SKZ 51-52/1997

INHALT

Neue Bücher

Naturwissenschaft ­ Glaube

Arnold Benz, Die Zukunft des Universums: Zufall, Chaos, Gott?, Patmos Verlag, Düsseldorf 1997, 216 Seiten.

«Ist Gott in unserer naturwissenschaftlich geprägten Zeit überhaupt noch denkbar?» (S. 9). Dass diese Frage den Astrophysiker Arnold Benz beschäftigt, macht sein Buch für Theologen, Naturwissenschaftler, ja für jeden Menschen lesenswert, für den Glaubenden, den Suchenden, den glaubend Suchenden.
Leserinnen und Leser erhalten dank den reichen Kenntnissen und der verständlichen Sprache des Verfassers Einblick in die unvorstellbaren Dimensionen des Weltalls und die 15 Milliarden Jahre, mit denen die Wissenschaft heute rechnet seit dem «Urknall». Infolge der eigenen zu kleinen Zeitspanne orientieren wir uns gewöhnlich an einer Unveränderlichkeit der Gestirne. Die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse öffnen den Blick auf Sternensysteme, in denen heute Neues entsteht und sich entwickelt, während Altes vergeht und verglüht.
Immer wieder setzt der Verfasser bei naheliegenden alltäglichen Erfahrungen an, um Leserinnen und Leser in die verschlungenen Vorgänge zu entführen. Er deckt unterschiedliche Begriffsinhalte auf, wenn zum Beispiel mit Chaos nicht einfach ein lebensbedrohendes Durcheinander gemeint ist, sondern Abläufe signalisiert werden, die zugleich nach festen Gesetzmässigkeiten ablaufen, deren Fülle der möglichen Ereignisse aber nicht voraussagen lässt, welches tatsächlich eintreten wird. Damit tritt an die Stelle früherer deterministischer Entwicklungstheorien die Sicht eines kreativen Freiraums.
Mit immer neuen Beispielen zeigt der Verfasser die Möglichkeiten der naturwissenschaftlichen Methode, aber nicht weniger deutlich auch deren Grenzen, weil sie nicht die ganze Wirklichkeit auszuloten vermag. Es gelingt ihm, das Staunen zu wecken und damit auf eine Wahr-nehmung aufmerksam zu machen, in der das Subjekt als betroffenes vermehrt eingebunden ist. Hier gewinnt die menschliche Deutung das ihr eigene Gewicht. In solchem die unmittelbar messbaren Abläufe übersteigendem Ahnen wird der Raum für menschlich verantworteten und religiös fundierten Glauben offen. Es ist der Raum, in dem auch der Naturwissenschaftler inspiriert vom Ps 19 sein staunendes neues Loblied formuliert (S. 69ff.). Hier wird nicht der vergebliche Versuch propagiert, Gott als «Lückenbüsser» aufzubieten, wo die Naturwissenschaft eine Lücke (noch) nicht erklären kann. Gott ist in allem gegenwärtig, aber nicht mit naturwissenschaftlicher Methode nachzuweisen. Im Blick auf die Zukunft kann hier die Hoffnung ihre Wurzeln schlagen.
Wer sich über die heutige Sicht der Welt in Werden und Vergehen orientieren will; wer Anregung sucht für ein ehrfürchtiges Staunen; wem das weiterführende Gespräch zwischen Theologie und Naturwissenschaft ein Anliegen ist; wer heute den Glauben an Gott, den Schöpfer verkünden will ­ solche Menschen sollten sich die Lektüre dieses Buches von Arnold Benz nicht entgehen lassen. Sie werden dem Verfasser für die Erweiterung des Horizontes Dank wissen.

Rudolf Schmid


«Schtetl Zürich»

Livio Piatti, Schtetl Zürich. Von orthodoxen jüdischen Nachbarn, Offizin Verlag, Zürich 1997, 176 Seiten mit über 80 Duplex-Abbildungen.

Abgesehen von den Auseinandersetzungen um die Wiedergutmachung von Holocaust-Unrecht tritt das Judentum bei uns öffentlich oder in der Öffentlichkeit vor allem als Staat Israel und in den Städten als orthodoxes Judentum in Erscheinung. So lebt in Zürich eine der grossen orthodoxen jüdischen Glaubensgemeinschaften Mitteleuropas. Sie macht vielleicht einen Viertel der rund 6000 Seelen zählenden jüdischen Gemeinschaft von Zürich aus, bestimmt aber in den Quartieren Aussersihl, Wiedikon und Enge das äusserlich sichtbare Bild. Ihrem Leben ist der freischaffende Zürcher Fotograf Livio Piatti in den letzten Jahren einfühlsam nachgegangen. Dabei fotografierte er die orthodoxen jüdischen Nachbarn nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch in gemeindlichen und familiären Zusammenhängen. So ist ein eindrückliches Bild entstanden, das der Fotograf selber kundig kommentiert.
Ergänzt werden die Fotos und Bildkommentare von Livio Piatti mit Textbeiträgen mehrerer jüdischer Autoren und einer jüdischen Autorin: So wird jüdisches Leben in Zürich auch in einer historischen Perspektive zur Sprache gebracht (Ralph Weingarten und Felix Rom); Michel Bollag nimmt die Frage, weshalb die Tora mit der Schöpfungsgeschichte beginnt, zum Ausgangspunkt für einen theologisch-spirituellen Beitrag; Berthold Rothschild bedenkt den sozialen Zusammenhalt des orthodoxen Judentums; Elisabeth Weingarten-Guggenheim übernahm die «kaum lösbare Aufgabe», über die Frau im Judentum zu schreiben; Raphael Pifko erzählt von seinem Besuch der Jeschiwa (Talmudschule) in Kriens; abschliessend führt der Ökonom Moshe Michael Glass mit Texten aus verschiedenen Jahrhunderten an das jüdische Selbstverständnis heran.
Das schön gestaltete Buch dokumentiert so nicht nur orthodoxes jüdisches Leben in Zürich, sondern bietet damit zugleich eine anschauliche und kundige Einführung in konkretes Judentum.

Rolf Weibel


Hans Urs von Balthasar

Thomas Krenski, Hans Urs von Balthasar. Das Gottesdrama, Reihe: Theologische Profile, Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz 1995, 184 S.

Die Vorstellung von Hans Urs von Balthasar in der Grünewald-Reihe «Theologische Profile» ist sehr gut gelungen. Der Autor führt von einer originellen Balthasar-Biographie her zum Theologen und Akademikerseelsorger Hans Urs von Balthasar. Diese sorgfältig modellierte Biographie zeigt eine Persönlichkeit von genialer künstlerischer Prägung. Das Buch gibt auch erschöpfend und vornehm Auskunft über dramatische Kapitel des Lebens: den Bruch mit der Gesellschaft Jesu, die Gründung der Säkularinstitute und der Akademikergemeinschaft und besonders die Begleitung der Mystikerin Adrienne von Speyr. Hans Urs von Balthasar hat seit seinen Studienjahren den Aufbruch aus einer verkrusteten Theologie in die Freiheit des Zweiten Vatikanums erlebt und erlitten. So gibt diese Biographie auch Aufschluss über die damals prägenden Dozenten der Jesuitenschule Fourvières in Lyon: de Lubac, Deniélou usw. Ein halbes Jahrhundert theologischer Auseinandersetzung wird da mit präzisen Informationen vorgeführt. Natürlich wird die Eigenart dieses theologischen Vordenkers eingehend dargestellt; seine Beiträge zur Trinitätstheologie, zur Theologie des Karsamstags, die Lehre von der All-Erlösung. Das Buch bietet allen, die sich für Balthasar und sein Werk interessieren, einen verlässlichen und gut lesbaren Zugang.

Leo Ettlin


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1997