für fremdsprachige Menschen im Kanton Zürich. Ein Konzept
mit Leitsätzen und Szenarien, hrsg. Römisch-katholische Zentralkommission
des Kantons Zürich, Zürich 1997, S. 5.
4
Vgl. Ein neues Konzept der Migrationspolitik Bericht der Expertenkommission
Migration im Auftrag des Bundesrates, Bern 1997.
5
Zu dieser Zeit war auch die Schweiz ein typisches Auswanderungsland, das
seine sozialen Probleme mit der Förderung der Emigration zu lösen
suchte.