Kirchenzeitung
Aktuelle Ausgabe
LeitartikelEs gibt so viel zu tun in der Seelsorge!Stephan Schmid-Keiser
CPT-AusbildungCPT-Ausbildung in Seelsorge und Pastoralpsychologie (I)Christoph Weber
OrganisationsberatungSpiritualität in Prozessen der Organisationsberatung (I)Bernhard Lindner
Kirchliche BerufeWie kann man kirchliche Berufe "wecken"?Stephan Leimgruber
Handelsregister-EintragKirchliche Stiftungen und VereineAndrea G. Röllin
Amtlicher TeilBistum Basel
Orden und Kongregationen

Es gibt so viel zu tun in der Seelsorge!   

Dem Ausruf begegnen nicht wenige. Man kann das eine tun und will das andere nicht lassen. Nüchtern gesprochen wollen Ziele angepeilt werden. Sie sind in der Allgemeinseelsorge zahlreicher und anspruchsvoller geworden als noch vor einer Generation. Seelsorge- und Pfarreiteams kennen eine höhere Ausdifferenzierung in ihren Rollen. Zudem ist die Arbeitsteilung zwischen «pastoralen» und «staatskirchenrechtlichen» Partnern vorgegeben, doch eine befriedigende Zusammenarbeit nicht immer gegeben.

Beim Anpeilen der Ziele, wie einer konstruktiven Atmosphäre in der Religionsstunde oder neuer Kooperationen im Bereich Jugendarbeit, zählen darum die nächsten Meilensteine. Der Ausruf «Hab’ leider viel zu tun» hilft nicht weiter. Den Bogen mehr als zu überspannen, macht es schliesslich unmöglich, den Pfeil sinnvoll ins Ziel zu bringen. Man wird sich vermehrt üben müssen in dieser eigenen Kunst des Bogenschiessens, die zudem das Zusammengehen mit weiteren Beteiligten stärkt.

Kooperation einüben

Es war eine der besonderen Erfahrungen im neu gebildeten Team vor Ort, als Koordination gefragt war. Der Kirchenrat war sich nicht zu schade, der Seelsorge die nötige Unterstützung zu geben. Beim gemeinsamen Time-out im Wald unterwegs beim Bogenschiessen zeigte sich, was an Team- Spirit möglich ist, Humor ebenso wie gute Anspannung. Ungewünschter Stress (Disstress) und wirkkräftige Anspannung (Eustress) suchen nach Balance im Seelsorge-Alltag. Es braucht beides: Die Klärung von Rollen, um einander weniger ins Gehege zu kommen, und die Gruppenerfahrung, die das Zusammenspiel der Kräfte im System der Kirchenorganisation stärkt.

Aggiornamento

Neuerdings findet sich die Orientierung an Zielen aufgelistet in Pastoralkonzepten. Daraus braucht hier nicht zitiert zu werden. Werden die Ziele selber Schritt für Schritt erreicht, gibt ein Echo hier, ein anderes dort den Pegelstand des erreichten Aggiornamento an. Dieses bleibt ein Spitzenwort von Johannes XXIII. und ist weder überholt noch erledigt.1

Selbstverständlich will Seelsorge vor Ort und bei den Leuten sein. Sie kann aber auch in die Falle des «Ausverkaufs» und der «Verzettelung» geraten. Papst Franziskus hat dazu seine Impulse im «Evangelium Gaudium» vorgelegt. Auf mich als Seelsorger wirkten sie zugleich kritisch und erhellend für die Neuausrichtung der Arbeit. Und mit «Amoris Laetitia» kann die Seelsorge neue Glaubwürdigkeit gewinnen, indem sie den Dreischritt des Unterscheidens, Begleitens und Eingliederns ins Stammbuch ihrer Tätigkeit schreibt.

Werden diese Kriterien angewandt, sind die Menschen dort abgeholt, wo sie in Wirklichkeit stehen und geben ihr Feedback: «Gut, dass Sie authentisch bleiben, Sie müssen auch kein Spassvogel sein!» Selbst der Pfarrer von Allerorten lernte, Nein zu sagen.2 Niemand im kirchlichen Dienst muss den Handstand auf denkmalgeschützten Gebäuden machen oder zum marktschreierischen Auftritt blasen. Langzeitwirkung beim Unterscheiden, Begleiten und Eingliedern wird zum neuen Lernziel, und innovative Schritte werden möglich. Und wer sie anfordert, erhält hilfreiche Unterstützung durch Fachkräfte aus Universitäten, in Fachstellen und Beratungsgruppen.

Spirituelle Ermutigung

Ein Gradmesser dafür, wie sich Menschen «abgeholt» fühlen, ist auf theologischer Ebene die «spirituelle Ermutigung». Sie entsteht nicht zuletzt dort, wo sich Menschen in Gottesdiensten angesprochen fühlen3 und springt über an neue Orte, wo neue Fähigkeiten, die vor Ort vielfältig schlummern, zum Mitwirken erweckt werden. Darum sollte mutig der Abschied von der Leporello-Pfarrei mit ihren vielen Angeboten gewagt werden. Dies setzt voraus, dass jedem Konzept auch die Änderung in der Vorgehensweise folgt. Es braucht nicht zur Überforderung Einzelner zu kommen.

Es geht um gezieltes Ansprechen von Personen aus unterschiedlichen Milieus und ihre Ermächtigung zum Mitwirken. Beispiele von Gesprächsgruppen, die sich in Pfarreien u. a. zur praktischen Bibellektüre oder gemeinsamen Vorbereitung von Gottesdiensten treffen, zeigen es: Eine Begleitung, die jeden Beitrag als Baustein ernst nimmt, kann helfen, Meilensteine für eine Pastoral mit offener Zukunft zu setzen.

An erprobte Ansätze lässt sich anknüpfen, wie zwei Beispiele zeigen. Asipa.ch «nimmt auf dem Hintergrund der Erfahrungen mit ‹asipa› in Asien den unübersehbaren Hunger der Menschen nach tragenden religiösen Erfahrungen ernst» und sucht in Pfarreien und Gruppen lebendige Prozesse auszulösen.4 Vergleicht man diesen Ansatz mit der Wislikofer Schule5, welche die seelsorgerliche Identität stärken, in die Glaubenskommunikation einüben sowie Gemeinden entwickeln hilft – dabei zusätzlich auf Beratung setzt –, sind beide Wege innovativ.

Die Praxis in Pfarreien und Pastoralräumen wird sich vom biblisch gefärbten Motto anregen lassen: «Du hast mich angesprochen, also bin ich.» Darum lohnt es sich, Tag für Tag ins «Heute Gottes» einzutreten.6 Aus diesem spezifisch spirituellen Aggiornamento zu schöpfen, ermöglicht neue Wege. Es ist dann folgerichtig, dass Stichworte wie «Seelsorge wird zur Selbstsorge», näherhin der Gesichtspunkt der Autonomie der Person, ihrer Würde und ihres eigenen Bezuges zur göttlichen Weite unter seelsorgerischem Blickpunkt nach nochmaliger Klärung eigener Dialoghaltungen verlangen. Dafür sensibel werden, verbindet neu mit der je eigenen Berufung der Seelsorgerin oder des Seelsorgers.

Dialog verbindet mit Transzendenz

Es war Emmanuel Levinas, der den Weg dazu gewiesen hat, wie das Aus-Sprechen religiöser Erfahrung unmittelbar mit der Transzendenz verbindet: «Das Sprechen im Dialog ist nicht eine der möglichen Formen der Transzendenz, sondern ihr ursprünglicher Modus. Mehr noch, sie bekommt erst einen Sinn, wenn ein Ich Du sagt. Sie ist das Dia des Dialogs. Im konkreten Kontext des Menschlichen ist die Transzendenz ein zumindest ebenso gültiger Begriff wie derjenige der Welt-Immanenz, dessen letzte Gültigkeit er in Frage stellt.»7

Man kann darum jedes Beten und jedes Feiern als wie die «Eltern der Kommunikation» bezeichnen, weil darin das Du-Sagen-Lernen die Reifung des Menschen unterstützt und jeder Person sprachlich ein Zugang zur Transzendenz eröffnet wird. Die gesellschaftliche Funktion dieses Vorganges kommt dann nicht als Ergänzung dazu, sie ist ihm selber inhärent. Und Seelsorge wird sich nicht in die Sakristeien zurückziehen.

Das Überschreiten der Räume des kircheninternen Betens und Feierns geschieht dann «wie von selbst», indem der «Pfeil» auf dem «Bogen» dahin aufgespannt wird, wo «Kirche in der Welt von heute» lebt. Weder Rückzug noch Auszug sind dann die Devise. Der Horizont ist geweitet, die ecclesia semper reformanda immer erst am Anfang, die menschlichen Schwächen oft ein «Skandalon» – umso mehr der menschliche Umgang in der Kirche sich je neu ausrichten muss. Denn eines gilt es zu tun: «Mach’s wie Gott, werde Mensch!»

www.konzilsblog.ch