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Berichte |
Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der derzeit laufenden Diskussionen rund um die Gentechnik und das Klonen besassen die diesjährigen Salzburger Hochschulwochen mit dem gewählten Generalthema «Leben» grosse Aktualität und Brisanz. Vom 28. Juli bis 9. August 1997 referierten und diskutierten vor insgesamt rund 1600 Hörern Theologen, Mediziner, Naturwissenschafter sowie Geisteswissenschafter zu verschiedensten Fragestellungen, die dieses weitgespannte Thema aufwirft.
Leben ist offenbar nicht gleich Leben. Zumindest in unseren Tagen scheint
es verschiedene Kategorien davon zu geben. Darauf wies der Obmann der Salzburger
Hochschulwochen, Univ.-Prof. Dr. Heinrich Schmidinger, schon am Beginn der
Veranstaltung anschaulich hin, wenn er meinte: «Einerseits wird in
der Werbung Katzen das Futter auf Tellern mit Messer und Gabel serviert
und andererseits karrt man Tiere unter teilweise furchtbaren Bedingungen
quer durch Europa.» Dieses Beispiel spiegle die Ambivalenz wider,
mit der der Mensch Leben in der Natur, in seiner Umwelt begegne. Schmidinger
warnte in diesem Zusammenhang davor, dass der Mensch, die Krone der Schöpfung
und Adressat der Menschwerdung Gottes, dabei sei, «die Schöpfung
und folglich auch sich selbst zu vernichten».
Noch deutlichere Worte als Schmidinger fand der Frankfurter Philosoph Dr.
Hans-Dieter Mutschler: «Wir gehen mit dem Leben um wie Barbaren. Wir
haben unsere Eltern gefragt, warum sie das 3. Reich zugelassen haben. Unsere
Enkel werden fragen, warum wir zugelassen haben, dass die Ökosphäre
irreversibel geschädigt wurde.»
Für Mutschler sind die Spannungen zwischen Wissenschaft und Technik
einerseits und Lebenswelt andererseits «heute so extrem und gefährlich,
dass die meisten ihnen nicht ins Auge sehen wollen». Seiner Meinung
nach werden wir diese Spannungen nicht so leicht wieder los werden, «weil
es ein Widerspruch ist, Leben zu objektivieren, wissenschaftlich und technisch
zu behandeln und es zugleich empfinden zu wollen». Das sei so, «wie
wenn man eine Kuh zugleich streicheln und schlachten» wolle. Was also
tun in einer Zeit von globalen Problemen wie etwa Treibhauseffekt, Artensterben,
Ozonloch? Nach Mutschlers Auffassung bräuchten die Menschen eine neue
Gelassenheit im Umgang mit der Natur. Die Natur sollte seiner Meinung nach
weder vergötzt noch zur blossen Materie herabgewürdigt werden.
Und Mutschler forderte: «Wir sollten aufhören, alles zu technisieren,
was wir technisieren können.» Mutschler sparte in diesem Zusammenhang
nicht mit Kritik an der passiven Haltung der Kirche zu den Versuchen des
wissenschaftlich-technischen Bereiches, Macht absolut zu setzen. Seiner
Auffassung nach wäre es die Aufgabe des Christentums, diese Verabsolutierung
zu kritisieren und anzuprangern und zwar überall, wo sie auftrete.
Eine der Ursachen dafür, dass vor allem die katholische Kirche bei
der Technikkritik Zurückhaltung übt, ortete Mutschler übrigens
im sogenannten «Galilei-Komplex». Die Kirche habe sich im 17.
Jahrhundert blamiert, als sie versucht habe, die aufkommende Neue Welt und
die moderne Technik zu bremsen. Vielleicht gebe es daher, zumindest in der
katholischen Kirche, heute vielfach die Haltung: «Nur keine Kritik
an der Wissenschaft, um ja nicht als ewig gestrig dazustehen.» Aber
so, wie ein Christ verpflichtet sei, gegen die Verarmung der 3. Welt anzukämpfen,
müsse er überall Einspruch erheben, wo sich der zweckrationale
Zugriff des «homo faber» absolut setze. Das habe, so Mutschler,
nichts mit Unwissenschaftlichkeit zu tun, sondern damit, Begrenzungen anzuerkennen.
Begrenzungen, wie sie Forschung und Technik offenbar nicht mehr kennen oder
zumindest nicht mehr bereit sind, anzuerkennen, geschweige denn, sich selbst
aufzuerlegen.
Verständlich also, wenn der Wiener Biologe Univ.-Prof. Dr. Rupert Riedl
vor allem eine Gefahr darin ortet, «dass der Mensch in Bereiche vordringt,
in denen er sich selber gar nicht mehr auskennt».
Er nannte als Beispiel die Physiker, die immer vorgegeben hätten, sie
könnten Brennstäbe auf- und abdrehen. «Heute wissen wir,
dass sie die Brennstäbe nur aufdrehen können», so Riedl.
Die Physiker hätten es verabsäumt, sich auch mit den moralischen
und soziologischen Konsequenzen ihrer Erfindungen auseinanderzusetzen. Riedl
plädierte deshalb dafür, in Hinkunft wieder verstärkt interdisziplinär
zu forschen und vor allem Verantwortung zu übernehmen.
Von den Referenten der Hochschulwochen wurde in bezug auf die heutige
Gesellschaft ein um sich greifender Lebenspessimismus konstatiert. Es ergab
sich zwangsläufig die Frage, wie dem Einhalt geboten werden könnte.
Plädierte der bereits genannte Frankfurter Philosoph Mutschler für
die Förderung der «Spontaneität des Lebendigen», so
verwies die Grazer Theologin Ass.-Prof. Dr. Irmtraud Fischer auf das Alte
Testament. Dort werde unter Leben nicht «blosses Dahinvegetieren und
auch nicht blosses Erhalten der letzten Grundfunktionen des Lebendigseins
etwa der Gehirnströme, wie wir das heute in der Apparatemedizin
haben , sondern voller Lebensvollzug, Lebensgenuss» verstanden.
Ein «Leben in Fülle» müsse heute notwendigerweise
anders ausschauen als zu biblischen Zeiten, «weil sich die Lebensumstände
der Menschen geändert haben», räumte Fischer ein. Mit Blick
auf die in unserer Zeit zu betreibende Theologie bedeute das: «Das
ÐWort des Lebensð, das vom lebendigen Gott Zeugnis gibt, muss mit
dem je eigenen Leben im Hier und Jetzt in Verbindung gebracht werden, sonst
bleibt es toter Buchstabe.»
Der evangelische Theologe Dr. Jörg Zink ging noch einen Schritt weiter,
wenn er davon sprach, dass das Christentum seinen mystischen Hintergrund
wiederentdecken müsse, um in Zukunft nicht «im Museum vergangener
Religionen dargestellt und ausgestellt zu werden». Wir hätten,
so Zink, ein Jahrhundert hinter uns, in dem der christliche Glaube durch
viele kluge Köpfe dargestellt und ausgelegt worden sei, in dem aber
die Christen von eigenen Erfahrungen kaum hätten reden dürfen.
Das Christentum sei mehr Lehre als lebendige Kraft der Herzen und der Sinne
gewesen. Man habe das Evangelium von Kopf zu Kopf, von Verstand zu Verstand
weitergegeben, während die inneren Wege, «die Wege des Gewahrens,
des Schauens, des Horchens und des langsamen Gehens verödeten oder
zuwuchsen wie Waldwege, die lange niemand ging».
Der Wiener Moraltheologe Univ.-Prof. Dr. Günter Virt äusserte
im Rahmen der Veranstaltung seine Sorge darüber, «dass es heute
Tendenzen gebe, nicht jeden Menschen als Person zu würdigen und
zwar während der gesamten Dauer des Lebens». Virt nannte in diesem
Zusammenhang neben Embryonenforschung und Klonen unter anderem auch die
Wirtschaft unserer Tage, die die Menschen im Grunde immer mehr nach dem
Nutzwert und deren Leistungsfähigkeit beurteile. Die Gesellschaft sei,
so Virt, drauf und dran, den Basiskonsens zu verlieren. Hier müsse
den Anfängen gewehrt werden.
Einen interessanten Ansatz zur Lösung von Problemen unserer Zeit lieferte
der Innsbrucker Philologe Univ.-Prof. Dr. Karlheinz Töchterle. Seiner
Auffassung nach würden antike Texte bemerkenswerte Lösungsansätze
für den Menschen von heute bieten. Der entscheidendste Unterschied
zwischen dem Glücksstreben der Antike und jenem von heute liege nämlich
darin, «dass nahezu alle antiken Glückslehren Lösungen nicht
in einer möglichst umfassenden Befriedigung von Bedürfnissen suchen,
sondern in der Reduktion der Bedürfnisse auf ein Mass, das in der Macht
des einzelnen steht und realisierbar wird».
Heutzutage sei es üblicherweise so, dass Glück in der Befriedigung
von mehr oder weniger extensiven Bedürfnissen gesehen werde. Darauf
beruhe unser gesamtes Wirtschaftsleben und daraus resultierten auch eine
Fülle von Problemen wie etwa Ressourcenerschöpfung oder das Dritte-Welt-Problem.
Für Töchterle könnte eine (Rück-)Besinnung auf die ganz
anderen Entwürfe der Antike zur Milderung heutiger Probleme beitragen.
Abgesehen von diesem Lösungsansatz haben die Hochschulwochen einmal
mehr gezeigt, dass bei der Frage nach dem menschenwürdigen Leben die
Ethik und deren Fragestellungen nicht ausser acht gelassen werden dürfen.
Die Ethik ist, so Hochschulwochen-Obmann Schmidinger, «der notwendige
Bremsklotz gegen all jene Bestrebungen, das Leben auf der Hochgeschwindigkeitsbahn
des Modernisierungswahns dahinjagen zu wollen».
Magister Andreas Kapeller leitet das Pressebüro der Salzburger Hochschulwochen