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Die Umweltethik hat sich in den letzten 15 Jahren als eigenständiger
Bereich der theologischen Ethik etabliert. Die ökologische Problematik
fand ihren Niederschlag in einer theologischen Ethik, der es weniger um
die Fortschreibung eigener Traditionen als um das Bewältigen realer
Herausforderungen geht. Aber auch die ökologische Dimension «klassischer»
Probleme der Sozialethik wird inzwischen erkannt. So hat eine grossangelegte
Studie der Schweizerischen Friedensstiftung (Bern) auf die Umweltzerstörung
als Ursache von Konflikten vor allem in der Dritten Welt hingewiesen. <1>
Und dass Fragen des Ressourcenverbrauchs und der Umweltbelastung
auch unter dem Gesichtspunkt der Gerechtigkeit zwischen den Generationen
zu beurteilen sind, dürfte inzwischen allen Interessierten klar sein.
Das heisst aber nicht, dass das Kriterium der intergenerationellen Gerechtigkeit
auch wirklich immer beachtet würde; so meinte beispielsweise kürzlich
eine sogenannte «Arbeitsgruppe Christen und Energie», zur Verringerung
der CO2-Belastung der Atmosphäre auch die Kernenergie propagieren zu
können, ohne die Frage auch nur aufzuwerfen, ob wir uns berechtigt
fühlen dürfen, unseren Nachkommen über Tausende von Jahren
hinweg radioaktive Abfälle zu hinterlassen. <2>
Eine christliche Umweltethik wird heute von einem breiten Konsens in drei
Kernfragen ausgehen können:
Aus der Feder von Schweizer Autoren sind in jüngster Zeit zwei umfangreiche
Monographien erschienen, die diese Grundthesen in unterschiedlicher,
aber sich ergänzender Weise beleuchten. Christoph Stückelberger,
Zentralsekretär des evangelischen Hilfswerks «Brot für alle»,
wählt mit seiner (1995 von der theologischen Fakultät der Universität
Basel als Habilitationsschrift angenommenen) Untersuchung «Umwelt
und Entwicklung» einen im Grunde tugendethischen Ansatz, was man vom
Titel her nicht unbedingt erwarten würde. <3> Ausgangspunkt
der ungeheuer materialreichen und mit umfassenden Literaturangaben ausgestatteten
Überlegungen sind nämlich nicht, wie für eine «sozialethische
Orientierung» anzunehmen, Aspekte der ökologischen Gerechtigkeit
(Verteilungsgerechtigkeit zwischen den Generationen und Weltregionen und
Gerechtigkeit zwischen Mensch und Natur), sondern die Tugend des Masses.
Ohne sich von vornherein auf eine unreflektiert einseitige anthropozentrische
Ausgangsposition festlegen zu lassen, um von daher den eigenen Ansatz deduktiv
zu entfalten, fragt Stückelberger nach dem richtigen Mass im Umgang
mit der Natur. Er versteht den Menschen als Gast Gottes und als Gastgeber
gegenüber Mitmenschen und Mitwelt (235), und diesem im eigentlichen
Sinne theozentrischen Ansatz gelingt es in durchaus plausibler Art und Weise,
die Differenz zwischen anthropozentrischen und biozentrischen Ansätzen
in der Umweltethik zu überbrücken (242; 247).
Die Studie gipfelt in zweimal zwölf «Leitlinien der Gästeordnung»
auf der Erde, die die Art und Weise beschreiben sollen, wie das rechte Mass
des Lebens im Gästehaus der Erde gefunden werden kann und welches dieses
Mass ist. Der Autor versteht es so, auf plausible, aber erfrischend «untheoretische»
Weise (wie das tugendethischen Ansätzen eigen sein muss) die Merkmale
eines theologisch reflektierten Ethos des Masshaltens aufzuzeigen. Kritische
Rückfragen nach der Herleitung, Systematik und Vollständigkeit
dieser Leitlinien wären hier fehl am Platz, geht es dem Autor doch
letztlich darum, zu zeigen, dass ein bewusst massvolles Leben möglich
ist und sogar Gewinn freilich nicht materiellen, nicht quantitativen,
sondern qualitativen Gewinn verspricht. Dem eher theoretisch interessierten
Leser bietet der Band ausserdem ein Referat von etwa 30 umweltethischen
Ansätzen (von denen freilich nur ein Teil unter die Rubrik «Ethos
des Masses» zu subsumieren wäre) sowie besonders wertvoll
eine kurzgefasste Geschichte der Tugend des Masses (wobei sich der
Autor leider auf die abendländische Tradition beschränkt; aber
noch mehr zu fordern, wäre wohl wirklich zu viel verlangt).
Die Studie Stückelbergers möchte «ethische Entscheidungshilfen,
keine Rezepte liefern» (21). Drei dieser Entscheidungshilfen sollen
hier genannt werden: In der Natur selbst finden wir erstens keine naturwissenschaftlich
erhebbaren Regeln des Masses, an denen wir unser Leben zweifelsfrei ausrichten
könnten; letztlich geht es hier um Entscheidungsfragen, die nur ethisch
lösbar sind. Diese Einsicht verhilft vielleicht zu einem unverkrampfteren
und selbstbewussten Umgang mit naturwissenschaftlichen Heils- und Unheilspropheten.
Für eine christliche Umweltethik ist zweitens die Unterscheidung zwischen
Schöpfer und Geschöpf entscheidend; jedem Pantheismus ist damit
die theologische Legitimation entzogen. Wie weit allerdings der Panentheismus
(nicht: Gott ist alles, sondern: alles in Gott) ebenfalls mit der Geschöpflichkeit
des Geschaffenen vereinbar ist (245), wäre im Einzelfall noch zu klären.
Und drittens: Jede christliche Schöpfungstheologie und Schöpfungsethik
bleibt unvollständig, wenn sie nicht auch vom eschatologischen Ziel
der Vollendung und Erlösung der Schöpfung her denkt. Was diese
Dimension der Hoffnung (immerhin, wie die Tradition lehrt, auch eine Tugend)
für eine gerechtigkeitstheoretisch verfahrende Umweltethik austrägt,
ist schwer zu sehen; für eine ökologisch erneuerte Tugendethik
könnte sie aber von ungeheurer Kraft sein.
Die von Wilfried Lochbühler vorgelegte Studie «Christliche
Umweltethik» (Dissertation an der Theologischen Fakultät der
Hochschule Luzern) geht einen ganz anderen Weg. <4> Es ist ihr grosses
Verdienst, die philosophischen und vor allem theologischen Möglichkeiten
(bzw. eben auch Unmöglichkeiten) umweltethischer Argumentation einer
kritisch-konstruktiven Prüfung zu unterziehen. Eine ökologische
Theologie hat selbstverständlich beim Schöpfungsbegriff
anzusetzen, doch gibt dieser Begriff weniger her, als oft gemeint wird.
Lochbühler referiert in einem sehr informativen und nützlichen
Kapitel über das AT die dortige Entsakralisierung der Natur, die eben
nicht, wie Amery, Drewermann und andere meinten, zu deren Objektivierung
und Degradierung führte, sondern die Dimension der Kreatürlichkeit
in einem theozentrischen Kontext eröffnete (82f.; 113). Anthropozentrik
und Physiozentrik sind also falsche Alternativen in Wahrheit geht
es um eine theozentrische Mitgeschöpflichkeit des Menschen im ganzen
der Schöpfung. Das bedeutet gleichzeitig aber auch, dass die naiv-fromme
Rede von der «Heiligkeit der Schöpfung» wenig hilfreich,
ja sogar irreführend und falsch ist; der Natur kommt vielmehr ein sakramentaler
(weder sakraler noch profaner) Status zu (163; 170). In diesem, aber auch
nur in diesem Sinne kann von einer «Immanenz Gottes in der Schöpfung
unter Wahrung seiner Transzendenz» (190) gesprochen werden womit
Lochbühler, die Transzendenz des Schöpfers und so die Trennung
von Schöpfer und Geschöpf bewahrend, meines Erachtens zu Recht
auch den oben erwähnten Panentheismus ausschliesst (192). Um Missverständnissen
vorzubeugen, sei aber sogleich hinzugefügt, dass das keinesfalls heisst,
die nichtmenschlichen Schöpfungsbereiche hätten nur eine auf den
Menschen bezogene Bedeutung (198).
Gleichwohl, so das im Grunde ernüchternde Fazit Lochbühlers, erlaubt
der theologische Schöpfungsbegriff allein noch keine hinreichenden
Kriterien für eine normative Umweltethik (200). Deshalb wendet er sich
den verschiedenen Ansätzen einer philosophischen Umweltethik zu, die
kenntnisreich dargestellt und genau analysierend diskutiert werden. Es wird
gezeigt, dass die Anthropozentrik unhintergehbar ist, wenn eine Umweltethik
überhaupt möglich sein soll (266ff.). Trotz aller reisserischen
Literatur, die anderes behauptet, zeigt Lochbühler, dass am Anthropozentrismus
festgehalten werden darf und festgehalten werden soll. Ein ökologisch
reflektierter Anthropozentrismus bedeutet, wie oben bereits betont, nie
und nimmer eine Abwertung der subhumanen Natur zu einer beliebigen Verfügungsmasse.
Für den sozialethisch und politisch Interessierten besonders lesenswert
ist schliesslich die kompakte Auslegeordnung umweltökonomischer und
-politischer Ansätze. Nach Auskunft der dafür fachkompetenten
Gattin des Rezensenten gibt Lochbühler hier einen umfassenden und präzise
informierenden Überblick über die aktuelle Diskussion, der sich
wohltuend realistisch und pragmatisch ausnimmt. Alles in allem also ein
äusserst lesenswertes Buch. <5>
Der im Fachbereich Ethik promovierte Theologe Christian Kissling ist deutschsprachiger Sekretär der Nationalkommission Justitia et Pax
<1>
Vgl. G. Bächler (Hrsg.), Kriegsursache Umweltzerstörung. Ökologische
Konflikte in der Dritten Welt und Wege ihrer friedlichen Bearbeitung, 3
Bde., Chur (Rüegger) 1996.
<2>
Vgl. Ethik und Energiepolitik. Ein Grundlagenpapier der Arbeitsgruppe Christen
und Energie zur schweizerischen Energiepolitik, Bolligen 1996.
<3>
Ch. Stückelberger, Umwelt und Entwicklung. Eine sozialethische Orientierung,
Stuttgart (Kohlhammer) 1997, 380 S.
<4>
W. Lochbühler, Christliche Umweltethik. Schöpfungstheologische
Grundlagen Philosophisch-ethische Ansätze Ökologische
Marktwirtschaft, (Forum Interdisziplinäre Ethik Bd. 13), Frankfurt
a.M. (Lang) 1996, 481 S.
<5>
Mit seiner Dissertation wurde Wilfried Lochbühler 1996 denn auch erster
Preisträger des «Prälat-Dr.-Franz-Müller-Wissenschaftspreises»
zur Förderung der Reflexion wirtschafts- und sozialethischer Grundsatzfragen
aus der Sicht der Katholischen Soziallehre, der vom Katholisch-Sozialen
Institut der Erzdiözese Köln vergeben wird. (Anm. der Redaktion.)