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Leitartikel |
In diesen Tagen, am 11. Oktober, jährt sich zum 35. Mal der Tag
der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils. Diese Kirchenversammlung
kann nicht einfach als 21. Konzil der Kirchengeschichte eingeordnet werden.
Sie hat neue Wege eröffnet, Initiativen gesetzt, Impulse angegeben
und Entwicklungen eingeleitet. Ausgelöst wurde dies durch die unkomplizierte,
einfache und charismatische Gestalt des damaligen Bischofs von Rom, Johannes
XXIII. Sein bildhaftes Wort, dass die Fenster der Kirche geöffnet werden
müssten, um neue, frische Luft, eben die Luft der Gegenwart, in die
Kirche hineinzulassen, ist nicht nur sprichwörtlich geworden. Es umreisst
zugleich das Programm, das Johannes XXIII. der Kirchenversammlung mit auf
dem Weg gab. «Aggiornamento» hiess dies mit einem Wort, ins
Heute gehen, der Gegenwart begegnen so könnte man dies vielleicht
paraphrasieren. Erstmals wollte ein Konzil nicht abgrenzen und definieren,
sondern öffnen, auf andere zugehen, erklären, werben. Erstmals
kommen die nichtkatholischen christlichen Kirchen, die monotheistischen
Religionsgemeinschaften (insbesondere das Judentum und der Islam) positiv
in den Blick, erstmals wird das Gespräch mit jenen gesucht, die keiner
Religion angehören und sich Atheisten oder Agnostiker nennen. Das Signal
ist auf Offenheit gestellt, auf ein positives Zueinander, auf Gespräch.
Ohne Zweifel: Für einen ersten Versuch in Richtung aggiornamento ist
die Kirchenversammlung ausserordentlich gut gelungen, natürlich auch
mit menschlichen Abstrichen und Kompromissen, die in den Dokumenten ihren
Niederschlag gefunden haben. Insgesamt hat dieses Konzil jene Weichen gestellt,
auf denen sich seither die katholische Kirche entwickelt hat. Dies gilt
auch dort, wo sie sich nicht oder zurückentwickelt hat auch diese
thematischen Schienen wurden letztlich, wenngleich in einer anderen Weise,
vom letzten Konzil gelegt.
Für ein Nachdenken über Gegenwart und Zukunft der Kirche von heute
gibt das Zweite Vatikanische Konzil nicht nur den zeitlichen Rahmen ab.
Was uns an dieser Kirche freut oder auch ärgert und schmerzt, hat seine
Hintergründe im Kirchengeschehen der Sechzigerjahre. Es gilt dabei
zunächst zurückzublicken und zu bilanzieren. Dies erlaubt sodann
den Versuch, auch Prognosen zu wagen.
Vielleicht erinnert sich mancher noch an die Aufbruchstimmung jener Zeit.
Ob innerhalb oder ausserhalb der Kirche es war nicht zu übersehen,
dass hier die Bereitschaft zu Neuem und zur Erneuerung bestand. Auf konkrete
Weise sollte dies durch die nachfolgenden Landessynoden umgesetzt und inkulturiert
werden. In der Schweiz ist dies in ausserordentlich gutem Masse gelungen.
Die Beschlüsse der Synode 72 bilden heute noch ein Rückgrat kirchlichen
Lebens in diesem Land. Dies gilt sowohl für ökumenische Prozesse
als auch für die pastorale Organisation des kirchlichen Lebens, das
insbesondere in weiten Bereichen des deutschsprachigen Landesteils nicht
mehr auf klerikale Strukturen aufbaut, sondern durch pastorale Gremien und
die Integration von Frauen und Männern in die Seelsorge bestimmt ist.
Die zur gleichen Zeit gesamtkirchlich vorangetriebene Liturgiereform sollte
dazu beitragen, das neue Verständnis von Kirche als einer lebendigen
Gemeinschaft, die unterwegs ist, zu verdeutlichen.
Gerade die angesprochenen Bereiche aber machen im Rückblick das Dilemma
deutlich. Was den einen an Erneuerung zu wenig und zu langsam war, ging
den anderen zu schnell und zu weit. Die Gegenbewegungen, die wir heute in
der Kirche und deren Umfeld kennen und die über ihre zahlenmässige
Stärke hinaus zu schaffen machen, haben in den ersten Nachkonzilsjahren
ihren Ursprung. Sie sind von Anfang an mit fundamentalistischen Tendenzen
verquickt und von der Überzeugung getragen, die Entwicklung der Kirche
auf und nach dem Konzil veruntreue das uralte Erbe, das es zu bewahren gelte.
Wo sich solche Auffassungen nicht nur auf eine ältere Tradition oder
Praxis berufen, sondern direkt auf den Willen Gottes zurückverweisen
möchten, werden sie elitär, intolerant und tragen einen unversöhnlichen
Absolutheitsanspruch vor, dem dann weder mit theologischen noch mit logischen
Argumenten zu begegnen ist: Wie sollte man auch gegen Gottes Willen argumentieren?
Die Umsetzung und die Folgen solcher Positionen erleben wir hautnah in einem
der Schweizer Bistümer.
Der Fortgang des vom letzten Konzil vorgezeichneten Weges ist jedoch
auch deswegen ins Stocken geraten, weil sich die Ausgangslage und die Umfeldsituation
entscheidend verändert haben:
Die Gesellschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten vermehrt in eine auch
weltanschaulich pluriforme Vielfalt entwickelt. Dies geht mit einer kontinuierlichen
Entchristlichung und einer Lösung von kirchlichen Bindungen Hand in
Hand. Das Phänomen erkennen alle christlichen Kirchen, vielleicht trifft
es die katholische aufgrund ihrer traditionellen Geschlossenheit besonders.
Die Tendenz zur hausgemachten, selbst zusammengestellten Religion hält
an, jeder und jede so besagt die entsprechende Studie kann in
religiösen Belangen heute als ein Sonderfall gelten. Die Individualisierungstendenzen
der heutigen Gesellschaft machen vor den kirchlichen Gemeinschaften nicht
halt, zumal sich diese unterschiedlich, aber sehr selten überzeugend
attraktiv erweisen.
Die Menschen unserer Gesellschaft haben überdies vielfach in den letzten
Jahrzehnten eine entscheidende Zäsur vorgenommen. Die frühere
Einheit von religiöser Überzeugung und sittlichem Imperativ ist
heute aufgekündigt. Den Kirchen (und der Religion ganz allgemein) wird
zwar eine Kompetenz des Religiösen zugebilligt, der Anspruch auf authentische
Interpretation ethisch verantwortbarer Verhaltensweisen jedoch mehrheitlich
abgesprochen. Dafür sind katholischerseits zugegebenermassen
Lehrentscheidungen zu Fragen der Sexualmoral Pate gestanden, die überdies
vom gegenwärtigen römischen Lehramt noch kontinuierlich wiederholt
werden. Es wäre aber zu einfach, die allgemein erkennbare Entwicklung
auf diesen Punkt zu reduzieren. Denn vielfach gilt die kirchliche Sexualmoral
auch als willkommenes Argument dafür, die persönlich bereits vollzogene
Trennung beider Bereiche auch zu legitimieren.
Je näher wir dem Ende des Jahrhunderts und überdies des Jahrtausends
zustreben, um so deutlicher ist eine wachsende Unsicherheit in der Gesellschaft
erkennbar. Der Zusammenbruch einer technokratischen Euphorie, Umweltschäden
und -katastrophen, das Ozonloch und zuletzt die ungünstige Wirtschaftsentwicklung
haben die Menschen nüchtener, auch fragender, freilich vielfach auch
angstvoller gemacht. Das entstandene Vakuum muss neu gefüllt werden,
und es fragt sich, ob dies den christlichen Kirchen insgesamt gelingt und
wie sie sich im Umfeld von esoterischen Angeboten und von New-Age-Gruppierungen
behaupten werden können.
Entscheidend dafür wird das Erscheinungsbild der Kirchen, auch und
hier jetzt wieder der katholischen sein. Dabei ist zunächst kritisch
auf manche Fehlentwicklung der letzten Jahre hinzuweisen:
Die Sorge, die kirchliche Entwicklung könnte die übernommene Tradition
veruntreuen, hat zum Versuch einer stark zentral gesteuerten Vereinheitlichung
geführt. Die gesamte Personalpolitik der Kirche geschieht von einer
Zentrale aus. Bekanntlich wird jeder Bischof zentral oder unter erheblicher
Mitwirkung der Zentrale ernannt jener von Basel ist weltweit die einzige
Ausnahme! , und jede Professorin und jeder Professor der Theologie
bedarf einer römischen Berufserlaubnis. Dem steht allerdings das völlige
Fehlen von Personalplanung, von professionellem Recruiting und von Personalmanagement
gegenüber von entsprechender Personalführung ganz zu schweigen.
Anstelle einer offensiven Vorwärtsstrategie dominiert die Verfestigung
von Positionen, und es hat vielfach den Anschein, als führte der Weg
zurück in die Verteidigungshaltung der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts.
Längst scheinen die Fenster der Kirche wieder geschlossen, weil sich
an massgeblicher Stelle Angst vor dem Irr- und Unglauben breitgemacht hat.
Angst aber ist bekanntlich ein schlechter Ratgeber. Überdies zeigt
sich, dass die Fenster nicht mehr dicht zu machen sind, da sie verschiedenenorts
trotz allem offengehalten werden.
Das Problem vergrössert sich durch administrative Probleme in der Kirchenleitung.
Der Bischof von Rom ist viel unterwegs, dies gibt der Verwaltung freie Hand,
eine Koordination der verschiedenen Ämter ist nur schwer erkennbar.
Bisweilen passiert es dann, dass gegensätzliche Dokumente den Vatikan
verlassen. Das halte ich nicht für weiter schlimm, allerdings für
symptomatisch. Denn es verdeutlicht, dass die angestrebte Einheitlichkeit
nicht zu erzielen ist.
In dieser Situation scheinen mir vor allem zwei Perspektiven notwendig:
Zunächst ist Handlungsbedarf dort angesagt, wo das kirchliche Leben
aufgrund der Grenzen der Strukturen nicht mehr zum Tragen kommen kann. Dafür
wird es notwendig sein, die oft zitierte katholische Einheit im ursprünglichen
Wortsinn von «kath'olisch» als eine dynamische und umfassende,
auch eine vielfältige Einheit zu begreifen, welche eigenständige
und inkulturierte Entwicklungen zulässt. Dies schliesst den Bereich
des Amtes, also kirchlicher Leitungsdienste auf allen Ebenen, ebenso ein
wie die Fragen der konkreten Verwirklichung christlicher Existenz. Da entsprechende
Impulse von der Kirchenleitung im Augenblick gesamtkirchlich nicht zu erwarten
sind, müssen sie von einzelnen Bischöfen gemeinsam vorbereitet
und eingeleitet werden. Die in verschiedenen Ländern in der letzten
Zeit lancierten Kirchenvolks-Begehren haben gezeigt, dass sich entsprechende
Initiativen an verschiedenen Orten diesbezüglich konkretisieren wollen.
Die Beschwichtigung dieser Aufbrüche mittels signalisierter Gesprächsbereitschaft
allein wäre wohl problematisch, weil auch hier die Entwicklungen bereits
weiter vorangegangen sind als an der Oberfläche erkennbar ist. Es braucht
zusätzlich das aktive gemeinsame Suchen nach theologisch verantworteten
Schritten in eine neue Lebensphase von Kirche zugegeben: ein mühevoller,
aber auch ein unverzichtbarer Vorgang.
Dies wird wohl zweitens zu einer neuen Erfahrung von «katholisch»
führen. Die umfassende Einheit aller Ortskirchen verbindet mich nicht
nur mit der Kirche von Rom, sondern auch mit jener von Nord- und Südamerika,
mit der Kirche Brasiliens ebenso wie mit jener in Taiwan, in Korea, in Süd-,
West- oder Ostafrika, Australien usw. ... Dabei ist zu realisieren, dass
schon die Gegenwart der katholischen Kirche nicht mehr in Europa liegt,
sondern in den neuen Kontinenten, und dieses Gewicht wird sich in Zukunft
noch weiter verschieben.
Die Chance der Kirchen und nicht nur der katholischen liegt
dann nicht darin, den Menschen fertige Antworten zu vermitteln, sondern
sich mit den Menschen in der heutigen Lebenssituation auf den Weg zu machen,
also mit den Menschen heute mitzuleben. Dass dies grundsätzlich möglich
ist, zeigen viele entsprechende Beispiele schon heute. Dabei wird erkennbar
und dies wird sich in Zukunft verstärken: Kirche ereignet sich
zu allererst am Ort, dort also, wo mir selbst Menschen mit entsprechender
Überzeugung und aus dieser heraus begegnen. Dass dahinter eine globale
Vernetzung steht, ist zwar gar keine Frage, sie steht aber dahinter, und
sie ist nur dann eine tatsächlich christliche Vernetzung, wenn sie
mit Solidarität verbunden ist.
Das letzte Konzil hat diesen Auftrag in einem Satz formuliert, der meines
Erachtens zu den eindrücklichsten Aussagen dieser Versammlung gehört:
«Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders
der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung,
Trauer und Angst der Jünger (und Jüngerinnen) Jesu Christi»
(Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute, Art. 1).
Diese Form von Miteinander ist angefragt. Über alle Sachfragen hinaus
geht es um das persönliche Einlassen auf den gemeinsamen Weg von Menschen
mit Menschen im Namen Jesu Christi und nach seinem Vorbild. Ich halte dies
für möglich, ja für zukunftsweisend und für den einzig
richtigen Weg. Und ich meine nicht, dies sei Utopie, daher lasse ich mich
gerne fragen, woher ich diesbezüglich meine Hoffnung und meinen Optimismus
nehme:
Zunächst daraus, dass trotz aller Widerwärtigkeiten vieles auf
dem Weg ist, vielleicht gerade deshalb. Dass die Schweizer Bischofskonferenz
vor einigen Monaten ihre Solidarität mit vielen Menschen vor die sogenannte
Kollegialität mit einem Mitbischof gestellt hat, ist dafür ebenso
ein Zeichen wenngleich eines, dass in sich wieder traurig macht
wie zahlreiche andere Aufbrüche da und dort, welche wir nicht kennen.
Des weiteren bin ich überzeugt, dass auch in Zukunft prophetische Gestalten
in unserer Kirche nicht fehlen werden, wie seinerzeit jene von Johannes
XXIII. Denn im Unterschied zu Wirtschaftsbetrieben lässt sich Kirche
nicht nach entsprechenden Eckdaten managen und auch nicht reformieren. Für
jene, die sich dieser Glaubensgemeinschaft verbunden fühlen, ist der
entscheidende Faktor der Geist Gottes selbst. Viele Probleme der letzten
Jahrzehnte sind insofern hausgemacht, als es weit zuwenig gelungen ist,
mit Ruhe, Gelassenheit, freilich auch mit tiefem Vertrauen und mit Glauben
Problemfelder zu delegieren, Gott selbst zu überlassen und dem Wirken
des Geistes in der Kirche Raum zu geben etwa besonders dadurch, dass
man Entwicklungen und Zeichen der Zeit auch als solche geistgeprägte
Initiativen lesen und aufgreifen hätte können (und wollen). Statt
dessen wurde versucht, mit angezogenen Zügeln das Gespann zusammenzuhalten.
Wie sehr das kontraproduktiv ist, insbesondere dort, wo Menschen, also Personen
involviert sind, weiss jeder aus eigener Lebens- und Berufserfahrung. Statt
dessen gilt es wiederum, die Fenster aufzustossen und offenzuhalten, gegen
alle Fundamentalismen in Kirche und Gesellschaft, gegen alle angedeuteten
Gegenentwicklungen, vor allem aber mit den Menschen und für sie.
Das ist eine Chance, eine reale, es ist keine Utopie. Deswegen, denke ich,
ist es wert, sich dafür zu engagieren. Es ist das Erbe, zugleich auch
der Auftrag des letzten Konzils.
Walter Kirchschläger ist Professor für Exegese des Neuen Testaments an der Theologischen Fakultät der Universitären Hochschule Luzern, seit dem 1. Oktober 1997 Rektor der Hochschule und Dekan der Theologischen Fakultät