Wie weckt man bei Erwachsenen das Interesse an Glaubensfragen? Damit beschäftigte sich die Fachtagung «Erwachsen(e) glauben» an der Universität Luzern am Mittwoch, die Erkenntnisse eines neuen Praxisbuches vermittelte. Die Teilnehmenden erhielten dank dem Improtheater Matto eine Ahnung von der Schlüsselerfahrung Resonanz.
Regula Pfeifer
Eine Stimmgabel und das Praxisbuch «Erwachsen(e) glauben» liegen an diesem Mittwoch am Platz der rund 50 Tagungsteilnehmenden. Christian Cebulj lässt zu Beginn alle gemeinsam einen Text lesen und – mit einem Ton von der Stimmgabel – schliesslich mitsingen. «Zusammen klingen, darum geht es heute», sagt er dazu.
Der Professor für Religionspädagogik und Katechetik an der Theologischen Hochschule Chur hat mit fünf weiteren Autorinnen und Autoren das neue Praxisbuch «Erwachsen(e) glauben» verfasst. Es bildet die Grundlage für die Fachtagung, die sich primär an Katechetinnen, Religionspädagogen, Theologinnen und Erwachsenenbildner richtet.
«Eine grosse Rolle spielt in der religiösen Erwachsenenbildung die Resonanz», erklärt Mitautorin Simone Konrad, die das Fachzentrum Katechese und das Religionspädagogische Institut an der Universität Luzern leitet. Sie ist auch Leiterin des des Buchprojekts.
Mit Resonanz sind Mitschwingen oder Reaktionen gemeint, ist im Duden nachzulesen. Das Praxisbuch arbeitet mit der Definition des Soziologen Hartmut Rosa. Dieser beschreibt Resonanz als innere Verbundenheit des Menschen zur Welt, die durch Gefühle wie Ergriffenheit ausgelöst wird und bei der sich der Mensch selbst als berührbar, intrinsisch motiviert und selbstwirksam erlebt. Resonanz entstehe, wo Menschen sich auf Fremdes, Irritierendes einlassen – mit unvorhersehbarem Ausgang. Resonanz gehöre zum Kern eines gelingenden Lebens.
Simone Konrad motiviert die Anwesenden, in fünf Minuten online die Frage zu beantworten: «Was bringt dich zum Schwingen?» Oder konkreter: «Was war eine positive religiöse Erfahrung im letzten Jahr?» Die Antworten sind wenig später auf der gebeamten Webseite zu sehen. Sie reichen von Spaziergängen über Freundschaften bis zum Bibellesen.
«In allen Fällen spielte das Affektive die entscheidende Rolle», fasst die Theologin und psychologische Beraterin Judith Furrer-Villa die Rückmeldungen zusammen. Das Gefühl, angenommen zu sein, Teil der Gesellschaft zu sein, Freundschaften zu pflegen stehe an erster Stelle. Da sei die Resonanz im Spiel. Erst an zweiter Stelle sei das Kognitive genannt worden, das Verstehen-Wollen. Die beiden Zugänge zum Religiösen sind auch im Buch aufgeführt.
Der Bildungsverantwortliche des Bistums Basel, Matthias Mütel, betont, dass auch religiöse Bildung – gleich wie die übrige Bildung – ein «lebenslanger Prozess» sei. Doch in der Kirche sehe dies meist anders aus. «Während wir in die religiöse Bildung von Kindern und Jugendlichen investieren, tun wir dies bei Erwachsenen nicht ebenso selbstverständlich.» Eine kurze Umfrage im Publikum zeigt: Das erleben die meisten Teilnehmenden ebenso. Cebulj erhofft sich von ihnen, dass sie zu Multiplikatoren in Sachen religiöse Erwachsenenbildung werden, wie er später sagt.
Doch Glaubensweitergabe an Erwachsene ist nicht einfach, das wird an diesem Mittwochmorgen klar. Dagegen stehen etwa die gesellschaftlichen Entwicklungen. Es fallen die Stichworte Säkularisierung, Individualisierung, Glaube als Option, Indifferenz gegenüber Religion. Aber auch fehlendes Interesse im Pfarreiteam wird als Hindernis genannt. Mütel skizziert einen Weg: «Es geht darum, Menschen zu ihrem Glaubensweg einzuladen, in Respekt für ihre Freiheit.»
«Der christliche Glaube setzt freie Einsicht voraus», betont auch Michael Hartlieb, Bereichsleiter Theologie am Theologisch-pastoralen Bildungsinstitut (TBI). Deshalb gelte es, Erwachsene ernst zu nehmen in ihrer Art, mit dem Glauben umzugehen. Und ihnen zu zeigen, dass man selbst auf der Suche sei. Dabei gibt er zu bedenken: «Aber auch der frei gewählte Glaube bleibt zerbrechlich.»
Auch Hartlieb plädiert für Glaubensbildung. Denn «ohne Bildung kippt der Glaube leicht ins Fundamentalistische». Doch Bildung geschehe nicht nur in Schulen und an Tagungen. Es gehe darum, Möglichkeiten wahrzunehmen. Etwa wenn jemand in einer Reisegruppe wissen will, wen die Figur an einer Kirche darstellt. Ebenso bei Gesprächen mit Arbeitskollegen über religiöse Praktiken oder mit einer Bekannten, die eine niederschmetternde Diagnose erhalten hat.
Einen Eindruck von Resonanz erleben die Tagungsteilnehmenden dank dem Improtheater der Gruppe Matto. Diese reagiert auf Stichworte aus dem Publikum – und setzt diese spontan in Theatersequenzen um.
Als das Publikum um kurze Geschichten gebeten wird, die zur Bühnenszene werden sollen, wird klar: Diese Geschichten nehmen einen anderen, eigenwilligen Ausgang. Der Mensch, der zur Taufe überredet werden sollte – was laut Erzählung nicht gelang – landet dank dem Spiel von Matto im Taufbecken. Und anstatt allgemeiner Lobpreisverzückung, wie erzählt, stellt sich der eine Lobpreisteilnehmende mit verkrampftem Gesicht quer und irritiert danach die anderen mit seinem Gitarrenspiel.
Die Botschaft scheint zu sein: Wer etwas einbringt, muss die Wirkung andern überlassen. Das gilt auch für die religiöse Erwachsenenbildung, wie an der Tagung zu erfahren war und auch im Buch nachgelesen werden kann.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/religioese-erwachsenenbildung-improtheater-macht-resonanz-erlebbar/