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Nächstes Jahr ist nicht nur der Gründung des modernen Bundesstaates zu gedenken, weil mit ähnlichen Jahreszahlen noch weitere markante Brüche und Verwerfungen in der Schweizer Geschichte verbunden sind. 1498: Wende vom Mittelalter zur Neuzeit, 1648: Westfälischer Friede, 1798: Ende der Alten Eidgenossenschaft, 1848: Gründung des Bundesstaates, 1918: Landesstreik, 1968: Studentenrevolte. Ihnen allen war die Tagung des Solothurner Forums «Religion Gesellschaft» unter dem Titel «1998. Das Ende von Religion, Politik und Gesellschaft?» gewidmet, dem Interesse dieses Forums entsprechend unter Rücksicht der Verhältnisse zwischen Religion und Gesellschaft. <1>
Als Einstieg in die Tagung, die von Prof. Markus Ries (Luzern) moderiert wurde, wählte Prof. Volker Reinhardt (Freiburg i.Ü.) indes nicht ein schweizerisches, sondern ein italienisches Phänomen der frühen Neuzeit: den Buss- und Endzeitprediger Savonarola. Am Paradigma Endzeiterwartung und Endzeitenttäuschung vor einem halben Jahrtausend erhellte er eine anthropologische Konstante und brachte sie in eine gewisse Vergleichsbeziehung zu heutigen Erscheinungen. Savonarolas Busspredigt richtete sich gegen Entwicklungen, die die Elitenkultur Italiens im 15. Jahrhundert geprägt haben. Die traditionellere theologische Richtung, Savonarola vertrat eine thomistische Sicht, geriet in der Elite zunehmend ins Hintertreffen; so wurde Savonarola zum Sprachrohr der Mittelschicht. Mit dem Schritt von der Eschatologie zum Millenium, zum Tausendjährigen Reich, wurde aus dem Bussprediger der Visionär einer vollständigen Umgestaltung des gemeindlichen Lebens in Florenz. Als widerlegter Prophet und Ursache des Interdikts endete Savonarola 1498 aber auf dem Scheiterhaufen. Während Savonarolas Millenarismus den Geist der Zeit traf, sind für Volker Reinhardt ähnliche Phänomene in unserer Zeit hingegen unzeitgemäss.
Hinsichtlich des Verhältnisses von Religion und Gesellschaft am Ende des Dreissigjährigen Krieges unterschied auch Prof. Kaspar von Greyerz (Basel) verschiedene Ebenen. Ein kleiner Solothurner Schuhmacher habe Religion und Konfession vermutlich anders erfahren als ein an den politischen Entscheiden beteiligter Solothurner Ratsherr. In der Bündnis- und weitgehend auch in der Soldpolitik der Eidgenossenschaft, des Wallis und der Drei Bünde sei dem konfessionellen Aspekt in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts grundlegende Bedeutung zugekommen. Im Bauernkrieg von 1653 hingegen habe der konfessionelle Faktor eine überraschend geringe Rolle gespielt. Im Bereich der alltäglichen Religiosität war beiden Konfessionsgruppen der Magie- und Hexereiglaube, die Popularität astrologischer Voraussagen, der Wunderglaube und bis zu einem gewissen Grad selbst der Exorzismus gemeinsam. Nur der katholischen Seite war dagegen die Sinnenfreudigkeit des Barock eigen.
Die politischen Reformideen, wie sie in der Helvetischen Gesellschaft diskutiert wurden, zielten nicht nur auf den Staat und das öffentliche Leben, sondern auch auf die Religionsausübung ab. Das politische Reformdenken wie die aufgeklärte Idee der konfessionellen Toleranz am Ende des Ancien Régime waren eine Sache sozialer Eliten, führte Markus Ries aus, auch wenn sie von der Volkskultur sachte übernommen wurde, wie einzelne Indikatoren für das religiöse Alltagsleben belegen. Die Revolution von 1798 hatte dann aber einen Abbruch dieser Entwicklung zur Folge. Die überlieferten Formen der Religionsausübung waren auch Mittel zur Existenzbewältigung namentlich in Grenzsituationen. Der gesellschaftliche Umbruch, den die Revolution bedeutete, wurde als solcher Grenzfall und als solche Infragestellung empfunden, und darauf reagierten die verunsicherten Menschen mit einer Rückwärtswendung. Der Traum von konfessioneller Toleranz oder gar Wiedervereinigung der Christenheit war nach 1815 vorbei, und als er wieder zutage trat, «war die Sache so fremd und so weit vergessen, dass man sie später tatsächlich für eine Erfindung des 20. Jahrhunderts halten konnte».
Auf dieses Revolutionstrauma folgte für die Katholiken fünfzig Jahre später das Sonderbundstrauma, das Prof. Victor Conzemius (Luzern) im Rahmen der europäischen Geschichte allerdings relativierte. Denn auch in Irland, Französisch-Kanada und Polen entstand ein ausgeprägtes katholisches Konfessionsbewusstsein im Gefolge eines Schocks. In Irland war es die Hungersnot von 1845, in Kanada die Revolution von 1837/38 und in Polen der Aufstand von 1863/64. In der Schweiz sei nicht die Sonderbundsniederlage der Schock gewesen, dessen Aufarbeitung zu einer Intensivierung der Religiosität geführt habe, «sondern das, was als Angriff auf eine globale Lebenskultur empfunden wurde». Diese Intensivierung brachte die Massenreligiosität des Ultramontanismus hervor, für dessen Neubewertung Victor Conzemius nachdrücklich plädierte. Denn der Ultramontanismus kann nicht einfach als eine «als zutiefst antimoderne Bewegung um Papst, Kurie, Jesuiten und ihren affilierten Orden inszenierte Unterdrückungs- und Absperrungsbewegung im Katholizismus» abgetan werden. Ihre Führer waren Laien, die die meisten Kleriker für zu lau in kirchlichen Angelegenheiten hielten. In Bruderschaften und Gebetsvereinen warben sie für eine Politik aus dem Glauben, die bedrohliche Entwicklungen fernhalten und eine moralische Erneuerung einleiten sollte. Victor Conzemius beklagte erhebliche Forschungslücken, zu deren Schliessung allerdings auch er mehr hätte beitragen sollen.
Um die thematisch ohnehin befrachtete Tagung nicht zu überladen, wurde der Landesstreik nicht eigens zur Sprache gebracht. So widmete Prof. Urs Altermatt (Freiburg) dem jüngsten Bruch, jenem von 1968, eine Mikrostudie über die zeitgeschichtlichen Autoritätskrisen im Schweizer Katholizismus. Wie andere Zeitgeschichtler interpretiert auch er die späten 1960er Jahre als einen Epochenwechsel, mit dem ein «Protestzyklus» begonnen hat. Während für die Pianische Zeit von 1850 bis 1950 von einem antirömischen Affekt im Schweizer Katholizismus nicht gesprochen werden könne, habe sich von der Enzyklika Papst Pauls VI. «Humanae vitae» zur Empfängnisverhütung über die Auseinandersetzungen um die Theologieprofessoren Pfürtner und Küng bis zu den Fällen der Bischöfe Haas und Vogel ein antirömischer Affekt entwickelt und modifiziert: Die Affären um die gemassregelten Theologen liefen noch stark der Konfliktlinie progressiv und konservativ entlang, die Proteste um Bischof Haas hingegen «richteten sich vorwiegend gegen den römischen Zentralismus und Dirigismus». Als eine neue Entwicklung macht Urs Altermatt aus, dass liberale Kirchgänger «eine Form von weitgehend romunabhängigem Gemeindekatholizismus mit eigenen, stark auf staatskirchlichen Institutionen abgestützten Strukturen» praktizieren und dass die Kritik an Rom in dem Masse sekundär wird, in dem sich dieser Gemeindekatholizismus etabliert und selbständig macht. Auf der anderen Seite habe sich der konservative Katholizismus im Churer Bischof eine Symbolfigur und mithin «eine neue emotionale Heimat» schaffen können. Mit dem Ausbruch des Katholizismus aus dem Ghetto und der Entflechtung von Kirche und Politik gewann die Bischofskonferenz Beachtung über den Katholizismus hinaus. So steht dem Autoritätsverlust von Papst und Bischöfen ihr gewachsenes Sozialprestige gegenüber, was die Widersprüchlichkeit der Situation noch verstärkt.
Im die Tagung abschliessenden öffentlichen Vortrag über die Zukunft plädierte der Pfarrer und Erzähler Ulrich Knellwolf (Zürich) gegen die Bemühungen aller westlichen Konfessionen, ihren Platz in der Gesellschaft zu behaupten, für ein neues Modell des Verhältnisses von Kirche und Gesellschaft. Die westeuropäische Geschichte sei seit dem 4. Jahrhundert durch zwei Modelle des Verhältnisses von Kirche und Gesellschaft geprägt gewesen: durch das Konstantinische und das Schleiermachersche Modell. Das Konstantinische Modell ist mit seiner Verbindung von gesellschaftlicher bzw. staatlicher Macht und Kirche ein Herrschaftsmodell, das mit der Aufklärung obsolet geworden ist. Das Schleiermachersche Modell ist ein Sektorenmodell, weil für Friedrich Ernst Daniel Schleiermacher Religion ein Sektor der menschlichen Seele und die Kirche als gesellschaftlicher Ausdruck von Religion ein Sektor der Gesellschaft war; diesem Modell lebe auch die katholische Kirche nach. Sein Ungenügen sieht Ulrich Knellwolf in der mit ihm verbundenen Entfremdung von Theologie bzw. Lehramt und Gemeinde. In seinem Plädoyer für ein neues Verhältnis von Kirche und Gesellschaft geht er mit Jeremias Gotthelf davon aus, dass jeder Christ und jede Christin ein vom Glauben nicht zu trennendes Amt hat das Allgemeine Priestertum. Im Gemeindegottesdienst stehe das Lehramt der Versammlung der durch das Evangelium mündig gemachten Christen und Christinnen gegenüber und habe dabei die Aufgabe, die Gemeinde in der Mündigkeit des Apostolats zu unterweisen. So sei ein zukunftsfähiges Verhältnis von Kirche und Gesellschaft am besten in der Metaphorik des Gleichnisses vom Salz, das die Christen und Christinnen in der Welt sind, erkennbar.
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Der Verein «Solothurner Forum ÐReligion Gesellschaftð»
bezweckt die regelmässige Durchführung von Veranstaltungen zu
Themen im Spannungsfeld von Religion und Gesellschaft sowie die Publikation
der Tagungsergebnisse. Vereinsmitglied kann werden, wer sich für diese
Thematik interessiert; der Jahresbeitrag beläuft sich auf Fr. 20.;
wer Mitglied werden möchte, meldet sich beim Präsidenten Dr. Urban
Fink, Postfach 254, 4501 Solothurn.
Am 12./13. September 1997 hat in Dulliken die Delegiertenversammlung des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks (SKB) stattgefunden. Neben den üblichen statuarischen Geschäften, die unter der Leitung von Zentralpräsident Dr. Urs Winter speditiv erledigt wurden, setzte die Versammlung auch einige Akzente, die für die Weiterarbeit von Bedeutung sein werden.
Im Mittelpunkt des Rück- und Ausblicks auf die Arbeit der Bibelpastoralen Arbeitsstelle SKB in Zürich stand das Projekt «Gemeinsam die Bibel lesen und erleben». Bibelrunden, Pfarreien und kirchliche Erwachsenenbildung werden mit Hilfe von halbjährlich erscheinenden Dossiers ermutigt und unterstützt, kontinuierlich und methodisch vielfältig Bibelarbeit zu betreiben. Diese Dossiers werden in jeweils zehn Regionen der Deutschschweiz anlässlich einer Bibelwerkstatt eingeführt und erprobt. Diese Werkstätten werden oft in Zusammenarbeit mit landeskirchlichen Fachstellen (z.B. katechetische Arbeitsstellen) ausgeschrieben und richten sich an Verantwortliche in der Bibelarbeit. Sie sind ein wichtiger Beitrag zur regionalen Vernetzung. Das lokale Angebot der Dossiers und das regionale Angebot der Werkstätten soll ab 1998 ergänzt werden durch einen gesamtdeutschschweizerischen Kurs für biblische Gruppen- und Bildungsarbeit, der voraussichtlich gemeinsam mit der Theologischen Fakultät Luzern ausgeschrieben wird.
Ebenfalls wichtig war die Ankündigung einer personellen Veränderung in der Bibelpastoralen Arbeitsstelle: Pfr. Hans Schwegler, der als theologischer Fachmitarbeiter über ein Jahrzehnt biblische Reisen geleitet, Kurse gehalten, Gruppen betreut und in den Projekten der Arbeitsstelle mitgearbeitet hat, tritt Ende Jahr in den Ruhestand. Seine Arbeitsschwerpunkte waren das Erste Testament und der Dialog mit dem Judentum. Im Einvernehmen mit der Deutschschweizerischen Ordinarienkonferenz hat der Zentralvorstand Regula Grünenfelder als Nachfolgerin angestellt. Sie tritt ihre Arbeit im Frühjahr 1998 an. Auch sie ist eine Kennerin der Welt und Umwelt der Bibel und wird das Ressort Reisen betreuen. Zudem wird auch sie als Referentin und Kursleiterin zur Verfügung stehen und sich bei den eigenen Projekten der BPA engagieren.
Erwähnenswert ist schliesslich, dass das SKB seine Statuten revidiert hat. Dabei wurde in der Vereinsstruktur die Rolle der Diözesanverbände und damit der Basis noch stärker akzentuiert als bisher, aber es wurden auch die ökumenische Offenheit, der Dialog mit dem Judentum und mit anderen Religionen sowie das Einvernehmen mit der Kirchenleitung und das Interesse an internationalem Austausch und entsprechender Zusammenarbeit festgeschrieben. All dies wurde an der Delegiertenversammlung nicht nur im Wortlaut der Statuten erwähnt, sondern auch durch die Anwesenheit zahlreicher Gäste ansatzweise erfahrbar. So konnte der Präsident unter anderem dem Ortsbischof, Kurt Koch, der Direktorin des Fastenopfers, Anne-Marie Holenstein, dem Präsidenten und dem Sekretär der Schweizerischen Bibelgesellschaft, Johannes Bauler und Urs Joerg, einem Vertreter der Katholischen Bibelföderation und einem Gast des Katholischen Bibelwerks in Stuttgart Gelegenheit für ein Grusswort geben.
Der thematische Teil der Versammlung galt dem «Wunder im Kino» und damit der Art, wie die Wunderthematik in einem wichtigen Teil der Kultur der Gegenwart aufgenommen wird. Der Theologe und Filmpublizist Charles Martig schlug anhand zahlreicher Filmbeispiele einen grossen Bogen von Wundern im Stil der «special effects» in Action- und Katastrophenfilmen über den naiven und magischen Realismus bis hin zu einem sehr vorsichtigen und diskreten Umgang mit dem Einbruch einer «anderen Dimension» in Form der Rückkehr aus Todeserfahrungen ins Leben. Die anschliessende Diskussion zeigte, wie stark solche kulturellen Muster auch die Wahrnehmung biblischer Wundererzählungen beeinflussen (z.B. wenn Kinder ihre Fernseh-Eindrücke mit biblischen Texten in Zusammenhang bringen), wie sehr biblische Traditionen untergründig auch ganz und gar «weltliche» Filme prägen, und wie nahe die verschiedenen Spielarten von biblischem Wunderverständnis und die verschiedenen Film-Genres einander stehen.
Zur Frage der Glaubenstradierung veranstaltete die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in der Schweiz (AGCK-CH) vom 3.5. Oktober 1997 eine ökumenische Konsultation in Delémont. Die Tagung stellte den Schlusspunkt eines breit angelegten zweijährigen Reflexionsprozesses zum Thema «Den Glauben weitergeben» dar, an dem sich zahlreiche Kirchen, Werke, Gruppen und einzelne beteiligt hatten.
Unsere Gesellschaft und in ihr die christlichen Kirchen sind in einem starken Wandel begriffen. Die Zeit des «christlichen Abendlandes», in der man sich durch eine relativ selbstverständliche religiöse Sozialisation als christlich verstand und einer Kirche angehörte, geht zu Ende. Wir bewegen uns immer stärker auf eine grundsätzliche säkulare Gesellschaft zu, die aber einen vielfältigen religiösen Markt in sich schliesst. In dieser Situation müssen vor allem die Grosskirchen neu lernen, dass Christsein zunehmend eine Minderheitsoption darstellt. Christlicher Glaube versteht sich heute nicht mehr von selbst.
Was bedeutet das für christliche Kirchen? Dieser Frage gingen an der Konsultation rund 80 Vertreter und Vertreterinnen verschiedenster Kirchen nach. Neben den drei Landeskirchen waren auch die orthodoxe, die anglikanische und die lutherische Kirche vertreten, ebenso wie fünf Freikirchen: die Methodisten, die Baptisten, die Mennoniten, die Adventisten und die Heilsarmee. Es kommt in der Schweiz nicht allzu häufig vor, dass Vertreter und Vertreterinnen aus einem so breiten Spektrum unterschiedlicher Kirchen aus allen drei Sprachregionen zusammenkommen, um Erfahrungen auszutauschen, über theologische Fragen nachzudenken und gemeinsam Gottesdienst zu feiern. Das Gesprächsklima erwies sich als offen und gut von der viel beklagten ökumenischen Eiszeit war wenig zu spüren.
Bischof Kurt Koch als für den Jura zuständiger Diözesanbischof hielt das Einleitungsreferat und beschrieb darin die «Glaubenstradierung als Kernproblem für die Kirche der Zukunft». Er diagnostizierte eine Tradierungskrise des Glaubens, die sich in drei Aspekten darstellt: als Kirchenkrise («Jesus ja Kirche nein»), als christologische Krise («Jesus ja Christus/Sohn Gottes nein») und als Gotteskrise («Religion ja ein persönlicher Gott nein»). Angesichts dieser dreifachen Diagnose plädierte er für eine Glaubensvermittlung, die dialogisch an den Erfahrungen der Menschen anknüpft, diese ernst nimmt und in ihnen die Spuren Gottes entdecken hilft, der immer schon im Leben jedes Menschen gegenwärtig ist. So sei die Weitergabe des Glaubens nicht als dogmatische oder moralische Indoktrination zu verstehen, sondern als spirituelle «mystagogische Initiation der Menschen in ihr eigenes tiefstes Lebensgeheimnis». Wichtig war ihm auch, dass Glaubenstradierung im Sinne von Inkulturation des Evangeliums in einer neuen gesellschaftlichen Situation einen Vorgang darstellt, bei dem alle Beteiligten Neues hinzulernen, die Überbringer der Botschaft ebenso wie deren Empfänger.
Im Zentrum der Tagung standen Ateliers, in denen Modelle heutiger Glaubensweitergabe vorgestellt wurden: so etwa im Bereich der Medien, des Religionsunterrichts oder der Erwachsenenbildung; aber auch durch das Zeugnis kommunitärer Lebensformen; durch neue Versuche ökumenischen Kircheseins (Offene Kirche Elisabethen, Basel) oder im Dialog zwischen Naturwissenschaft und Glaube. In den zwei Ateliers im Medienbereich (Radio und TV) kam es zu einem konstruktiven Brückenschlag zwischen freikirchlich-evangelikalen Medienschaffenden (Radio Réveil/Alphavision) und römisch-katholischen Medienbeauftragten: ein verheissungsvolles Phänomen, wenn man bedenkt, wie gross die Distanz zwischen Evangelikalen und Katholiken im grossen und ganzen immer noch ist.
Dafür, dass nicht nur über Glaubensweitergabe gesprochen wurde, sorgte insbesondere ein öffentliches Konzert am Samstag abend mit der Musikgruppe «Hallel» aus Biel und dem Gospelchor Gossau. Letzterer gestaltete auch den Abschlussgottesdienst mit und brachte wohltuenden Schwung in die Tagung. Auf packende Art und Weise vermittelten die gut 30 jungen Gospel-Sänger und -Sängerinnen den Anwesenden zwei elementare inhaltliche Aspekte: Dass Glauben weitergeben nur gelingen kann, wenn man auch tatsächlich überzeugt ist von dem, was man sagt (oder singt), und wenn man Glauben begeistert und lustvoll lebt. Angesichts der auffallenden körperlichen Steifheit und weitgehenden Emotionslosigkeit vieler offizieller Kirchenvertreter selbst bei den mitreissendsten Lobliedern im Gottesdienst stellten die jungen Sängerinnen und Sänger durch ihren Auftritt implizit eine kräftige Anfrage an die herrschende Kirchenkultur dar, deren weitgehende Emotionalitäts- und Spontaneitäts-Armut möglicherweise mit ein Grund dafür ist, dass es den Kirchen heute nur so schlecht gelingt, Glauben ansteckend und befreiend weiterzuvermitteln.
Als Ergebnis der Tagung sowie eines ihr vorausgegangenen zweijährigen Reflexions-Prozesses innerhalb der AGCK-Mitgliedkirchen wurden Thesen ausformuliert. Sie machen deutlich, dass die gegenwärtige Situation des Wandels nicht nur als Krise, sondern auch als Chance wahrgenommen werden muss. Unbestritten war, dass alle Kirchen «Evangelisation als die ökumenische Aufgabe par excellence» (W.A. Visser't Hooft) wahrzunehmen haben, und zwar als «Aufgabe der ganzen Kirche, das heisst aller Christen und Christinnen». Die letzte der genannten Thesen beschreibt die geistliche Haltung, die dabei bestimmend sein muss: Glaube soll freimütig, aber nicht hochmütig, eindringlich, aber nicht aufdringlich, überzeugend, aber nicht überredend weitergegeben werden. Dabei geht es darum, «das Evangelium immer neu, zeit- und adressatengerecht zu interpretieren und nicht bloss alte Formen und Formeln zu repetieren». <1>
Dr. theol. Heinz Rüegger ist Ökumene-Beauftragter des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes
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Die Thesen können bezogen werden beim Sekretariat der AGCK-CH, Pfr.
Dr. Eduard Wildbolz, Niesenweg 1, 3033 Kirchlindach.