Papst-Aussage zu Missbrauchsursachen irritiert Bischof Bätzing

Hat sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche systemische Ursachen? Papst Leo äussert sich zurückhaltend. Das wiederum irritiert den Limburger Bischof Georg Bätzing. Er warnt vor einem Rückschritt.

(KNA) Der Limburger Bischof Georg Bätzing kritisiert eine Aussage von Papst Leo XIV. zu Missbrauch und warnt vor Rückschritten in der katholischen Kirche bei der Aufarbeitung. Die Kirche dürfe nicht über bereits gewonnene Erkenntnisse zurückfallen, schrieb Bätzing in einem Standpunkt, den das Bistum Limburg am Dienstag auf seiner Internetseite veröffentlichte.

Anlass für die Stellungnahme war eine Äusserung von Papst Leo XIV. zu den möglichen systemischen Ursachen von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche. Es gebe zwar einige Organisationen innerhalb der Kirche, die «zuweilen – wenn man so will» als System missbräuchlich gehandelt hätten, sagte Leo kürzlich: «Aber ich halte es für wichtig, hier zu unterscheiden: Sexueller Missbrauch ist in erster Linie ein menschliches Problem.»

Klerikalismus und ungleiche Machtverhältnisse

Bätzing widersprach dem nun. Die sogenannte MHG-Studie aus dem Jahr 2018 in Deutschland habe deutlich gemacht, dass sexueller Missbrauch in der Kirche nicht allein als Fehlverhalten einzelner Täter verstanden werden könne, schrieb er: «Es gibt spezifische kirchliche Risiko- und Strukturmerkmale, die Missbrauch begünstigt und seine Aufdeckung erschwert haben.» Dazu gehörten unter anderem Klerikalismus und ungleiche Machtverhältnisse.

Bätzing wünscht sich Klarstellung von Papst

Der Bischof verwies auf die Aussagen von Missbrauchsbetroffenen sowie auf die Ergebnisse wissenschaftlicher Untersuchungen, die nicht nur für Deutschland gälten. «Ich möchte dem Papst nicht unterstellen, dass er die wissenschaftlichen Erkenntnisse grundsätzlich zurückweist. Aber seine Äusserungen lassen eine entscheidende Frage offen: Erkennt er an, dass nicht nur einzelne Personen und Organisationen, sondern auch spezifische Strukturen der katholischen Kirche Missbrauch und dessen Vertuschung begünstigt haben?»

Eine Klarstellung durch den Papst halte er hier für dringend erforderlich, so Bätzing weiter. Er bezog sich auch auf den Reformprozess Synodaler Weg der katholischen Kirche in Deutschland, den er als früherer Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz mitgeprägt hat. Der Synodale Weg habe die Fragen von Macht, Verantwortung und Kontrolle in den Mittelpunkt von Reformbemühungen gerückt: «Vor diesem Hintergrund halte ich die Aussage, sexueller Missbrauch sei in erster Linie ein menschliches Problem, für unzureichend und in ihrer möglichen Konsequenz für höchst problematisch.»

Anerkennung systemischer Ursachen gefordert

Gleichzeitig erkannte er an, dass Leo die besondere Verletzung von Betroffenen im kirchlichen Bereich und die Verantwortung der Kirche ihnen gegenüber angesprochen habe: «Gerade deshalb wünsche ich mir von ihm eine ebenso eindeutige Anerkennung der systemischen Ursachen sexualisierter Gewalt.»

Bätzing war bis Ende Februar Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Sein Nachfolger ist der Bischof von Münster, Heiner Wilmer.


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