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«Der Geist des Herrn ruht auf mir; ... er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine Gute Nachricht bringe» (Lk 4,18). «Ich muss auch den anderen Städten das Evangelium vom Reich Gottes verkünden; denn dazu bin ich gesandt worden» (Lk 4,43).
1. Liebe Brüder und Schwestern! Der Weltmissionstag ist ein wichtiger
Anlass im Leben der Kirche. Man kann sagen, dass seine Bedeutung noch zunimmt,
je mehr wir uns der Schwelle zum Jahr 2000 nähern. Die Kirche, die
sich bewusst ist, dass ausser Christus «uns Menschen kein anderer
Name unter dem Himmel gegeben (ist), durch den wir gerettet werden sollen»
(Apg 4,12), macht sich heute mehr denn je die Worte des Apostels zu eigen:
«Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!» (1 Kor
9,16).
In dieser Hinsicht halte ich es daher für angebracht, auf einige grundlegende
Punkte der Frohen Botschaft aufmerksam zu machen, die die Kirche ihrem Auftrag
gemäss im neuen Jahrtausend verkünden und zu den Völkern
bringen muss.
2. Jesus Christus, der Gesandte des Vaters und der erste Missionar, ist
der einzige Erlöser der Welt. Er ist der Weg, die Wahrheit und das
Leben: Wie Er das gestern war, so ist Er es heute, und so wird Er es morgen
sein, bis an das Ende der Zeiten, wenn alles für immer unter Ihm als
dem Haupt vereint wird. Das Heil, das Jesus gebracht hat, dringt in das
tiefste Innere des Menschen ein und befreit ihn von der Herrschaft des Bösen,
von der Sünde und vom ewigen Tod. Positiv ausgedrückt: Das Heil
ist Anbruch des «neuen Lebens» in Christus. Es ist ein ungeschuldetes
Geschenk Gottes und wirbt um die freie Zustimmung des Menschen. Ja, um den
Preis von Anstrengungen und Kreuz wird es Tag für Tag errungen (vgl.
Evangelii nuntiandi, 10). Daher ist also unser persönliches unermüdliches
Mitwirken durch die bereitwillige Zustimmung unseres Willens zu Gottes Plan
notwendig. So kommt man an das sichere und endgültige Ziel, das Christus
uns durch sein Kreuz zugänglich gemacht hat. Zu dieser Befreiung gibt
es keine Alternative, durch die man in den Besitz des wahren Friedens und
der Freude gelangen könnte, denn diese rühren nur her aus der
Begegnung mit dem Gott, der die Wahrheit ist: «Dann werdet ihr die
Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch befreien» (Joh 8,32).
Das ist in Kürze die «Gute Nachricht», die Christus gebracht
hat. Er wurde gesandt, sie den «Armen» zu bringen, den in der
vielfachen Sklaverei dieser Welt Gefangenen, den «Heimgesuchten»
aller Zeiten und aller Breiten, ja allen Menschen, denn das Heil ist allen
Menschen zugewendet, und jeder Mensch auf der Erde hat das Recht, Kenntnis
davon zu erhalten: Es geht dabei um sein ewiges Schicksal. «Jeder,
der den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden» (Röm 10,13),
sagt der hl. Paulus.
3. Kein Mensch aber kann Jesus anrufen und an Ihn glauben, wenn er nicht
zuvor von Ihm hat sprechen hören, das heisst, wenn Sein Name ihm nicht
zuvor bekanntgemacht wurde (vgl. Röm 10,1415). Daher also der
höchste Auftrag des Meisters an die Seinen vor seiner Rückkehr
zum Vater: «Geht..., lehrt» (Mt 28,19f.); «Verkündet
das Evangelium... Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet»
(Mt 16,15.16). Daher die von Ihm der Kirche übertragene Weisung, durch
die Zeit hin sein Werk fortzusetzen als «allumfassendes Heilssakrament»
(Lumen Gentium, 48) und «Mittlerin des Geschenkes der Gnade»
(vgl. EN, 14) für die ganze Menschheit.
Daher stammt «das Privileg» und zugleich «die schwerwiegende
Verpflichtung» (vgl. Botschaft zum Weltmissionssonntag 1996), dass,
gerade aufgrund des empfangenen Glaubens, allen, die in die Kirche eingegliedert
sind, das «Privileg», die «Gnade» und die «Verpflichtung»
zukommt, ihren Teil zu der weltumgreifenden Bemühung um Evangelisierung
beizutragen.
Angesichts der vielen, die, zwar vom Vater geliebt (vgl. Redemptoris missio,
3), aber noch nicht von der Frohbotschaft des Heils erreicht sind, kann
der Christ nicht umhin, in seinem Gewissen das Schaudern zu spüren,
das den Apostel Paulus befiel und ihn in die Worte ausbrechen liess: «Weh
mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!» (1 Kor 9,16). In
gewissem Masse ist tatsächlich jeder als erster vor Gott verantwortlich
für den «fehlenden Glauben» von Millionen Menschen.
4. Das Ausmass des Unternehmens und die Feststellung der Unzulänglichkeit
der eigenen Kräfte kann bisweilen zur Mutlosigkeit verleiten; doch
wir dürfen uns nicht ängstigen lassen: Wir sind nicht allein.
Der Herr selbst hat uns versichert: «Ich bin bei euch alle Tage bis
zum Ende der Welt» (Mt 28,20); «Ich werde euch nicht als Waisen
zurücklassen» (Joh 14,18); «Ich werde euch den Beistand
senden» (vgl. Joh 16,7).
Es sei uns ein Trost, uns bewusst zu bleiben vor allem in Dunkelheiten
und Prüfungen , dass so lobenswert und unerlässlich auch
die Bemühungen des Menschen sind, die Mission doch immer und in erster
Linie Werk Gottes bleibt, Werk des Heiligen Geistes, des Beistandes, der
die unbestrittene «Hauptperson» (vgl. RM, 21) dabei ist. Die
Mission vollzieht sich im Heiligen Geist, sie ist «Sendung im Geist»
(ebd., 22), und dank dem Wirken des Geistes nimmt das Evangelium «im
Herzen und im Geist des Menschen und in der Weltgeschichte Gestalt an»
(vgl. Dominum et vivificantem, 42).
Gerade aufgrund der in der Taufe und in der Firmung empfangenen «Salbung»
kann, ja muss jeder Christ die Worte des Herrn auf sich selbst anwenden
und fest glauben, dass auch auf ihm der Heilige Geist «ruht»,
der ihn sendet, die Gute Nachricht zu verkünden, und der durch seinen
Beistand bei jeder apostolischen Initiative mitwirkt.
5. Eine beispielhafte Antwort auf die universale Berufung zur Verantwortung
im Missionswerk hat zu ihrer Zeit die hl. Theresia vom Kinde Jesus gegeben,
deren Todes vor hundert Jahren wir in diesem Jahr gedenken. Das Leben und
die Lehre der hl. Theresia unterstreichen die ganz enge Verbindung zwischen
Mission und Kontemplation. Es kann in der Tat keine Mission geben ohne ein
intensives Gebetsleben und eine tiefe Verbundenheit mit dem Herrn und seinem
Opfer am Kreuz.
Dem Meister zu Füssen sitzen (Lk 10,39), darin besteht ohne Zweifel
der Anfang jeder wirklich apostolischen Tätigkeit. Aber wenn das der
Ausgangspunkt ist, dann muss danach ein ganzer Weg zurückgelegt werden,
der Opfer und Kreuz als verpflichtende Strecken mit sich bringt. Die Begegnung
mit dem «lebendigen» Christus ist auch Begegnung mit dem «dürstenden» Christus,
mit jenem Christus, der, ans Kreuz genagelt, durch die Jahrhunderte hin
seinen brennenden Durst nach Seelen, die zu retten sind, hinausruft (vgl.
Joh 19,28).
Und um den Durst Gottes, der die Liebe ist, und zugleich auch unseren Durst
zu stillen, gibt es kein anderes Mittel als lieben und sich lieben zu lassen.
Lieben: den glühenden Wunsch Christi, «dass alle Menschen gerettet
werden» (1 Tim 2,4), zutiefst in sich aufnehmen. Sich lieben lassen:
Christus erlauben, sich unser zu bedienen gemäss «Seinen Wegen,
die nicht die unseren sind» (vgl. Jes 55,8), damit es geschehe, dass
alle Menschen aller Himmelsstriche Ihn erkennen und das Heil erlangen können.
6. Gewiss, nicht alle sind berufen, hinauszugehen in die Missionen: «Missionar ist man zuallererst durch das, was man ist, ...bevor man es ist durch das, was man sagt oder tut» (RM, 23). Nicht das «Wo» ist entscheidend, sondern das «Wie». Man kann auch innerhalb der Wände seines Hauses, am Arbeitsplatz, im Krankenbett, in der klösterlichen Klausur... wirklich Missionar, Missionarin sein, und zwar auf sehr fruchtbare Weise. Was zählt, ist, dass das Herz von jener göttlichen Liebe brennt, die allein nicht nur die physischen und moralischen Leiden, sondern auch die Mühen des Alltags in Licht, Feuer und neues Leben für den ganzen Mystischen Leib Christi umzugestalten vermag.
7. Liebe Brüder und Schwestern, ich wünsche von Herzen, die
ganze Kirche möge an der Schwelle des neuen Jahrtausends einen neuen
Schwung missionarischer Verpflichtung spüren. Jeder Getaufte möge
sich das Programm der heiligen Patronin der Missionen zu eigen machen und
es, je nach seiner persönlichen Situation, aufs beste zu leben suchen:
«Im Herzen der Kirche, meiner Mutter, werde ich die Liebe sein ...
so werde ich alles sein!»
Maria, die Mutter und Königin der Apostel, die bei den Aposteln im
Abendmahlssaal war und im Gebet die Ausgiessung des Geistes erwartete und
die von Anfang an den heroischen Weg der Missionare begleitete, möge
heute die Gläubigen anregen, sie in der eifrigen und solidarischen
Sorge für das weite Feld missionarischer Tätigkeit nachzuahmen.
In diesem Sinn zu jeder Initiative missionarischer Zusammenarbeit in der
Welt ermutigend, segne ich alle von Herzen.