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Berichte |
«Wider die schweigende Anpassung. Praxis der Versöhnung in
friedlosen und ungerechten Verhältnissen.» Unter diesem Motto
stand eine Tagung, die sich am 30./31. August in der ehemaligen Propstei
Wislikofen mit der Nacharbeit der Ökumenischen Versammlung von Graz
beschäftigte. Auch wenn erwartungsgemäss keine Rezepte für
die Umsetzung der in Graz erarbeiteten Papiere gegeben wurden, konnten die
(nur anderthalb Dutzend) Teilnehmenden mit wichtigen Impulsen nach Hause
gehen.
«Vernetzung»: so lautet ein zwar nicht neuer, aber kaum überflüssiger
Impuls. Denn: «Jeder arbeitet auf seinem Gebiet. Für jene, die
Macht und Gewalt ausüben, ist dies gut.» Für die Opfer aber,
für die Urs Eigenmann wie Pietro Selvatico in ihren Referaten Partei
ergriffen, wäre es besser, wenn jene, die sich mit ihnen solidarisieren,
die Kräfte bündeln würden; so wie es beispielsweise in der
Kairos-Bewegung geschieht, die 1989 anlässlich der ersten Europäischen
Ökumenischen Versammlung in Basel gegründet wurde. Im übrigen
gelte: «Erneuerung wächst nur von unten her.»
Die Opfer, so hiess es in Wislikofen weiter, verlangen nicht bloss Geld.
Sie wollen gehört werden. «Wir sollten von den Opfern lernen.
Ihre Erfahrungen sind jedoch nicht gefragt», meinte ein Teilnehmer.
Er fügte hinzu: «Sie können uns helfen, die Ungerechtigkeiten
zu sehen, für die wir mitverantwortlich sind.»
«Erneuerung muss von unten kommen», von einer Basis, welche
die prophetische Aufgabe der Kirchen ernst nimmt: So formulierte die pensionierte
Pfarrerin Christa Springe einen weiteren Impuls. Die Hauptverantwortliche
des «Ökumenischen Dorfes» der Grazer Versammlung rief dazu
auf, das in Basel und Graz Erarbeitete endlich umzusetzen, um nicht zu «Komplizen
der Unverbindlichkeit» zu werden: «Wir sind nicht nur verantwortlich
für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun.»
Einen «grundlegend neuen Lebensstil der Selbstbeschränkung»
forderte Lukas Vischer im Interesse einer Umwelt, die zu kollabieren droht.
Bedeutete dies Verzicht? «In gewissen Bereichen gewiss. Der Verlust
ist aber nur scheinbar. Denn der Lebensstil, zu dem uns die Auseinandersetzung
mit der ökologischen Krise führt, stellt in Wirklichkeit auf andern
Ebenen verloren gegangene Qualitäten wieder her. Die Krise konfrontiert
die Kirchen mit zentralen Inhalten ihrer eigenen Tradition. Während
Jahrzehnten war Askese oder doch Zurückhaltung gegenüber dem Konsum
eine Selbstverständlichkeit.»
Die befreiende und versöhnende Praxis Jesu soll von den Kirchen nicht
nur «dogmatisch rechtgläubig verwaltet und liturgisch verwaltet
und gefeiert werden»: so ein Postulat von Urs Eigenmann, der für
einen «Reich-Gottes-Praxis-orientierten Ansatz» plädierte.
Der Aargauer Pfarrer wie auch andere Referenten der Tagung riefen dezidiert
zum Widerstand gegen den alles beherrschenden Neoliberalismus auf: «Angesichts
von neoliberalen Ökonomen, die im Markt die einzig mögliche Präsenz
des Reiches Gottes in der Geschichte sehen und die den Markt mit seiner
Logik in die eschatologische Grenze der gesamten Menschheitsgeschichte verwandeln,
müsste der status confessionis erklärt werden. Die Gottesfrage
dürfte nicht weiterhin in dem der griechischen Philosophie verhafteten
idealistischen Theismus-Atheismus-Schema verhandelt werden. Sie müsste
im Sinne des biblischen Denkens als Frage nach den Götzen des Todes
und dem Gott des Lebens ganz neu gestellt werden.»
So abstrakt dies klingen mag, liegen hier doch ganz gewaltige, bisher kaum
wahrgenommene Herausforderungen für die Kirche. Wird die Beschäftigung
mit den leider gerade in dieser Frage allzu zahmen Grazer Papieren
dazu führen, dass auf allen Ebenen Gläubige Widerstand leisten
gegen die menschenfressende neoliberale Globaliserung mit ihrer äusserst
wirksamen Ideologie der Profit-Maximierung? <1>
Der Kapuziner P. Walter Ludin nahm als freiberuflicher Journalist an der Grazer Versammlung teil und berichtete in diesen Spalten darüber ausführlich
<1>
Die Referate der Wislikofer Tagung erscheinen Ende Jahr zusammen mit den
Texten der Grazer Versammlung in der Edition Exodus, Luzern.