Kirchenzeitung
35/2015
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Laudato si'Auf einen anderen Lebensstil setzenStephan Wirz
Heilige VerenaVerena, eine Frau im Gefolge der thebäischen LegionWalter Bühlmann
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Verenatag 2015 in Bad Zurzach
Religiöse Feiern zum Abschluss des Jubiläumsjahres in St-Maurice
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Meilenstein reformierter IdentitätsbildungStephan Leimgruber
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Verena, eine Frau im Gefolge der thebäischen Legion   

Das Kloster St-Maurice, das seit 1500 Jahren besteht, liegt an einem geschichtsträchtigen Ort. Nach der Überlieferung starben bei der Märtyrerkapelle in Vérolliez der heilige Mauritius und seine Gefährten aus der Thebäischen Legion unter der Herrschaft von Kaiser Maximianus (286–310).1 In diesem Zusammenhang wird oft auch die hl. Verena aus Zurzach erwähnt, die zur gleichen Zeit lebte und ebenfalls aus Oberägypten stammte. Im berühmten Mauritiuszyklus der Kapellbrücke Luzern wird Verena auf einer einzigen Tafel als Kranken- und Armenpflegerin dargestellt.2 Allerdings wird Verena in der ältesten Fassung der Thebäerlegende, die gut 400 Jahre vor der Lebensgeschichte der hl. Verena entstanden ist, nicht erwähnt. Es ist aber durchaus möglich, dass Verena im Tross der Legion mitgereist sein könnte. In jüngeren Quellen wird sie teilweise als Verlobte des Viktor oder Verwandte des Mauritius vorgestellt.

1. Das Leben der heiligen Verena

Über das Leben der hl. Verena berichtet uns erstmals eine Handschrift aus dem 9. Jahrhundert. Sie enthält die «ältere Lebensbeschreibung» der Heiligen. In der heutigen Forschung gilt Abt Hatto (888–913) als Verfasser, wobei er sich wohl auf ältere Überlieferungen stützen konnte. Abt Hatto widmete diese Beschreibung der Kaiserin Richardis (+ 896). Hattos Botschaft an die Kaiserin ist ein Aufruf zu christlicher Zucht und Bescheidenheit. Diese Fassung berichtet nur kurz, dass Verena in Zurzach war, nachdem sie zuvor gerade noch in Solothurn gewirkt hatte. Eine weitere Schrift, die ca. 100 Jahre später entstand, stammt möglicherweise aus der Feder eines Zurzacher Klerikers und schildert Verena als Haushälterin eines Priesters und als Wohltäterin in Zurzach.3 Um die Wende vom 10. zum 11. Jahrhundert berichtet das sog. «Mirakelbuch», eine mit volkstümlichlegendärem Lokalkolorit versehene Chronik, von der regen Wallfahrt ans Grab der hl. Verena.4

2. Legenden – was steckt dahinter?

Obwohl religiöse Legenden, die von bekannten, berühmten Frauen und Männern berichten, nicht in erster Linie historische Fakten vermitteln möchten, sind sie doch meistens nicht nur erfunden. Solche Erzählungen ermuntern die Leserinnen und Leser zu einem christlichen Leben.

2.1. Wieso junge Menschen Ägypten verlassen oder in die Wüste ziehen

Im 3. Jahrhundert n. Chr. haben Verfolgungen, Bürgerkriege, Hungersnöte und Epidemien in Ägypten immer wieder Katastrophenstimmung hervorgerufen. Aber auch im Alltag waren die Sorgen gross. Um der damaligen Krise entgegenzuwirken, griffen die Kaiser ab Diokletian (284–305) zu einer dirigistischen Politik. Das römische Reich entwickelte sich zu einem «Zwangsstaat». Die soziale und räumliche Mobilität wurde eingeschränkt. Kinder mussten die Berufe ihrer Väter übernehmen, Bauern durften ihre Scholle nicht verlassen. Die städtischen Zentren wurden zum Zwangskollektiv, in dem die Ratsherren für Steuerausfälle auch mit ihrem Privatbesitz hafteten. Für Menschen, die in ein solches gesellschaftliches Korsett eingeschnürt waren, musste ein religiös legitimierter Ausstieg wie eine wundersame Verheissung erscheinen.5 In dieser Zeit der Unsicherheit und der Verfolgungen fand bei vielen die Flucht in die Berge und Einöden grossen Andrang.6 Am Anfang aller Literatur über das frühe Mönchtum steht die «Vita Antonii», die Lebensbeschreibung des Einsiedlers Antonius (256–356). Ein Freund und Bewunderer, Patriarch Athanasius (295–373), verfasste diese Lebensbeschreibung bald nach dem Tod des Heiligen im Jahr 356. Antonius zog um 270 an den Rand seines Heimatdorfes zurück, hauste später in einem verlassenen Grab in der Wüste und liess sich schliesslich östlich des Nils auf einen Berg nieder. So war mit dem Mönchtum für viele junge Menschen ein Leben frei von Besitz, Ämtern und familiären Bindung zu einer realistischen Option geworden. In diesem Zusammenhang kann die Legende der Thebäischen Legion gesehen werden. Indem sich christliche Männer einer römischen Legion aus Theben anschlossen, konnten sie sich den staatlichen Lasten entziehen.

2.2. Die Thebäische Legion von Saint-Maurice

Nach der Überlieferung hat diese römische Legion, Soldaten christlichen Glaubens, die Thebäer genannt wurden, um 300 bei Acaunum (Saint-Maurice) den Märtyrertod erlitten. Die Legionäre hätten sich geweigert, an Christenverfolgungen und heidnischen Kulthandlungen teilzunehmen. 360–370 liess Theodul, der erste Bischof des Wallis, zu ihren Ehren dort eine Basilika errichten, Um 380 habe Bischof Theodul die Gebeine der Märtyrer entdeckt und in einer Grabkapelle bestatten lassen. Dadurch entwickelte sich Saint-Maurice zu einem beliebten Wallfahrtsort.7

Durch die Legende, die im ausgehenden 4. Jahrhundert entstanden ist, wurden die Heiligen der Thebäischen Legion Patrone zahlreicher Kirchen und Städte. An einem internationalen Kolloquium im September 2003 an der Universität Freiburg i. Ü. in Martigny und in St-Maurice selbst beteiligten sich Fachleute verschiedener Disziplinen, um ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse über die sich auflösenden spätantiken bzw. neuentstehenden frühmittelalterliche Strukturen zu diskutieren. Bei dieser Tagung wurden Zweifel an der Historizität der Mauritius- Legende geäussert. Dezimierungen wegen der Christustreue der Thebäischen Legion, wie die Legende dies schildert, seien als Kollektivstrafe bei den Römern um 300 nicht mehr üblich gewesen. Ebenso wurde die Anwesenheit von Soldaten aus Theben in St-Maurice stark angezweifelt.8

Weniger radikal als verschiedene Referenten der erwähnten Tagung im September 2003 hat Prof. Beat Näf an der Universität Zürich die Mauritiuslegende in einen grösseren Zusammenhang gestellt.9 Historisch erwiesen ist, dass das Römische Reich unter Maximianus um 285/286 in Gallien gegen die Bagauden (Kelten) vorging, so dass Grenzkonflikte in und um St-Maurice um 300 gut denkbar sind, ebenso der Einsatz von Soldaten aus dem heutigen Ägypten. Prof. Beat Näf erwähnt, «dass es für die Thebäische Legion Zeugnisse» (gibt), «die aus der damaligen Zeit stammen» (und) «unabhängig von christlichen Interpretationen existieren, aber bei der Entwicklung der Legenden von diesen nicht ausser Acht gelassen werden konnten, weil Legenden Glaubwürdigkeit beanspruchen und als schiere Phantasiegebilde keinen Erfolg gehabt hätten».10

Ferner muss bei solchen Diskussionen immer wieder festgehalten werden: Legenden wollen keine Tatsachenberichte sein, auch wenn sie von Personen, Taten und Sachen erzählen. Legenden sind weniger Antworten auf die Frage: War das wirklich so? Es sind Antworten auf die Frage: Warum ist das so?

Die Autoren der frühesten Quellen sind nicht Zeitzeugen der diokletianischen Christenverfolgung (Diokletian: 284–305) mit den Märtyrern der Thebäischen Legion und ihrem Gefolge. Aber sie sind Zeitzeugen einer christlichen und klösterlichen Kultur, in der sich die Heiligenverehrung um Saint- Maurice zentriert und Gestalt angenommen hat in Architektur, in Brauchtum und in den Geschichten, die sich die Leute erzählen, von einer Generation zu nächsten. Sie sind Zeitzeugen ihrer eigenen Zeit und sehen mit ihrem Wissen und ihren Lebenserfahrungen auf die Vergangenheit zurück. Legenden lassen sich als Wegweiser lesen, die uns auf der Suche nach unserer eigenen Geschichte weiterführen können.11

2.3. Eine Frau im Gefolge der Thebäischen Legion

Am Beispiel der hl. Verena ist es durchaus möglich, dass eine oberägyptische Frau Ende des 3. Jahrhunderts nach dem Norden bis nach Mailand und später über St-Maurice nach Zurzach zog. Es muss sich um eine reiche, vornehme Frau gehandelt haben, die es sich finanziell leisten konnte, eine so lange Reise zu unternehmen Wir kennen einige Beispiele von vornehmen Frauen, die damals aus dem bürgerlichen Leben ausstiegen und allein oder in Begleitung heilige Stätten oder Märtyrergräber besuchten. 372 hatte eine Römerin mit Namen Melania in Begleitung des Rufinus die Stadt Rom verlassen und war über Alexandrien/ Ägypten nach Jerusalem gereist, wo sie 410 starb. Ihr folgte die Enkelin Melania die Jüngere, die nach mehreren Reisen im Orient auf dem Ölberg bei Jerusalem ein Kloster gründete und dort 439 starb. Weiter kennt man die Pilgerreise der vornehmen römischen Patrizierin Paula, die 385/386 mit ihrer Tochter Eustochium unter Leitung des heiligen Hieronymus eine Wallfahrt nach dem Heiligen Lande und nach Ägypten gemacht und sich schliesslich in Bethlehem niedergelassen hat.

Die gebildete, vornehme spanische Dame Aetheria (Egeria), die etwas später lebte, pilgerte 415–418 nach Konstantinopel und reiste von dort nach Jerusalem, wo sie eine Art Standquartier bezog. Zweimal zog sie nach Ägypten und ging bis nach Theben, schliesslich kehrte sie über den Sinai wieder nach Jerusalem zurück. Auf dem Heimweg über Ephesus und Edessa hielt sie in Konstantinopel inne und schrieb den Bericht «Pilgerfahrt ins Heilige Land» nieder.

Man kann sich gut vorstellen, dass Verena, die aus einer hochangesehenen christlichen Familie aus Theben stammte, mit der Thebäischen Legion und ihren Angehörigen nach Mailand gelangte. Während die Truppe über die Alpen weiterzog, liess sich Verena in Mailand nieder. Als sie vom Märtyrertod der Thebäer und ihres Befehlshabers Mauritius in Acaunum (St-Maurice) hörte, verliess sie Mailand, ging über die Alpen an den Ort des Martyriums. Verena blieb aber dort nur kurze Zeit. Weiter führte der Weg nach Solothurn, wo inzwischen auch die Heiligen Viktor und Urs den Märtyrertod erlitten haben. Bei der hl. Verena ist interessant, dass das Itinerar, das heisst die Reiseroute, wie sie in den beiden Lebensbeschreibungen erwähnt wird, tatsächlich nur Orte nennt, die in römischer Zeit bestanden haben und von grösster Wichtigkeit waren.

3. Was sagen uns die archäologischen Ausgrabungen

Unter Leitung von Prof. Hans Rudolf Sennhauser sind in Zurzach intensive Ausgrabungen gemacht worden.12 Anhand archäologischen Ausgrabungen und schriftlichen Quellen ist erwiesen, dass seit dem 5. Jahrhundert die heilige Verena verehrt und um Hilfe ersucht wird.

An der Stelle wo heute das Verenamünster steht, wurden römische Gräber gefunden. Ein grösserer Teil der Bestattungen konnte in die Zeit zwischen 1. und 4. Jahrundert n. Chr. datiert werden. Unter diesen Gräbern ist schon sehr früh ein bestimmtes Grab besonders verehrt worden. Prof. Sennhauser glaubt, dass dieses Grab am Anfang der Verenaverehrung gestanden hat. Der älteste fassbare und ins 5. Jahrhundert datierbare Vorgängerbau des Verenamünsters stand mitten darin. Durch diesen Kirchenbau musste die Strassenführung neu angelegt werden. Offenbar wollte man diese Kirche möglichst nahe an einem bestimmten Grab errichten. Wohl in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts wurde diese Kirche durch einen vollständigen Neubau auf wesentlich grösserer Grundfläche ersetzt. Im sog. «Mirakelbuch» von Zurzach wird vom Einsturz und Neubau der Kirche um 1000 berichtet. Es entstand eine grosse Basilika, das sog. Romanische Münster, deren Mauern im Langhaus bis heute erhalten geblieben sind. Vermutlich besass bereits dieser Bau einen Chorturm über dem Grab der hl. Verena. Im Jahre 1294 vernichtete ein Brand Teile des romanischen Münsters. Das eindrücklichste Merkmal dieser gotischen Erneuerung bildet der dreigeschossige Chorturm mit Krypta, Altarhaus und Glockenstube. Das heutige Bauwerk des Verenamünsters besteht aus zwei deutlich unterschiedenen, aber harmonischen Teilen: Das romanische Langhaus aus dem 10. Jahrhundert, das im 18. Jahrhundert dezent barockisiert wurde, und der gotische Turmchor aus der Zeit 1294–1347, der sich über dem Grab der heiligen Verena erhebt. Die harmonische Verbindung von Romanik, Gotik und Barock haben das Münster zu einem Kulturdenkmal von nationaler Bedeutung gemacht.13

4. Ausstrahlung des Verenakultes

Seit dem 9. Jahrhundert war die hl. Verena das Ziel hochadliger Pilger aus königlichen und herzoglichen Dynastien, die sich von der Fürsprache der Zurzacher Heiligen männlichen Nachwuchs für die Fortführung ihrer Herrschaft erhofften. Das «Mirakelbuch» von Zurzach, das um das Jahr 1000 entstanden ist, verzeichnet die auf Verenas Fürbitten hin gewährten wunderbaren Gebetserhöhungen. Zugleich zeugt es von der Art der vorgebrachten Anliegen, von Status und Herkunft der Pilgerinnen und Pilger.14

Die Fortsetzung hochadliger Verehrung zur hl. Verena findet sich im 13. und 14. Jahrhundert bei den Habsburgern und ihren Parteigängern um die Herrschaft von Klingen am Ober- und Hochrhein sowie um die Grafen von Neuenburg in der Westschweiz. Gefördert wurde die Verehrung insbesondere von Agnes von Ungarn (+ 1364).15 Ihrem Ansehen als Kinderbringerin verdankt Verena die zentrale Stellung im Bildprogramm des Anna-Fensters in der Klosterkirche von Königsfelden, wo sie als «Zeugin der Geburt von Maria» dargestellt ist.16 Als vornehme Dame, gekleidet in grünem Leibrock und rotem, violett gefüttertem Manteltuch, überwacht sie das Geschehen und zeigt stolz ihre Attribute Kamm und Krug. Von weit her reisten nicht nur Adlige, sondern hilfesuchende Kranke und kinderlose Frauen jeden Standes an die Grabstätte. Durch Verena wurden Wunder und Heilungen vollbracht.

Von den Gräbern der ersten Glaubensboten eines Landstriches strahlten zahlreiche Patrozinien aus, auch über den Bereich der betreffenden Diözesen hinaus. Die heilige Verena bietet gegenüber den allgemein verbreiteten Heiligen wie z. B. Petrus oder die fränkisch motivierten Heiligen wie Martin ein geografisch und geschichtlich leicht überblickbares Territorium. Die Landeskarte zeigt als dominierendes Verbreitungsgebiet der Verenakirchen das ehemalige mächtige Bistum Konstanz, das neben Teilen von Baden-Württemberg und Bayern einen grossen Teil der Deutschschweiz bis zum Alpenkamm am Gotthard umfasste.

5. Verena kehrt nach Ägypten zurück

Die Verenaverehrung ist bei den Kopten in Ägypten erst seit ca. 30 Jahren durch Kontakte mit der Pfarrei Zurzach bekannt. Durch diese Beziehung kennen auch die Kopten in Zürich, Basel sowie in Genf und Lausanne die hl. Verena. Im Herbst 1986 reiste eine ökumenische Gruppe aus Zurzach mit dem evangelischen Pfarrer Gerrit de Haan nach Kairo. Am Flughafen Kairos wurden die Zurzacher vom koptischen Bischof Serapion empfangen. In einer Audienz beim Oberhaupt der Kopten, Papst Schenouda III., konnte eine Reliquie der hl. Verena übergeben werden. Diese freundschaftliche Begegnung war eine eindrückliche Geste, um die gemeinsamen religiösen Wurzeln zu bezeugen. Eine Verena-Statue steht auch im Garten der Schweizer Botschaft in Kairo. Geschaffen wurde die Statue von der Bildhauerin Madeleine von Fischer-von Graffenried (1918–2003), die mit ihrem Mann, Botschafter Beat von Fischer, in den Jahren 1950 bis 1954 in Kairo lebte.

Am 29. Oktober 2007 fand im Verenamünster in Bad Zurzach eine Reliquienübergabe statt. Da die koptische Gemeinde von Port Said am Eingang zum Suezkanal ein neues Gotteshaus erhielt, stiftete die Zurzacher Pfarrgemeinde zur Altarweihe eine Verena-Reliquie. Die koptische Delegation wurde von Bischof Tadros (Serapion), Port Said, angeführt. Ihn begleiteten Father Mikhail Megally, Genf, und der Mönch Isidoro von Dietlikon. Der koptische Bischof Tadros von Port Said schenkte dem Verenamünster eine Verena-Ikone. Als am 17. März 2012 Papst Schenuda III. starb, wurde am 4. November 2012 das 118. Kirchenoberhaupt der koptisch-orthodoxen Kirche gewählt und am 18. November 2012 in der Sankt-Markus-Kathedrale in Kairo eingesetzt. Bereits ein Jahr später besuchte das neugewählte Oberhaupt, Papst Tawadros II., das Verenamünster in Zurzach

6. Verena in Malerei, Dichtung und Musik von heute

Man kann sich fragen, warum Verena auch heute noch viele Menschen anspricht. Die Heilige ist uns wohl so sympathisch, weil sie eine eigenständige Frau war, weil sie es wagte, als Begleiterin ihres Verlobten aus ihrer Heimat auszubrechen, ohne gleich schon das Ziel zu kennen. Verena imponiert, weil sie auf ihrer Reise eine schwierige Wegstrecke modellhaft gegangen ist. So kann Verena auch unsere Weggefährtin sein. Davon zeugen die Bilder der Zuger Kunstmalerin Maria Hafner (*1923). 1994 gestaltete sie den Bilderzyklus «Verena, die Quelle». Die Dichterin Silja Walter und der Musiker Carl Rütti schufen zu diesem Bilderzyklus Gedichte und ein Oratorium, so dass ein Gemeinschaftswerk entstand.17 Gleichzeitig hat Silja Walter das Verena- Spiel «Der Wassertanz» geschrieben, das 1994, 1999 und 2005 im Verenamünster aufgeführt wurde.18

7. Schlussbemerkungen

Auf der Rheinbrücke von Zurzach nach Deutschland hat der in Aarau wohnhaft gewesene Künstler Ernst Suter (1904–1987) eine besondere Bronzeskulptur der heiligen Verena geschaffen (1978). Diese moderne Darstellung weist durch ihre stolze Haltung auf eine eigenwillige Frau hin, die auch in einer bewegten Zeit Mut machen möchte, unser Leben beherzt zu gestalten.19 Diese moderne Statue steht im Gegensatz zu jenen kitschigen Verenabildern, wie sie auch der im Kloster Engelberg lebende Pater Eugen Bollin (*1939) in seiner Kirche antrifft: eine leblose nazarenische Verenafigur. Mit dieser Statue kann der Künstler nicht viel anfangen. Treffend drückt er dies in einem Gedicht aus:20

Heilige Verena im Nazarenerstil
Ewig steif, ungerührt und brav
steht die Plastik der Heiligen
auf restauriertem Altar, klassisch
berührt, doch nicht an der Seele.
In sich verschlafen hält die Frau
Krüglein und Kamm, wäre also bereit.
Ich wünsch ihr die andere Verena,
die behände, fliegende, wachsende,
wilde, liebende, die schon ihr Krüglein
für andere zerbrochen hat.

 

 

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