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Religionsunterricht heute – zehn Thesen   

Unmittelbar nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil kam es zur Gründung mehrerer Katechetischer Kommissionen. Diese hatten die Aufgabe, den Religionsunterricht (RU) zu koordinieren, weiterzuentwickeln und die Lehrpersonen in Katechese und RU zu begleiten. Fünfzig Jahre später ist die Konzilsbegeisterung einer Ernüchterung gewichen. Der Religionsunterricht hat sich zwar in der Schule gehalten, aber doch stark verändert. Neue Fachbezeichnungen und Konzeptionen sind aufgetreten, seine Kirchlichkeit ist abgeschmolzen. Die Gemeindekatechese in den Pfarreien und Pastoralräumen ist erst im Aufbau. Die Ausbildung ist professionalisiert worden (ForModula), und das Religionspädagogische Institut Luzern (RPI) hat berufsfeldbezogene Studiengänge eingeführt bis hin zum gymnasialen Religionsunterricht. Das «Netzwerk Katechese» ist seit 2010 das Steuerungs- und Entscheidungsgremium der Deutschschweizer Ordinarien- Konferenz (DOK). 50 Jahre «Diözesane Katechetische Kommission " (DKK) im Bistum Basel geben Anlass zu einer Standortbestimmung. Der Beitrag beleuchtet in einer Thesenreihe die massgebenden Faktoren und überlegt das Entwicklungspotenzial des Religionsunterrichts im Kontext der Glaubensweitergabe, wobei die grosse Vielfalt von Modellen in den verschiedenen Schweizer Kantonen lediglich anklingt.

 

These 1: Der Religionsunterricht hat ein grosses Potenzial für Sinnstiftung und menschliche Wertschätzung.

Im RU dürfen Schülerinnen und Schüler frei und offen über Fragen und Probleme des Alltags reden und diskutieren. Sie sind mehr wert als ihre Leistung und können innovative Ideen wie auch soziale Projekte für Kirche und Gesellschaft in Gang bringen. Gemeinsamer Nenner und spirituelle Grundlage dafür sind die Hoffnungen und Verheissungen der Religionen, insbesondere des Christentums in Jesus Christus.

 

These 2: In didaktischer Sicht ist der RU grundsätzlich dialogisch und schülerorientiert zu gestalten!

Der Vorzug des RU gegenüber anderen Fächern besteht darin, dass er die Schülerinnen und Schüler stärker einbeziehen kann als lernziel- und kompetenzorientierter Sachunterricht. Die jeweiligen «Entwicklungsstufen» oder -»phasen» sind für alle Lernprozesse konstitutiv zu beachten.

 

These 3: Der RU ist analog zu andern Fächern ein Unterricht für alle.

Die lange Zeit gültige Einteilung nach Konfessionen ist in einigen Kantonen aus organisatorischen und stundenplantechnischen Gründen in einen ökumenischen Unterricht transformiert worden. Sind weitere Religionen in der Klasse vertreten oder Schüler ohne Zugehörigkeit zu einer Konfession da, sind auch sie eingeladen, daran teilzunehmen. Der Religionsunterricht ist Teil der Allgemeinbildung.

 

These 4: Inhalte des Religionsunterrichts beziehen sich auf Fragen des Lebens und Glaubens. Antworten auf Fragen sind erfahrungsbezogen zu korrelieren und im Blick auf die Adressaten zu «elementarisieren», also auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Der frühere Katechismusunterricht mit dem Schwerpunkt auf dogmatischen Aussagen und moralischen Geboten/ Verboten wurde erneuert und durch Bezüge zu anderen Religionen ergänzt. Didaktisch ist das Auswendiglernen zum Behalten im Zeichen heutiger Pädagogik einer dialogischen und erlebnisbezogenen Auseinandersetzung gewichen, ohne das Gedächtnis auszuschalten.

 

These 5: Der schulische RU wird verstärkt durch die gemeindliche Katechese. Das sind zwei Pfeiler der religiösen Bildung heute. Der dritte Pfeiler ist die Familie, die leider häufig ausfällt.

Die Vorbereitungen auf die Feier der Erstkommunion, die Hinführung zu Busse und Versöhnung sowie die Firmkurse stehen in kirchlicher Verantwortung (letztlich des Bischofs) und geschehen vorzüglich in kirchlichen Räumen. Die Katechese ist der spezifische «Lernort der Kirche «. Hier geschieht Glaubensbildung und Einführung ins Christsein.

 

These 6: Der schulische RU beziehungsweise «Ethik und Religionen» zeigt die Kooperation von Kirche und Staat.

In einigen Kantonen stellt der Kanton die Räume zur Verfügung und bezahlt die Religionslehrpersonen, während der Bischof ihnen die Missio erteilt. Im Kanton Genf wurde der RU mit Hinweis auf einen laizistischen Staat analog zu Frankreich von der Schule verabschiedet. Dort wollte man allen Problemen aus dem Weg gehen, die durch Religionen provoziert werden: Schwimmunterricht, Gruss durch Handreichen, das Burka-Tragen.1

 

These 7: Für viele Schülerinnen und Schüler ist der RU die einzige lebendige Kontaktstelle für das Gespräch über die Sinn- und Gottesfrage.

Deshalb sollte aus christlicher Verantwortung heraus der RU nicht leichtfertig aus der Schule verabschiedet werden. Er birgt die Chance in sich, die nachwachsende Generation mit dem tieferen Sinn des Lebens zu konfrontieren und für religiöses Leben zu interessieren.

 

These 8: Begegnung ist der Königsweg des religiösen und interreligiösen Lernens.

Medien gehören im schulischen RU (mit Blick auf andere Fächer) selbstverständlich dazu. Vergessen wir dabei nicht, dass die Begegnung von Angesicht zu Angesicht sowie die treue Begleitung von Schülerinnen und Schülern durch eine Lehrperson nachhaltiger prägen und im Gedächtnis bleiben als Filme und Ähnliches. Social Media können neue Gemeinschaften bilden, sind aber kein Allheilmittel und behindern als «Zeitfresser» oft das persönliche Gespräch.

 

These 9: Die Mitverantwortung der Eltern für die religiöse Bildung soll nicht vergessen werden.

Der Religionsunterricht ist kein isoliertes Geschehen, sondern muss gut vernetzt sein, um die Schülerinnen und Schüler wirklich und lebensbedeutsam zu erreichen. Eltern sollen ermutigt werden, zu Hause über religiöse Fragen zu diskutieren, nachzufragen, was denn im RU gelaufen ist und nicht zuletzt die religiöse Praxis der Kinder, wie spontanes Beten oder Versöhnung im Alltag, zu verstärken.2

 

These 10: Alte und neue didaktische Arrangements beleben den Religionsunterricht.

Dem RU stehen heute eine Vielfalt von Wegen offen, altersgerecht und situationsbezogen Impulse für Lernwege in Leben und Glauben zu vermitteln. Abschliessende Gültigkeit haben die folgenden Merksätze nicht, sie helfen jedoch dem RU von Fall zu Fall neu auf die Sprünge. Denn es gilt:

 

- Erzählungen arbeiten mit Erinnerungen und stiften Gemeinschaft.

- Der spirituelle biografische Ansatz sucht nach einem roten Faden im Leben.

- Bibliolog, Bibliodrama und Bibel-Teilen sind beliebte und erprobte partizipative Lernformen, um der Bibel näher zu kommen.

- Christlicher Unterricht muss heute im Kontext von Judentum und Islam stehen.

- Ästhetisches Lernen beginnt mit vorurteilslosem Wahrnehmen mit allen Sinnen.

- Lernen in Genderperspektive unterscheidet nach Geschlechterrollen und vermeidet Benachteiligungen.

- Theologische Aussagen von Kindern sind ernst zu nehmen. Im Gespräch mit ihnen «erarbeiten» sie ihre eigene Kindertheologie und überraschen dabei Lehrpersonen, Eltern und die Welt.

 

Stephan Leimgruber dankt für Hinweise von Joachim Köhn, Kuno Schmid und Stephan Schmid.

Cartoon: Jonas Brühwiler

 

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