SKZ 40/1997

INHALT

Berichte

«Sternsingen» - ein missionarisches Brauchtum

«Sternsingen als Geschäft?» war im Januar 1995 in der Rubrik «Was ich noch fragen wollte» der damaligen Tageszeitung «Vaterland» die Antwort auf eine Leserzuschrift überschrieben. Als Könige verkleidete Pfadfinder seien von Haus zu Haus gezogen, hätten ein Lied gesungen, einen Segensspruch aufgesagt und mit Kreide «19*C+M+B+95» über die Haustüre geschrieben, um dann ihre Kasse hinzuhalten, schrieb jemand der Redaktion. Darauf die Fragen: «Kann man mit dem Segen ein Geschäft machen? Könnten die Jugendorganisationen ihre Kasse nicht mit andern Aktionen sinnvoller sanieren?»
Der damalige Luzerner Regionaldekan, Rudolf Schmid, erklärte in seiner Antwort, der Hausbesuch am Dreikönigsfest sei ein Ankündigen der Erscheinung Gottes in Jesus Christus und damit das Überbringen eines Segens. Dabei für eigene Bedürfnisse Geld zu sammeln, widerspreche dem Sinn dieses eigentlich missionarischen Brauches: «Vielerorts lassen sich aber die Sternsingerinnen und Sternsinger durch den Weg ihrer Vorbilder ­ der Heiligen Drei Könige ­ zur Krippe des Erlösers anregen. Sie bitten die Gaben, um das Wirken der Missionarinnen und Missionare zu unterstützen. Damit dürften sie wohl den Sinn den Brauches noch besser erfassen.»

Erfolg des Sternsingens 1997

Von Missio angeregt, haben rund um Epiphanie 1997 einige tausend Kinder und Jugendliche in rund 150 Pfarreien der deutschsprachigen Schweiz und Liechtensteins diesen missionarischen Brauch gepflegt. Als Könige und Sternträger gekleidet, haben sie die Erscheinung des Herrn angekündigt, einen Neujahrswunsch der Pfarrei überbracht und dann um eine Gabe gebeten, allerdings nicht für die eigene Kasse! Die durch das Sternsingen zusammengetragenen stolzen 389487 Franken haben sie sozusagen der Weltkirche geschenkt: Unter dem Motto «Kinder helfen Kindern» sammelten sie für das Kinder- und Jugendmissionswerk von Missio, das in Afrika, Südamerika, Asien und Ozeanien über 2700 diözesane Projekte für Schulung, Kranken- und Invalidenpflege von Kindern mitfinanziert. Als besonderes Projekt wurde eine Missio-Aktion «Für ein Ecuador ohne Strassenkinder» für Schlafplatz, Nahrung und medizinische Versorgung von auf sich allein gestellten jungen Menschen unterstützt.

Eine Chance für die Jugendpastoral

«Wenn es nicht ums Geld gehen soll, sondern um Besinnlichkeit, Solidarität und um das Erbitten des Segens Gottes für die Häuser, so braucht es eine zielbewusste Begleitung und Hinführung der jungen Menschen zum Sinn des Festes, zur Bedeutung des Brauches und zu den Werten der Solidarität», mahnte im erwähnten Artikel Regionaldekan Schmid. Wie viele Leiterinnen und Leiter von Jungwacht, Blauring, Pfadfinder und Ministranten, wie viele Katechetinnen, aber auch wie viele Priester und Pfarreileiter(innen) den Kindern und Jugendlichen diese Begleitung zukommen liessen, ist schwer zu sagen. Immerhin wurden die von Missio-Schweiz/Liechtenstein mit Hilfe der Partnerorganisationen in Deutschland und Österreich erarbeiteten Unterlagen («Sternsingen von A bis Z», Jahresheft, Anregungen für Hausbesuche, Kindermissionsjahrbuch Ecuador usw.) mehr als hundertmal angefordert. Aufgefallen ist, dass der Kanton St. Gallen mit 46 mitmachenden Pfarreien und der Kanton Aargau mit 24 Gruppen weit obenausschwingen. In den Kantonen der Innerschweiz, im Wallis und in Deutschfreiburg hat das Sternsingen noch wenig Fuss gefasst. Doch haben städtische und ländliche Pfarreien mitgemacht (zum Beispiel St. Urban [LU] oder Zürich-Heilig Kreuz), auch Orte, wo die katholische Bevölkerung in der Mehrheit ist (Einsiedeln), und solche, wo sie in der Minderheit ist (Burgdorf [BE]). Überall lässt sich also die Jugend für eine missionarische Aufgabe begeistern, wenn sie vorbereitet und begleitet wird in einer «entsprechenden Atmosphäre des Glaubens und der Freude über die Möglichkeit, sich für andere einsetzen zu können» (Rudolf Schmid).
Genau diese Aufgabe hat sich Missio zum Ziele gesetzt: die jungen Sternsinger ­ Mädchen und Knaben ­ möglichst gut über die missionarische Ausrichtung der Aktion und über die sinnvolle Verwendung der von ihnen gesammelten Gelder zu informieren. Dabei ist Missio auf die Hilfe der für die Jugendpastoral in den Pfarreien verantwortlichen Leute angewiesen.
Auch 1997 gab es Sternsinger, die ihre eigene Kasse hinhielten. Wenn Missio davon vernimmt, wird versucht, mit den Verantwortlichen ins Gespräch zu kommen. Den Pfarreien aber muss in Erinnerung gerufen werden, was Rudolf Schmid im erwähnten Artikel so formulierte: «Die jungen Menschen müssen durch Interesse und wirksame Unterstützung durch die Pfarrei erfahren, dass für ihre eigenen Anliegen gesorgt wird.»
Gruppen, die um das Dreikönigsfest 1998 beim missonarischen Sternsingen mitmachen möchten, sind herzlich willkommen. Auskünfte erteilt Missio gerne (Route de la Vignettaz 48, 1709 Freiburg 9, Telefon 026-4221120).

Paul Jeannerat


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1997