SKZ 44/1997

INHALT

Leitartikel

Fremde - Herausforderung oder Bedrohung?

von Urs Köppel

Die Auswertung der Volkszählung 1990 zur Religionszugehörigkeit der Schweizer Bevölkerung <1> weist auf, dass die Zahl der ausländischen Immigranten einen wesentlichen Einfluss hat auf die Zusammensetzung der Mitglieder der römisch-katholischen Kirche in unserem Land. 736708 Ausländerinnen und Ausländer erklärten ihre Zugehörigkeit zu dieser Kirche; ihr Anteil betrug 23,3% an der katholischen Bevölkerung <2>, mit steigender Tendenz, wie die Studie zeigt.
Zu überraschenden Resultaten für das Jahr 1996 kommt eine Studie für die katholische Kirche im Kanton Zürich: «Etwa 30% aller katholischen Einwohnerinnen und Einwohner des Kantons Zürich sind fremdsprachige Ausländer. Sie erbringen etwa 19% des gesamten Kirchensteueraufkommens.» <3>
Experten des Bundesrates gehen heute davon aus, dass sich der Migrationsdruck auf die Schweiz in den kommenden Jahren weiter verstärken wird; in unserem Land wird die Nachfrage nach gut ausgebildeten Arbeitskräften ansteigen; die Ausländerintegration wird zu einer Bewährungsprobe der Ausländerpolitik; gleichzeitig wird die Zusammenarbeit der Schweiz mit der Europäischen Union nicht allein auf wirtschaftlicher Ebene fortgesetzt, sondern auch auf der politischen Bühne in eine neue Phase treten. <4>
Aus regelmässigen Umfragen wird auch deutlich, dass das Thema «Ausländer, Fremde, Asylbewerber» zu jenen Bereichen gehört, die in «Sorgen des Alltags» seit Jahren einen Spitzenrang einnehmen. Über keinen Sachbereich wird so häufig geschrieben, berichtet, kommentiert und diskutiert. Politische Abstimmungen zu Ausländerthemen sind immer begleitet von Emotionen und Auseinandersetzungen. Die sogenannten Überfremdungsinitiativen mit den heftigen Abstimmungskämpfen bleiben allen in Erinnerung.
Ohne Zweifel haben die ausländischen Arbeitskräfte zu unserem Wohlstand beigetragen. Sie haben unser Land auch kulturell bereichert. Und dennoch führt die Immigration fremder Menschen häufig zu Spannungen, zumal wenn es nicht gelingt, die Ausländerinnen und Ausländer in die Gesellschaft zu integrieren. Integration ist aber ein Weg, der von beiden Seiten gewählt werden muss: Sowohl die Fremden, die bei uns wohnen, müssen Schritte tun, um am Leben der Gemeinschaft teilnehmen zu können, als auch die Einheimischen, die bereit sein müssen, die Fremden als Mitmenschen anzunehmen.
An dieser Herausforderung kommen auch die Kirche und die kirchlichen Gemeinschaften in unserem Land nicht vorbei. Der Kirche muss es angelegen sein, die fremdsprachigen Mitchristen nicht nur mit Pflichten, sondern auch mit allen Rechten in ihre Gemeinschaft aufzunehmen. Die zeichenhafte Haltung der Kirche gegenüber den Fremden hat beispielhafte Wirkung auf die Gesellschaft und die Politik.
Prophetische Zeichen der Kirche für eine Gemeinschaft der Völker sind heute vonnöten. Ein neuer Geist der Verantwortung ist gefragt. Ein prophetisches Zeichen im Geist der pastoralen Verantwortung setzte Bischof Giovanni Battista Scalabrini (1839­1905), der am 9. November 1997 ­ dem «Tag der Völker» ­ Ausländersonntag» in der Schweiz ­ in Rom seliggesprochen wird. Zu seiner Zeit waren viele einfache Menschen in Italien gezwungen, ihre Heimat zu verlassen, um vor allem in Übersee Arbeit und Lebensunterhalt für sich und die zurückgebliebenen Familien zu finden. <5> In mehreren Pastoralbesuchen sowohl in den Kolonien der Emigranten wie in den abgelegenen Dörfern seines Bistums lernte er die Nöte und Probleme der Auswanderung kennen. Unermüdlich setzte er sich bei den politisch Verantwortlichen für die Emigranten ein, um deren Los zu mildern. Nicht weniger jedoch verpflichtete er die Kirche, die pastoralen Nöte der Ausgewanderten zu mildern, wobei er als erster Hand anlegte: Die Gründung der Kongregation der Scalabriniani-Missionare (1887) und der Scalabriniani-Missionsschwestern (1895) war nicht nur die Erfüllung einer pastoralen Vision, sondern ein konkreter Beitrag an eine weltumspannende Kirche.
Diese Vision der weltumspannenden Kirche am Ort, die sich zusammensetzt aus Gläubigen verschiedener Herkunft und Sprache, ist auch heute gefragt. Sie zu verwirklichen ist die aktuelle Herausforderung, nicht die Bedrohung unserer Zeit.

Der promovierte Theologe Urs Köppel ist Nationaldirektor für Ausländerseelsorge und Generalsekretär der Schweizerischen Katholischen Arbeitsgemeinschaft für Ausländerfragen (SKAF)

Anmerkungen

1
L'évolution de l'appartenance religieuse et confessionelle en Suisse ­ Recensement fédéral de la population 1990, Bundesamt für Statistik, Bern 1997, insbesondere S. 81ff.

2
Zum gleichen Zeitpunkt betrug der Anteil der ausländischen Wohnbevölkerung an der Gesamtbevölkerung in der Schweiz 16,4%, das heisst 1100262 Ausländerinnen und Ausländer lebten als Jahresaufenthalter oder Niedergelassene in unserem Land.

3
Seelsorge für fremdsprachige Menschen im Kanton Zürich. Ein Konzept mit Leitsätzen und Szenarien, hrsg. Römisch-katholische Zentralkommission des Kantons Zürich, Zürich 1997, S. 5.

4
Vgl. Ein neues Konzept der Migrationspolitik­ Bericht der Expertenkommission Migration im Auftrag des Bundesrates, Bern 1997.

5
Zu dieser Zeit war auch die Schweiz ein typisches Auswanderungsland, das seine sozialen Probleme mit der Förderung der Emigration zu lösen suchte.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1997