SKZ 37/1997

INHALT

Berichte

Begegnung mit Christus fördern

von Thomas Perler

Das Colloquium Europäischer Pfarrgemeinden (CEP) ist aus einer Initiative des französischen Kanonikus Francis Connan, damals (1959) noch Pfarrer in St-Severin in Paris, entstanden. Er versuchte, ein Treffen europäischer Pfarreien zu organisieren. Diese Initiative wurde unterstützt von Kardinal König in Wien und einem Priester aus Lausanne, François Butty.
Beim ersten Treffen 1961 in Lausanne waren Priester aus sieben Nationen anwesend, aus Belgien, Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich, der Schweiz und Spanien. Diese stellten fest: «Da unsere menschlichen wie pfarreilichen Probleme in Europa, das sich allmählich als Gemeinschaft organisiert, ähnlich sind, wird die Unsinnigkeit eines getrennten und national isolierten Vorgehens in der Pastoral immer deutlicher.» Sie beschlossen, sich auf europäischer Ebene alle zwei Jahre zu treffen, um Erfahrungen und Ideen auszutauschen und so am Aufbau einer europäischen Völkergemeinschaft mitzuarbeiten.
Seit 1973 kamen auch Laien zum Colloquium, und ihre Teilnehmerzahl ist seitdem ständig gewachsen. Im Jahre 1991 waren etwa die Hälfte der Teilnehmer Laien, 1993 bereits fast zwei Drittel.
Das XIX. Colloquium Europäischer Pfarreien fand vom 7.­11. Juli 1997 in Udine statt. 250 Personen (Bischöfe, Priester, Diakone, Religiosen, Frauen und Männer) aus 13 Nationen Europas haben sich während fünf Tagen mit dem Thema auseinandergesetzt: «Auf dem Weg nach Emmaus. Wie können wir Begegnung mit Christus fördern?» Aus der Schweiz nahmen 18 Personen teil, unter anderem Weihbischof Martin Gächter und Abbé François Butty, Gründungsmitglied.
In Kurzvorträgen und Gruppengesprächen haben die Teilnehmer des Colloquiums überlegt, was es für die Pfarreien bedeutet, wenn zunehmend «getaufte Heiden» die Sakramente verlangen. Soll man diese «Taufscheinchristen» zunächst zu einem Katechumenalen Weg einladen? Welche Auswirkung hätte eine Verweigerung? Welche Werte stecken in den sakramentalen Riten? Welches sind die Herausforderungen, die sich für die Pfarreien daraus ergeben?
In Sprachgruppen und sprachlich gemischten Gruppen wurden Erfahrungen und Gedanken darüber ausgetauscht. Einheimische Künstler (Claudio Mario Feruglio und Agostino Morandin) hatten eigens je zwei eindrückliche Bilder zum Thema Emmaus (Begegnung ­ Dialog ­ Sakrament ­ Gemeinde/Pfarrei) gemalt. Jeder Tag stand dementsprechend unter einem eigenen Motto, das zur Meditation anregte und den roten Faden für die Diskussionen bildete.
Ein wichtiger Bestandteil und Schwerpunkt des Colloquiums ist jeweils die Begegnung mit Pfarreien am Ort. Solche Begegnungen erweisen sich oft als wertvoller Austausch auf verschiedenen Ebenen der Pfarreiorganisation, der Seelsorge und der Zusammenarbeit von Priestern und Laien, Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen.
Die Vorträge, wichtige Beiträge und die Ergebnisse des Colloquiums werden jeweils gesammelt und im folgenden Jahr in einem Buch veröffentlicht. Am Schluss des Colloquiums werden jedoch bereits die wichtigsten Ergebnisse von den Experten kurz zusammengefasst: Es wird in den Pfarreien viel getan, um die christlichen Gemeinschaften zu beleben, auch wenn durch den geringen Erfolg da und dort Entmutigung aufkommt. Die Zahl der aktiven Mitglieder unserer Pfarrgemeinden nimmt ab, denn in der neuzeitlichen Kultur schwindet der christliche Geist, stellt man fest. Angesichts dieser veränderten Lage lauern die Versuchungen von Müdigkeit, Entmutigung, Idealisierung der Vergangenheit und Rückgriff auf überholte Frömmigkeits- und Gebetsformen. Andere reagieren so, dass sie sich auf ihre radikalen pastoralen Optionen versteifen.
Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen des CEP sind keineswegs dem Pessimismus verfallen. In den Gottesdiensten und Gebetsformen stellt man Fortschritte fest. Ein neues religiöses Suchen erwacht, das allerdings oft unklar und der Gefahr des Synkretismus ausgesetzt ist. Das Colloquium legt sein Augenmerk auf die Personen und unterstreicht die Wichtigkeit der Aufnahmebereitschaft, der Begegnung, des Dialogs und der Begleitung in der Seelsorge. Die Vorbereitung auf den Empfang der Sakramente genügt nicht mehr; ein Katechumenaler Weg, der zur Einheit im Glauben und zur Erkenntnis des Sohnes Gottes führt (vgl. Eph 4,13), und eine pädagogische Begleitung sind nötig. Das verlangt eine zunehmende Mitverantwortung der Pfarrgemeinschaft und ihrer verschiedenen Charismen und Gruppen. Das allgemeine Priestertum der Gläubigen muss noch stärker aufgewertet werden in den Formen und Strukturen der Seelsorgearbeit.
Dieser Erneuerungswille drückt sich sinnbildlich aus in der Feier der Sakramente. Die sakramentalen Riten und Symbole sind gleichzeitig Antworten des Menschen auf den Ruf Gottes, Orte der Gnade und Zeiten, in denen die Freude der versammelten Gemeinde zum Ausdruck kommt. Das Colloquium betont die Werte der Riten und Zeichenhandlungen und ermutigt zu einer ernsthaften und gepflegten Vorbereitung der liturgischen Feiern wie auch zu katechumenalen Wegen, auf denen der Reichtum der Symbolsprache erläutert wird. Natürlich setzt dies auch ein Umdenken in der Seelsorge-Mentalität voraus. Was diese Erneuerungsanstrengungen nährt und unterstützt, ist zweifellos ein gemeinsames und persönliches Lesen und Betrachten der Hl. Schrift.

Domherr Thomas Perler ist Bischofsvikar für die Deutschsprachigen des Bistums Lausanne, Genf und Freiburg


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1997