SKZ 35/1997

 INHALT

Leitartikel

Verantwortung für die Zukunft

von Rolf Weibel

"Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit" heisst das Wort des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland. <1> Weil die Solidarität sich nicht nur auf die gegenwärtige Generation bezieht, sondern die Verantwortung für die kommenden Generationen einschliesst, führte dieses Wort als eine Zielperspektive den Leitbegriff der Nachhaltigkeit ein. In einer ethischen Perspektive wird damit von der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung verlangt, dass sie dauerhaft umweltgerecht und damit auch zukunftsfähig sei. <2>

In den kommenden zwei Jahren führen die Schweizer Bischofskonferenz und der Schweizerische Evangelische Kirchenbund eine Ökumenische Konsultation zur sozialen und wirtschaftlichen Zukunft der Schweiz durch. <3> Es ist anzunehmen, dass dabei auch entwicklungspolitische und ökologische Fragen zur Sprache kommen werden. Hier könnte sich die kirchliche Konsultation mit jener der grossen schweizerischen Hilfswerke verschränken. Diese haben nämlich als "Arbeitsgemeinschaft Swissaid/Fastenopfer/Brot für alle/Helvetas/Caritas" eine "Nord/Süd-Kampagne für Nachhaltige Entwicklung" mit Leitlinien für die Schweiz auf dem Weg ins 21. Jahrhundert lanciert. Damit möchten sie die Problematik der Nachhaltigen Entwicklung in die öffentliche Debatte bringen und mit den verschiedenen gesellschaftlichen Kräften aus den Bereichen von Politik, Wirtschaft, Kirchen, Kultur und Nichtregierungsorganisationen, aber auch mit den vielen, die die Hilfswerke mittragen, erörtern. Damit möchten sie gleichzeitig einen Beitrag zur Erarbeitung von Leitlinien für die Schweiz auf dem Weg ins nächste Jahrtausend leisten.

Um die Debatte anzuregen, hat die Arbeitsgemeinschaft ein "Nord/Süd-Manifest für Nachhaltige Entwicklung" erarbeitet, das sie gleichzeitig mit einer "Erklärung des Südens zur Unterstützung der Nord/Süd-Kampagne für Nachhaltige Entwicklung" veröffentlicht hat. Das Nord/Süd-Manifest mit seinen 21 Thesen zur Rolle der Schweiz auf dem Weg ins 21. Jahrhundert wurde im Januar 1997 an einem internationalen Workshop mit Vertretern des Südens diskutiert und revidiert; mit ihrer "Erklärung des Südens" unterstützen seine Vertreter die Kampagne mit eigenen Ideen und Ansichten. Sie halten namentlich dafür, dass die bevorstehende Jahrhundert- und Jahrtausendwende eine günstige Gelegenheit "zur Bewertung des Misserfolgs der kapitalbestimmten und marktorientierten Entwicklungsrichtlinien" bietet. Auch das schweizerische Manifest klagt darüber, dass sich bei den vorherrschenden, vom Ungleichgewicht der Macht und einer undifferenzierten neo-liberalen Ideologie geprägten Rahmenbedingungen die positiven Seiten einer allgemeinen Globalisierung in ihr Gegenteil verkehren. Es erklärt aber auch, dass die Länder des Südens auf dem Weg zu einer gerechteren und dauerhaften Entwicklung ihrerseits entscheidende Schritte tun müssen. Mit seinen Thesen, die ausdrücklich nur die Rolle der Schweiz bedenken, fordert das Manifest zunächst die schweizerische Politik auf, "dem Süden aussenpolitisch Gewicht zu geben". Weil mit der weltweiten Liberalisierung der Märkte und der wirtschaftlichen Globalisierung die Bedeutung des Staates abnimmt, jene der Wirtschaft aber wächst, mahnt das Manifest sodann die schweizerische Wirtschaft, ihre gesellschaftliche Verantwortung wahrzunehmen.

Als ungebundene dritte Kraft neben Politik und Wirtschaft können die Akteure der Zivilgesellschaft gegen wirtschaftliche Marginalisierung, soziale Ausgrenzung, politische Entmündigung und ökologische Zerstörung aktiv antreten; deshalb wird anschliessend diese Zivilgesellschaft ermuntert, die Machthabenden herauszufordern. Sodann werden die Individuen aufgefordert, die Zukunft mitzugestalten und dabei einen Lebensstil zu wählen, der einer Nachhaltigen Entwicklung entspricht; mit dem Slogan "Gemeinsam Lernen ­ Gemeinsam Überleben" wird im Gefolge der Nachhaltigen Entwicklung schliesslich ein neuer Gesellschaftsvertrag angesprochen.

Eine Verschränkung der Ökumenischen Konsultation zur sozialen und wirtschaftlichen Zukunft der Schweiz mit der Nord/Süd-Kampagne für Nachhaltige Entwicklung könnte in diese Kampagne auch christliche und kirchliche Gesichtspunkte einbringen, die in die vorliegende Struktur des Manifestes gut eingetragen werden könnten. So gut, dass sich die Frage aufdrängt, weshalb die beteiligten kirchlichen Hilfswerke dies nicht gesehen und wahrgenommen haben. <4>

Anmerkungen:

<1>
Vgl. Wilfried Lochbühler, "Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit", in: SKZ 165 (1997) Nr. 18, S. 278­286.

<2>
In der SKZ wird demnächst ein Beitrag das Thema der Nachhaltigkeit darstellen.

<3>
Auf katholischer Seite für das Projekt verantwortlich ist die Nationalkommission Justitia et Pax, Postfach 6872, 3001 Bern, Telefon 031-3815955.

<4>
Im Abschnitt "Zivilgesellschaft: Die Machthabenden herausfordern" sind die Kirchen und andere Religionsgemeinschaften als Akteure der Zivilgesellschaft wohl namentlich aufgelistet, doch kommen sie nur in der letzten These zum gemeinsamen Lernen vor, die zu diesem Lernen unter anderem aufzählt, "von der weltanschaulichen Kraft der Religionen und ihrem Beitrag zu einer neuen Ethik der Nachhaltigkeit zu lernen".


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1997