Lorenzo Planzi: Papst-Botschafter sahen die Schweizer als Bergvolk und Häretiker

Seit kurzem lehrt Lorenzo Planzi (42) Kirchengeschichte an der Universität Freiburg. Im Interview sagt der junge Professor, warum sein Fach sinnvoll ist, wie wichtig die Schweizer Kirchengeschichte in seinem Lehrplan ist und ob er aktuelle Entwicklungen der hiesigen Kirche mit dem Blick des Historikers verfolgt.

Barbara Ludwig

Herr Planzi, vor wenigen Wochen hat Ihr erstes Semester an der Uni Freiburg begonnen. Wie ist das für Sie. Als junger Mensch haben Sie hier zu studieren begonnen, und nun sind Sie Professor?

Lorenzo Planzi*: Ich bin dankbar und glücklich, an meine Alma Mater zurückzukehren. Es ist fast wie ein Traum: Hier habe ich Geschichte und später Theologie studiert – und heute lehre ich Kirchengeschichte. Ich gehe also durch dieselben Gebäude, sitze in denselben Räumen und meine Professoren sind inzwischen meine Kollegen. Den Neuanfang hier empfinde ich als ein Privileg.

Wie das?

Planzi: Wenn ich heute in Rom, Paris, Wien, Berlin oder anderswo von Fribourg berichte, leuchten die Augen meiner Gesprächspartner auf. Und mir wird bewusst, welchen Ruf unsere theologische Fakultät in Europa geniesst. Alle kennen Fribourg, das hat mich überrascht. Unsere Fakultät ist offensichtlich sehr gut vernetzt.

«Die Kirche darf nicht nur als Institution betrachtet werden, sondern als vielfältige Realität.»

Wie erleben Sie die Studierenden in Vorlesungen und anderen Veranstaltungen? Spüren Sie Neugierde und Interesse?

Planzi: Auf jeden Fall. Ich finde es schön, dass Frauen und Männer zwischen 20 und 80 Jahren oder noch älter meine Vorlesungen besuchen. Diese Vielfalt bereichert den Unterricht, sie zeigt sich vor allem in den Fragen und Diskussionen, die entstehen.

Ist es notwendig, Theologiestudierenden Sinn und Zweck des Studiums der Kirchengeschichte zu erklären?

Planzi: Das ist wichtig. Kirchengeschichte ist eine wissenschaftliche Disziplin. Sie hilft uns, die Gegenwart besser zu verstehen. Dabei darf die Kirche nicht nur als Institution betrachtet werden, sondern als vielfältige Realität. Gleichzeitig geht es darum, den Studierenden das nötige Handwerkszeug zu vermitteln. Sie sollen lernen, historische Quellen kritisch zu lesen.

Nicht alle Studierenden denken von sich aus historisch, das heisst sind sich dessen bewusst sind, dass auch die Kirche sich im Laufe der Jahrhunderte immer wieder gewandelt hat.

Planzi: Das kommt vor. Darum finde ich die praktischen Übungen, also die Lektüre von Quellen, so wichtig. Ich halte zurzeit eine Vorlesung zur Kirchengeschichte der Schweiz. Wir treffen uns nicht nur an der Uni, sondern besuchen auch Archive. Vor einigen Wochen waren wir im Archiv der Franziskaner in Fribourg und haben gemeinsam Quellen gelesen. Da wird spürbar, was Kirchengeschichte ist.

Denn die Quellen berichten nicht nur von einem Ereignis, sie verraten auch etwas über die Autoren und das Kirchenverständnis der betreffenden Epoche. Im November werden wir das Archiv der Universität besuchen. Und im Dezember ist eine Führung durch die Archive der Bischofskonferenz geplant. Das Studium der Kirchengeschichte soll nicht nur im Hörsaal stattfinden, sondern auch ausserhalb der Universität. Deshalb will ich, wie das auch mein Vorgänger gemacht hat, regelmässig ein Seminar in Rom organisieren, um dort während einer Woche gemeinsam mit den Studierenden Archive zu besuchen und Quellen zu lesen.

Welche Schwerpunkte wollen Sie in der Lehre setzen?

Planzi: Ein Schwerpunkt ist Kirchenalltag und Theologie in Europa. Das Thema behandle ich aktuell in der Hauptvorlesung. Ich habe mit dem Mittelalter begonnen. Geplant ist jedoch ein Zyklus über vier Semester. Mich fasziniert, wie Menschen ihren Glauben gelebt haben und wie dieser Glaube ihren Alltag geprägt hat. Ein weiterer Schwerpunkt – in der Lehre, aber auch in meiner Forschung – ist die Geschichte der Diplomatie, die Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und der Schweiz. Und schliesslich die Geschichte des Mönchtums in der Schweiz. In den kommenden Jahren werden weitere Schwerpunkte hinzukommen.

Wie wichtig ist die Schweizer Kirchengeschichte in Ihrem Lehrplan? Und warum?

Planzi: Sehr wichtig. Jedes Jahr sollen mindestens eine Vorlesung und ein Seminar zur Schweizer Kirchengeschichte angeboten werden. Für die Theologiestudierenden ist es wichtig zu verstehen, wie die Schweizer Kirche entstanden ist. Denn einige von ihnen, darunter auch Studierende aus dem Ausland, werden später in einer Pfarrei arbeiten.

Auch hier will ich die historische Analyse mit praktischer Quellenarbeit verbinden. Besonders spannend ist zum Beispiel die Frage, wie die Kirche der Schweiz von aussen wahrgenommen wurde. Zurzeit lesen wir die Berichte, die die päpstlichen Nuntien in Luzern im 17., 18. und 19. Jahrhundert nach Rom geschickt haben. Darin heisst es, dass die Schweizer ein Bergvolk und ein Volk von Häretikern seien. Bergvolk und Häretiker, diese zwei Wörter kommen am häufigsten vor. Warum haben die Botschafter des Papstes das geschrieben? Das wollen wir herausfinden.

«Ich möchte in Fribourg ein Forschungszentrum für Schweizer Kirchengeschichte aufbauen.»

Die Geschichte der diplomatischen Beziehungen zwischen der Schweiz und dem Heiligen Stuhl zählt bekanntlich zu den Schwerpunkten Ihrer Forschung. Haben Sie als neuer Professor noch Zeit, sich der Forschung zu widmen?

Planzi: Das ist ein wenig eine Herausforderung, im ersten Semester bin ich sehr mit den Vorlesungen beschäftigt. Aber Lehre und Forschung gehören für mich zusammen. Ich finde, die Universität Fribourg bietet hervorragende Voraussetzungen, um beides miteinander zu verbinden. Darum möchte ich in Fribourg langfristig ein Forschungszentrum für Schweizer Kirchengeschichte aufbauen. Ich bringe grosse Erfahrung mit SNF-Projekten mit. Mir schwebt vor, dass an diesem Zentrum immer wieder Projekte mit Unterstützung des Schweizerischen Nationalfonds realisiert werden und dass es dabei zu Kooperationen mit internationalen Forschungszentren kommt.

Haben Sie schon eine Idee, wann das Forschungszentrum Realität werden könnte?

Planzi: In den nächsten zwei, drei Jahren, vielleicht mit den ersten SNF-Projekten, die entwickelt werden. Ich möchte das Zentrum mit einer Gruppe von Kolleginnen und Kollegen eröffnen und auch Forscherinnen und Forscher anderer Disziplinen miteinbeziehen.

«Zurzeit interessiert mich besonders das Thema Synodalität. Das ist eine grosse Baustelle.»

Gibt es aktuelle Entwicklungen in der katholischen Kirche Schweiz, die Sie mit dem Blick des Historikers verfolgen?

Planzi: Ja. Zurzeit interessiert mich besonders das Thema Synodalität. Das ist eine grosse Baustelle. Die aktuellen Debatten in der Schweiz werfen Fragen auf, die die Kirche schon seit Jahrhunderten beschäftigt. Zum Beispiel: Wer darf mitentscheiden? Wie werden unterschiedlichen Stimmen gehört? Wie lassen sich Gemeinschaft und Verantwortung miteinander verbinden? Ein Blick in die Kirchengeschichte zeigt, dass sich die Formen kirchlicher Beteiligung immer wieder verändert haben. Der historische Vergleich hilft, die heutigen Diskussionen besser einzuordnen.

*Lorenzo Planzi (42) ist seit Herbst 2026 Professor für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte an der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg (Schweiz). Er studierte Geschichte und Theologie in Freiburg i. Ü., Rom und Paris. 2014 promovierte der Tessiner in Freiburg in Zeitgeschichte. Seine kirchenhistorische Habilitationsschrift widmet sich der Geschichte der Beziehungen zwischen der Schweiz und dem Heiligen Stuhl. In wenigen Monaten erscheint ein Buch über die Schweizer Kardinäle, das Planzi gemeinsam mit Stefan Leimgruber herausgibt.


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.kath.ch/newsd/lorenzo-planzi-studium-der-kirchengeschichte-soll-nicht-nur-im-hoersaal-stattfinden/