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Leitartikel |
Am 30. September 1897 verstarb in der Verborgenheit eines französischen Karmelitinnenklosters eine junge Ordensfrau, die vorausgesagt hatte, dass einmal die ganze Welt sie lieben wird. Ihre Liebhaber finden sich in allen Ständen der Kirche, angefangen von den Päpsten dieses Jahrhunderts bis hin zu den einfachsten Gläubigen. Sie vermehren sich fortwährend in allen Ländern der Erde, sogar in der orthodoxen Kirche Russlands. Was ist es, das die bescheidene Karmelitin in wenigen Jahrzehnten nach ihrem Tode so bekannt werden liess? Vor allem ihre Selbstbiographie «Geschichte einer Seele», die ein Jahr nach ihrem Tod veröffentlicht und bald in viele Sprachen übersetzt wurde, hat dazu beigetragen. Dieses Büchlein ist etwas vom schönsten der geistlichen Literatur und steht, was die Verbreitung anbelangt, an dritter Stelle nach der Hl. Schrift und der «Nachfolge Christi». Viele haben bei der Lektüre dieses Büchleins den Weg ihres Lebens gefunden oder sind Gott näher gekommen. Ein weiterer Grund ihrer Bekanntheit sind die vielen Gebetserhörungen, die nach ihrem seligen Tod gemeldet wurden. So erfüllte sie ihr Wort, das sie vor ihrem Sterben gesprochen hatte: «Ich will meinen Himmel damit verbringen, auf Erden Gutes zu tun.»
Während in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts das von ihrer Schwester Céline gemalte Bild Thereses mit Kreuz und Rosen ihre Verehrung unterstützte, bevorzugen wir seit den 50er Jahren die Schwarz/Weiss-Fotos von Therese, die ein selbstbewusstes und eher herbes Frauengesicht zeigen. Mit klaren und fast etwas verschmitzten Augen strahlt sie etwas aus und zieht mit ihrem geistigen Charme jung und alt in ihren Bann. Alle Gläubigen möchte sie ihren «Kleinen Weg» lehren, wie ihre Spiritualität genannt wird. Es geht um die Heiligkeit im Alltag, ohne Glanzleistungen und radikale Forderungen. Tragende Säulen dieser geistlichen Lehre sind vor allem das Kleinsein vor Gott im Sinne einer geistigen Armut und das Vertrauen auf die barmherzige Liebe Gottes anstelle seiner Gerechtigkeit. Die kleinen Dinge des täglichen Lebens mit Liebe zu tun, Gott und den Nächsten mit Phantasie Liebe zu erweisen und ihnen Freude zu machen, auf Gott ein grosses Vertrauen setzen und alles von ihm erwarten, ähnlich einem kleinen Kinde, das alles von den Eltern erhofft, sind einige konkrete Schritte auf diesem Weg. Es geht nicht darum, aussergewöhnliche Dinge zu tun, sondern, dass wir die gewöhnlichen Dinge aussergewöhnlich gut tun. So verstehen wir ihr Wort: «Mein Weg zu Gott ist Liebe, Hingabe und Vertrauen.»
Der bekannte französische Theologe Yves Congar nannte Therese «einen Leuchtturm, den Gott zu Beginn des 20. Jahrhunderts errichtet hat». Gott schickt seine Heiligen immer der Zeit voraus, damit sie auf die Entwicklungen einer kommenden Epoche die passende Antwort geben können. So lebte Therese an der Schwelle zu unserem Jahrhundert. Sie wurde als letztes von neun Kindern am 2. Januar 1873 in Alençon, einer Provinzhauptstadt der Normandie, geboren. Als sie gerade viereinhalb Jahre alt war, verstarb ihre Mutter an Krebs und folgte damit ihren vier Kindern, die sie im zartesten Kindesalter zu Grabe geleiten musste. Daraufhin übersiedelte der Vater Louis Martin mit seinen fünf verbliebenen Töchtern in eine ruhig gelegene Villa in Lisieux, wo Therese ihre weitere Kindheit und ihre Jugendjahre erlebte. Um ihrem inneren Ruf zu folgen und frühreif mit 15 Jahren in den Karmel von Lisieux eintreten zu können, musste sie kämpfen und viele Hindernisse überwinden. Stationen auf diesem Weg waren ein Besuch beim Bischof in Bayeux und eine Pilgerfahrt nach Rom mit einer Papstaudienz.
Endlich im Karmel angelangt, teilte sie das Leben ihrer Mitschwestern, bewährte sich in allen Arbeiten und Aufgaben des Klosters und reifte im Verborgenen zu einer Heiligen der Liebe und des Vertrauens. Dazu gehörten auch viele seelische und körperliche Leiden, die sie mit Liebe annahm und für das Heil von schuldig gewordenen Menschen Gott darbrachte. In den letzten eineinhalb Jahren prüfte sie Gott im Glauben und liess Anfechtungen und eine Glaubensnacht über sie kommen. Bewusst setzte sie sich an den «Tisch der Ungläubigen» und schenkte ihnen ihre inneren Leiden um den Glauben.
Durch ihr Leben und ihre erleuchteten Worte ist sie ein helles Licht für die Dunkelheiten unseres Jahrhunderts, insbesondere für die Irrtümer des Atheismus, Existentialismus, Kommunismus und Materialismus geworden. Schon vor 100 Jahren hat sie das Zweite Vatikanische Konzil vorweggenommen, indem sie der biblischen und der eucharistischen Bewegung den Weg bahnte und ein lebendiges und aktives Glied am Leib der Kirche sein wollte. Dem kritischen Standpunkt gegenüber der Amtskirche antwortet sie mit vorbehaltloser Liebe zu Papst, Bischöfen und Priestern. «Im Herzen der Kirche, die meine Mutter ist, werde ich die Liebe sein; so werde ich alles sein!» Über den Priestern, die durch menschliche Fehler und Schwächen Anstoss erregen, bricht sie nicht den Stab, sondern betet und opfert für sie. Neben der Bekehrung der Straftäter und Ungläubigen waren sie ein besonderes Anliegen ihres Ordenslebens. Aufgezehrt von einer schrecklichen Tuberkulose und nach zweitägigem Todeskampf sprach sie ihre letzten Worte: «Mein Gott, ich liebe dich!»
Therese von Lisieux ist nicht durch grosse Taten bekannt geworden, sondern durch eine glühende Liebe zu Gott und den Menschen, die sie mitten im Alltag lebte. Sie wollte durch ihr Leben und ihre Worte allen Menschen einen Weg zur Heiligkeit weisen. Der hl. Papst Pius X. nannte sie die «grösste Heilige der Neuzeit», Papst Pius XI. sah in ihr «ein Wort Gottes für die moderne Zeit» und ernannte sie wegen der Weite ihres Geistes und Herzens zu Patronin der Weltmission. Bischofskonferenzen von über 20 Ländern haben den Papst darum gebeten, sie zur Kirchenlehrerin zu erheben, damit ihre geistliche Lehre für die wahre Erneuerung der Kirche noch mehr Beachtung findet. Am 19. Oktober 1997 wird Papst Johannes Paul II. diese Bitte erfüllen.
Anton Schmid ist Geistlicher Rat, Leiter des Theresienwerkes1, mit Sitz in Augsburg
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Das 1972 gegründete Theresienwerk (Sterngasse 3, D-86150 Augsburg,
Telefon 0049-821-513931) hat sich zur Aufgabe gemacht, die aktuelle und
reichhaltige Spiritualität der Heiligen noch mehr bekannt zu machen
und ihre Freunde an Lisieux anzubinden.
Für den Schriftenstand gibt es eine ganz neue Sammlung von Worten der Heiligen: Theresia von Lisieux, Du bist von Gott geliebt. Worte der Liebe und des Vertrauens. Geleitwort und Auswahl: Werner Franz Probst, Kanisius Verlag, Freiburg Schweiz 1997, 45 Seiten.