SKZ 42/1997

INHALT

Neue Bücher

Umweltethik

Die Umweltethik hat sich in den letzten 15 Jahren als eigenständiger Bereich der theologischen Ethik etabliert. Die ökologische Problematik fand ihren Niederschlag in einer theologischen Ethik, der es weniger um die Fortschreibung eigener Traditionen als um das Bewältigen realer Herausforderungen geht. Aber auch die ökologische Dimension «klassischer» Probleme der Sozialethik wird inzwischen erkannt. So hat eine grossangelegte Studie der Schweizerischen Friedensstiftung (Bern) auf die Umweltzerstörung als Ursache von Konflikten vor allem in der Dritten Welt hingewiesen. <1> Und dass Fragen des Ressourcenverbrauchs und der Umweltbelastung auch unter dem Gesichtspunkt der Gerechtigkeit zwischen den Generationen zu beurteilen sind, dürfte inzwischen allen Interessierten klar sein. Das heisst aber nicht, dass das Kriterium der intergenerationellen Gerechtigkeit auch wirklich immer beachtet würde; so meinte beispielsweise kürzlich eine sogenannte «Arbeitsgruppe Christen und Energie», zur Verringerung der CO2-Belastung der Atmosphäre auch die Kernenergie propagieren zu können, ohne die Frage auch nur aufzuwerfen, ob wir uns berechtigt fühlen dürfen, unseren Nachkommen über Tausende von Jahren hinweg radioaktive Abfälle zu hinterlassen. <2>
Eine christliche Umweltethik wird heute von einem breiten Konsens in drei Kernfragen ausgehen können:

Umwelt und Entwicklung

Aus der Feder von Schweizer Autoren sind in jüngster Zeit zwei umfangreiche Monographien erschienen, die diese Grundthesen ­ in unterschiedlicher, aber sich ergänzender Weise ­ beleuchten. Christoph Stückelberger, Zentralsekretär des evangelischen Hilfswerks «Brot für alle», wählt mit seiner (1995 von der theologischen Fakultät der Universität Basel als Habilitationsschrift angenommenen) Untersuchung «Umwelt und Entwicklung» einen im Grunde tugendethischen Ansatz, was man vom Titel her nicht unbedingt erwarten würde. <3> Ausgangspunkt der ungeheuer materialreichen und mit umfassenden Literaturangaben ausgestatteten Überlegungen sind nämlich nicht, wie für eine «sozialethische Orientierung» anzunehmen, Aspekte der ökologischen Gerechtigkeit (Verteilungsgerechtigkeit zwischen den Generationen und Weltregionen und Gerechtigkeit zwischen Mensch und Natur), sondern die Tugend des Masses. Ohne sich von vornherein auf eine unreflektiert einseitige anthropozentrische Ausgangsposition festlegen zu lassen, um von daher den eigenen Ansatz deduktiv zu entfalten, fragt Stückelberger nach dem richtigen Mass im Umgang mit der Natur. Er versteht den Menschen als Gast Gottes und als Gastgeber gegenüber Mitmenschen und Mitwelt (235), und diesem im eigentlichen Sinne theozentrischen Ansatz gelingt es in durchaus plausibler Art und Weise, die Differenz zwischen anthropozentrischen und biozentrischen Ansätzen in der Umweltethik zu überbrücken (242; 247).
Die Studie gipfelt in zweimal zwölf «Leitlinien der Gästeordnung» auf der Erde, die die Art und Weise beschreiben sollen, wie das rechte Mass des Lebens im Gästehaus der Erde gefunden werden kann und welches dieses Mass ist. Der Autor versteht es so, auf plausible, aber erfrischend «untheoretische» Weise (wie das tugendethischen Ansätzen eigen sein muss) die Merkmale eines theologisch reflektierten Ethos des Masshaltens aufzuzeigen. Kritische Rückfragen nach der Herleitung, Systematik und Vollständigkeit dieser Leitlinien wären hier fehl am Platz, geht es dem Autor doch letztlich darum, zu zeigen, dass ein bewusst massvolles Leben möglich ist und sogar Gewinn ­ freilich nicht materiellen, nicht quantitativen, sondern qualitativen Gewinn ­ verspricht. Dem eher theoretisch interessierten Leser bietet der Band ausserdem ein Referat von etwa 30 umweltethischen Ansätzen (von denen freilich nur ein Teil unter die Rubrik «Ethos des Masses» zu subsumieren wäre) sowie ­ besonders wertvoll ­ eine kurzgefasste Geschichte der Tugend des Masses (wobei sich der Autor leider auf die abendländische Tradition beschränkt; aber noch mehr zu fordern, wäre wohl wirklich zu viel verlangt).
Die Studie Stückelbergers möchte «ethische Entscheidungshilfen, keine Rezepte liefern» (21). Drei dieser Entscheidungshilfen sollen hier genannt werden: In der Natur selbst finden wir erstens keine naturwissenschaftlich erhebbaren Regeln des Masses, an denen wir unser Leben zweifelsfrei ausrichten könnten; letztlich geht es hier um Entscheidungsfragen, die nur ethisch lösbar sind. Diese Einsicht verhilft vielleicht zu einem unverkrampfteren und selbstbewussten Umgang mit naturwissenschaftlichen Heils- und Unheilspropheten. Für eine christliche Umweltethik ist zweitens die Unterscheidung zwischen Schöpfer und Geschöpf entscheidend; jedem Pantheismus ist damit die theologische Legitimation entzogen. Wie weit allerdings der Panentheismus (nicht: Gott ist alles, sondern: alles in Gott) ebenfalls mit der Geschöpflichkeit des Geschaffenen vereinbar ist (245), wäre im Einzelfall noch zu klären. Und drittens: Jede christliche Schöpfungstheologie und Schöpfungsethik bleibt unvollständig, wenn sie nicht auch vom eschatologischen Ziel der Vollendung und Erlösung der Schöpfung her denkt. Was diese Dimension der Hoffnung (immerhin, wie die Tradition lehrt, auch eine Tugend) für eine gerechtigkeitstheoretisch verfahrende Umweltethik austrägt, ist schwer zu sehen; für eine ökologisch erneuerte Tugendethik könnte sie aber von ungeheurer Kraft sein.

Christliche Umweltethik

Die von Wilfried Lochbühler vorgelegte Studie «Christliche Umweltethik» (Dissertation an der Theologischen Fakultät der Hochschule Luzern) geht einen ganz anderen Weg. <4> Es ist ihr grosses Verdienst, die philosophischen und vor allem theologischen Möglichkeiten (bzw. eben auch Unmöglichkeiten) umweltethischer Argumentation einer kritisch-konstruktiven Prüfung zu unterziehen. Eine ökologische Theologie hat ­ selbstverständlich ­ beim Schöpfungsbegriff anzusetzen, doch gibt dieser Begriff weniger her, als oft gemeint wird. Lochbühler referiert in einem sehr informativen und nützlichen Kapitel über das AT die dortige Entsakralisierung der Natur, die eben nicht, wie Amery, Drewermann und andere meinten, zu deren Objektivierung und Degradierung führte, sondern die Dimension der Kreatürlichkeit in einem theozentrischen Kontext eröffnete (82f.; 113). Anthropozentrik und Physiozentrik sind also falsche Alternativen ­ in Wahrheit geht es um eine theozentrische Mitgeschöpflichkeit des Menschen im ganzen der Schöpfung. Das bedeutet gleichzeitig aber auch, dass die naiv-fromme Rede von der «Heiligkeit der Schöpfung» wenig hilfreich, ja sogar irreführend und falsch ist; der Natur kommt vielmehr ein sakramentaler (weder sakraler noch profaner) Status zu (163; 170). In diesem, aber auch nur in diesem Sinne kann von einer «Immanenz Gottes in der Schöpfung unter Wahrung seiner Transzendenz» (190) gesprochen werden ­ womit Lochbühler, die Transzendenz des Schöpfers und so die Trennung von Schöpfer und Geschöpf bewahrend, meines Erachtens zu Recht auch den oben erwähnten Panentheismus ausschliesst (192). Um Missverständnissen vorzubeugen, sei aber sogleich hinzugefügt, dass das keinesfalls heisst, die nichtmenschlichen Schöpfungsbereiche hätten nur eine auf den Menschen bezogene Bedeutung (198).
Gleichwohl, so das im Grunde ernüchternde Fazit Lochbühlers, erlaubt der theologische Schöpfungsbegriff allein noch keine hinreichenden Kriterien für eine normative Umweltethik (200). Deshalb wendet er sich den verschiedenen Ansätzen einer philosophischen Umweltethik zu, die kenntnisreich dargestellt und genau analysierend diskutiert werden. Es wird gezeigt, dass die Anthropozentrik unhintergehbar ist, wenn eine Umweltethik überhaupt möglich sein soll (266ff.). Trotz aller reisserischen Literatur, die anderes behauptet, zeigt Lochbühler, dass am Anthropozentrismus festgehalten werden darf und festgehalten werden soll. Ein ökologisch reflektierter Anthropozentrismus bedeutet, wie oben bereits betont, nie und nimmer eine Abwertung der subhumanen Natur zu einer beliebigen Verfügungsmasse. Für den sozialethisch und politisch Interessierten besonders lesenswert ist schliesslich die kompakte Auslegeordnung umweltökonomischer und -politischer Ansätze. Nach Auskunft der dafür fachkompetenten Gattin des Rezensenten gibt Lochbühler hier einen umfassenden und präzise informierenden Überblick über die aktuelle Diskussion, der sich wohltuend realistisch und pragmatisch ausnimmt. Alles in allem also ein äusserst lesenswertes Buch. <5>

Der im Fachbereich Ethik promovierte Theologe Christian Kissling ist deutschsprachiger Sekretär der Nationalkommission Justitia et Pax

Anmerkungen

<1>
Vgl. G. Bächler (Hrsg.), Kriegsursache Umweltzerstörung. Ökologische Konflikte in der Dritten Welt und Wege ihrer friedlichen Bearbeitung, 3 Bde., Chur (Rüegger) 1996.

<2>
Vgl. Ethik und Energiepolitik. Ein Grundlagenpapier der Arbeitsgruppe Christen und Energie zur schweizerischen Energiepolitik, Bolligen 1996.

<3>
Ch. Stückelberger, Umwelt und Entwicklung. Eine sozialethische Orientierung, Stuttgart (Kohlhammer) 1997, 380 S.

<4>
W. Lochbühler, Christliche Umweltethik. Schöpfungstheologische Grundlagen ­ Philosophisch-ethische Ansätze ­ Ökologische Marktwirtschaft, (Forum Interdisziplinäre Ethik Bd. 13), Frankfurt a.M. (Lang) 1996, 481 S.

<5>
Mit seiner Dissertation wurde Wilfried Lochbühler 1996 denn auch erster Preisträger des «Prälat-Dr.-Franz-Müller-Wissenschaftspreises» zur Förderung der Reflexion wirtschafts- und sozialethischer Grundsatzfragen aus der Sicht der Katholischen Soziallehre, der vom Katholisch-Sozialen Institut der Erzdiözese Köln vergeben wird. (Anm. der Redaktion.)


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1997