SKZ 41/1997

INHALT

Leitartikel

35 Jahre Zweites Vatikanisches Konzil

von Walter Kirchschläger

In diesen Tagen, am 11. Oktober, jährt sich zum 35. Mal der Tag der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils. Diese Kirchenversammlung kann nicht einfach als 21. Konzil der Kirchengeschichte eingeordnet werden. Sie hat neue Wege eröffnet, Initiativen gesetzt, Impulse angegeben und Entwicklungen eingeleitet. Ausgelöst wurde dies durch die unkomplizierte, einfache und charismatische Gestalt des damaligen Bischofs von Rom, Johannes XXIII. Sein bildhaftes Wort, dass die Fenster der Kirche geöffnet werden müssten, um neue, frische Luft, eben die Luft der Gegenwart, in die Kirche hineinzulassen, ist nicht nur sprichwörtlich geworden. Es umreisst zugleich das Programm, das Johannes XXIII. der Kirchenversammlung mit auf dem Weg gab. «Aggiornamento» hiess dies mit einem Wort, ins Heute gehen, der Gegenwart begegnen ­ so könnte man dies vielleicht paraphrasieren. Erstmals wollte ein Konzil nicht abgrenzen und definieren, sondern öffnen, auf andere zugehen, erklären, werben. Erstmals kommen die nichtkatholischen christlichen Kirchen, die monotheistischen Religionsgemeinschaften (insbesondere das Judentum und der Islam) positiv in den Blick, erstmals wird das Gespräch mit jenen gesucht, die keiner Religion angehören und sich Atheisten oder Agnostiker nennen. Das Signal ist auf Offenheit gestellt, auf ein positives Zueinander, auf Gespräch.
Ohne Zweifel: Für einen ersten Versuch in Richtung aggiornamento ist die Kirchenversammlung ausserordentlich gut gelungen, natürlich auch mit menschlichen Abstrichen und Kompromissen, die in den Dokumenten ihren Niederschlag gefunden haben. Insgesamt hat dieses Konzil jene Weichen gestellt, auf denen sich seither die katholische Kirche entwickelt hat. Dies gilt auch dort, wo sie sich nicht oder zurückentwickelt hat ­ auch diese thematischen Schienen wurden letztlich, wenngleich in einer anderen Weise, vom letzten Konzil gelegt.
Für ein Nachdenken über Gegenwart und Zukunft der Kirche von heute gibt das Zweite Vatikanische Konzil nicht nur den zeitlichen Rahmen ab. Was uns an dieser Kirche freut oder auch ärgert und schmerzt, hat seine Hintergründe im Kirchengeschehen der Sechzigerjahre. Es gilt dabei zunächst zurückzublicken und zu bilanzieren. Dies erlaubt sodann den Versuch, auch Prognosen zu wagen.
Vielleicht erinnert sich mancher noch an die Aufbruchstimmung jener Zeit. Ob innerhalb oder ausserhalb der Kirche ­ es war nicht zu übersehen, dass hier die Bereitschaft zu Neuem und zur Erneuerung bestand. Auf konkrete Weise sollte dies durch die nachfolgenden Landessynoden umgesetzt und inkulturiert werden. In der Schweiz ist dies in ausserordentlich gutem Masse gelungen. Die Beschlüsse der Synode 72 bilden heute noch ein Rückgrat kirchlichen Lebens in diesem Land. Dies gilt sowohl für ökumenische Prozesse als auch für die pastorale Organisation des kirchlichen Lebens, das insbesondere in weiten Bereichen des deutschsprachigen Landesteils nicht mehr auf klerikale Strukturen aufbaut, sondern durch pastorale Gremien und die Integration von Frauen und Männern in die Seelsorge bestimmt ist. Die zur gleichen Zeit gesamtkirchlich vorangetriebene Liturgiereform sollte dazu beitragen, das neue Verständnis von Kirche als einer lebendigen Gemeinschaft, die unterwegs ist, zu verdeutlichen.
Gerade die angesprochenen Bereiche aber machen im Rückblick das Dilemma deutlich. Was den einen an Erneuerung zu wenig und zu langsam war, ging den anderen zu schnell und zu weit. Die Gegenbewegungen, die wir heute in der Kirche und deren Umfeld kennen und die über ihre zahlenmässige Stärke hinaus zu schaffen machen, haben in den ersten Nachkonzilsjahren ihren Ursprung. Sie sind von Anfang an mit fundamentalistischen Tendenzen verquickt und von der Überzeugung getragen, die Entwicklung der Kirche auf und nach dem Konzil veruntreue das uralte Erbe, das es zu bewahren gelte. Wo sich solche Auffassungen nicht nur auf eine ältere Tradition oder Praxis berufen, sondern direkt auf den Willen Gottes zurückverweisen möchten, werden sie elitär, intolerant und tragen einen unversöhnlichen Absolutheitsanspruch vor, dem dann weder mit theologischen noch mit logischen Argumenten zu begegnen ist: Wie sollte man auch gegen Gottes Willen argumentieren? Die Umsetzung und die Folgen solcher Positionen erleben wir hautnah in einem der Schweizer Bistümer.

Ein neues Umfeld

Der Fortgang des vom letzten Konzil vorgezeichneten Weges ist jedoch auch deswegen ins Stocken geraten, weil sich die Ausgangslage und die Umfeldsituation entscheidend verändert haben:
Die Gesellschaft hat sich in den letzten Jahrzehnten vermehrt in eine auch weltanschaulich pluriforme Vielfalt entwickelt. Dies geht mit einer kontinuierlichen Entchristlichung und einer Lösung von kirchlichen Bindungen Hand in Hand. Das Phänomen erkennen alle christlichen Kirchen, vielleicht trifft es die katholische aufgrund ihrer traditionellen Geschlossenheit besonders. Die Tendenz zur hausgemachten, selbst zusammengestellten Religion hält an, jeder und jede ­ so besagt die entsprechende Studie ­ kann in religiösen Belangen heute als ein Sonderfall gelten. Die Individualisierungstendenzen der heutigen Gesellschaft machen vor den kirchlichen Gemeinschaften nicht halt, zumal sich diese unterschiedlich, aber sehr selten überzeugend attraktiv erweisen.
Die Menschen unserer Gesellschaft haben überdies vielfach in den letzten Jahrzehnten eine entscheidende Zäsur vorgenommen. Die frühere Einheit von religiöser Überzeugung und sittlichem Imperativ ist heute aufgekündigt. Den Kirchen (und der Religion ganz allgemein) wird zwar eine Kompetenz des Religiösen zugebilligt, der Anspruch auf authentische Interpretation ethisch verantwortbarer Verhaltensweisen jedoch mehrheitlich abgesprochen. Dafür sind katholischerseits ­ zugegebenermassen ­ Lehrentscheidungen zu Fragen der Sexualmoral Pate gestanden, die überdies vom gegenwärtigen römischen Lehramt noch kontinuierlich wiederholt werden. Es wäre aber zu einfach, die allgemein erkennbare Entwicklung auf diesen Punkt zu reduzieren. Denn vielfach gilt die kirchliche Sexualmoral auch als willkommenes Argument dafür, die persönlich bereits vollzogene Trennung beider Bereiche auch zu legitimieren.
Je näher wir dem Ende des Jahrhunderts und überdies des Jahrtausends zustreben, um so deutlicher ist eine wachsende Unsicherheit in der Gesellschaft erkennbar. Der Zusammenbruch einer technokratischen Euphorie, Umweltschäden und -katastrophen, das Ozonloch und zuletzt die ungünstige Wirtschaftsentwicklung haben die Menschen nüchtener, auch fragender, freilich vielfach auch angstvoller gemacht. Das entstandene Vakuum muss neu gefüllt werden, und es fragt sich, ob dies den christlichen Kirchen insgesamt gelingt und wie sie sich im Umfeld von esoterischen Angeboten und von New-Age-Gruppierungen behaupten werden können.

Fehlentwicklungen

Entscheidend dafür wird das Erscheinungsbild der Kirchen, auch und hier jetzt wieder der katholischen sein. Dabei ist zunächst kritisch auf manche Fehlentwicklung der letzten Jahre hinzuweisen:
Die Sorge, die kirchliche Entwicklung könnte die übernommene Tradition veruntreuen, hat zum Versuch einer stark zentral gesteuerten Vereinheitlichung geführt. Die gesamte Personalpolitik der Kirche geschieht von einer Zentrale aus. Bekanntlich wird jeder Bischof zentral oder unter erheblicher Mitwirkung der Zentrale ernannt ­ jener von Basel ist weltweit die einzige Ausnahme! ­, und jede Professorin und jeder Professor der Theologie bedarf einer römischen Berufserlaubnis. Dem steht allerdings das völlige Fehlen von Personalplanung, von professionellem Recruiting und von Personalmanagement gegenüber ­ von entsprechender Personalführung ganz zu schweigen. Anstelle einer offensiven Vorwärtsstrategie dominiert die Verfestigung von Positionen, und es hat vielfach den Anschein, als führte der Weg zurück in die Verteidigungshaltung der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts. Längst scheinen die Fenster der Kirche wieder geschlossen, weil sich an massgeblicher Stelle Angst vor dem Irr- und Unglauben breitgemacht hat. Angst aber ist bekanntlich ein schlechter Ratgeber. Überdies zeigt sich, dass die Fenster nicht mehr dicht zu machen sind, da sie verschiedenenorts trotz allem offengehalten werden.
Das Problem vergrössert sich durch administrative Probleme in der Kirchenleitung. Der Bischof von Rom ist viel unterwegs, dies gibt der Verwaltung freie Hand, eine Koordination der verschiedenen Ämter ist nur schwer erkennbar. Bisweilen passiert es dann, dass gegensätzliche Dokumente den Vatikan verlassen. Das halte ich nicht für weiter schlimm, allerdings für symptomatisch. Denn es verdeutlicht, dass die angestrebte Einheitlichkeit nicht zu erzielen ist.

Neue Perspektiven

In dieser Situation scheinen mir vor allem zwei Perspektiven notwendig:
Zunächst ist Handlungsbedarf dort angesagt, wo das kirchliche Leben aufgrund der Grenzen der Strukturen nicht mehr zum Tragen kommen kann. Dafür wird es notwendig sein, die oft zitierte katholische Einheit ­ im ursprünglichen Wortsinn von «kath'olisch» ­ als eine dynamische und umfassende, auch eine vielfältige Einheit zu begreifen, welche eigenständige und inkulturierte Entwicklungen zulässt. Dies schliesst den Bereich des Amtes, also kirchlicher Leitungsdienste auf allen Ebenen, ebenso ein wie die Fragen der konkreten Verwirklichung christlicher Existenz. Da entsprechende Impulse von der Kirchenleitung im Augenblick gesamtkirchlich nicht zu erwarten sind, müssen sie von einzelnen Bischöfen gemeinsam vorbereitet und eingeleitet werden. Die in verschiedenen Ländern in der letzten Zeit lancierten Kirchenvolks-Begehren haben gezeigt, dass sich entsprechende Initiativen an verschiedenen Orten diesbezüglich konkretisieren wollen. Die Beschwichtigung dieser Aufbrüche mittels signalisierter Gesprächsbereitschaft allein wäre wohl problematisch, weil auch hier die Entwicklungen bereits weiter vorangegangen sind als an der Oberfläche erkennbar ist. Es braucht zusätzlich das aktive gemeinsame Suchen nach theologisch verantworteten Schritten in eine neue Lebensphase von Kirche ­ zugegeben: ein mühevoller, aber auch ein unverzichtbarer Vorgang.
Dies wird wohl ­ zweitens ­ zu einer neuen Erfahrung von «katholisch» führen. Die umfassende Einheit aller Ortskirchen verbindet mich nicht nur mit der Kirche von Rom, sondern auch mit jener von Nord- und Südamerika, mit der Kirche Brasiliens ebenso wie mit jener in Taiwan, in Korea, in Süd-, West- oder Ostafrika, Australien usw. ... Dabei ist zu realisieren, dass schon die Gegenwart der katholischen Kirche nicht mehr in Europa liegt, sondern in den neuen Kontinenten, und dieses Gewicht wird sich in Zukunft noch weiter verschieben.
Die Chance der Kirchen ­ und nicht nur der katholischen ­ liegt dann nicht darin, den Menschen fertige Antworten zu vermitteln, sondern sich mit den Menschen in der heutigen Lebenssituation auf den Weg zu machen, also mit den Menschen heute mitzuleben. Dass dies grundsätzlich möglich ist, zeigen viele entsprechende Beispiele schon heute. Dabei wird erkennbar ­ und dies wird sich in Zukunft verstärken: Kirche ereignet sich zu allererst am Ort, dort also, wo mir selbst Menschen mit entsprechender Überzeugung und aus dieser heraus begegnen. Dass dahinter eine globale Vernetzung steht, ist zwar gar keine Frage, sie steht aber dahinter, und sie ist nur dann eine tatsächlich christliche Vernetzung, wenn sie mit Solidarität verbunden ist.

Leitidee

Das letzte Konzil hat diesen Auftrag in einem Satz formuliert, der meines Erachtens zu den eindrücklichsten Aussagen dieser Versammlung gehört: «Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger (und Jüngerinnen) Jesu Christi» (Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute, Art. 1). Diese Form von Miteinander ist angefragt. Über alle Sachfragen hinaus geht es um das persönliche Einlassen auf den gemeinsamen Weg von Menschen mit Menschen im Namen Jesu Christi und nach seinem Vorbild. Ich halte dies für möglich, ja für zukunftsweisend und für den einzig richtigen Weg. Und ich meine nicht, dies sei Utopie, daher lasse ich mich gerne fragen, woher ich diesbezüglich meine Hoffnung und meinen Optimismus nehme:
Zunächst daraus, dass trotz aller Widerwärtigkeiten vieles auf dem Weg ist, vielleicht gerade deshalb. Dass die Schweizer Bischofskonferenz vor einigen Monaten ihre Solidarität mit vielen Menschen vor die sogenannte Kollegialität mit einem Mitbischof gestellt hat, ist dafür ebenso ein Zeichen ­ wenngleich eines, dass in sich wieder traurig macht ­ wie zahlreiche andere Aufbrüche da und dort, welche wir nicht kennen.
Des weiteren bin ich überzeugt, dass auch in Zukunft prophetische Gestalten in unserer Kirche nicht fehlen werden, wie seinerzeit jene von Johannes XXIII. Denn im Unterschied zu Wirtschaftsbetrieben lässt sich Kirche nicht nach entsprechenden Eckdaten managen und auch nicht reformieren. Für jene, die sich dieser Glaubensgemeinschaft verbunden fühlen, ist der entscheidende Faktor der Geist Gottes selbst. Viele Probleme der letzten Jahrzehnte sind insofern hausgemacht, als es weit zuwenig gelungen ist, mit Ruhe, Gelassenheit, freilich auch mit tiefem Vertrauen und mit Glauben Problemfelder zu delegieren, Gott selbst zu überlassen und dem Wirken des Geistes in der Kirche Raum zu geben ­ etwa besonders dadurch, dass man Entwicklungen und Zeichen der Zeit auch als solche geistgeprägte Initiativen lesen und aufgreifen hätte können (und wollen). Statt dessen wurde versucht, mit angezogenen Zügeln das Gespann zusammenzuhalten. Wie sehr das kontraproduktiv ist, insbesondere dort, wo Menschen, also Personen involviert sind, weiss jeder aus eigener Lebens- und Berufserfahrung. Statt dessen gilt es wiederum, die Fenster aufzustossen und offenzuhalten, gegen alle Fundamentalismen in Kirche und Gesellschaft, gegen alle angedeuteten Gegenentwicklungen, vor allem aber mit den Menschen und für sie.
Das ist eine Chance, eine reale, es ist keine Utopie. Deswegen, denke ich, ist es wert, sich dafür zu engagieren. Es ist das Erbe, zugleich auch der Auftrag des letzten Konzils.

Walter Kirchschläger ist Professor für Exegese des Neuen Testaments an der Theologischen Fakultät der Universitären Hochschule Luzern, seit dem 1. Oktober 1997 Rektor der Hochschule und Dekan der Theologischen Fakultät


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1997