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Dilemma-Generation 2.0?   

Salvatore Loiero reflektiert über das Motto der SKZ-Reihe zu den Berufsbildern: Kirche braucht Engagierte am Ort.1

Würde auf dem Hintergrund der Fragestellungen um die pastoralen Dienste die üblich gewordene Typisierung von Generationsfolgen auf unsere nachkonziliare Zeit übertragen werden, würde wohl am besten die Typisierung «Dilemma-Generation 2.0» zutreffen. Warum?

Das mag folgendes Zitat aufzeigen: «Die gegenwärtige Situation ist für die Kirche Gericht und Gnade; sie birgt Gefahren, aber auch Chancen und Möglichkeiten des Neuanfangs (…) Blosse Einzelmassnahmen reichen jedoch nicht mehr aus. Es geht vielmehr um ein Gesamtkonzept aller pastoralen Dienste in der Gemeinde. Es geht letztlich um die Frage: Was ist überhaupt pastoraler Dienst? Wem und wozu dient er? Woher nimmt er seinen Auftrag und seine Kriterien?»2 Die SKZ-Beiträge unter ihrem Motto «Kirche braucht Engagierte am Ort» lassen nüchtern feststellen, dass sich die Fragen in Bezug auf die pastoralen Dienste seit der nachkonziliaren Ära teilkirchlicher Synoden im Wesentlichen nicht geändert haben. Über 40 Jahre danach stehen wir sozusagen als «Dilemma-Generation 2.0» vor denselben Problemkontexten. Zwei markante Dilemma-Faktoren mögen dies verdeutlichen.

Dilemma-Faktor «Amts- bzw. Dienstverständnis»

Die verschiedenen Beiträge über die unterschiedlichen pastoralen Beruf(ung)sgeschichten zeugen von einer hohen Sensibilität der jeweiligen Autor*innen gegenüber den Möglichkeiten und Grenzen, den Stärken und Schwächen des eigenen kirchlichen Berufs. Und dies sowohl im Hinblick auf die anderen pastoralen Beruf(ung)sprofile wie auch im Hinblick auf erfahrene und ausstehende Transformationsprozesse im eigenen Beruf(ung)s- profil. In ihrer Breite dienen die Beiträge dem Prozess einer unabdingbar zu führenden Bewusstseinsbildung, dass der Kirche im Hinblick auf die Pluralität der pastoralen Dienste viele Freiheiten in die Hand gegeben sind. Diese Bewusstseinsbildung führt dann nicht zu Dilemma-Situationen, wenn sie auf einem theologisch basalen Verständnis des einen Amtes in der Kirche geführt wird.

Ein solches Verständnis ist Karl Rahner zu verdanken, der herausstellte, dass die Diskussion um die pastoralen Dienste nicht vom Amt des Priesters, sondern von dem einen Amt in der Kirche zu führen ist. Demnach sind «Ämter in der Weise und dem Grad der Anteilnahme an einem Amt der Kirche verschieden und verschieden gewichtet»3. Das eine Amt ist also der Kirche aufgrund ihres sakramentalen Grundcharakters «wesensgemäss» eingeprägt und als solches nicht diskutabel. Diskutabel (und der Kirche in die Hand gegeben) ist allerdings dessen geschichtliche wie personale Ausprägung und Ausgestaltung gemäss den Ansprüchen des Volkes Gottes in der jeweiligen Zeit und in den jeweiligen Kulturräumen. Eine so verstandene «funktionale Differenzierung» des einen Amtes verrät nicht, sondern sie bewahrt und rettet die pneumatologische Identität der Kirche angesichts nicht aufhaltbarer Transformationsprozesse.

In diesem Sinn gilt es, die Fragen um die funktionale Differenzierung des einen Amtes weiter zu denken sowie verlust- und angstfrei zu diskutieren. Nicht nur in Bezug auf die bestehenden Kirchenberufe, sondern auch in Bezug auf neue Beruf(ung)sprofile, die sowohl theologische als auch andersgelagerte berufliche Kompetenzen miteinander verbinden können, um so auch neuen Orten gerecht werden zu können, an denen die Kirche den Menschen in ihren «Freuden und Hoffnungen, Sorgen und Nöten» (vgl. GS 1) seelsorgerisch begegnen und sie begleiten will (wie im Gesundheits- oder Erziehungswesen).4

Um ihrer eigenen pneumatologischen Identität willen sollte die Kirche daher alle Anfragen an nicht wesensnotwendigen Zulassungskriterien nicht nur zulassen5, sondern auch ändern. Gerade das Verstreichen der Chancen führt hier immer wieder zu Dilemma-Situationen, die «Steuerungskrisen» zu «Zielkrisen»6 machen. Denn strukturelle Veränderungen und personelle Kompetenzverschiebungen maximieren Seelsorge nicht von sich aus, sie geraten sehr schnell zur Reduktion niederschwelliger und konkreter Begegnungs-und Begleitungsmöglichkeiten zwischen Seelsorgenden und Menschen.

Dilemma-Faktor «Kompetenzen»

Es ist unbestreitbar, dass sich die Religionsfreudigkeit der fortgeschrittenen Moderne immer wieder greifbar und messbar in religiösen oder religionsaffinen Suchbewegungen der Menschen zeigt. Wenn dies zum Faktor wird, dass die Zahl von Frauen und Männern steigt, die ein theologisches Studium aufnehmen und sich für einen pastoralen Dienst interessieren (oder umgekehrt), ist dies vorbehaltlos zu begrüssen. Die Theologischen Fakultäten der Schweiz reagieren längst schon mit unterschiedlichen Studienschwerpunkten auf dieses Phänomen und stellen sich in ihren Ausbildungscurricula den Herausforderungen theologischer Kompetenzen «in der Welt von heute».

Eine Dilemma-Situation ergibt sich allerdings dann, wenn die fakultären Ausbildungswege nicht durch solche Ausbildungswege ergänzt werden, die einen höheren Praxisanteil im Ausbildungscurriculum benötigen. In einer sich stets professionalisierenden Welt sollte die Kirche der Schweiz diese Chance nicht nur auf Basis ausserakademischer Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten weiterdenken. So stellt sich die Frage, warum es neben den Theologischen Fakultäten keine kirchliche Fachhochschule in der Schweiz gibt, die, durchaus auch in ökumenischer Verantwortung denkbar, basale Ausbildungswege mit den entsprechend praxisorientierten Anteilen ermöglicht. Profitieren würden nicht nur bestehende pastorale Aufgabenfelder, deren Professionalisierung durch entsprechende Kompetenzen weiterentwickelt werden könnte. Vielmehr würde die Kirche an solchen Berufsprofilen mitbauen, die der Gesellschaft als Ganzes «dienlich» sein könnten – über eine kirchliche Anstellung hinaus.

Damit eng verbunden ist selbstredend die Ausbildung, Stärkung und Begleitung spiritueller Kompetenzen, die zwar studienbegleitend, aber den unterschiedlichen Beruf(ung)swegen gerecht werden sollte – hier besteht zweifelsohne dringender Gesprächs- und Handlungsbedarf.

Was lange währt, wird endlich gut?

Dieses Sprichwort mag auf vieles zutreffen. Was aber ist, wenn manches schon zu «lange gärt»? Im Hinblick auf die pastoralen Dienste scheint der Faktor Zeit wesentlich zu entsprechenden Dilemma-Situationen beizutragen. Vor allem dann, wenn die kairologische Kraft der Jetzt-Zeit zugunsten prospektiver Pastoralentwürfe stiefmütterlich behandelt wird. Alle kirchlichen Verantwortungsträger*innen müssten sich bewusst bleiben, dass das Evangelium vom «Deus humanissimus» (E. Schillbeeckx) den Menschen von heute gilt und dessen transformative Kraft im Heute wesentlich (und gerade auch in Bezug auf die pastoralen Dienste) darüber mitentscheidet, ob – frei nach Gustav Mahler – eine Weitergabe des Feuers möglich bleibt, oder ob dieses Feuer im Hauch der Zeit verglimmt und zur Anbetung der Asche verkommt.

 

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