SKZ 38/1997

INHALT

Dokumentation

Ansprache von Abtbischof Henri Salina, Präsident der Schweizer Bischofskonferenz an den Papst

Heiliger Vater,

Sie empfangen uns mit einem brüderlichen Herzen, wie Sie selbst immer wieder unterstreichen, um als Bischof von Rom den Dienst der Liebe und der Gemeinschaft der Kirche Jesu Christi wahrzunehmen. Das ist eben in der Eucharistie, die wir mit Ihnen konzelebriert haben, zum Ausdruck gekommen.
Sie empfangen uns mit einem, möchte ich sagen, «universalen» Herzen, das Sie trotz der damit verbundenen Strapazen auf die Strassen der Welt führt: kürzlich in den Libanon, nach Prag, Polen, Paris und bald Lateinamerika.
Man darf an Ihrer Fürsorge für alle Kirchen nicht zweifeln.
Wir teilen diese Sorge mit Ihnen, auf die erneute Einladung des Zweiten Vatikanischen Konzils selbst hin, das in Lumen Gentium sagt: «Die Bischöfe, die den Teilkirchen vorstehen, üben als einzelne ihr Hirtenamt über den ihnen anvertrauten Anteil des Gottesvolkes, nicht über andere Kirchen und nicht über die Gesamtkirche aus.
Aber als Glieder des Bischofskollegiums und rechtmässige Nachfolger der Apostel sind sie aufgrund von Christi Stiftung und Vorschrift zur Sorge für die Gesamtkirche gehalten» (Art. 23).
Der Besuch «ad limina apostolorum» und die Begegnung mit Ihnen erwecken dies alles in uns zum Leben. Seit unserer letzten Visitatio im Jahre 1992 haben wir in Ihrem Kreis, Heiliger Vater, ein Ereignis miterlebt, das die Herzen der Schweizer Katholiken und Katholikinnen erfreut hat: die am 29. Oktober 1995 erfolgte Seligsprechung von Maria Theresia Scherer, Maria Bernarda Bütler und Marguerite Bays.
Man muss auch unterstreichen, dass Ihnen eine stark erneuerte Bischofskonferenz begegnet: die Sitze von fünf Diözesen ­ nämlich St. Gallen, Sitten, Lugano, Lausanne, Genf und Freiburg sowie Basel ­ haben neue Bischöfe erhalten, und Sie haben für die Diözesen Chur sowie Lausanne, Genf und Freiburg noch Weihbischöfe ernannt.
Das alles erfolgte im Frieden dank gut durchgeführten Befragungen, wie wir bezeugen können, dank aufmerksamen Befragungen, die Ihnen gewiss sehr geholfen haben, gute Wahlen zu treffen.
Der Nuntius, den Sie uns seinerzeit geschickt haben, Mgr. Karl-Josef Rauber, hatte mit all dem zu tun, und unsere Konferenz bleibt ihm auch sehr dankbar.
Gaudium et Spes. Wir haben Freuden, aber natürlich auch Sorgen, Heiliger Vater; die Sorge, die unsere Aufmerksamkeit hat, ist die manchmal abweichende Sicht der Ekklesiologie, die bei uns da und dort festgestellt werden kann.
Die Sorge um die Priester- und Ordensberufe, die Ablösung der Priester und Diakone, der engagierten Laien angesichts der Vielfalt der Aufgaben der Kirche: in den kommenden Monaten und Jahren werden wir noch an dieser Pastoral arbeiten. Möge es hier Früchte geben, wenigstens unter den Tausend jugendlichen Schweizern, die Ihnen in Paris begegnet sind.
Sorge ferner, die sich aus den sehr besonderen Beziehungen zwischen der Kirche und den kantonalen Staaten ergibt; Sorgen, die Sie kennen, die von grossen persönlichen Spannungen in unserer Kirche herrühren und die, was unvermeidlich ist, auf die politische Gesellschaft ausstrahlen. Dazu kommen die Probleme, die die Fragen der Bioethik aufwerfen, der Gentechnik; die immer wiederkehrende Frage der Abtreibung.
In diesen Bereichen sind die Texte Ihres Lehramtes für uns mehr als eine kostbare Stütze.
Die wirtschaftliche Situation, die Arbeitslosigkeit, die Rezession, die Globalisierung des Welthandels fordern uns heraus.
Diesbezüglich ist auf ökumenische Weise ­ denn wir bleiben gegenüber dieser Öffnung, die zu fördern ist, aufmerksam ­ eine Konsultation zur sozialen und wirtschaftlichen Zukunft der Schweiz lanciert worden, wie die vom Evangelium genährten Christen sie sehen.
Ebensowenig vergessen wir, dass das Jubiläum des Jahres 2000, seine Vorbereitung, eine grosse der Kirche angebotene Gnade sind.
Heiliger Vater, Sie sind jedem einzelnen Mitglied unserer Konferenz begegnet; jeder einzelne konnte Ihnen seine zuweilen schwierigen, ihn am meisten berührenden Probleme anvertrauen.
Die Pilgerreise an die Gräber von Petrus und Paulus, die Begegnung mit Ihnen, ermutigen uns einmal mehr, unseren Dienst als verantwortliche Hirten mit Mut und Geduld auszuüben, zum Wohl des uns anvertrauten Anteils des Gottesvolkes.
Mögen die selige Jungfrau Maria, die Heiligen unseres Landes, der heilige Niklaus von Flüe und die Seligen, die Jesus Christus in unseren helvetischen Landen bezeugt haben, uns auf den Wegen des Reiches Gottes begleiten.

+ Henri Salina CRA,
Präsident der Bischofskonferenz


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1997