SKZ 49/1997
Religionsunterricht als Beziehungsarbeit
von Beat Senn-Tremp
Ende Oktober fanden in Zürich, Chur und Altdorf die diesjährigen
Katechetentagungen der Diözese Chur statt. Die rund 200 teilnehmenden
Katechetinnen und Katecheten setzten sich mit dem Thema «Glaubenlernen
ist Beziehungslernen Religionsunterricht als Beziehungsarbeit»
auseinander. Als Referent führte Nick Sieber Mitarbeiter des
IFOK und Stellenleiter der IKK durch die Tagungen.
Die «Weitergabe des Glaubens» ist weder ein lineares Geschehen
noch verordnetes oder nur vermitteltes Wissen. Wo Menschen unterschiedlicher
Generationen und Altersstufen in verschiedenen Lernorten wie Familie, Religionsunterricht,
Gemeinde usw. zusammentreffen, ereignet sich immer auch ein Zusammentreffen
unterschiedlicher Lebens- und Glaubensgeschichten. Glauben so hält
Nick Sieber fest ist eine bestimmte Art zu leben und Beziehungen zu
gestalten. Eine Art, auch in Zeiten von Enttäuschungen, ungelösten
Konflikten und Brüchigkeiten sich selbst zu werden und beziehungsfähig
zu bleiben. «Glaubenlernen» hat folglich immer sehr viel mit
vertrauensvollem Miteinander zu tun. Dies bedingt aber, dass wir uns unserer
eigenen Lebens- und Glaubensgeschichte mehr bewusst werden, um uns auch
in jene anderer einfühlen und einlassen zu können. So gesehen
heisst Glauben lernen immer auch Leben lernen.
Dies hat Konsequenzen für den Religionsunterricht, wo wir oft und gerne
von «Beziehungsarbeit im Unterricht» sprechen. Es fordert von
uns zunächst das «Voneinander-Lernen», das heisst uns von
den Lebens- und Glaubensgeschichten der anderen herausfordern zu lassen.
Wenn Katechetinnen und Katecheten in einen Austausch, das heisst in Beziehung
treten wollen, wenn sie also im Religionsunterricht den Schülerinnen
und Schülern begegnen wollen, werden sie vor allem von sich selber
erzählen müssen, damit die Schülerinnen und Schüler
den Mut und die Bereitschaft finden, auch von sich zu erzählen. So
kann der Religionsunterricht zu einem Erfahrungsort für Beziehungslernen
werden.
Auf sehr anregende Weise leitete Nick Sieber die Teilnehmerinnen und Teilnehmer
der Tagungen an, dieses fundamentale Anliegen des Religionsunterrichts zu
reflektieren und über die Konsequenzen für ihre Arbeit als Katechetinnen
und Katecheten nachzudenken und miteinander auszutauschen.
Die alljährlich im Herbst stattfindenden Katechetentagungen werden
von der Diözesanen Katechetischen Kommission des Bistums Chur (DKK
Chur) durchgeführt. (Die ebenfalls von der DKK angebotenen und rege
besuchten jährlichen Frühjahrestagungen beinhalten jeweils ein
Thema spiritueller Art.) Die DKK ist die katechetische Beratungs- und Arbeitsgruppe
des Bistums Chur, in der unter anderem alle katechetischen Arbeitsstellen
der Bistumskantone vertreten sind. Als für die Katechese Verantwortlicher
des Ordinariats ist Weihbischof Dr. Paul Vollmar Mitglied der DKK. In dieser
Zusammensetzung der DKK ist nicht nur die Verbindung zwischen übergeordneten
Stellen (IKK, IKADS, IFOK, Ordinariat...) und der Basis der Katechetinnen
und Katecheten gewährleistet, sondern auch die Möglichkeit, die
wirklich brennenden Probleme und Anliegen des Religionsunterrichts auf Bistumsebene
wahrzunehmen. Das grosse Interesse an den Fortbildungsangeboten und Tagungen
der DKK ist dann auch als positives Zeichen zu deuten, dass im Bistum Chur
die Zusammenarbeit und der Austausch zwischen dieser übergeordneten
Stelle und den Katechetinnen und Katecheten wirklich ernst genommen wird.
© Schweizerische Kirchenzeitung - 1997