Die Kapuzinerin Sr. Augustina Flüeler (1899–1992) war eine grosse Textilkünstlerin des 20. Jahrhunderts. Sie schuf im Kloster St. Klara in Stans eine Werkstatt für liturgische Gewänder und wurde mit ihren Kreationen international bekannt. Ein Buch und eine Ausstellung in Stans würdigen ihr Lebenswerk.
Dominik Landwehr
Das Leben der Sr. Augustina Flüeler entsprach in vielerlei Hinsicht nicht dem Klischee der gefügsamen und geduldigen Ordensfrau, die aus der Ruhe der Kontemplation zeitlose Werke schuf – sie war vielmehr eine eigenständige, kreative Persönlichkeit, die sich im Lauf der Jahre einen Freiraum im strengen Ordensleben schuf. Geboren wurde sie 1899 in Stans als Anna-Marie Flüeler, wo sie auch später lebte. Der Vater war Tierarzt, die Mutter war als begabte Theaterschauspielerin im Dorf bekannt. Durch den frühen Tod des Vaters lebte die Familie in prekären finanziellen Verhältnissen. Trotzdem konnte sie den Beruf einer Handarbeitslehrerin erlernen.
Bereits als 19jährige folgte sie dem Ruf, ins Kloster einzutreten, hatte aber mit dem neuen Leben zunächst Mühe: Die immergleichen Gebete erschienen ihr monoton, das Schlafen in der kalten Zelle auf einem Strohsack war nicht nur unbequem, sondern der Gesundheit der Frauen auch abträglich. «Ich vermochte das religiöse Denken nicht nachzuvollziehen und schwebte ständig zwischen Anpassung und Widerstand», sagte sie.
Im Kloster arbeitete sie zunächst auf ihrem angestammten Beruf und unterrichtete Schülerinnen im klostereigenen Institut, bald gründete sie zusätzlich eine Fachklasse für Erwachsene, wo sie eine grössere Gestaltungsfreiheit hatte. Schon 1928 reichte sie erste Arbeiten – weltliche Textilien – bei der ersten Ausstellung über Frauenerwerbsarbeiten SAFFA ein. Selbst teilnehmen durfte sie noch nicht. Ihre Arbeiten erregten aber Aufmerksamkeit, namentlich bei der Schweizerischen St. Lukasgesellschaft, ein 1924 in Olten gegründeter Verein, der als Forum an der Schnittstelle von zeitgenössischer Kunst, Architektur, Theologie und Spiritualität fungierte und sie bei ihren Bemühungen unterstützte, neuartige liturgische Gewänder zu schaffen.
1929 begann sie mit dem Aufbau eines Ateliers im Kloster, das sich auf die Herstellung von liturgischen Gewändern, so genannten Paramenten, spezialisierte. Eine ihrer Motivationen war die Unzufriedenheit mit den bestehenden Kirchengewändern. Diese Gewänder, so ihre Überzeugung, sollten mehr sein als nur Dekoration, sondern einen Beitrag zur Würde der Liturgie bilden. Nicht der Träger sollte im Mittelpunkt stehen, sondern das Geschehen am Altar.
Schon bald entwickelte sie ihre eigene Vision und liess dabei die Tradition der barocken Ornamentik mit ihrer typischen Bassgeigenform hinter sich. Dabei setzte sie mehr und mehr auf die Kraft von handgewobenen Textilien. Das war auch für sie Neuland und sie und ihre Mitarbeiterinnen begannen ab 1936 die Kunst des Handwebens zu erlernen – unterstützt wurde sie dabei von der Nidwaldner Textilkünstlerin Regina Amstad (1887-1986). Sie stand dabei auch im Austausch mit Erna Schillig (1900-1993), die 1948-1967 die Textilabteilung der Kunstgewerbeschule Luzern leitete und dort Paramentik unterrichtete.
Erna Schillig und Sr. Augustina Flüeler trugen in den 1950er-Jahren den Ruf der Schweizer Paramentik in die Welt: 1954 waren ihre Werke im Zürcher Kunsthaus in der Ausstellung «Christliche Kunst der Gegenwart» und 1958 im Pavillon des Vatikans in der Weltausstellung in Brüssel zu sehen. 1954 wurde Sr. Augustina in der Secession in Wien in der Sparte Textil mit einer Goldmedaille ausgezeichnet, ein wichtiger Meilenstein: Die Stanser Manufaktur wurde zu einem Begriff für moderne kirchliche Gewänder. Sr. Augustina nutzte fortan den Namen «Atelier St.Klara. Stans (Schweiz)». Hier arbeiteten professionelle Textilfachfrauen, darunter auch Stickerinnnen aus der Region von Como, die eine reiche Tradition in der Textilbearbeitung hat. Später kamen auch Absolventinnen der Paramenten-Klasse der Kunstgewerbeschule Luzern dazu.
Die Textilien aus dem Stanser Atelier nahmen die Eigenart des Gewebes auf und liessen es wirken – nicht mehr durch eine aufwendige Verzierung, sondern durch das Material, die Farben und den Faltenwurf. Damit waren ihre Textilien im besten Sinn modern und widerspiegelten die künstlerischen Ideen jener Zeit wie sie zum Beispiel in der Bauhaus-Bewegung zum Ausdruck kamen.
Das Stanser Atelier war auch unternehmerisch erfolgreich und die Einnahmen aus den Verkäufen waren für das Frauenkloster lebenswichtig. Darin dürfte auch ein Grund liegen für die Bereitschaft, Sr. Augustina Flüeler mehr Freiheiten im strengen Klosterleben einzuräumen und ihr den Besuch von Ausstellungen und Veranstaltungen ausserhalb des Klosters zu ermöglichen.
Das Zweite Vatikanische Konzil in den Jahren 1962 bis 1965 war auch für Sr. Augustina Flüeler eine wichtige Zäsur. In der modernen Liturgie bevorzugte man fortan Einfachheit und beschränkte sich auf ein einheitlich weisses Messgewand (Tunika) mit einer farbigen Stola in den jeweiligen Farben des Kirchenjahres. Aufwendig gestaltete farbige Messgewänder waren nicht mehr gefragt. «Vielleicht braucht es kein sakrales Gewand mehr,» soll Sr. Augustina gesagt haben. Sie schloss ihre Werkstatt wenig später im Jahr 1973. Auf der anderen Seite machte sie sich Gedanken, wie sich Frauen kleiden würden, wenn sie einmal zum Priesteramt zugelassen sein würden: «Vielleicht wenn die Frauen Priester werden, hüllen sie sich in Blau… Es wird sich noch vieles ändern – nur meine Zeit wird kurz.»
In einer materialreichen Ausstellung* wird nun in Stans das Werk von Sr. Augustina gewürdigt. Es war gar nicht so leicht, die liturgischen Gewänder aus dem Stanser Atelier zusammenzubringen. Diese Werke finden sich heute in der Schweiz und in anderen Ländern Europas und auch in Übersee und mussten für die Ausstellung und die Dokumentation im Buch in aufwendigen Recherchen zusammengetragen werden.
Das Sammeln der Leihgaben zeigte auch die Notwendigkeit der Erhaltung dieser Gewänder als mobile Kulturgüter, sagt Projektleiterin Gabriela Christen im Gespräch. In vielen Fällen wussten nicht einmal mehr die Sakristane in den Kirchgemeinden um die Bedeutung der Textilien und in einem Fall mussten die Textilien buchstäblich in letzter Minute vor der Entsorgung gerettet werden.
Einige ihrer Gewänder sind besonders umfangreich dokumentiert. Dazu gehört etwa der Auftrag für Audincourt in der Nähe von Besançon, der für die Klosterfrau zu ihren Hauptwerken gehört. Dann die prachtvollen violetten Arbeiten für das Kloster Einsiedeln, die von den Sakristanen dort «Pferdedecke» und «Feuerwehrsornat» genannt werden.
Das Buch** zur Ausstellung, herausgegeben von der Kunsthistorikerin Gabriela Christen, ermöglicht verschiedene Zugänge zur kirchlichen Textilkunst. Dazu gehören Aufsätze der Historikerin Marita Haller-Dirr zum Leben im Kloster oder von Jonas Leysieffer, der sich mit den textilgeschichtlichen Aspekten der Arbeiten von Sr. Augustina Flüeler beschäftigt.
Wertvoll sind im Buch auch die Aussagen von Zeitzeugen und Mitarbeiterinnen aus dem Stanser Kloster: von der Schneiderin Esther Bisig, der Paramentikerin Marietheres Egloff, der Kulturschaffenden, Journalistin und Nachbarin Brigitt Flüeler, der Schneiderin Elisabeth Lammer-Bachofen, der Schauspielerin Roswita Schilling, einer Nichte von Sr. Augustina, der Textilkünstlerin Katja Schmid-Mallmann und Sr. Stefanie Steger, die damals als Schneiderin mitarbeitete.
Eindrücklich sind aber auch die Reproduktion von Entwürfen und Skizzen. Sie verraten etwas über das kreative und durchdachte Arbeiten der Stanser Ordensfrau. Ein kleines Highlight in der Ausstellung sind die Stoffmuster der gewobenen Textilien, die Sr. Augustina von jedem Auftrag bei sich behalten hat.
In der Ausstellung in Stans werden die liturgischen Gewänder als dreidimensionale Textilkunstwerke präsentiert, ganz ohne trennende Glasscheiben. Sorgfältige Fotografien des Nidwaldner Museumsfotografen Christian Hartmann ermöglichen in der Publikation einen Eindruck der Dreidimensionalität und Haptik der Stoffe. Zu sehen sind auch die zeitgenössischen Abbildungen des Fotografen Leonhard von Matt (1909 – 1988) aus den 1950er-Jahren, hier wirkte Anton (Toni) Flüeler, der Bruder von Sr. Augustina, als Fotomodell.
Sr. Augustina Flüeler prägte die Paramentik des 20. Jahrhunderts und steht zugleich für ein wenig bekanntes Kapitel der Künstlerinnengeschichte. «Ihre kirchlichen Gewänder galten als Zeichen für den Aufbruch der Kirche […]. Sie war Teil der Generation von Frauen, die mit dem Weben die Welt veränderten und diese weibliche Kunst in die Kirchen und die Museen der Moderne brachten», schreibt Gabriela Christen. Frauen waren lange von den Kunstakademien ausgeschlossen; später wurde ihnen besonders die Textilkunst zugewiesen. Die Klosterfrau aus der Innerschweiz verdient einen Ehrenplatz in der Schweizer Kunstgeschichte. Mit Buch und Ausstellung ist ein Schritt in diese Richtung getan.
*Ausstellung im Nidwaldner Museum, Stans: 7. November 2026 bis 30. Juni 2027.
**Buch: Gabriela Christen und Carmen Stirnimann (Hg.): Augustina Flüeler – Klosterfrau, Künstlerin, Textilunternehmerin. Zürich 2026. Verlag Scheidegger & Spiess.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/wie-eine-kapuzinerin-aus-stans-als-textilkuenstlerin-weltberuehmt-wurde/