SKZ 37/1997

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Berichte

Grazer Nacharbeit

von Walter Ludin

«Wider die schweigende Anpassung. Praxis der Versöhnung in friedlosen und ungerechten Verhältnissen.» Unter diesem Motto stand eine Tagung, die sich am 30./31. August in der ehemaligen Propstei Wislikofen mit der Nacharbeit der Ökumenischen Versammlung von Graz beschäftigte. Auch wenn erwartungsgemäss keine Rezepte für die Umsetzung der in Graz erarbeiteten Papiere gegeben wurden, konnten die (nur anderthalb Dutzend) Teilnehmenden mit wichtigen Impulsen nach Hause gehen.
«Vernetzung»: so lautet ein zwar nicht neuer, aber kaum überflüssiger Impuls. Denn: «Jeder arbeitet auf seinem Gebiet. Für jene, die Macht und Gewalt ausüben, ist dies gut.» Für die Opfer aber, für die Urs Eigenmann wie Pietro Selvatico in ihren Referaten Partei ergriffen, wäre es besser, wenn jene, die sich mit ihnen solidarisieren, die Kräfte bündeln würden; so wie es beispielsweise in der Kairos-Bewegung geschieht, die 1989 anlässlich der ersten Europäischen Ökumenischen Versammlung in Basel gegründet wurde. Im übrigen gelte: «Erneuerung wächst nur von unten her.»
Die Opfer, so hiess es in Wislikofen weiter, verlangen nicht bloss Geld. Sie wollen gehört werden. «Wir sollten von den Opfern lernen. Ihre Erfahrungen sind jedoch nicht gefragt», meinte ein Teilnehmer. Er fügte hinzu: «Sie können uns helfen, die Ungerechtigkeiten zu sehen, für die wir mitverantwortlich sind.»
«Erneuerung muss von unten kommen», von einer Basis, welche die prophetische Aufgabe der Kirchen ernst nimmt: So formulierte die pensionierte Pfarrerin Christa Springe einen weiteren Impuls. Die Hauptverantwortliche des «Ökumenischen Dorfes» der Grazer Versammlung rief dazu auf, das in Basel und Graz Erarbeitete endlich umzusetzen, um nicht zu «Komplizen der Unverbindlichkeit» zu werden: «Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun.»
Einen «grundlegend neuen Lebensstil der Selbstbeschränkung» forderte Lukas Vischer im Interesse einer Umwelt, die zu kollabieren droht. Bedeutete dies Verzicht? «In gewissen Bereichen gewiss. Der Verlust ist aber nur scheinbar. Denn der Lebensstil, zu dem uns die Auseinandersetzung mit der ökologischen Krise führt, stellt in Wirklichkeit auf andern Ebenen verloren gegangene Qualitäten wieder her. Die Krise konfrontiert die Kirchen mit zentralen Inhalten ihrer eigenen Tradition. Während Jahrzehnten war Askese oder doch Zurückhaltung gegenüber dem Konsum eine Selbstverständlichkeit.»
Die befreiende und versöhnende Praxis Jesu soll von den Kirchen nicht nur «dogmatisch rechtgläubig verwaltet und liturgisch verwaltet und gefeiert werden»: so ein Postulat von Urs Eigenmann, der für einen «Reich-Gottes-Praxis-orientierten Ansatz» plädierte. Der Aargauer Pfarrer wie auch andere Referenten der Tagung riefen dezidiert zum Widerstand gegen den alles beherrschenden Neoliberalismus auf: «Angesichts von neoliberalen Ökonomen, die im Markt die einzig mögliche Präsenz des Reiches Gottes in der Geschichte sehen und die den Markt mit seiner Logik in die eschatologische Grenze der gesamten Menschheitsgeschichte verwandeln, müsste der status confessionis erklärt werden. Die Gottesfrage dürfte nicht weiterhin in dem der griechischen Philosophie verhafteten idealistischen Theismus-Atheismus-Schema verhandelt werden. Sie müsste im Sinne des biblischen Denkens als Frage nach den Götzen des Todes und dem Gott des Lebens ganz neu gestellt werden.»
So abstrakt dies klingen mag, liegen hier doch ganz gewaltige, bisher kaum wahrgenommene Herausforderungen für die Kirche. Wird die Beschäftigung mit den ­ leider gerade in dieser Frage allzu zahmen ­ Grazer Papieren dazu führen, dass auf allen Ebenen Gläubige Widerstand leisten gegen die menschenfressende neoliberale Globaliserung mit ihrer äusserst wirksamen Ideologie der Profit-Maximierung? <1>

Der Kapuziner P. Walter Ludin nahm als freiberuflicher Journalist an der Grazer Versammlung teil und berichtete in diesen Spalten darüber ausführlich

Anmerkung

<1>
Die Referate der Wislikofer Tagung erscheinen Ende Jahr zusammen mit den Texten der Grazer Versammlung in der Edition Exodus, Luzern.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 1997