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Berichte |
30 Seelsorgerinnen und Seelsorger, die 10, 20 oder 30 Jahre im Einsatz
sind, liessen sich im August und September 1997 im sogenannten Vierwochenkurs
neu für ihre Arbeit motivieren. Unter dem Thema «Markt und Kirche
Kirchenmarkt» setzten sie sich mit Fragen der Wirtschaft, der
Ökonomie und der postmodernen Gesellschaft auseinander. Aus diesem
Blickwinkel prüften sie auch kritisch ihre Arbeit und nahmen viele
praktische Anregungen heim.
Das Programm, das der Kursleiter Toni Brühlmann, Schlieren, zusammen
mit einer Spurgruppe entworfen hatte, wurde durch ansteckende Persönlichkeiten
und fruchtbare Gruppengespräche zu einem lebendigen und lebensnahen
Lehrgang. Dabei kam auch die Möglichkeit nicht zu kurz, in Stille und
im Gebet zu sich selber und zu Gott zu finden.
Um Abstand von Alltag und Arbeit zu gewinnen, reisten die Teilnehmenden
für die erste Woche ins Wallis. Die besinnliche Atmosphäre des
Hauses «Notre Dame du Silence» in Sion und die prächtige
Bergwelt schufen den geeigneten Rahmen, um unter Führung von Pierre
Stutz zur eigenen Mitte, zur eigenen Quelle aufzubrechen. Dabei halfen die
Gedanken von Teresa von Avila über die innere Burg mit ihren sieben
Wohnungen. Höhepunkt der ersten Tage bildete der Gottesdienst in der
«Burgkirche» von Hérémence und die Wanderung entlang
der Wasserleitung: Das fliessende Wasser wurde zum Symbol für die geistigen
Wasser, die in diesen Tagen wieder mit neuer Kraft zu sprudeln begannen
und zu einer Pastoral der Leere ermunterten: weniger von aussen und mehr
von innen.
Die Ausführungen von Monika Hungerbühler öffneten sodann
neue, zum Teil auch überraschende Blicke auf bekannte Bibeltexte und
führten auf die Spur einer Spiritualität im Alltag, in der wir
als Frau und Mann Gott begegnen.
Der Szenenwechsel von Sion ins Seminar nach Luzern verdeutlichte auch
den Wechsel vom Innen zum Aussen, zur Umwelt und den brennenden Fragen unserer
Zeit und Gesellschaft. Carlo Knöpfel verstand es, die komplizierten
Vorgänge in der Welt der Wirtschaft und der Börse anschaulich
und verständlich darzustellen. Globalisierung und Arbeitslosigkeit
bildeten dabei die aktuellen Schwerpunkte.
In prophetischer Art zeigte dann Ulrich Duchrow im Lichte der Bibel alternative
Handlungsansätze für Glaubende in einer Welt, die immer mehr durch
Geld und Wirtschaft regiert wird.
Fast kämpferisch zogen die Teilnehmenden am Freitag morgen zur Begegnung
mit einem Manager in der Firma Schindler. Ernst Bärtschi gelang es
aber, auch Verständnis für seine Situation zu wecken und aufzuzeigen,
dass die Spielregeln der Wirtschaft durch die Börse und damit durch
eine unkontrollierbare, anonyme Macht bestimmt werden. Bezeichnend sein
Ausspruch: «Mein oberster Chef ist nicht etwa der Direktor von Schindler,
sondern die Börse!»
Die Charakterisierung der Postmoderne durch Michael Krüggeler und die Erkenntnisse aus der Nationalfondsstudie («Jede[r] ein Sonderfall?») bildeten in der dritten Woche die Grundlage, um nachher mit Gabriele Berz-Albert Folgerungen für die Pastoral zu suchen. Die Gesellschaft ist nicht mehr die klare Pyramide der verschiedenen Stände, an deren Spitze Staat und Kirche «thronen», sondern vielmehr ein Paket von vielen kleinen Würfeln, von vielen kleinen privaten Welten. In diesem postmodernen Pluralismus und der daraus folgenden Individualisierung wäre es ein längst überholter Wunsch, ein einheitliches Kirchenbild zu schaffen. Dass die Vielfalt wirksame Seelsorge nicht verhindert, sondern auch neue Chancen bietet, und dass der Geist zum Einsatz für eine adäquate Kirche ermutigt, zeigte Gabriele Berz-Albert in eindrücklicher und überzeugender Weise auf.
In der vierten Woche änderte die Methodik, indem Dietmar Schimmer
versuchte, einen Prozess auszulösen und dabei die Ansätze des
systematischen Denkens erleben zu lassen. Seelsorger/-innen sind immer zu
einem Teil auch Therapeut(inn)en, für die es wichtig ist, die verschiedenen
Systeme der Betreuten und ihre gegenseitigen Wechselwirkungen einzubeziehen.
Nun war es an der Zeit, für sich und in der Gruppe Projekte und Ideen
zu planen zur Verwirklichung in der eigenen Pfarrei. Nägel mit Köpfen
sind eingeschlagen.
Zu hoffen bleibt, dass der Schwung des Kurses hilft, auch Hindernisse und
Widerstände zu Hause zu überwinden.
Der Wiener Pastoraltheologe Paul M. Zulehner engagiert sich seit Jahren
für die Kirche in Mittelosteuropa. Mit bemerkenswerter Hartnäckigkeit
bietet er am Pastoraltheologischen Institut der Universität Wien jedes
Jahr ein Seminar über diese Kirchen an und führt jeweils eine
Reise in eines dieser Länder durch, damit die Studenten ihre eigene
Erfahrungen machen und Kontakte knüpfen können. Vor einigen Jahren
gründete er unter dem Patronat von Kardinal König ein «Pastorales
Forum» für die Förderung der Kirchen in Mittelosteuropa,
das vor allem Studierenden aus diesen Ländern Stipendien gewährt,
aber auch der Vernetzung der Kirchen und kirchlichen Mitarbeiter dient.
Zulehner aber wurde nicht nur Jubel und Erfolg zuteil. Viele Bischöfe
und Theologen sehen in ihm auch heute noch einen gefährlichen Theologen,
den es mindestens zu boykottieren gilt. Jetzt hat er sich wieder etwas einfallen
lassen: Er hat Pastoraltheologen aus der Region zu einer ersten Begegnung
nach Alsópáhok (Ungarn) eingeladen.
Am Symposium vom 29. September bis 1. Oktober 1997 waren neun Länder
vertreten: die neuen Bundesländer Deutschlands, Litauen, Polen, Tschechien
und die Slowakei, Ungarn, Rumänien, Kroatien und Slowenien (aus der
Ukraine kamen die Vertreter aus unbekannten Gründen nicht). Der Wiener
Professor, der noch vor einigen Jahren die Theologen der früheren sozialistischen
Länder gerne noch zum Tische ihrer westlichen Kollegen eingeladen hätte,
hat inzwischen einiges dazugelernt: die speziellen Erfahrungen mit dem Kommunismus
haben ihre Spuren sowohl in der Denk- und Arbeitsweise der dortigen Menschen
als auch in der Theologie als Wissenschaft hinterlassen. Dies nehmen Kirchenkreise
aus dem Westen immer noch selten zur Kenntnis und versuchen die Vertreter
der mittelosteuropäischen Kirchen auf ihre Linie zu bringen. Im Gegensatz
zu einer solchen Verhaltensweise betonte Zulehner, er sei überzeugt,
dass die Erfahrungen der Kirchen in diesen Ländern die Weltkirche bereichern
können. Es dürfe sich um keine Belehrung, sondern nur um den Austausch
der Gaben wie dies auch der Papst fordert handeln, und es gelte
die eigene Pastoraltheologie zu fördern und zu schreiben.
In einem ersten Schritt sollten die Anwesenden aus der Zweiten Welt über
ihre eigenen Erfahrungen während des Sozialismus reflektieren und eine
Standortbestimmung ihrer Kirche und Theologie vornehmen. Der Rückblick
auf die Zeiten der Verfolgung fiel in den Ländergruppen differenziert
aus. Einerseits wussten die Teilnehmer durchaus über Positives zu berichten,
wie die Verstärkung der christlichen Identität, der inneren Kohäsion,
Bewusstwerden und Bewahrung der christlichen Werte, kreative Ausarbeitung
von Überlebens- und Pastoralstrategien (Gemeindekatechese, verschiedene
Bewegungen an der Basis usw.). Anderseits wurden die Kirchen von den kommunistischen
Machthabern zwar mit verschiedener Intensität und Dauer, doch überall
brutal verfolgt und zu gesellschaftlicher und geistiger Isolation gezwungen.
Die Kirchen haben ihrerseits zweiförmig öffentlich und verborgen
gelebt, was in ihren Reihen zu grossen Zerreissproben führte.
Dazu kam eine angeblich um die Einheit der Kirche sorgende klerikale Verengung
sowohl in der Pastoral als auch in der Theologie. Das macht diesen Kirchen
auch heute noch zu schaffen, sie finden nach der Zeit der Opposition ihre
Position nicht. Nicht nur das kirchliche Amt, auch breite Teile des Gottesvolkes
sind zum Beispiel misstrauisch gegen Forderungen der Laienmitsprache, weil
die Demokratisierung die Kirche unterwandeln könnte. Ideologisierungstendenzen,
Abwehrmechanismen, Berührungsängste, Machtanspruch des Klerus,
dogmatistische Sichtweise sind Hindernisse auf dem Weg einer konziliaren
Erneuerung.
In einem zweiten Schritt wurde dann ein Themenkatalog der Pastoraltheologie-Ost
erarbeitet. Er enthält für die Kirchen in diesen Ländern
besonders wichtige pastoraltheologische Fragen, die in den nächsten
Monaten und Jahren aufgearbeitet werden sollen. Ob dieses Vorhaben gelingen
wird, muss abgewartet werden. Auf jeden Fall sind weitere Symposien geplant,
um dieses Vorhaben voranzutreiben.
Höhepunkte des Treffens waren zwei Begegnungen. Die eine mit dem Benediktiner-Erzabt
von Pannonhalma, Asztrik Várszegi, die andere mit dem aus der Schweiz
im letzten Sommer nach Ungarn versetzten Apostolischen Nuntius, Erzbischof
Dr. Karl-Josef Rauber. Erzabt Várszegi wies mit schonungsloser Offenheit
auf Probleme der ungarischen Kirche hin. Er verglich sie mit einem Gefangenen,
der nach vielen Jahren entlassen wird und wieder dort anfängt, wo er
bei seiner Verhaftung aufgehört hatte. So zeige die ungarische Kirche
klerikale Züge, die die grössten Hindernisse auf dem Weg der Erneuerung
darstellten. Viele Priester seien zu Sakramentenspendern verkommen, wiederholten
die Dogmen und sprächen von Kirchensteuer, aber vor menschlichen Problemen
blieben sie verschlossen. Erzbischof Rauber, der die Schweiz in guter Erinnerung
behalten hat, überraschte die Anwesenden mit seiner klaren Sicht auf
die Lage der Kirche Ungarns. Er befürworte eine Art der Kirchenleitung,
die dialogfähig und -bereit ist, die die Richtung nicht befiehlt, sondern
mit dem Volk Gottes gemeinsam weist und geht. Er erhofft von den ungarischen
Bischöfen, dass sie nicht nur aufräumen, sondern auch aufbauen,
nicht nur abwehren, sondern mal auch die Initiative ergreifen und sich nicht
verschliessen, sondern auch für die Kritik offen sind.
Er werde sich auf jeden Fall dafür einsetzen.
Mit einem «In Gemeinschaft glauben» betitelten Wort von Bischof
Ivo Fürer an die 270000 Bistumsangehörigen war das Jubiläumsjahr
«150 Jahre Bistum St. Gallen» im Januar eröffnet worden.
Mit einem von den Medien als «stimmungsvoll, würdig und gut organisiert»
bezeichneten Festakt am Samstagnachmittag, 25. Oktober 1997, in der Kathedrale
St. Gallen wurden die offiziellen Feierlichkeiten für das Bistumsjubiläum
abgeschlossen. Viel kirchliche und politische Prominenz war dabei, darunter
der Apostolische Nuntius Oriano Quilici, Abtbischof Henri Salina, Präsident
der Schweizer Bischofskonferenz, Bundespräsident Arnold Koller sowie
die Regierungen der Kantone St. Gallen und Appenzell-Innerrhoden in corpore.
Bei der an den Festakt anschliessenden Begegnung mit einfacher Verpflegung
im Festzelt, zu der alle Mitfeiernden eingeladen waren, wurde die hier abgedruckte
Ansprache des Mainzer Bischofs Karl Lehmann, Vorsitzender der Deutschen
Bischofskonferenz, intensiv diskutiert.
Der St. Galler Landammann Hans Ulrich Stöckling erinnerte in seiner
Grussadresse daran, dass die Gründung eines eigenen Bistums St. Gallen
nicht nur eine kirchliche sondern eine staatspolitische Angelegenheit war.
Dass die Gründung nicht auf eine einseitige kirchliche Anstrengung,
sondern auf ein Konkordat zurückgehe, wirke bis in die heutige Zeit
nach. Der Abschied von kulturkampfbedingten Kompetenzregelungen habe nicht
zu einer Entfremdung, sondern zu einem unverkrampften, vertrauensvollen,
offenen, die gegenseitigen Standpunkte respektierenden Verhältnis von
Bistum und Staat geführt. Ausdrücklich dankte er dem Bistum, denn
es nehme in bedeutendem Ausmass öffentliche Aufgaben wahr und vermittle
ethische Grundwerte, auf die der Staat und seine Rechtsordnung angewiesen
sind.
«Als Katholischer Konfessionsteil des Kantons St. Gallen, zwischen
Staat und Kirche stehend, ist uns Mitverantwortung übertragen an Ihrer
Arbeit am Reich Gottes», sagte Hardy Notter, Präsident des Administrationsrates
(Exekutive) an die Adresse von Bischof Ivo Fürer. Mit Hilfe der Steuerzahlerinnen
und Steuerzahler wolle der Konfessionsteil so gut als möglich für
die materiellen und finanziellen Voraussetzungen des kirchlichen Wirkens
sorgen.
Pfarrer Karl Graf, Präsident des Evangelisch-reformierten Kirchenrates
des Kantons St. Gallen, freute sich, dass sich das Verhältnis der beiden
Kirchen in den vergangenen 150 Jahren entwickelt hat von einem frostigen
Gegeneinander zu einem schiedlich-friedlichen Nebeneinander, das immer mehr
ein freundschaftliches Miteinander wird. «Wir wollen», sagte
er, «nicht verschweigen, was uns noch trennt; wir wollen aber auch
nicht übersehen, was uns eint. Tun wir also gemeinsam, was wir tun
können. Konzentrieren wir uns dabei auf das Wesentliche, worauf es
in der Kirche ankommt, nämlich Bauleute an der Kirche Christi zu sein.»
Die Stimme der Frauen vertrat Rösli Zeller-Baumgartner als Präsidentin
des Seelsorgerates des Bistums. Heute würde bereits vieles als grösste
Selbstverständlichkeit hingenommen, was vor wenigen Jahren noch unmöglich
schien: Frauen am Ambo, Frauen in kirchlichen Räten und Gremien, Frauen
in der Bistumsleitung und Frauen in verschiedenen Funktionen im Dienste
der Kirche. Frauen seien in der Kirche nicht nur «entdeckt»,
sondern mehr denn je seien auch ihre Fähigkeiten, ihre Talente und
Einsätze gefragt.
Seelsorgerat und Priesterrat sowie der Rat der hauptamtlichen Laienseelsorger
und -seelsorgerinnen sind auch nach Abschluss der Jubiläumsfeierlichkeiten
gefordert, gilt es doch, weiter am diözesanen Projekt «In Gemeinschaft
glauben» zu arbeiten, das im Jubiläumsjahr initiiert worden war,
die Nöte in der Sakramentenpastoral zum Ausgangspunkt hat und im Rahmen
der bestehenden Dekanats- und Pfarreistrukturen bis Ostern 2000 schwergewichtig
einen Platz haben sollte.
Rosmarie Früh ist Informationsbeauftragte des Bistums und des Katholischen Konfessionsteils des Kantons St. Gallen