SKZ 45/1997

INHALT

Berichte

Markt und Kirche - Kirchenmarkt

von Josef Wirth

30 Seelsorgerinnen und Seelsorger, die 10, 20 oder 30 Jahre im Einsatz sind, liessen sich im August und September 1997 im sogenannten Vierwochenkurs neu für ihre Arbeit motivieren. Unter dem Thema «Markt und Kirche ­ Kirchenmarkt» setzten sie sich mit Fragen der Wirtschaft, der Ökonomie und der postmodernen Gesellschaft auseinander. Aus diesem Blickwinkel prüften sie auch kritisch ihre Arbeit und nahmen viele praktische Anregungen heim.
Das Programm, das der Kursleiter Toni Brühlmann, Schlieren, zusammen mit einer Spurgruppe entworfen hatte, wurde durch ansteckende Persönlichkeiten und fruchtbare Gruppengespräche zu einem lebendigen und lebensnahen Lehrgang. Dabei kam auch die Möglichkeit nicht zu kurz, in Stille und im Gebet zu sich selber und zu Gott zu finden.

Aus der eigenen Quelle trinken

Um Abstand von Alltag und Arbeit zu gewinnen, reisten die Teilnehmenden für die erste Woche ins Wallis. Die besinnliche Atmosphäre des Hauses «Notre Dame du Silence» in Sion und die prächtige Bergwelt schufen den geeigneten Rahmen, um unter Führung von Pierre Stutz zur eigenen Mitte, zur eigenen Quelle aufzubrechen. Dabei halfen die Gedanken von Teresa von Avila über die innere Burg mit ihren sieben Wohnungen. Höhepunkt der ersten Tage bildete der Gottesdienst in der «Burgkirche» von Hérémence und die Wanderung entlang der Wasserleitung: Das fliessende Wasser wurde zum Symbol für die geistigen Wasser, die in diesen Tagen wieder mit neuer Kraft zu sprudeln begannen und zu einer Pastoral der Leere ermunterten: weniger von aussen und mehr von innen.
Die Ausführungen von Monika Hungerbühler öffneten sodann neue, zum Teil auch überraschende Blicke auf bekannte Bibeltexte und führten auf die Spur einer Spiritualität im Alltag, in der wir als Frau und Mann Gott begegnen.

Ein Blick hinter die Kulissen der Wirtschaft

Der Szenenwechsel von Sion ins Seminar nach Luzern verdeutlichte auch den Wechsel vom Innen zum Aussen, zur Umwelt und den brennenden Fragen unserer Zeit und Gesellschaft. Carlo Knöpfel verstand es, die komplizierten Vorgänge in der Welt der Wirtschaft und der Börse anschaulich und verständlich darzustellen. Globalisierung und Arbeitslosigkeit bildeten dabei die aktuellen Schwerpunkte.
In prophetischer Art zeigte dann Ulrich Duchrow im Lichte der Bibel alternative Handlungsansätze für Glaubende in einer Welt, die immer mehr durch Geld und Wirtschaft regiert wird.
Fast kämpferisch zogen die Teilnehmenden am Freitag morgen zur Begegnung mit einem Manager in der Firma Schindler. Ernst Bärtschi gelang es aber, auch Verständnis für seine Situation zu wecken und aufzuzeigen, dass die Spielregeln der Wirtschaft durch die Börse und damit durch eine unkontrollierbare, anonyme Macht bestimmt werden. Bezeichnend sein Ausspruch: «Mein oberster Chef ist nicht etwa der Direktor von Schindler, sondern die Börse!»

Kirchenbilder in der Postmoderne

Die Charakterisierung der Postmoderne durch Michael Krüggeler und die Erkenntnisse aus der Nationalfondsstudie («Jede[r] ein Sonderfall?») bildeten in der dritten Woche die Grundlage, um nachher mit Gabriele Berz-Albert Folgerungen für die Pastoral zu suchen. Die Gesellschaft ist nicht mehr die klare Pyramide der verschiedenen Stände, an deren Spitze Staat und Kirche «thronen», sondern vielmehr ein Paket von vielen kleinen Würfeln, von vielen kleinen privaten Welten. In diesem postmodernen Pluralismus und der daraus folgenden Individualisierung wäre es ein längst überholter Wunsch, ein einheitliches Kirchenbild zu schaffen. Dass die Vielfalt wirksame Seelsorge nicht verhindert, sondern auch neue Chancen bietet, und dass der Geist zum Einsatz für eine adäquate Kirche ermutigt, zeigte Gabriele Berz-Albert in eindrücklicher und überzeugender Weise auf.

Systemische Seelsorge

In der vierten Woche änderte die Methodik, indem Dietmar Schimmer versuchte, einen Prozess auszulösen und dabei die Ansätze des systematischen Denkens erleben zu lassen. Seelsorger/-innen sind immer zu einem Teil auch Therapeut(inn)en, für die es wichtig ist, die verschiedenen Systeme der Betreuten und ihre gegenseitigen Wechselwirkungen einzubeziehen.
Nun war es an der Zeit, für sich und in der Gruppe Projekte und Ideen zu planen zur Verwirklichung in der eigenen Pfarrei. Nägel mit Köpfen sind eingeschlagen.
Zu hoffen bleibt, dass der Schwung des Kurses hilft, auch Hindernisse und Widerstände zu Hause zu überwinden.


Zwischen Gulag und II. Vatikanum

von János Wildmann

Der Wiener Pastoraltheologe Paul M. Zulehner engagiert sich seit Jahren für die Kirche in Mittelosteuropa. Mit bemerkenswerter Hartnäckigkeit bietet er am Pastoraltheologischen Institut der Universität Wien jedes Jahr ein Seminar über diese Kirchen an und führt jeweils eine Reise in eines dieser Länder durch, damit die Studenten ihre eigene Erfahrungen machen und Kontakte knüpfen können. Vor einigen Jahren gründete er unter dem Patronat von Kardinal König ein «Pastorales Forum» für die Förderung der Kirchen in Mittelosteuropa, das vor allem Studierenden aus diesen Ländern Stipendien gewährt, aber auch der Vernetzung der Kirchen und kirchlichen Mitarbeiter dient. Zulehner aber wurde nicht nur Jubel und Erfolg zuteil. Viele Bischöfe und Theologen sehen in ihm auch heute noch einen gefährlichen Theologen, den es mindestens zu boykottieren gilt. Jetzt hat er sich wieder etwas einfallen lassen: Er hat Pastoraltheologen aus der Region zu einer ersten Begegnung nach Alsópáhok (Ungarn) eingeladen.
Am Symposium vom 29. September bis 1. Oktober 1997 waren neun Länder vertreten: die neuen Bundesländer Deutschlands, Litauen, Polen, Tschechien und die Slowakei, Ungarn, Rumänien, Kroatien und Slowenien (aus der Ukraine kamen die Vertreter aus unbekannten Gründen nicht). Der Wiener Professor, der noch vor einigen Jahren die Theologen der früheren sozialistischen Länder gerne noch zum Tische ihrer westlichen Kollegen eingeladen hätte, hat inzwischen einiges dazugelernt: die speziellen Erfahrungen mit dem Kommunismus haben ihre Spuren sowohl in der Denk- und Arbeitsweise der dortigen Menschen als auch in der Theologie als Wissenschaft hinterlassen. Dies nehmen Kirchenkreise aus dem Westen immer noch selten zur Kenntnis und versuchen die Vertreter der mittelosteuropäischen Kirchen auf ihre Linie zu bringen. Im Gegensatz zu einer solchen Verhaltensweise betonte Zulehner, er sei überzeugt, dass die Erfahrungen der Kirchen in diesen Ländern die Weltkirche bereichern können. Es dürfe sich um keine Belehrung, sondern nur um den Austausch der Gaben ­ wie dies auch der Papst fordert ­ handeln, und es gelte die eigene Pastoraltheologie zu fördern und zu schreiben.
In einem ersten Schritt sollten die Anwesenden aus der Zweiten Welt über ihre eigenen Erfahrungen während des Sozialismus reflektieren und eine Standortbestimmung ihrer Kirche und Theologie vornehmen. Der Rückblick auf die Zeiten der Verfolgung fiel in den Ländergruppen differenziert aus. Einerseits wussten die Teilnehmer durchaus über Positives zu berichten, wie die Verstärkung der christlichen Identität, der inneren Kohäsion, Bewusstwerden und Bewahrung der christlichen Werte, kreative Ausarbeitung von Überlebens- und Pastoralstrategien (Gemeindekatechese, verschiedene Bewegungen an der Basis usw.). Anderseits wurden die Kirchen von den kommunistischen Machthabern zwar mit verschiedener Intensität und Dauer, doch überall brutal verfolgt und zu gesellschaftlicher und geistiger Isolation gezwungen. Die Kirchen haben ihrerseits zweiförmig ­ öffentlich und verborgen ­ gelebt, was in ihren Reihen zu grossen Zerreissproben führte. Dazu kam eine angeblich um die Einheit der Kirche sorgende klerikale Verengung sowohl in der Pastoral als auch in der Theologie. Das macht diesen Kirchen auch heute noch zu schaffen, sie finden nach der Zeit der Opposition ihre Position nicht. Nicht nur das kirchliche Amt, auch breite Teile des Gottesvolkes sind zum Beispiel misstrauisch gegen Forderungen der Laienmitsprache, weil die Demokratisierung die Kirche unterwandeln könnte. Ideologisierungstendenzen, Abwehrmechanismen, Berührungsängste, Machtanspruch des Klerus, dogmatistische Sichtweise sind Hindernisse auf dem Weg einer konziliaren Erneuerung.
In einem zweiten Schritt wurde dann ein Themenkatalog der Pastoraltheologie-Ost erarbeitet. Er enthält für die Kirchen in diesen Ländern besonders wichtige pastoraltheologische Fragen, die in den nächsten Monaten und Jahren aufgearbeitet werden sollen. Ob dieses Vorhaben gelingen wird, muss abgewartet werden. Auf jeden Fall sind weitere Symposien geplant, um dieses Vorhaben voranzutreiben.
Höhepunkte des Treffens waren zwei Begegnungen. Die eine mit dem Benediktiner-Erzabt von Pannonhalma, Asztrik Várszegi, die andere mit dem aus der Schweiz im letzten Sommer nach Ungarn versetzten Apostolischen Nuntius, Erzbischof Dr. Karl-Josef Rauber. Erzabt Várszegi wies mit schonungsloser Offenheit auf Probleme der ungarischen Kirche hin. Er verglich sie mit einem Gefangenen, der nach vielen Jahren entlassen wird und wieder dort anfängt, wo er bei seiner Verhaftung aufgehört hatte. So zeige die ungarische Kirche klerikale Züge, die die grössten Hindernisse auf dem Weg der Erneuerung darstellten. Viele Priester seien zu Sakramentenspendern verkommen, wiederholten die Dogmen und sprächen von Kirchensteuer, aber vor menschlichen Problemen blieben sie verschlossen. Erzbischof Rauber, der die Schweiz in guter Erinnerung behalten hat, überraschte die Anwesenden mit seiner klaren Sicht auf die Lage der Kirche Ungarns. Er befürworte eine Art der Kirchenleitung, die dialogfähig und -bereit ist, die die Richtung nicht befiehlt, sondern mit dem Volk Gottes gemeinsam weist und geht. Er erhofft von den ungarischen Bischöfen, dass sie nicht nur aufräumen, sondern auch aufbauen, nicht nur abwehren, sondern mal auch die Initiative ergreifen und sich nicht verschliessen, sondern ­ auch für die Kritik ­ offen sind. Er werde sich auf jeden Fall dafür einsetzen.


In Gemeinschaft glauben

von Rosmarie Früh

Mit einem «In Gemeinschaft glauben» betitelten Wort von Bischof Ivo Fürer an die 270000 Bistumsangehörigen war das Jubiläumsjahr «150 Jahre Bistum St. Gallen» im Januar eröffnet worden. Mit einem von den Medien als «stimmungsvoll, würdig und gut organisiert» bezeichneten Festakt am Samstagnachmittag, 25. Oktober 1997, in der Kathedrale St. Gallen wurden die offiziellen Feierlichkeiten für das Bistumsjubiläum abgeschlossen. Viel kirchliche und politische Prominenz war dabei, darunter der Apostolische Nuntius Oriano Quilici, Abtbischof Henri Salina, Präsident der Schweizer Bischofskonferenz, Bundespräsident Arnold Koller sowie die Regierungen der Kantone St. Gallen und Appenzell-Innerrhoden in corpore. Bei der an den Festakt anschliessenden Begegnung mit einfacher Verpflegung im Festzelt, zu der alle Mitfeiernden eingeladen waren, wurde die hier abgedruckte Ansprache des Mainzer Bischofs Karl Lehmann, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, intensiv diskutiert.
Der St. Galler Landammann Hans Ulrich Stöckling erinnerte in seiner Grussadresse daran, dass die Gründung eines eigenen Bistums St. Gallen nicht nur eine kirchliche sondern eine staatspolitische Angelegenheit war. Dass die Gründung nicht auf eine einseitige kirchliche Anstrengung, sondern auf ein Konkordat zurückgehe, wirke bis in die heutige Zeit nach. Der Abschied von kulturkampfbedingten Kompetenzregelungen habe nicht zu einer Entfremdung, sondern zu einem unverkrampften, vertrauensvollen, offenen, die gegenseitigen Standpunkte respektierenden Verhältnis von Bistum und Staat geführt. Ausdrücklich dankte er dem Bistum, denn es nehme in bedeutendem Ausmass öffentliche Aufgaben wahr und vermittle ethische Grundwerte, auf die der Staat und seine Rechtsordnung angewiesen sind.
«Als Katholischer Konfessionsteil des Kantons St. Gallen, zwischen Staat und Kirche stehend, ist uns Mitverantwortung übertragen an Ihrer Arbeit am Reich Gottes», sagte Hardy Notter, Präsident des Administrationsrates (Exekutive) an die Adresse von Bischof Ivo Fürer. Mit Hilfe der Steuerzahlerinnen und Steuerzahler wolle der Konfessionsteil so gut als möglich für die materiellen und finanziellen Voraussetzungen des kirchlichen Wirkens sorgen.
Pfarrer Karl Graf, Präsident des Evangelisch-reformierten Kirchenrates des Kantons St. Gallen, freute sich, dass sich das Verhältnis der beiden Kirchen in den vergangenen 150 Jahren entwickelt hat von einem frostigen Gegeneinander zu einem schiedlich-friedlichen Nebeneinander, das immer mehr ein freundschaftliches Miteinander wird. «Wir wollen», sagte er, «nicht verschweigen, was uns noch trennt; wir wollen aber auch nicht übersehen, was uns eint. Tun wir also gemeinsam, was wir tun können. Konzentrieren wir uns dabei auf das Wesentliche, worauf es in der Kirche ankommt, nämlich Bauleute an der Kirche Christi zu sein.»
Die Stimme der Frauen vertrat Rösli Zeller-Baumgartner als Präsidentin des Seelsorgerates des Bistums. Heute würde bereits vieles als grösste Selbstverständlichkeit hingenommen, was vor wenigen Jahren noch unmöglich schien: Frauen am Ambo, Frauen in kirchlichen Räten und Gremien, Frauen in der Bistumsleitung und Frauen in verschiedenen Funktionen im Dienste der Kirche. Frauen seien in der Kirche nicht nur «entdeckt», sondern mehr denn je seien auch ihre Fähigkeiten, ihre Talente und Einsätze gefragt.
Seelsorgerat und Priesterrat sowie der Rat der hauptamtlichen Laienseelsorger und -seelsorgerinnen sind auch nach Abschluss der Jubiläumsfeierlichkeiten gefordert, gilt es doch, weiter am diözesanen Projekt «In Gemeinschaft glauben» zu arbeiten, das im Jubiläumsjahr initiiert worden war, die Nöte in der Sakramentenpastoral zum Ausgangspunkt hat und im Rahmen der bestehenden Dekanats- und Pfarreistrukturen bis Ostern 2000 schwergewichtig einen Platz haben sollte.

Rosmarie Früh ist Informationsbeauftragte des Bistums und des Katholischen Konfessionsteils des Kantons St. Gallen


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1997