SKZ 51-52/1997

INHALT

Berichte

Die Realität wahrnehmen

von Martin Spilker

«Die Flucht vor der Realität gehört auch zum Bild der Kirche, das wir heute kennen.» Leo Karrer, Professor für praktische Theologie in Freiburg i.Ü., rückte bereits in seiner Einleitung zum Hauptreferat an der Jahrestagung des Vereins Information kirchliche Berufe IKB am 24./25. Oktober 1997 in Einsiedeln einen zentralen Punkt für die Berufspastoral der Zukunft ins Zentrum der Aufmerksamkeit: Will die Kirche in der heutigen Zeit ihrer Sendung nachkommen, so hat sie sich zuerst den Herausforderungen der Gegenwart zu stellen und sich zu fragen, ob sie in ihrer gegenwärtigen Struktur die von ihr erwarteten Funktionen auch leisten kann.

Neue gesellschaftliche Voraussetzungen

Ausgehend von einer gesamtpastoralen Analyse der Veränderung der kirchlichen Strukturen und des Hierarchieverständnisses gelang es Leo Karrer sehr schnell, die unmittelbaren Verbindungen und gegenseitigen Auswirkungen zwischen Veränderungen der Position der Kirche innerhalb der Gesellschaft und den aktuellen Schwierigkeiten bei der Suche nach kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, im besonderen von Priestern, herzustellen. Damit sich die Kirche den heutigen Anforderungen stellen könne, so Leo Karrer, bedürfe es der Kenntnis der gesellschaftlichen Situation der vergangenen Jahrzehnte. Denn, so der Pastoraltheologe, die Voraussetzungen hätten sich komplett gewandelt.

In einem Rückblick auf die Zeit des Katholizismus seit Entstehung der modernen Demokratien bis vor wenigen Jahrzehnten wies Karrer darauf hin, dass damals zahlreiche volkskirchliche Bewegungen der offiziellen Lehrmeinung der Kirche voraus gewesen seien. Den Erfolg des Katholizismus erklärte der Pastoraltheologe damit, dass die damals gegründeten katholischen Vereine, religiösen Gemeinschaften und Bewegungen alle auf aktuelle soziale Herausforderungen aufgrund der neugewonnenen Freiheiten reagiert hätten.

Alten Strukturen verpflichtet

Während sich die gesellschaftlichen Bedingungen seither aber vollkommen verändert hätten, sei man in der Kirche vielerorts immer noch den alten Strukturen und den daraus entspringenden Verhaltensweisen verpflichtet. Die Kirche habe aber sowohl von ihrer Botschaft wie auch von ihrer Struktur her durchaus die Möglichkeit, sich den aktuellen Herausforderungen zu stellen und so wieder vermehrt zu einer Institution zu werden, die dem Menschen Orientierung und konkrete Hilfen bieten könne. Karrer sprach dabei von einer religiösen Diakonie, einer kritischen Einmischung durch die Kirche in die Suchbewegung in unserer Gesellschaft. Doch gelinge es der Kirche nur dann, eine sakramentale Transparenz zu schaffen, wenn sie die umgebenden Realitäten wahrnehme, wiederholte der Referent. Dass die Kirche innerhalb der sich wandelnden Gesellschaft sich nicht in dem ihr zur Verfügung stehenden Spielraum gewandelt habe, dafür machte der Freiburger Pastoraltheologe die Amtskirche verantwortlich, die auf die aus dem Prozess einer sich verändernden Situation entstandenen innerkirchlichen Spannungen stets mit Einheitsdenken reagiert habe.

Für die Anliegen der Berufspastoral sei die Wahrnehmung der Kirche in der Gesellschaft deshalb von grosser Bedeutung, weil das Interesse an der Institution einerseits, und damit andererseits auch an den Tätigkeiten und Aufgaben innerhalb der Kirche, sehr stark davon abhänge, wie glaubwürdig sich die Kirche in unserer Zeit verhalte. Die Art und Weise, wie sich die Kirche um ihren Nachwuchs gekümmert habe, hätte sich in all den gesellschaftlichen Veränderungen kaum gewandelt. «Wir waren, was die Anzahl der Kirchenberufe betrifft, in der Vergangenheit verwöhnt worden», betonte Leo Karrer, und schloss daraus: «Heute müssen wir bei der Förderung kirchlicher Berufe von einer Pastoral des Erntens zu einer Pastoral des Säens finden.» Dies bedinge aber auch das Wissen darum, dass die Früchte dieser Saat nicht sofort zu ernten seien, dass sich also die Kirche auch noch weiterhin mit personellen Engpässen beschäftigen müsse.

Rahmen sprengen

«Christsein in der heutigen Gesellschaft verändert sich, doch niemand weiss so recht, wie es in Zukunft aussehen wird.» Mit diesen Worten machte Amanda Ehrler, Mitarbeiterin der Arbeitsstelle Information kirchliche Berufe in Zürich, dann auch deutlich, dass die Förderung der kirchlichen Berufe einen Prozess erfordere, dessen Ergebnis nicht an mengenmässig definierten Zielen zu messen sei. Vielmehr müsse es darum gehen, die Berufspastoral als Teil einer notwendigen Erneuerung des gesamten kirchlichen Auftretens in der heutigen Gesellschaft mit ihren aktuellen Herausforderungen zu sehen. Ganz im Sinn einer im Glauben verankerten Hoffnung könne es aber auch nicht darum gehen, angesichts der personellen Schwierigkeiten in Wehklagen auszubrechen. Der Verein und die Arbeitsstelle Information kirchliche Berufe legen denn auch im kommenden Jahr unter dem Titel «Christsein sprengt Rahmen» den Schwerpunkt ihrer Arbeit auf die Ermutigung zu einem christlich orientierten Leben und Handeln in unserer Gesellschaft.

Dort, wo Kirche als eine Grösse wahrgenommen werde, die sich um die konkreten Bedürfnisse der Menschen kümmere, steige auch die Wertschätzung der Kirche wieder, wurde von den Tagungsteilnehmern weiter festgestellt. So wurden zum Schluss der Tagung in Einsiedeln aus verschiedenen Regionen mit Erfolg durchgeführte pastorale Modelle einer solchen Neuausrichtung kirchlichen Handelns vorgestellt, beispielsweise Glaubenswochen für Pfarreien, Pfarreierneuerung, Exerzitien im Alltag, Religionstage mit Schülerinnen und Schülern, Tauferneuerung mit Tauffamilien oder spirituelle Begleitung für Jugendliche. Die Modelle werden in der nächsten Arbeitsmappe für kirchliche Berufe, die zum Weltgebetstag anfangs Mai 1998 erscheint, ausführlich vorgestellt. Für nähere Angaben zum jetzigen Zeitpunkt kann bei der Arbeitsstelle IKB (Hofackerstrasse 19, 8053 Zürich, Telefon 01-3818887) die Kontaktadresse für diese Projekte angefragt werden.


Churer Philosophentag zu «Glauben»

von Heinrich Reinhardt

Am zweiten Samstag im November 1997 fand an der Theologischen Hochschule Chur der bereits traditionelle «Philosophentag» zum 5. Mal statt. Er stand diesmal unter der Überschrift «Glauben».

Die thematische Einführung bot Prof. Heinrich Reinhardt (Chur) mit dem Vortrag «Das Glauben ist ein Sprechen ­ Anthropologische und sprachmetaphysische Ortung des Phänomens Glauben». Er zeigte auf, dass im Glauben ein Prozess des Vertrauensuchens und -findens in Gang kommt: von Ich zu Du, also ausschliesslich personal. Wesentlich hierbei ist die Hingabe, die «erhebliche personale Investition». In der Hingabe stellt sich das Ich (und dann das Du) objektiv dar, es «sagt sich aus». Daher muss man «Sprechen» als Grundcharakter des Glaubens ansehen. Übrigens nicht nur des Glaubens. Auch in den anderen Arten menschlich qualifizierten Sprechens ­ Denken, Handeln, künstlerische Tätigkeiten ­ geschieht Hingabe an die Sache, Sich-Aussprechen in sehr tiefer und objektiv gültiger Weise, und dabei kommt immer ein urtümliches Vertrauen (Sich-Verlassen) auf Vorgegebenes ins Spiel. So enthüllt sich Vertrauen als in allen spezifisch menschlichen Akten schon mitvollzogene Leistung. Diese wird im personalen, besonders im religiösen Glauben nur ausdrücklich gemacht. Als religiöses Glauben kennt es die definitive Bindung, in der das vollständige Vertrauen zur glückbringenden Geborgenheit wird. Das zeigt sich im Gebet, das, gleichgültig ob Bitte oder Lobgesang, stets jene Fülle von Vertrauen ausspricht, die zwischen endlichem Ich und unendlichem Du möglich wird.

Die Mannheimer Privatdozentin Christiane Reitz sprach in ihrem anschliessenden Referat über die Gleichnistechnik Jesu. Einem lückenlosen Überblick über die antike Begriffsgeschichte zum Thema «Gleichnis» und einem gekonnten Durchgang durch die Gleichnisforschung der modernen Exegese liess die Referentin eine eigenständige Analyse einiger Gleichnisse aus den Evangelien folgen. Sie fand als gemeinsamen Grundzug, dass die Gleichnisse in einer alltagsnahen Erzählung die Pointe genau umkehren, das heisst durch bewusste Enttäuschung der Erwartung der Hörer das Unerwartete als eigentlich interessanten Erlebnisraum aufwerten. So werden sie ­ provozierend oder zumindest Neugierde erweckend ­ zum Vorhof des Absoluten: sie lassen dem Hörer Freiheit und Zeit, sich jener unvergleichbaren Dimension anzunähern, denn sie nageln nicht dogmatisch fest, sie lassen fast alles in der Schwebe; und doch ziehen sie unauffällig dorthin, wo letztlich der Mensch nur durch einen Kierkegaardschen «Sprung» in die letzte, wahre Sicherheit hineinkommt. Dieser Sprung ist, wie hernach in der Diskussion ein Teilnehmer formulierte, nur als «Gehorsam» verständlich, und zwar als freier Gehorsam gegenüber einem über-vertrauenswürdigen Du.

Jeder Glaube, sobald er zu einem vollständig in Bindung auslaufenden Glaubensakt geworden ist, muss sich öffentlich zeigen. Das gehört zum Wesen des Glaubens. Also übt er, gerade als religiöser Glaube, prägende Kräfte auf die Gesellschaft aus. Dies exemplifizierte Lic. iur. can. Alexander Pytlik (Rom) anhand des gesellschaftstheoretischen Ansatzes von Johannes Messner (1891­1984). Unter dem Titel «Glaube formt Gesellschaft» erläuterte Pytlik die wichtigsten Konfigurationen von christlichem Glauben, repräsentiert durch die Katholische Kirche, und säkularer Gesellschaft. Durch seinen klar reflektierten Ordnungsgedanken, der die Mitte hält zwischen ungesundem Supranaturalismus und profanem Naturalismus, kommt Messner zu seiner Lehre von der relativen Autonomie aller Seinsbereiche, also auch der gesellschaftlichen Strukturen. In seinem Denken erhält die Kirche keineswegs eine Über-Kompetenz, die sie zum direkten Eingriff an allen Stellen berechtigte. Infolge ihres übernatürlichen Ursprungs besitzt die Kirche starke, aber stets gestufte Orientierungskräfte, die niemals ohne Respektierung der Freiheit der Individuen wirksam werden. Messner spielt in diesem Zusammenhang zwar die Vision von der «christlichen Gesellschaft» durch, sagt aber sofort dazu, dass diese wegen der erbsündlichen Verfasstheit der Menschheit niemals voll realisierbar ist; sie ist eine produktive Utopie. Staat und Kirche müssen zum gerechten Aufbau einer humanen Gesellschaft in genau beschreibbaren Bahnen zusammenwirken, sollen sich jedoch der Vorläufigkeit alles Menschlichen bewusst bleiben. Die Kirche bekennt gerade in ihrer durch den Pluralismus der Bekenntnisse und Lebensstile ohnehin nahegelegten weisen Zurückhaltung die Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes und die klare, durch keine zeitbedingten Faktoren störbare Glaubensgewissheit des Christen. So formt sie im Sinne Christi die Gesellschaft. Es ist ein unauffälliges Formen, weit entfernt vom ständigen Rufen nach dem «weltlichen Arm», aber um so nachdrücklicher: ein Beispielgeben.
Die Podiumsdiskussion mit allen Referenten verdeutlichte die vorgetragenen Thesen. Die Teilnehmer gingen von sehr handfest konkreten Fragestellungen aus und erkannten so, dass die Realisierung abstrakter Wahrheiten oft ausserordentlich schwer ist. Besonders kam dies zum Ausdruck in der Problematik, wie unter gegebenen Umständen Toleranz und Bekenntnis auszusehen haben. Es wurde noch einmal deutlich, dass Glaube(n) immer mit Risiko und Geheimnis zu tun hat, und dass die Geborgenheit im Glauben nicht bedeutet, auf die Suche nach immer neuen Realisierungswegen zu verzichten.
Der gut besuchte 5. Churer Philosophentag scheint durch seine Straffung (nur 1 Arbeitstag gegenüber früher 3 Tagen) zu einer angemessenen Form gefunden zu haben. Am Schluss gab der Tagungsleiter das Thema des nächstjährigen Philosophentages bekannt: «Dichten».

Heinrich Reinhardt ist Inhaber des Lehrstuhls für Philosophie und Philosophiegeschichte an der Theologischen Hochschule Chur


Die spanischen Missionare in der Schweiz

von Pedro Gil

Vom 18. bis 20. November 1997 versammelten sich die Leiter der Missionen für Spanischsprechende, 26 Missionare und 2 Laien, in Délemont, um sich mit dem Thema Ökumene zu befassen. Der Dominikaner P. Juan Bosch, Direktor des ökumenischen Zentrums «P. Congar» in Valencia, leitete die Tagung.
Anfangs des 20. Jahrhunderts begann das «Abenteuer des Geistes», das Ökumene heisst. Es will an Kraft und Ausdauer gewinnen und in uns eine Sehnsucht erhalten, die Suche im Dialog nach Einheit und Wahrheit. P. Bosch entfaltete vier Themenkreise: a) Ökumene, wesentliche Dimension des christlichen Glaubens. b) Das Suchen nach christlicher Einheit schliesst die Verschiedenheit nicht aus. c) Die reformierte Tradition. Alte Gegenüberstellungen, neue Annäherungen. d) Wie man auf lokalen Ebenen die Ökumene leben kann.
Von den internen Themen der Versammlung sind folgende festzuhalten: die dauernde Fortbildung der Laien; der Rat der Missionare, und die neue Wahl der Delegierten. Dazu gab es Informationen über die Zeitschrift «Ventana Europea», das Internet und das Handbuch der spanischen Welt in der Schweiz.
Anwesend an dieser Versammlung waren auch Bischof Amédée Grab, Delegierter der Schweizer Bischofskonferenz, Dr. Urs Köppel, Nationaldirektor der SKAF, und Don Bartolo Pereira, Nationaldelegierter der Portugiesischen Missionare.


Providentia Priesterstiftung ist beschlossen

von Josef Eberli

Der Schweizerische Priesterverein Providentia hat in einer Urabstimmung die Umwandlung des Vereins in die «Priesterstiftung Providentia» beschlossen. Herr Notar lic. iur. Kurt Bättig hat in einer offiziellen Urkunde das Ergebnis der Urabstimmung bestätigt:
«Den 240 Mitgliedern des Vereins sind am 9. Oktober 1997 Stimmzettel mit den Anträgen zur Urabstimmung zugestellt worden. Innert der angesetzten Frist bis zum 3. November 1997 sind von den 240 Stimmzetteln deren 162 zurückgesandt worden. 4 Stimmzettel (mit Ja) sind verspätet eingegangen. Die Auszählung der Stimmzettel hat folgendes Resultat ergeben: Zustimmung 155, Ablehnung 3, Leer 4.
In der Urabstimmung des Schweizerischen Priestervereins Providentia sind die vom Vorstand gestellten Anträge somit mit 155 von 162 rechtzeitig eingegangenen Stimmzetteln angenommen worden.»
Sobald die Ordinariate Solothurn, St. Gallen und Chur sowie die Inländische Mission ihre Delegierten für den Stiftungsrat ernannt haben, wird der Vorstand die Stiftung gründen und die weiteren Beschlüsse vollziehen.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1997