Kirchenzeitung
50/2011
LeitartikelWir haben etwas zu sagen – und wir sagen es auchMartin Werlen
Lesejahr BMaria Gottesmutter wird ihrer Geschichte beraubtUrsula Rapp
Ökumene10 Jahre Charta Oecumenica – 40 Jahre AGCKBarbara Hallensleben
Seelsorge-Qualität«Mit dem Pfarrer war ich sehr zufrieden. Er gab mir Mut, Kraft und…»Urs Winter-Pfändler
Theologisches BuchDie Sprengung des SystemsRolf Weibel
Amtlicher TeilAlle Bistümer
Bistum Chur
DokumentationReich befrachtete Jubiläumssitzung der RKZ
BücherDie Thebäerlegende als StudienobjektWolfgang Hafner
Geistliche UnterweisungenIso Baumer

Wir haben etwas zu sagen – und wir sagen es auch   

Wer im Glauben voranschreitet, dem weitet sich das Herz (hl. Benedikt). Etwas von dieser Weite darf erfahren, wer das vor 40 Jahren im Auftrag des Zweiten Vatikanischen Konzils erschienene Dokument «Communio et progressio» liest. Es ist die Magna Charta zur Kommunikation der Kirche. Hier tritt eine Kirche auf, die sich der Botschaft bewusst ist, die ihr anvertraut ist. Sie kommuniziert mit allen ihr zur Verfügung stehenden Instrumenten. Sie sucht den Dialog mit den Menschen innerhalb und ausserhalb der Kirche. Auch wenn sich die Instrumente der Kommunikation in den vergangenen 40 Jahren stark verändert haben, die Grundausrichtung des römischen Dokuments ist höchst aktuell.

Katholische Kommunikation

Das Bild, das die Menschen von der Kirche haben, ist wesentlich bestimmt durch die Art und Weise der Kommunikation oder Nicht-Kommunikation. Allzu leicht schieben wir dabei die Verantwortung auf die Medienschaffenden. «Communio et progressio» geht einen anderen Weg. «Wer immer in der Kirche Verantwortung trägt, muss ständig bestrebt sein, durch die Medien umfassende und wahrheitsgemässe Informationen zu vermitteln, damit man ein zutreffendes Bild von der Kirche und ihrem Leben erhält» (Nr. 123).

Kommunikation hat mit dem Wesen der Kirche zu tun. Jesus Christus selbst war ein Meister der Kommunikation (Nr. 11). Entscheidend ist nicht, wer, wie und über welche Kanäle kommuniziert, sondern dass auf eine solche Weise kommuniziert wird, dass die Botschaft die Herzen der Menschen erreichen kann. Wie wenig «Communio et progressio» noch eingelöst ist, zeigt die Konfrontation mit dem eingangs erwähnten Glaubensverständnis des heiligen Benedikt: Wer im Glauben voranschreitet, dem weitet sich das Herz. Ein solcher Mensch bekommt sozusagen ein katholisches Herz. Der Begriff «katholisch» meint ja gerade Weite. Eine Weite, die alles übersteigt, was wir uns als Menschen überhaupt vorstellen können. Mit «katholisch» werden nicht nur geografische oder kulturelle Grenzen überschritten, sondern die Grenze zwischen Himmel und Erde. Traurig ist, dass wir es offensichtlich fertiggebracht haben, «katholisch» so zu kommunizieren, dass viele Zeitgenossinnen und Zeitgenossen damit «Enge» assoziieren. Die Schuld dafür können wir wohl kaum dem Evangelium in die Schuhe schieben  …

Entweltlichung

Wie begegnen wir dieser Herausforderung? Für «Communio et progressio» ist klar: Kirchliche Kommunikation ist nicht Imagepflege, sondern Wahrnehmung des ureigensten Auftrags. Hier trifft sich die Magna Charta der Kommunikation wohl mit dem, was Papst Benedikt XVI. im September in Freiburg i. Br. zum Stichwort «Entweltlichung» gesagt hat: «Es geht hier nicht darum, eine neue Taktik zu finden, um der Kirche wieder Geltung zu verschaffen. Vielmehr gilt es, jede blosse Taktik abzulegen und nach der totalen Redlichkeit zu suchen, die nichts von der Wahrheit unseres Heute ausklammert oder verdrängt, sondern ganz im Heute den Glauben vollzieht, eben dadurch, dass sie ihn ganz in der Nüchternheit des Heute lebt, ihn ganz zu sich selbst bringt, indem sie das von ihm abstreift, was nur scheinbar Glaube, in Wahrheit aber Konvention und Gewohnheiten sind.»

Etwas vom Weltlichsten in der Kirche scheint mir heute die Angst zu sein. Zeiten des Umbruchs sind auch immer Zeiten der Angst. Gerade als Getaufte müssen und dürfen wir uns den Herausforderungen der Zeit stellen. Wir können nicht warten, bis es wieder so wird, wie es einmal war. Die scheinbar guten alten Zeiten kommen nicht mehr zurück. Wer als Getaufter die Hand an den Pflug gelegt hat und ständig zurückblickt, bedarf der Entweltlichung (vgl. Lk 9,62). Die Entweltlichung besteht gerade darin, sich nicht von der Angst bestimmen zu lassen, sondern vom Vertrauen in Gottes Gegenwart auch in unserer Zeit. Und davon zeugt «Communio et progressio». Gottes Wirken wahrnehmen in den Menschen um uns herum, in ihrem Fragen und in ihrem Suchen, das sehr oft beeindruckend ehrlich ist. Wenn wir «unsere Hoffnung Gott anvertrauen» (hl. Benedikt), dann werden wir immer mehr davon abkommen, gegen etwas zu kämpfen, und wir werden uns für etwas einsetzen. Eine solche Entweltlichung drängt sich tatsächlich auf. Dann haben wir den Menschen unserer Zeit viel zu sagen.

Erfüllung des Auftrags, nicht Sorge um den Ruf

Was passiert, wenn die Sorge um den Ruf überhandnimmt? Wenn sie wichtiger ist als die Erfüllung des Auftrags? Das kann auf die Art und Weise der Kommunikation verschiedene Auswirkungen haben.

Es werden nur positive Nachrichten kommuniziert. Negativmeldungen werden verschwiegen. Aber damit verliert die Kommunikation ihre Glaubwürdigkeit – und damit auch die Institution. Wer schwerwiegende Fakten nicht kommuniziert, kommuniziert: «Ich traue der eigenen Institution nicht» oder «Ich traue den Menschen nicht zu, dass sie eine offene Kommunikation einordnen können». In beiden Fällen ist es letztlich eine destruktive Kommunikation, die dem Ruf schadet.

Oft werden negative Nachrichten verschlüsselt kommuniziert. Das kann auf verschiedene Weisen geschehen. Es wird zum Beispiel gezielt zu einem Zeitpunkt kommuniziert, an dem es in der Öffentlichkeit untergeht, weil gerade andere Themen im Zentrum stehen. Oder es wird in einer Sprache kommuniziert, die nur Insider verstehen können. Aber auch dies zerstört Vertrauen. Denn auch damit nehme ich die Adressaten nicht ernst. Es geht mir letztlich nicht um die Adressaten, sondern um mich selbst. Denn entweder habe ich etwas zu sagen, und ich will, dass ich gehört werde. Oder ich habe nichts zu sagen, und dann ist es besser, wenn ich schweige.

Negative Nachrichten werden anklagend kommuniziert. Die Kommunikation benennt zwar etwas Negatives, aber zugleich wird vom eigenen Problem abgelenkt, und andere werden verantwortlich gemacht, oder es wird auf dasselbe Problem bei anderen verwiesen. Mit einer anklagenden Kommunikation kommuniziert man in solch heiklen Situationen: «Ich übernehme meine Verantwortung nicht» – «Ich habe das Problem noch nicht verstanden» – «Ich stelle mich dem Problem nicht».

Kritische Anfragen werden als Bedrohung und Respektlosigkeit wahrgenommen, statt dass der Dialog gesucht und die Anfragen als heilsame Herausforderung angenommen werden. Der Mönchsvater Evagrios Pontikos (»« 399) spricht von seinen Kritikern als von Wohltätern. Sie sind ihm grössere Hilfe auf dem Weg zu Gott als alle, die ihn bewundern.

Selbstverpflichtung

«Communio et progressio» weist einen klaren Weg. «Wenn die Kirche hofft und erwartet, dass Nachrichtenagenturen und Medien sich religiösen Themen zuwenden und diese mit der hier besonders gebotenen Sorgfalt behandeln, dann muss die Kirche auch bereit sein, diesen Institutionen vollständige, wahre und genaue Informationen anzubieten» (Nr. 123). Das ist keine Aufforderung von aussen an die Kirche, das ist Selbstverpflichtung.

Bei guter Kommunikation geht es nicht darum, uns ins gute Licht zu stellen. Bei guter Kommunikation geht es darum, uns ins richtige Licht zu stellen. Gute Kommunikation muss der Wahrheit genügen! Dazu ist uns «Communio et progressio» auch heute Wegweisung.

40 Jahre nach «Communio et progressio» – Tagung vom 12. Januar 2012

Die Kommission für Kommunikation und Medien der Schweizer Bischofskonferenz und der Katholische Presseverein führen am Donnerstag, 12. Januar 2012, in Zusammenarbeit mit der Theologischen Fakultät unter dem Titel «Communio out – Community in? Kirche und Medien zwischen Globalisierung und Fragmentierung. 40 Jahre nach Communio et progressio» an der Universität Freiburg (Schweiz) von 9.15 bis ca. 16.30 Uhr eine Tagung durch (im Auditorium B der Universität Miséricorde). Die Tagung wird zweisprachig abgehalten (dt.-franz.), eine Simultanübersetzung ist gewährleistet. Teilnahmegebühr: 80 Franken (Studierende 35 Franken) inkl. Essen/Getränke.

Anmeldungen an: presseverein@kath.ch

Weitere Infos: simon.spengler@conferencedeseveques.ch

Zum Programm: www.kommission-medien.bischoefe.ch/aktuelles/communio-out-community-in/c-p

 

 

 

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