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Leitartikel |
Der Kongo (Ex-Zaire), oder besser gesagt die Demokratische Republik Kongo, ist mit einer Fläche von 2,3 Millionen km2 und schätzungsweise 44 Millionen Einwohnern ein Riese unter den Ländern Afrikas. Um Verwechslungen mit dem anderen Kongo zu vermeiden, wird üblicherweise vom Kongo-Kinshasa und vom Kongo-Brazzaville gesprochen.
Die ehemalige belgische Kolonie hat am 30. Juni 1960 die Unabhängigkeit erlangt. Doch im Grunde genommen müssen wir heute, 37 Jahre nach Erlangung der Unabhängigkeit, zugeben, dass dieses grosse Land es noch immer nicht geschafft hat, einen politischen und wirtschaftlichen Aufschwung zu nehmen. Vielmehr haben die tiefgreifenden Umwälzungen, hervorgerufen durch die Ermordung des Premierministers Lumumba und ein paar Jahre später durch den spektakulären Putsch von Mobutu, die Situation nur noch weiter verschlechtert. Das Land ist in einen immer engeren und immer dunkleren Tunnel hineingeraten. Die grosse Mehrheit der Bevölkerung musste Tag für Tag mit ansehen, wie ihr der Boden unter den Füssen weggezogen wurde und wie ihr reiches Land zu einem der ärmsten der Welt gemacht wurde. Eine der wahnsinnigsten Diktaturen überrollte das Volk und setzte alles daran, ihm nach und nach das Wesentliche seiner Initiativen und Vorrechte zu entreissen.
Wie viele Hoffnungen wurden enttäuscht, wie viele Träume vergeudet, bis am 17. Mai 1997 die Armee der Alliance des forces démocratiques pour la libération du Congo die Hauptstadt Kinshasa eroberte! Für die Kongolesinnen und Kongolesen stellt dieser Tag ein historisches Datum dar. Es symbolisiert den Sieg aller lebenden Kräfte der Nation über die verabscheute Herrschaft Mobutus.
Im Februar dieses Jahres, als in Zaire das ganze Volk von den Kriegswirren erfasst wurde und höchst alarmierende Nachrichten im Umlauf waren, wurden wir fast verlegen angesichts der Entschlossenheit von P. Damian Weber, Landesdirektor von Missio-Schweiz, uns gerade zu diesem Zeitpunkt zu besuchen und uns damit die Sympathie und Unterstützung der Geschwisterkirche in der Schweiz auszudrücken. Angesichts der zahlreichen Unsicherheiten haben wir versucht, diesem eifrigen Missionar die Reise auszureden, und ihn gebeten, er möge bessere Tage abwarten. Doch nichts hielt ihn zurück. Am vereinbarten Tag und zur abgemachten Zeit ist er in Kinshasa gelandet, gewappnet mit unerschütterlicher Ruhe.
Unseren Befürchtungen setzte er die Tatsache entgegen, dass man gerade in schwierigen Momenten seine Freunde erkennt. Er machte uns aufmerksam auf die eigensinnige Hoffnung, die sich trotz allem in unserem traumatisierten Volk zeigt, indem er uns sagte: «Man kann einem Volk alles wegnehmen, aber niemals wird es gelingen, ihm auch seine Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu nehmen!» Damals konnte niemand wissen, dass die Geschichte diesem unerschrockenen Propheten so bald recht geben würde.
Die Solidarität, die der Missio-Direktor aus der Schweiz unserem Land, das in den letzten Zügen lag, erwies, hat uns sehr berührt. Zu einem Zeitpunkt, als weder unser eigenes Leben noch seines in Sicherheit waren, haben wir in ihm und in der Kirche der Schweiz den rührenden Elan des barmherzigen Samariters erkannt! Er hat die eigenen Sorgen zurückgestellt und sein Leben für andere riskiert. Diese Haltung hat uns stolz gemacht und uns das Selbstvertrauen zurückgegeben. Es gibt anderswo also doch noch Brüder und Schwestern, für die unsere Leben etwas wert sind! Es gibt eine Schwesterkirche, die ausgerechnet unsere Kirche zum Thema für ihre Kampagne zum Monat der Weltmission 1997 macht! Was für ein Hochgefühl, was für eine Ermutigung in einer Zeit, in der schwarze Wolken regelrecht den Himmel versperren! Diese gewagte Reise rief uns und dem Rest der Welt in Erinnerung, dass unserem Volk immer noch eine strahlende Zukunft bevorsteht und dass wir immer noch viele materielle und spirituelle Reichtümer mit der Schweizer Bevölkerung und mit anderen Völkern der Welt zu teilen haben.
Die Nationalhymne des Kongo-Kinshasa besingt ein Programm, das meines Erachtens für die missionarische Kirche in aller Welt aktuell ist: «Auf, erhebe dich aus der langen Unterdrückung, Volk, baue durch deine Arbeit in Frieden ein schöneres Land als vorher auf!» Ja, auf Gott und seinen Traum von Gerechtigkeit und Frieden für alle Menschen und die ganze Welt vertrauend, lasst uns gemeinsam Solidarität wagen für eine wirklich bessere, geschwisterlichere Welt!
Jean-Adalbert Nyeme Tese, geboren 1944 in Tshumbe/Kasai, war Professor für Moraltheologie an den Theologischen Fakultäten von Kinshasa und ist seit 1996 Rektor der (katholischen) Universität Kasai (Erzbistum Kananga/Kongo). Missio hat Prof. Nyeme Tese gebeten, ein persönliches Wort zum Monat der Weltmission an die Kirche in der Schweiz zu richten.