Die katholische Kirche hat seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil Beachtliches für den Frieden unter den Religionen geleistet. Nun gelte es interreligiöse Theologien zu entwickeln und vom Wort zur Umsetzung zu gelangen. Das schreibt der Kirchenhistoriker Mariano Delgado in einem Kommentar zur jüngsten «Note» über interreligiöse Geschwisterlichkeit aus dem Vatikan.
Mariano Delgado*
Die jüngste römische «Note»** dreier Dikasterien (Glaubenslehre, Förderung der Einheit der Christen, Interreligiöser Dialog) mit dem Titel «Ein Weg der Hoffnung» möchte den «tiefen Wandel im Verständnis und im Ausdruck der Beziehung der Kirche zu den Gläubigen anderer Religionen» würdigen, den die katholische Kirche mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil im Allgemeinen und seiner Erklärung «Nostra aetate» von 1965 im Besonderen vollzogen hat. Für diesen Wandel steht der in der Einführung der «Note» zitierte programmatische Satz aus «Nostra aetate»: «Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist».
Wie tief der konziliare Wandel war, erkennt man, wenn man bedenkt, dass Pius XII. 1949 durch eine Instruktion des Heiligen Offiziums (heute Dikasterium für die Glaubenslehre) den interreligiösen und ökumenischen Dialog als offenes Tor zum Relativismus und Indifferentismus verurteilte. Als «indifferentistische Organisation», die die Unterschiede in Glauben und Leben ignoriert oder minimalisiert, bezeichnete Rom 1950 auch den ICCJ (International Council of Christians and Jews), der 1948 an der Universität Freiburg getagt hatte, nicht zuletzt wegen seines Programms einer «interkulturellen Brüderlichkeit».
Die römische «Note» ist eine Vergewisserung des bisherigen Weges und Ausdruck der Hoffnung, dass der Dialog und die interreligiöse Geschwisterlichkeit weiterwachsen werden. So gut wie alle wichtigen Texte der Kirche dazu seit dem Konzil werden erwähnt und in ihren zentralen Aussagen zitiert.
Es erstaunt nicht, dass unter Bezug auf «Dominus Iesus» Nr. 13 (vom 6. August 2000) im Zusammenhang mit dem Judentum diese Aussage festgehalten wird: «Die Kirche lehrt, dass Christus der einzige Erlöser ist». Denn das wurde auch in «Nostra aetate» gesagt und gehört zum unverzichtbaren christlichen Selbstverständnis. Wie dies allerdings mit dem Fortbestand des Judentums und der anderen Religionen «nach Christus», ja, mit der Entstehung von «nachchristlichen» Religionen als Antwort auf die christliche Mission selbst zusammenzudenken ist, wird kaum thematisiert.
Denn die «Note» verschweigt wohlweislich eine für konservative Christen:innen umstrittene Aussage aus dem «Dokument über die Brüderlichkeit aller Menschen – Für ein friedliches Zusammenleben in der Welt», am 4. Februar 2019 in Abu Dhabi von Papst Franziskus und dem Grossimam von Al-Azhar Ahmad Al-Tayyeb unterschrieben: «Der Pluralismus und die Verschiedenheit in Bezug auf Religion, Hautfarbe, Geschlecht, Ethnie und Sprache entsprechen einem weisen göttlichen Willen, mit dem Gott die Menschen erschaffen hat».
Wenn dies so ist, dann ist der religiöse Pluralismus auch eine Strukturkonstante der Weltgeschichte, die durch keine Einheitsreligion oder eine missionarische Verchristlichung der ganzen Welt aufgehoben werden kann – zumal die Geschichte des Christentums selbst zeigt, dass die Vielfalt der «Christentümer» nicht aufhört zu wachsen.
Haben wir mit dem religiösen Pluralismus zu leben, wie die faktische Geschichte zu lehren scheint, dann sollte sich der interreligiöse Dialog auf folgende Aufgaben konzentrieren: a) zuerst und vor allem auf die Entschärfung des Gewaltpotenzials der Religionen und die Förderung der universalen Geschwisterlichkeit, um eine bessere Welt gemeinsam zu gestalten; b) dann auf die kritische Reflexion über die eigene religiöse Identität zur Überwindung der darin vorkommenden «Pathologien» (schlechte Theologien); c) und schliesslich auch auf die Art und Weise, wie dies angesichts des unaufhebbaren religiösen Pluralismus in dieser Welt theologisch zu verantworten ist.
Die erste Aufgabe hat die katholische Kirche seit dem tiefen konziliaren Wandel sehr ernst genommen. Nicht zuletzt seit dem Weltgebetstreffen von Assisi 1986 ist sie zur Vorreiterin interreligiöser Friedensbemühungen geworden. Mit ihrer globalen Vernetzung konnte sie Treffen und Initiativen anregen, die von anderen Religionen gerne mitunterstützt wurden.
Sie ist damit auf dem Weg zu einem Verständnis des Papsttums als «Hüter der Menschheitsfamilie», wie nicht zuletzt die Enzykliken «Fratelli tutti» (2020) von Papst Franzskus, «Pacem in terris» (1963) von Johannes XXIII. und «Populorum progressio» (1967) von Paul VI. gezeigt haben.
Auch die zweite Aufgabe wurde von der Kirche seit dem Konzil intensiv wahrgenommen, wenn auch immer mit der Sorge um Relativismus und Indifferentismus, die nicht nur in «Dominus Iesus» deutlich zu spüren ist. Wenn man die Zeit vor dem Konzil bedenkt, sind die Bemühungen der katholischen Kirche, über die eigene Identität beziehungsweise ihren Wahrheitsanspruch in der Welt der Religionen nachzudenken, beachtenswert.
Statt mit Hypersensibilität (vor allem jüdischer Seite) auf die aktuelle «Note» zu reagieren, weil dies oder jenes darin fehle oder nicht feinfühlig genug ausgedrückt wurde, wäre von den anderen Religionen zu erwarten, dass sie eine ähnliche intellektuelle Anstrengung unternehmen, um ihr eigenes religiöses Selbstverständnis angesichts der anderen zu begründen.
Erst wenn das so ist, also wenn die anderen Religionen auch eine «Theologie des interreligiösen Dialogs» entwickeln und deutlich sagen, was «wir» für sie sind, wird der theologische interreligiöse Dialog weitergehen können.
Die dritte Aufgabe hängt damit zusammen und ist die eigentliche theologische Baustelle im interreligiösen Dialog. In der «Note» wird sie aber kaum tangiert. Wir sagten, dass jede Religion – ausgehend vom eigenen Selbstverständnis – eine «interreligiöse Theologie» zu entwickeln hat. Eine «christliche» Theologie wird diesen vier Prinzipien Rechnung tragen müssen: dem universalen Heilswillen Gottes als Schöpfer; der universalen Mittlerschaft Christi als Erlöser; der universalen Wirkung des Heiligen Geistes inner- und ausserhalb der Kirche und von Anbeginn der Schöpfung an als Vollender des universalen Heilswillens; der Rolle beziehungsweise dem «Zeichencharakter» der Kirche in der Geschichte im Dienst dieses Heilsplans.
Wie das unter Anerkennung der Strukturkonstante des religiösen Pluralismus, der besonderen Rolle des Judentums in der christlich verstandenen Religionsgeschichte, des «nachchristlichen» Charakters des Islams und der Wertschätzung «von alledem, was in den anderen Religionen wahr und heilig ist», zusammengedacht werden kann, ist die grosse Aufgabe. Wer entscheidet aber über das, was in den anderen Religionen «wahr und heilig» ist? Die christliche Theologie aufgrund ihrer Denkform oder das jeweils eigene religiöse Selbstverständnis? Und aufgrund welcher Kriterien einer «guten» Religion?
Im interreligiösen Dialog stehen wir noch ganz am Anfang. Daher ist sehr zu begrüssen, dass die «Note» nicht zuletzt im Hinblick auf die theologischen Fakultäten diese Hausaufgabe festhält: «Es genügt nicht mehr, die Bedeutung des Dialogs zu betonen. Nun gilt es, ihn zu leben und den Gläubigen die Mittel an die Hand zu geben, um sich fundiert, kritisch und sachlich daran zu beteiligen. Die Kenntnis der Religionen, die Geschichte der interreligiösen Beziehungen, die Ausarbeitung von Leitlinien für den Dialog und die Förderung der religiösen Sprachfähigkeit sind Faktoren, die die Begegnung und den interreligiösen Dialog begünstigen und unterstützen; ebenso ist es notwendig, das Verständnis für aktuelle kulturelle und geopolitische Fragen in die christliche Bildung zu integrieren».
* Mariano Delgado ist emeritierter Professor für Kirchengeschichte an der Universität Freiburg i.Ü. und war dort Direktor des Instituts für das Studium der Religionen und den interreligiösen Dialog. Mehr Informationen auf der Webseite. www.mariano-delgado.ch
**Die Note «Ein Weg der Hoffnung – Sechzig Jahre interreligiöse Geschwisterlichkeit im Licht der Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils «Nostra aetate»» kann auf der Webseite der Vatikankurie nachgelesen werden.
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