Allerheiligen und Allerseelen sind Gelegenheiten gewesen, sich an die Verstorbenen zu erinnern. Edmond Pittet, Direktor und Bestatter bei den «Pompes funèbres générales» in Lausanne, begleitet jährlich rund 300 trauernde Familien. Mit 72 Jahren möchte er nun beruflich etwas kürzertreten. Mit Zustimmung der betroffenen Familien haben wir ihn in seinem Arbeitsalltag begleitet.
Gabrielle Desarzens, RTS
(cath.ch) Bei den «Pompes funèbres générales» (zu deutsch: «Allgemeiner Bestattungsdienst») beginnt der Arbeitstag stets um 8 Uhr mit einer Besprechung der 65 Mitarbeitenden des Unternehmens, das über mehrere Regionalbüros im Kanton Waadt verfügt.
«Heute Morgen fahre ich nach Pully», kündigt Edmond Pittet an. «Ein Mann ist im Universitätsspital Lausanne verstorben. Wer kommt anschliessend um 11.30 Uhr mit mir nach Orbe?» Vier Mitarbeitende melden sich. «Gut, ihr müsst zu Hause die Asche von zwei Katzen abholen, die in den Sarg gelegt werden soll. Anschliessend findet um 16.30 Uhr die Trauerfeier im Bestattungszentrum statt. Morgen früh werden buddhistische Freunde zur Einäscherung kommen, um ein Gebet zu sprechen.»
Edmond Pittet macht sich auf den Weg nach Pully. «Wenn man zu einer Familie kommt, weiss man nie genau, was einen erwartet», erklärt er und schaltet den Blinker ein. «Es gibt so viele Möglichkeiten, die Angehörigen zu begleiten: Manche möchten überhaupt keine Feier, andere wünschen sich lediglich einen musikalischen Moment, das Vorlesen eines Gedichts oder vielleicht eines Psalms. Man muss herausfinden, welchen Weg jeder Einzelne gehen möchte. Das ist faszinierend.»
Am Ziel angekommen, wird er von der Tochter des im Spital verstorbenen Mannes empfangen. Auch ihre Mutter und ihr Bruder sind dabei. Gemeinsam trinken sie eine Tasse Kaffee. Die Situation ist schwierig: Der Vater ist unerwartet schnell gestorben. Die Tochter hatte nicht mehr die Möglichkeit, ihn so zu begleiten, wie sie es sich gewünscht hätte.
«Sie können mich jederzeit anrufen, auch am Samstag oder Sonntag.»
«Einerseits ist es eine Erleichterung, weil er nicht mehr leiden muss. Aber gleichzeitig stellen sich viele Fragen», sagt sie. Edmond Pittet versucht zunächst, ihr die Sorgen wegen der administrativen Formalitäten zu nehmen: «Sie können mich jederzeit anrufen, auch am Samstag oder Sonntag.»
Für die Organisation der Bestattung hat sie über eine einfache Internetsuche Kontakt zu ihm aufgenommen. «Der Kontakt hat sofort sehr gut funktioniert. Er ist ausgesprochen freundlich und begleitet uns aufmerksam», sagt sie.
Obwohl sie eine schmerzhafte Zeit durchlebt, wünscht sie sich eine fröhliche Abschiedsfeier – ganz im Sinne ihres Vaters. «Er war ein lebensfroher Mensch. So möchte ich, dass die Leute ihn in Erinnerung behalten.» Mit ihrem Einverständnis bestellt Edmond Pittet eine weisse Rose und einen Korb mit Blütenblättern. «Wenn die Menschen am Sarg vorbeigehen, können sie einige Blütenblätter mitnehmen. Diese Geste ermöglicht es jedem Einzelnen, auf seine eigene Weise Abschied zu nehmen», erklärt er.
Mit belegter Stimme denkt die Frau an ihre eigene Tochter: «Ihr Grossvater wird sie nicht mehr zu ihrer Hochzeit begleiten können», sagt sie mit Tränen in den Augen. «Es sind so viele kleine Dinge, die …»
«Ja, es sind viele kleine Dinge», entgegnet der schwarz gekleidete Mann behutsam. «Aber das sind keine Versäumnisse. Sie haben Ihren Vater wunderbar begleitet. Es ist eine äusserst schwierige Trennung, aber es gibt auch viele schöne Erinnerungen, vor allem …»
«Ja», stimmt sie zu. «Wir behalten nur die schönen Dinge.»
Bei einem Zwischenhalt auf der Terrasse eines Quartiercafés spricht Edmond Pittet darüber, was ihn an seiner Arbeit erfüllt. «Es geht darum, eine Tätigkeit im Dienst anderer Menschen auszuüben», beginnt er. «Jede Begegnung ist auf ihre Weise wunderbar und anders. In diesem Beruf gibt es nichts Eintöniges. In beinahe 50 Jahren Berufserfahrung habe ich alle gesellschaftlichen Schichten kennengelernt. Im Zentrum des Leidens anderer Menschen zu stehen und zugleich auch mit den eigenen Sorgen und Belastungen umzugehen, bedeutet für mich, mich immer wieder auf den Herzschlag jedes einzelnen Menschen einzustellen, dem ich begegne.»
Edmond Pittet hat auch erlebt, wie sich sein Beruf im Laufe der Zeit verändert hat. Zu Beginn seiner Laufbahn waren die Abläufe streng geregelt und klar vorgegeben. «Man sprach mit dem Pfarrer oder Priester über Vater und Mutter. Dieser verfasste dann den Lebensrückblick. Vor dem liturgischen Teil gab es lediglich Orgelmusik.»
Später wagten es die Angehörigen, selbst ein paar Worte zu sagen – als Tochter oder Ehefrau. Mit der Zeit kamen weitere persönliche Erinnerungsberichte und die eigene Musikauswahl hinzu.
«Heute gibt es zunehmend sogenannte weltliche Trauerfeiern», erklärt Pittet. «Vor allem aber wünscht mittlerweile ein Viertel der Familien überhaupt keine Feier mehr. In solchen Fällen muss man einer Trauer vorbeugen, die krankhaft werden oder nur schwer verarbeitet werden könnte. Das bedeutet, den Wunsch der Angehörigen zu respektieren und sie gleichzeitig dafür zu sensibilisieren, wie wichtig es sein kann, den Verstorbenen beispielsweise zu begleiten oder beim Schliessen des Sarges anwesend zu sein.»
Die Zeit vergeht. Nach rund 40 Kilometern Fahrt wartet in Orbe bereits der zweite Termin des Vormittags auf Edmond Pittet. Er übernimmt die Überführung einer verstorbenen Frau, die sich zu Lebzeiten gewünscht hatte, nach ihrem Tod noch einige Tage zu Hause bleiben zu dürfen.
Ihre Tochter, die während der ganzen Woche im Elternhaus Totenwache gehalten hatte, konnte auf diese Weise in Ruhe Abschied nehmen. Entsprechend dem Wunsch ihrer Mutter, die praktizierende Buddhistin war, vollzog sie ein Ritual: Sie legte entlang des Körpers eine gesegnete weisse Khata, einen traditionellen Schal, der die Verstorbene schützen sollte.
«Herr Pittet und sein Team haben es mir ermöglicht, dieses Ritual durchzuführen», erzählt die Tochter. «Er begegnet einem mit einer beruhigenden Feinfühligkeit und hört aufmerksam zu.» Vier Bestattungsmitarbeiter stellen sich um den Sarg, um ihn zu schliessen.
«Ich habe das Gefühl, dass wir lediglich ihren Körper wegbringen. Alles andere ist bereits geschehen. Deshalb bin ich ruhig, denn meine Mutter ist friedlich gegangen. Sie war bereit.»
Am selben Tag wird Edmond Pittet noch die Asche eines Verstorbenen im Erinnerungspark auf dem Friedhof Montoie in Lausanne beisetzen und anschliessend die Abschiedsfeier für die buddhistische Frau aus Orbe begleiten. «Mit 72 Jahren denke ich jedoch, dass ich in den kommenden zwei Jahren mein Arbeitstempo reduzieren und wieder ein Leben führen möchte wie alle anderen auch. Und ich möchte lernen, selbst zu sterben», sagt er abschliessend. (Bearbeitung: Carole Pirker)
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https://www.kath.ch/newsd/edmond-pittet-die-kunst-des-abschiednehmens/