Kirchenzeitung
3/2013
LeitartikelDer vierte König lebt!Noemi Honegger
Lesejahr CArs amandiRobert Vorholt
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Der vierte König lebt!   

Der Schriftsteller Edzard Schaper (1908– 1984) hat den grössten Teil seines literarischen Werkes in der Schweiz verfasst. Er lebte lange im Wallis, vollzog in der Abtei Einsiedeln seine Konversion zum katholischen Glauben und starb in Bern. Mit der «Legende vom vierten König» schuf er eine Erzählung, die symbolisch die Geschichte der Menschheit verdichtet. Der evangelische Theologe Uwe Wolff, der an der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg über Walter Nigg promoviert hatte, trug im Rahmen eines aufwendigen Forschungsprojekts am Institut für Ökumenische Studien in Freiburg über mehrere Jahre Quellen zum Leben Schapers aus ganz Europa zusammen. Erstmals liegt nun eine wissenschaftliche Biografie vor, die sich zugleich spannend wie ein Roman liest (Uwe Wolff: Der vierte König lebt! Edzard Schaper. Dichter des 20. Jahrhunderts. [Reinhardt Verlag] Basel 2012, 410 Seiten, gebunden, 38 Franken).

Wirren und Umbrüche

Uwe Wolff führt die Leserschaft auf den Spuren Edzard Schapers mitten in die politischen Wirren und Umbrüche des 20. Jahrhunderts. Wir begegnen einem Grenzgänger in geografischer, aber auch in beruflicher und persönlicher Hinsicht. Ein Leben lang wird Schaper umherziehen, selten zur Ruhe kommen, Geld wird stets rar sein, und psychisch wird er wiederholt am Abgrund stehen. Seine Begabung, das Erlebte in Worte zu fassen und zu Papier zu bringen, wird ihn durchs Leben tragen und die Bewältigung seines Schicksals und die Verarbeitung der Dramatik der Geschichte seines Jahrhunderts ermöglichen.

Quer durch Europa

Kurz nach Beginn des Ersten Weltkrieges in Ostrowo in der damaligen Provinz Posen geboren, verbringt Schaper die ersten Jahre seiner Kindheit an der Grenze zu Russland, wo er eine kulturelle, sprachliche und ethnische Vielfalt erlebt. Bald verschlägt es die Familie nach Glogau und weiter nach Hannover. Seine schulische Laufbahn ist kurz und gekennzeichnet von seiner einseitigen sprachlichen und musischen Begabung. Nach Abbruch der Schule wird Schaper zum Vagabunden. Er versucht sich zunächst als Musikstudent und später als Theaterregisseur in Stuttgart. Kurze Zeit später wagt er in massloser Selbstüberschätzung und zurückgezogen auf einer Insel den Versuch, eine Händelbiografie zu schreiben. Die Ehe mit Alice Pergelbaum führt ihn nach vielen Wirren nach Estland, wo er die Nöte der Menschen und der Kirche angesichts der beginnenden Sowjetisierung erlebt und teilt. Zum Tode verurteilt durch Nazideutschland und Sowjetrussland, wird er mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern zum Flüchtling zwischen den Welten. Über Finnland gelangt er nach Schweden, wo er die schwerste Prüfung seines Lebens erlebt: Der Doppelspionage verdächtigt, wird er monatelang von seiner Familie getrennt in einem Internierungslager festgehalten. Er lebt in stetiger Angst vor der drohenden Ausweisung nach Deutschland oder Finnland.

Bekehrung durch Paulus-Lektüre

Mitten in schweren Stunden der Angst und Einsamkeit vollzieht sich bei der Lektüre des Paulus seine Bekehrung, und er findet seine spirituelle Heimat in der lutherischen Kirche. Dank seiner Stärke, Beziehungen zu knüpfen, gelingt ihm endlich die Ausreise in die Schweiz. Aber auch hier bleibt er rastlos und von psychischen und physischen Schwächen geplagt. Als Wohnort wählt er Münster im Wallis und konvertiert zur römischkatholischen Kirche. Schliesslich muss er aus gesundheitlichen Gründen nach Bern übersiedeln, wo er im Alter von 71 Jahren stirbt.

Berufung zum Schreiben

Schapers Berufung zum Schreiben war eine zweifache. Er musste schreiben, um seine eigene Geschichte zu verarbeiten. Dieses persönliche Bedürfnis, das eigene Leben und Schicksal schreibend zu verstehen, gipfelt darin, dass selbst die Konversion zum Katholizismus nur schreibend vollzogen werden kann. Zugleich geben seine Schriften denjenigen eine Stimme, die als Opfer der Geschichte stumm oder ungehört bleiben. Sein literarisches Werk tritt noch heute für alle Verfolgten, Vertriebenen und Gefangenen ein. So erhält sein Werk eine Aktualität, die es zu entdecken lohnt.

Die Rezeption Schapers

Schapers Bücher wurden vor allem in der Zeit kurz nach dem Zweiten Weltkrieg von vielen Menschen gelesen und geschätzt, da sie darin für sich selbst Sinn und Orientierung fanden. Schaper teilte ihr Schicksal und gab ihm eine Deutung. Nach und nach geriet der Dichter aber in Vergessenheit – vielleicht weil Leiden und Opfer überwunden zu sein schienen? Weil die Konfrontation mit seelischen Wunden vermieden werden wollte? Die Gegenwart zeigt eine neue Offenheit für das Irreparable der menschlichen Existenz. Wolffs Biografie ist ein erster Schritt, das aussergewöhnliche Leben Schapers nicht nur als Zeugnis der Vergangenheit, sondern auch als Deutung unserer Gegenwart fruchtbar zu machen. Es gelingt dem Autor, die biografischen Gegebenheiten geschickt mit den literarischen Texten zu verknüpfen. Uwe Wolff lädt dazu ein, die Geschichte Europas des 20. Jahrhunderts im Spiegel eines konkreten Lebens zu entdecken und dabei sehr persönlich dem Menschen Edzard Schaper zu begegnen. Ausgewählte Texte und Briefauszüge machen dies möglich.

Leben, Durchleben und Leiden

Edzard Schaper lebte nicht nur im 20. Jahrhundert, sondern er durchlebte und durchlitt es. Seine Texte sind Zeugnisse seiner Lebensgeschichte und übergreifen diese zugleich, da sie den Menschen in seiner ganzen Existenz ansprechen. Sie erzählen von Einsamkeit, von menschlicher Not, von Schuld und Verantwortung und vom Verhängnis, das jeden Menschen ergreift und nur zu bewältigen ist, wenn es angenommen wird. Diese Erfahrungen macht der vierte König in Schapers Legende. Er sucht Christus, den neugeborenen König, und findet ihn am Ende seiner Kräfte und mit leeren Händen als Heiland am Kreuz. Mit der vorliegenden Biografie von Uwe Wolff gelingt es, wichtige Meilensteine der Geschichte des 20. Jahrhunderts nachzuvollziehen, von Schapers Texten berührt zu werden und sich selbst mit leeren Händen vor Gott zu erfahren und zu wissen: Der vierte König lebt!

Edzard Schaper als ökumenischer Grenzgänger

«Man macht eben nicht ungestraft eine Reise in die Provinzen seines Herzens – und geht dann wieder in das Exil seines Verstandes.» Dieses auf den ersten Blick änigmatische, tiefer gesehen jedoch aufschlussreiche Wort in einem Brief Edzard Schapers aus dem Jahre 1949 führt uns in das innerste Geheimnis seines Lebens und seines schriftstellerischen Wirkens: Edzard Schaper war in seinem ganzen Wesen ein Grenzgänger (…). Dies gilt bereits von seiner äusseren Biografie, die ihn von Deutschland über Estland, über Finnland und Schweden in die Schweiz geführt hat. (…) Ein Grenzgänger war Schaper aber auch in seiner inneren Biografie. Auch sie hat ihren Ort an der Grenze. Seine immer wieder eintretenden Nervenzusammenbrüche zeigen die Grenzen in seinem psychischen Leben, das auch von Suizidgedanken nicht frei gewesen ist, in dem er sich aber immer wieder auch mit der therapeutischen Kraft des Schreibens aufrichten konnte. (…) Von daher wird es nicht überraschen, dass auch Schapers religiöses Denken und seine Spiritualität das Kennzeichen der Grenze tragen, nämlich der Grenze zwischen Schuld und Erlösung, der Grenze zwischen Tod und Auferstehung, der Grenze zwischen Karfreitag und Ostern und in allem der Grenze zwischen Anfechtung und Gnade. Dass es keinen Glauben ohne Anfechtung, keine Gewissheit ohne Zweifel und deshalb auch keine Erlösung ohne Versuchung geben kann, zieht sich wie ein roter Faden durch die Biografie Schapers und dürfte sie gerade für die vielen suchenden Menschen von heute existenziell in besonderer Weise zugänglich machen.

Kardinal Kurt Koch

(Aus der Ansprache an der Buchvernissage in der Nuntiatur in Bern vom 7. November 2012)



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