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Die Kirche lebt aus den Dörfern   

«Indien lebt aus seinen Dörfern.» Wiederholt betonte Mahatma Gandhi seinen Grundsatz und korrigierte die Betrachtung auf ein ganzes Land. Übertragen auf die Kirche ergibt sich ein unverstellter Blick auf die verschiedenen Bemühungen pastoraler Re-Organisation. Markus Heil geht der Frage nach, was ein Dorf ist, wo die Kirche lebt und was darin die kirchliche Gemeinschaft ausmacht.1

India lives in its villages.2 Fast gebetsmühlenartig wiederholte Mahatma Gandhi einen seiner Grundsätze. Man müsse daher nicht die Lebensqualität der Städter heben und könne hoffen, dass die Dörfer etwas davon abbekommen, man müsse also das Leben dort verbessern. Gandhi legte sehr viel Augenmerk auf die Selbstversorgung der Dörfer und die Würde ihrer Bevölkerung. Es sei nicht die Aufgabe der Dörfer, nur die Städter zu versorgen, sondern zuerst selbst ein selbstversorgender Lebensraum zu sein.

Der Blick eines der grossen Visionäre des 20. Jahrhunderts könnte unseren Blick auf die derzeitigen Strukturfragen der Kirche verändern. Wenn dabei von «Selbstversorgung» und «Eigenverantwortung» die Rede ist, soll es um nachhaltige Modelle von Kirche gehen, die nicht die Abhängigkeit von äusseren Faktoren erhöhen, sondern eine Entwicklung stärken, den eigenen Glauben nicht nur in der persönlichen Frömmigkeit und Diakonie auszudrücken, sondern auch in der Sozialform des gemeinschaftlichen und liturgischen Handelns.

Kirche von der Peripherie her

Der Ausspruch Gandhis spiegelt sich im Anliegen von Papst Franziskus, die Kirche von der Peripherie her zu erfassen. «Die Kirche ist dazu aufgerufen, aus sich selber heraus und an die Peripherien zu gehen, nicht nur an die geografischen, sondern auch an die existenziellen Peripherien: jene des Mysteriums der Sünde, des Leidens, der Ungerechtigkeit, der Unkenntnis bzw. der Missachtung des Glaubens, an die Peripherie des Denkens und allen Elends.»3 In Evangelii Gaudium schreibt Papst Franziskus zur Zukunft der Pfarreien: «Die Pfarrei ist keine hinfällige Struktur; gerade weil sie eine grosse Formbarkeit besitzt, kann sie ganz verschiedene Formen annehmen, die die innere Beweglichkeit und die missionarische Kreativität des Pfarrers und der Gemeinde erfordern.»4 Ein solcher Schritt an die Peripherie ist es, die Kirche aus der Perspektive der Dörfer am Rand zu betrachten, von den abgelegenen Bauernhöfen in den Bergen, und den kleinen Weilern entweder in Steppen oder Wald- oder Berggegenden.

Es ist ein anderer Blick als von den Kathedralen her. Wer die Kirche von der Kathedrale her betrachtet, kann leicht sagen, solange hier ein Gottesdienst stattfindet, können alle, die wollen, hierherkommen. Ein solcher Satz ist in dieser Logik auch nicht leicht zu wiederlegen. Doch wer von der Peripherie, von den Dörfern herschaut, erkennt, dass schliesslich kaum jemand in die Kathedrale fährt. Dies mit der allgemeinen Säkularisierung zu begründen wäre zu billig, kommen die Gläubigen im Dorf doch immer noch relativ regelmässig und geben sogar offen zu: «Solange es hier stattfindet, komme ich, aber woandershin fahre ich nicht.» Manche Pastoralplaner reden davon, dass die Leute sich an etwas Anderes gewöhnen müssen, was jedoch leichter gesagt als getan ist. Diese Realität gilt es zuerst anzunehmen.

Was ist also die Perspektive des Dorfes?

Als Getaufte sind alle Christen gleich. Menschen leben ihren Glauben in christlichen Familien oder alleine, vertiefen ihr Gebet und vertiefen durch ihre Arbeit wie durch ihre Nachbarschaftshilfe täglich ihren Glauben. Das Wesentliche des Glaubens findet auf diesem Level des dörflichen Alltags statt. Zusätzlich zum christlichen Alltag versammeln sich Christen sonntags zum Gottesdienst. Das sonntägliche Geschehen ist eine komplexe Vernetzung unter den Gläubigen und deren Glaubensinhalten und geht weit über den Empfang der Eucharistie hinaus.

Von der Peripherie aus betrachtet ist es wichtig, dass man den Nachbarn sieht und hört, ob er etwas braucht, und erzählen kann, wenn man selbst etwas braucht. Darüber hinaus ist es wichtig zu hören, wie dem Nachbarn der Glaube in seinem Alltag hilft und man erzählen kann, wo der eigene Glaube einem geholfen hat. So erhält der Glaube eine Alltagstauglichkeit. Insofern kann man sagen, dass das Gespräch nach dem Gottesdienst so wichtig ist wie der Gottesdienst selbst.

Sich kennen

In kleinen Gottesdienstgemeinschaften erkennt man, wenn jemand regelmässig da war und jetzt schon über längere Zeit fehlt. Diese Wachsamkeit für die Gemeinschaft, «den habe ich schon lange nicht mehr gesehen, vielleicht braucht er oder sie etwas?», ist ein auch in modernen Gesellschaften nicht zu unterschätzendes Juwel einer überschaubaren Gemeinschaft. Der Begriff des «Dorfes» kann auch auf eine städtische Nachbarschaft angewandt werden, in der man sich gegenseitig noch kennen kann. Gleichzeitig ist dieses Modell der «Dorfkirche» nicht für alle, und es wird viele geben, die an einem so kleinräumigen Christentum wenig Interesse haben.

Eine Gruppe entwickelt aufgrund des Sich- Kennens eine natürliche Nächstenliebe. Man sagt, dies gehe, solange man sich gegenseitig noch in die Augen schauen kann, was bis zu einer Gruppe von 50 Personen möglich ist. Diese Gruppengrösse für einen Sonntagmorgen scheint mir daher ein weiteres Eckdatum zu sein. Es ist nicht abwegig, dass eine solche 50er-Gemeinde dann allerdings an Hochfesten oder zur Erstkommunion einer viel grösseren Gemeinde einen Rahmen gibt. Dadurch bereitet sie allen Beteiligten, den regelmässigen wie den gelegentlichen, eine grosse Freude. Und sicher muss nicht jeder, der Christ ist, einer überschaubaren Gemeinde angehören.

Kooperationen machen Sinn

Wer jetzt Kirche von den Dörfern weiterdenkt, muss nicht unbedingt in den bisherigen Dorfstrukturen verharren, als ob es dazu keinerlei Alternative gäbe. Er wird die Alternative nicht von oben herab vorschlagen, sondern genau betrachten, wo von unten her eine Zusammenarbeit möglich ist, und zu welchen Themen oder Gebieten sie eben nicht möglich ist.5

«Kirche lebt aus den Dörfern» ist mit einer im Dorf beheimateten Eucharistie beim derzeitigen Priestermangel nicht zu verwirklichen. Sollte sich aber herausstellen, dass die Zentralorte zwar eine Eucharistiefeier, aber keine Nachbarschaftshilfe, somit keine natürliche Diakonie mehr ermöglichen, dann müsste der von den Christen gelebten Diakonie der Vorrang gegeben werden und überlegt werden, wie man in diesen Einheiten Eucharistie feiern kann. Das Modell von Fritz Lobinger gibt hierfür einen guten Ansatzpunkt.6

Der Blick auf das Dorf wird die weitere Kirchenentwicklung prägen, weil sie die langfristige Lebendigkeit der überschaubaren Gemeinde wertschätzt und dafür eine subsidiäre Ordnung an Diensten und kirchlichen Ebenen errichtet. Dann ist aber der Nah-Raum, das Dorf, nicht ein nachgereichtes Projekt, sondern Ausgangspunkt der pastoralen Entwicklung.

Resumee

Von der Peripherie her, von den Dörfern her beobachten, betrachten und dann handeln, erlaubt, die wachsende Kluft in unserer Gesellschaft zu bearbeiten. Verabschieden sich die Verantwortlichen von der Peripherie, so hat diese keine Chance, sich jemals wieder zu Wort zu melden, sie wird einfach überhört und übergangen – nicht zuletzt, weil niemand sie versteht. Wenn sich wie in der letzten amerikanischen Präsidentenwahl die Peripherie überraschend zu Wort meldet und aufzeigt, dass sie numerisch in der Mehrheit ist, ist das ein eindeutiger Weckruf. Kirche lebt aus den Dörfern, weil sie langfristig in überschaubaren und sich sorgenden Gemeinschaften lebendig bleibt.

 

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