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Leitartikel |
Woher kommt diese Stimme, aus dem Hier und Jetzt oder aus dem sehr fernen Anderswo? Elsbeth Schneiders «Gespräche», <1> zwischen zwei dunkelblauen Buchdeckeln sich öffnend, sind eine Überraschung. Denn sie entdecken der skeptischen Leserschaft von heute die Stimme einer modernen Mystikerin, die mit Leidenschaft von Gott spricht. Er ist der Geliebte, sie die Liebende. Wie ist solches möglich in unserer Zeit, da der Bezug zum göttlichen Du weitgehend mit dem Tabu belegt ist? Eine Antwort darauf fällt schwer. Wer es fassen kann, der fasse es, setze sich diesen Texten aus. Auf jeden Fall hat Elsbeth Schneider der Frage «Wie soll man heute von Gott reden? Und kann man überhaupt noch mit ihm sprechen?» eine Erwiderung entgegengestellt. Ihr Versuch ortet das Ich in intimster Nähe von Gott, aber auch in jener Ferne, die am Geliebten leiden lässt.
...Wir tragen und gebären Verstehe Verstehe verstehe |
Elsbeth Schneider setzt «Gespräche» ein, wo man früher
den Begriff der «Gebete» verwendet hätte. Der modernere
Terminus schliesst die ganze Skala möglicher Haltungen ein: jene des
Fragens, Flehens, Bedenkens und Zweifelns, aber auch des Mitteilens, ja
Staunens. Der Blick fällt in die eigenen Tiefen, hält ihnen stand
aber er wagt auch den Sprung in die Tiefen Gottes. Eine solche Befindlichkeit
siedelt sich nicht nur in der Nachbarschaft der mystischen Textzeugnisse
an, sondern auch der biblischen Psalmen, welche ebenfalls diese Vielfalt
an Regungen einschliessen, während der Begriff des «Gebets»
uns heute flacher und eindimensionaler erscheint. Die «Gespräche»
dieser Autorin gründen auf der religiösen Ur-Erfahrung des Rufs,
der Heimsuchung, welche das Ich mit jener Unberechenbarkeit und Unfassbarkeit
getroffen haben, die wir aus der religiösen Literatur zu kennen glauben,
die aber doch immer den Stempel des Einmaligen trägt: «Hab ich/mein
Gott/hab ich denn je/eine Wahl gehabt/zwischen Dir/und einem andern...»
Als moderne Beispiele mögen hier die Texte der Schweizer Autorin Silja
Walter (*1919) stehen, die ein kleines Vorwort zu diesem Gedichtband geschrieben
hat, oder jene der oberschwäbischen Autorin Maria Menz (19041996),
die kein anderer als Martin Walser einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt
hat. Eine solche Voraussetzung schliesst nicht den gründlichen Zweifel
aus, im Gegenteil. Fast möchte man meinen: Je leidenschaftlicher diese
Berufung erspürt und angenommen worden ist, um so tiefer greift später
das Irresein.
Diese Dynamik bestimmt auch die Texte Elsbeth Schneiders. «Wann, mein
Gott, haben wir uns verloren?» frägt sie, und sie spricht kurz
danach von einer «schweren Liebe»: «... bin gebunden an
Dich/bin verloren an Dich...» Das Ich ist «eine Getriebene,
Zweifelnde, Irrende». Dann wieder leuchten Momente auf, da das Ich
«ruhig in unsrer Liebe» verweilt, die Dichte der göttlichen
Gegenwart spürt. Gott ist der «Fernnahe», wie Paul Konrad
Kurz in seinen «theopoetischen» Texten 1994 sagt. Und dieser
Gott wird ermahnt, behutsam zu sein, «wenn Du mich überkommst».
Er solle dieses Ich, das sich in Nischen verkrochen habe, loslassen, «dass
ich gesunde/wenn ich erschöpft/und wund bin/von Dir».
Diese Texte sind von einem grossen Atem getragen, haben eine Tonlage gewählt,
oftmals gefährlich hoch angesetzt für das Empfinden einer skeptischen
Leserschaft. Man wird sich nicht wundern dürfen, wenn nicht alle Leserinnen
und Leser diese Befindlichkeiten in ihren Höhen und Tiefen, in ihrer
ekstatischen Anspannungen nachvollziehen können. Indessen spricht Elsbeth
Schneider in einer klaren, durchdachten Sprache von unverkennbarer Schönheit
einer Sprache, die angemessen für das Sprechen im religiösen
Raum ist und Massstäbe setzen kann, weil sie als «Theopoesie»
gelten darf. Ihr ist ein Eros eingeschrieben, der das Gottesbild nicht in
ausschliesslich männliche oder weibliche Begriffe fasst, sondern eine
männlich-weibliche Ganzheit im Auge behält.
Was Elsbeth Schneiders Ich in den «Gesprächen» mit Gott
unterhält, ist eine Liebesgeschichte. Hier wird die Intimität
riskiert, die Preisgabe. Und doch wird die Scheu gewahrt. Es ist die Sprache
jenseits der verwalteten Welt. Institutionelles Denken samt seiner Begrifflichkeit
prallt an ihr ab. Keiner hat in dieser glaubensbetörenden Liebesgeschichte
die Wahl gehabt, beide Gott und Mensch sind seit jeher füreinander
bestimmt gewesen. Mit solcher Gegenseitigkeit und Partnerschaftlichkeit
wird ein tief eingewurzeltes, hierarchisch geprägtes Denkmuster durchbrochen.
Es ist eine jener Revolutionen, welche sich in der Stille ereignet. Auch
die österreichische Lyrikerin Christine Busta (19151987) hat im
Gedicht «Von der grossen Bedürftigkeit» («Der Himmel
im Kastanienbaum», 1989 posthum erschienen) nichts anderes als die
Bedürftigkeit Gottes angesprochen. Dennoch reicht diese scheinbar neue
Sicht weit zurück. Man könnte die sufischen Meister zitieren,
wie sie der persische Dichter Cyrus Atabay der Moderne in vorzüglichen
Übersetzungen zugänglich gemacht hat. Im Inselband «Die
Worte der Ameisen» (1993 erschienen) kann man auf diesen Satz stossen:
«Dreissig Jahre lang suchte ich Gott. Als ich reif geworden war, erkannte
ich, das Er der Suchende war und ich der Gesuchte.»
Beatrice Eichmann-Leutenegger ist Literaturkritikerin, Referentin und Autorin und lebt in Muri bei Bern.
<1>
Elsbeth Schneider, Gespräche. Mit einem Nachwort von Jörg Grond,
Z-Verlag, Zizers 1995.