Der Ausschluss von Frauen von der Priesterweihe ist für viele mehr als eine theologische Streitfrage: Er steht für eine kirchliche Machtordnung. 50 Jahre nach «Inter insigniores» fordern Reformbewegungen deshalb einen grundlegenden Wandel.
Jacqueline Straub
Vor 50 Jahren veröffentlichte die Glaubenskongregation die Erklärung «Inter insigniores» und sprach sich damit gegen die Priesterweihe von Frauen aus. Die Diskussion darüber ist seither jedoch nicht verstummt – im Gegenteil: Die Frage nach der Gleichberechtigung von Frauen in der katholischen Kirche wird inzwischen weltweit debattiert.
«Die allgemeine Meinung, Frauen des globalen Südens würden die Diskriminierung von Frauen in der katholischen Kirche nicht anprangern, ist ein Trugschluss», sagt Franziska Zen Ruffinen auf Anfrage von kath.ch. Sie ist eine der Europavertreterinnen im Vorstand des weltweit vernetzten Catholic Women’s Council (CWC). Auch sie kritisierten die «trügerische Haltung der Kirchenführung», die Frauen zwar eine eigene Würde zuspreche, ihnen gleichzeitig aber «eine untergeordnete Rolle im kirchlichen Leben zuteilt».
Dennoch sieht Franziska Zen Ruffinen Anzeichen für Veränderungen in der katholischen Frauenfrage. Durch die theologische Bildung und deren Verbreitung in wissenschaftlichen Kreisen sowie in Netzwerken von Frauen würden sich die «Einsichten zur religiösen Führungsverantwortung und somit auch zur spirituellen, sakramentalen und pastoralen Verantwortung von Frauen» verändern – und damit auch die Haltung der männlichen Kirchenführung.
Frauen engagieren sich in der katholischen Kirche in zahlreichen Bereichen. Sie übernehmen seelsorgerische Aufgaben und Leitungsverantwortung und halten vielerorts das Gemeindeleben aufrecht. Der Zugang zu den sakramentalen Weiheämtern bleibt ihnen jedoch weiterhin verwehrt.
«Besonders schmerzhaft ist dies für Frauen, die sich zum priesterlichen Dienst berufen fühlen. Ihre Berufung wird nicht ergebnisoffen geprüft, sondern aufgrund ihres Geschlechts grundsätzlich ausgeschlossen», kritisiert der Frauenbund Schweiz. Damit gingen der Kirche wertvolle Fähigkeiten und Perspektiven verloren. Gleichzeitig vermittle sie Frauen die Botschaft, «dass ihr Engagement zwar willkommen ist, ihre gleichberechtigte Teilhabe aber Grenzen hat».
Die Erklärung «Inter insigniores» zeige, wie schwer sich die katholische Kirche damit tue, «ihre eigenen Machtstrukturen und überlieferten Geschlechterbilder kritisch zu hinterfragen», hält der Frauenbund gegenüber kath.ch fest. «Die Frage der Frauenordination ist nur die Spitze des Eisbergs. Darunter liegt eine kirchliche Machtordnung, die Frauen bis heute systematisch von gleichberechtigter Teilhabe ausschliesst.»
Dass 50 Jahre nach der Veröffentlichung von «Inter insigniores» noch immer dieselbe Debatte geführt werde, sei ernüchternd. Ein positives Zeichen sei hingegen, dass sich Diskussionen und Fragen nicht mehr einfach mit lehramtlichen Dokumenten abwürgen liessen.
Der Frauenbund fordert den Zugang von Frauen zu allen kirchlichen Ämtern, einschliesslich der sakramentalen Weiheämter. Doch die Zulassung zur Frauenordination allein würde die grundlegenden Probleme der Kirche nicht lösen. «Frauen in bestehende Machtstrukturen aufzunehmen, macht die Kirche noch nicht gerechter. Wir müssen die Strukturen selbst verändern.»
Für den Frauenbund steht fest: Frauen, die ihre Fähigkeiten, ihre Überzeugungen und ihr Leben in den Dienst der Kirche stellen, sind «keine Bedrohung für ihre Tradition», sondern eine Bereicherung.
«Feministische Theologinnen weltweit zeigen seit Jahrzehnten auf, wie patriarchale Deutungsmuster das kirchliche Verständnis von Geschlecht, Autorität und Amt geprägt haben. Ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse müssen endlich ernst genommen werden und Eingang in die kirchliche Lehre und Praxis finden», fordert der Frauenbund.
Die kommenden Jahre müssten zeigen, ob die katholische Kirche bereit sei, aus ihren Forderungen nach Synodalität und Gleichberechtigung tatsächliche Konsequenzen zu ziehen. «Weitere unverbindliche Absichtserklärungen reichen nicht aus.»
Die Hoffnung des Frauenbundes liege dabei weniger in der Reformbereitschaft der Hierarchie als vielmehr «in den Menschen, die Kirche schon heute anders leben». Der Frauenbund werde sich weiterhin für die Gleichberechtigung der Geschlechter einsetzen, «weil wir wissen, dass Veränderungen nicht von selbst kommen und weil wir überzeugt sind, dass sie notwendig sind».
Auch die «Allianz Gleichwürdig Katholisch» zieht 50 Jahre nach der Veröffentlichung von «Inter insigniores» eine ernüchternde Bilanz. Sie sieht keinen «echten Willen», an der bestehenden Situation etwas zu ändern. «Frauen sind in den Augen der Kirchenleitungen immer noch die Objekte, über die gesprochen wird», schreibt Mentari Baumann auf Anfrage.
Dabei sind Frauen in der katholischen Kirche inzwischen auf nahezu allen Ebenen präsent: in der Seelsorge, an Universitäten und bis hin zu den Dikasterien des Vatikans. «Dass sich diese Erfahrungen und Kompetenzen nicht in struktureller Gleichstellung übersetzt, ist absurd», kritisiert die «Allianz Gleichwürdig Katholisch».
Frauen stünden zunehmend vor dem Dilemma, durch ihr Engagement bestehende Strukturen zu erhalten. Einerseits schafften sie inklusive Räume und Angebote und prägten eine Kultur, Sprache und Theologie, die der Gleichwürdigkeit aller Menschen verpflichtet seien. Andererseits trügen sie mit ihrem Einsatz auch dazu bei, «dieses frauendiskriminierende (und queer-diskriminierende) System der katholischen Kirche» aufrechtzuerhalten. Für Frauen werde es deshalb immer schwieriger, einfach «neutral» katholisch zu sein.
Die «Allianz Gleichwürdig Katholisch» erwartet, dass die Kirchenleitung ihre verschlossene Haltung überwindet und Frauen als «gleichwürdige Menschen mit ihren jeweiligen Berufungen und Kompetenzen» anerkennt.
Eine Möglichkeit für Veränderungen sieht die Reformbewegung in lokalen Lösungen. Das bedeute, dass Frauen und nicht geweihte Menschen je nach Ortskirche mehr oder weniger Möglichkeiten und Verantwortung übernehmen könnten.
Die deutsche Theologin und Autorin Ida Raming gilt als Pionierin und Vorkämpferin für das Frauenpriestertum in der katholischen Kirche. Den Ausschluss von Frauen von den kirchlichen Weiheämtern bezeichnet sie als «grossen Skandal, ein schweres Un-Recht den Frauen gegenüber».
Auch heute hält die 94-Jährige an ihrem biblischen Leitspruch fest: «Die Wahrheit wird siegen.» Allerdings, fügt sie hinzu, «auch wenn es sehr lange dauert, leider».
1994 bekräftigte Papst Johannes Paul II. mit dem Schreiben «Ordinatio sacerdotalis» die Position, dass die Kirche keine Vollmacht habe, Frauen die Priesterweihe zu erteilen. Theologische Argumente zahlreicher Theologinnen und Theologen für eine Öffnung fanden damit aus Ramings Sicht kein Gehör. 2002 entschloss sie sich deshalb gemeinsam mit anderen Frauen auf der Donau zur Priesterin weihen zu lassen.
Raming bezeichnet den Ausschluss von Frauen aus den Weiheämtern als «ungerechtes Gesetz», das keinen Gehorsam verdiene.
«Ich bin überzeugt, dass der Vatikan einmal dazu kommt, das ungerechte Gesetz des Ausschlusses der Frau von der Ordination aufzuheben. Denn die Wahrheit wird am Ende siegen – nicht die Lüge», sagt Raming gegenüber kath.ch. Der Ausschluss von Frauen von der Ordination beruhe auf einer überholten Ordnung, der eine Auffassung von der Minderwertigkeit der Frau zugrunde liege.
Päpste wie Johannes Paul II., Benedikt XVI. und Franziskus hätten wiederholt die «gleiche Würde» der Frau und ihren hohen Wert mit «blumigen, überschwänglichen Worten» betont. Daraus leiteten sie jedoch keineswegs gleiche Rechte ab, kritisiert Raming.
Unter dem Deckmantel der sogenannten «Andersartigkeit» der Frau, ihres weiblichen und angeblich so besonderen Wesens, werde ihr untergeordneter, benachteiligter und minderberechtigter Status in der Kirche bis heute aufrechterhalten.
Ob die katholische Kirche bereit ist, diese Strukturen grundlegend zu verändern, bleibt offen. Die Stimmen der Frauen, Theologinnen und Reformbewegungen zeigen jedoch, dass die Forderung nach Gleichberechtigung auch ein halbes Jahrhundert nach «Inter insigniores» nichts von ihrer Dringlichkeit verloren hat.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/ein-halbes-jahrhundert-streit-um-das-frauenpriestertum/