SKZ 40/1997

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Berichte

Vom menschenwürdigen Leben in Fülle

von Andreas Kapeller

Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der derzeit laufenden Diskussionen rund um die Gentechnik und das Klonen besassen die diesjährigen Salzburger Hochschulwochen mit dem gewählten Generalthema «Leben» grosse Aktualität und Brisanz. Vom 28. Juli bis 9. August 1997 referierten und diskutierten vor insgesamt rund 1600 Hörern Theologen, Mediziner, Naturwissenschafter sowie Geisteswissenschafter zu verschiedensten Fragestellungen, die dieses weitgespannte Thema aufwirft.

Leben ist offenbar nicht gleich Leben. Zumindest in unseren Tagen scheint es verschiedene Kategorien davon zu geben. Darauf wies der Obmann der Salzburger Hochschulwochen, Univ.-Prof. Dr. Heinrich Schmidinger, schon am Beginn der Veranstaltung anschaulich hin, wenn er meinte: «Einerseits wird in der Werbung Katzen das Futter auf Tellern mit Messer und Gabel serviert und andererseits karrt man Tiere unter teilweise furchtbaren Bedingungen quer durch Europa.» Dieses Beispiel spiegle die Ambivalenz wider, mit der der Mensch Leben in der Natur, in seiner Umwelt begegne. Schmidinger warnte in diesem Zusammenhang davor, dass der Mensch, die Krone der Schöpfung und Adressat der Menschwerdung Gottes, dabei sei, «die Schöpfung und folglich auch sich selbst zu vernichten».
Noch deutlichere Worte als Schmidinger fand der Frankfurter Philosoph Dr. Hans-Dieter Mutschler: «Wir gehen mit dem Leben um wie Barbaren. Wir haben unsere Eltern gefragt, warum sie das 3. Reich zugelassen haben. Unsere Enkel werden fragen, warum wir zugelassen haben, dass die Ökosphäre irreversibel geschädigt wurde.»

Wissenschaft und Technik als Gegenpole zum Leben

Für Mutschler sind die Spannungen zwischen Wissenschaft und Technik einerseits und Lebenswelt andererseits «heute so extrem und gefährlich, dass die meisten ihnen nicht ins Auge sehen wollen». Seiner Meinung nach werden wir diese Spannungen nicht so leicht wieder los werden, «weil es ein Widerspruch ist, Leben zu objektivieren, wissenschaftlich und technisch zu behandeln und es zugleich empfinden zu wollen». Das sei so, «wie wenn man eine Kuh zugleich streicheln und schlachten» wolle. Was also tun in einer Zeit von globalen Problemen wie etwa Treibhauseffekt, Artensterben, Ozonloch? Nach Mutschlers Auffassung bräuchten die Menschen eine neue Gelassenheit im Umgang mit der Natur. Die Natur sollte seiner Meinung nach weder vergötzt noch zur blossen Materie herabgewürdigt werden. Und Mutschler forderte: «Wir sollten aufhören, alles zu technisieren, was wir technisieren können.» Mutschler sparte in diesem Zusammenhang nicht mit Kritik an der passiven Haltung der Kirche zu den Versuchen des wissenschaftlich-technischen Bereiches, Macht absolut zu setzen. Seiner Auffassung nach wäre es die Aufgabe des Christentums, diese Verabsolutierung zu kritisieren und anzuprangern und zwar überall, wo sie auftrete. Eine der Ursachen dafür, dass vor allem die katholische Kirche bei der Technikkritik Zurückhaltung übt, ortete Mutschler übrigens im sogenannten «Galilei-Komplex». Die Kirche habe sich im 17. Jahrhundert blamiert, als sie versucht habe, die aufkommende Neue Welt und die moderne Technik zu bremsen. Vielleicht gebe es daher, zumindest in der katholischen Kirche, heute vielfach die Haltung: «Nur keine Kritik an der Wissenschaft, um ja nicht als ewig gestrig dazustehen.» Aber so, wie ein Christ verpflichtet sei, gegen die Verarmung der 3. Welt anzukämpfen, müsse er überall Einspruch erheben, wo sich der zweckrationale Zugriff des «homo faber» absolut setze. Das habe, so Mutschler, nichts mit Unwissenschaftlichkeit zu tun, sondern damit, Begrenzungen anzuerkennen. Begrenzungen, wie sie Forschung und Technik offenbar nicht mehr kennen oder zumindest nicht mehr bereit sind, anzuerkennen, geschweige denn, sich selbst aufzuerlegen.
Verständlich also, wenn der Wiener Biologe Univ.-Prof. Dr. Rupert Riedl vor allem eine Gefahr darin ortet, «dass der Mensch in Bereiche vordringt, in denen er sich selber gar nicht mehr auskennt».
Er nannte als Beispiel die Physiker, die immer vorgegeben hätten, sie könnten Brennstäbe auf- und abdrehen. «Heute wissen wir, dass sie die Brennstäbe nur aufdrehen können», so Riedl. Die Physiker hätten es verabsäumt, sich auch mit den moralischen und soziologischen Konsequenzen ihrer Erfindungen auseinanderzusetzen. Riedl plädierte deshalb dafür, in Hinkunft wieder verstärkt interdisziplinär zu forschen und vor allem Verantwortung zu übernehmen.

Das Leben im Glauben ­ Ein Leben in Fülle mit mystischem Hintergrund

Von den Referenten der Hochschulwochen wurde in bezug auf die heutige Gesellschaft ein um sich greifender Lebenspessimismus konstatiert. Es ergab sich zwangsläufig die Frage, wie dem Einhalt geboten werden könnte. Plädierte der bereits genannte Frankfurter Philosoph Mutschler für die Förderung der «Spontaneität des Lebendigen», so verwies die Grazer Theologin Ass.-Prof. Dr. Irmtraud Fischer auf das Alte Testament. Dort werde unter Leben nicht «blosses Dahinvegetieren und auch nicht blosses Erhalten der letzten Grundfunktionen des Lebendigseins ­ etwa der Gehirnströme, wie wir das heute in der Apparatemedizin haben ­, sondern voller Lebensvollzug, Lebensgenuss» verstanden. Ein «Leben in Fülle» müsse heute notwendigerweise anders ausschauen als zu biblischen Zeiten, «weil sich die Lebensumstände der Menschen geändert haben», räumte Fischer ein. Mit Blick auf die in unserer Zeit zu betreibende Theologie bedeute das: «Das ÐWort des Lebensð, das vom lebendigen Gott Zeugnis gibt, muss mit dem je eigenen Leben im Hier und Jetzt in Verbindung gebracht werden, sonst bleibt es toter Buchstabe.»
Der evangelische Theologe Dr. Jörg Zink ging noch einen Schritt weiter, wenn er davon sprach, dass das Christentum seinen mystischen Hintergrund wiederentdecken müsse, um in Zukunft nicht «im Museum vergangener Religionen dargestellt und ausgestellt zu werden». Wir hätten, so Zink, ein Jahrhundert hinter uns, in dem der christliche Glaube durch viele kluge Köpfe dargestellt und ausgelegt worden sei, in dem aber die Christen von eigenen Erfahrungen kaum hätten reden dürfen. Das Christentum sei mehr Lehre als lebendige Kraft der Herzen und der Sinne gewesen. Man habe das Evangelium von Kopf zu Kopf, von Verstand zu Verstand weitergegeben, während die inneren Wege, «die Wege des Gewahrens, des Schauens, des Horchens und des langsamen Gehens verödeten oder zuwuchsen wie Waldwege, die lange niemand ging».

Antike und Ethik ­ Wege zu einem menschenwürdigen Leben

Der Wiener Moraltheologe Univ.-Prof. Dr. Günter Virt äusserte im Rahmen der Veranstaltung seine Sorge darüber, «dass es heute Tendenzen gebe, nicht jeden Menschen als Person zu würdigen ­ und zwar während der gesamten Dauer des Lebens». Virt nannte in diesem Zusammenhang neben Embryonenforschung und Klonen unter anderem auch die Wirtschaft unserer Tage, die die Menschen im Grunde immer mehr nach dem Nutzwert und deren Leistungsfähigkeit beurteile. Die Gesellschaft sei, so Virt, drauf und dran, den Basiskonsens zu verlieren. Hier müsse den Anfängen gewehrt werden.
Einen interessanten Ansatz zur Lösung von Problemen unserer Zeit lieferte der Innsbrucker Philologe Univ.-Prof. Dr. Karlheinz Töchterle. Seiner Auffassung nach würden antike Texte bemerkenswerte Lösungsansätze für den Menschen von heute bieten. Der entscheidendste Unterschied zwischen dem Glücksstreben der Antike und jenem von heute liege nämlich darin, «dass nahezu alle antiken Glückslehren Lösungen nicht in einer möglichst umfassenden Befriedigung von Bedürfnissen suchen, sondern in der Reduktion der Bedürfnisse auf ein Mass, das in der Macht des einzelnen steht und realisierbar wird».
Heutzutage sei es üblicherweise so, dass Glück in der Befriedigung von mehr oder weniger extensiven Bedürfnissen gesehen werde. Darauf beruhe unser gesamtes Wirtschaftsleben und daraus resultierten auch eine Fülle von Problemen wie etwa Ressourcenerschöpfung oder das Dritte-Welt-Problem. Für Töchterle könnte eine (Rück-)Besinnung auf die ganz anderen Entwürfe der Antike zur Milderung heutiger Probleme beitragen.
Abgesehen von diesem Lösungsansatz haben die Hochschulwochen einmal mehr gezeigt, dass bei der Frage nach dem menschenwürdigen Leben die Ethik und deren Fragestellungen nicht ausser acht gelassen werden dürfen. Die Ethik ist, so Hochschulwochen-Obmann Schmidinger, «der notwendige Bremsklotz gegen all jene Bestrebungen, das Leben auf der Hochgeschwindigkeitsbahn des Modernisierungswahns dahinjagen zu wollen».

Magister Andreas Kapeller leitet das Pressebüro der Salzburger Hochschulwochen


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1997