Die Alternative zu den falschen Göttern ist die Anbetung des wahren Gottes. Der katholische Theologe William Cavanaugh sieht in den Sakramenten, namentlich in der Eucharistie, die angemessene Form des Gottesdienstes.
Francesco Papagni
Götzen und Götzenverehrung sind altmodische Themen, und doch gaben sie aktuell viel zu reden. Sie prägten etwa das diesjährige Forum «Glaube & Gesellschaft», das rund 700 Personen nach Freiburg i.Ue. lockte, was einen Besucherrekord darstellt.
Auch der amerikanische Theologe William Cavanaugh interessiert sich für Götzenverehrung. Dazu hat er nun eine voluminöse Studie* vorgelegt, die nicht nur tiefgründig ist, sondern auch originell. Seine Hauptthese: Wir sind alle verehrende Wesen. Aber wir verehren nicht alle das Gleiche.
Neben den traditionellen religiösen Kulten gibt es auch in der vermeintlich säkularen Gesellschaft viel Verehrung – man muss nur aufmerksam einer Luxus-Einkaufsstrasse entlanggehen, wo etwa teure Damenhandtaschen wie Kultgegenstände präsentiert werden. Wer einen solchen Gegenstand erwirbt, will nicht einfach nur eine praktische Tasche. Es geht um viel mehr.
Das Buch entwickelt das biblische Thema Götzenverehrung anhand zweier aktueller Felder, dem des Konsums und dem des Nationalismus’. Dabei übt der Autor nicht nur Kriti, er zeigt sich auch verständnisvoll. Die Verehrung von Gegenständen oder der Nation sei eine pervertierte Form von Liebe, aber auch fehlgeleitete Liebe sei im Kern Liebe. Das kommt von Augustinus her, der selbstsüchtige und wahre Liebe unterschieden hatte. Ein Kapitel des Buches ist denn auch Augustinus gewidmet.
Was den Nationalismus angeht, so nennt Cavanaugh diesen sogar eine glänzende Idolatrie, weil Tugenden wie Opferbereitschaft für eine höhere Sache und Liebe zur Gemeinschaft zum Ausdruck kommen. Nichtsdestotrotz ist Nationalismus für ihn eine Form von kollektivem Narzissmus, von Selbstanbetung, und damit zu verwerfen. Hintergrund dieses Befundes ist das in den USA virulente Phänomen des «Christian Nationalism», bei dem Christentum und U.S.-amerikanischer Nationalismus zusammengebracht werden. Cavanaugh lehnt diese Verbindung ab.
Cavanaugh lässt auf das Wagnis ein, gesellschaftliche Phänomene aus theologischer Warte zu analysieren. So wird Theologie fruchtbar und aktuell. Wo viele es sich gewohnt sind, in Dichotomien zu denken und Wissenschaft gegen Religion zu stellen oder religiös von säkular zu unterscheiden. Cavanaugh ist ein grosser Kritiker dieser Dichotomien. Wenn Verehrung in einer Kirche aber auch in einem Shopping-Center, in einem Stadion oder an einem Nationalfeiertag stattfinden kann, habe die Dichotomie religiös/säkular keine Aussagekraft mehr.
Die Folgen sind weitreichend: Das Heilige verschwindet nicht, es wechselt den Ort. In der sogenannt säkularen Gesellschaft werde einfach etwas anderes verehrt. Cavanaugh ist nicht allein damit, der Sozialwissenschaftler Hans Joas teilt diese Sicht ebenfalls.
All das führt nicht zu einem Indifferentismus, es ist nicht egal, wen oder was man anbetet. Im Gegenteil. Der Autor verdeutlicht dies mit einem Zitat aus einer Rede des Schriftstellers David Forster Wallace vor Studierenden. Dieser sagte den jungen Menschen, Nicht-Verehrung gäbe es nicht, um sie dann aufzufordern, sich ein würdiges Ziel ihrer Verehrung zu suchen: «Alles andere wird euch lebendig auffressen.»
Die Alternative zu den falschen Göttern ist die Anbetung des wahren Gottes. Der katholische Theologe Cavanaugh sieht in den Sakramenten, namentlich in der Eucharistie, die angemessene Form des Gottesdienstes. Das Materielle ist nicht zu verwerfen, die Flucht ins Spirituelle ist keine Lösung.
Wir sind materielle Wesen, und Gott selbst ist in der Menschwerdung Leib geworden. Deswegen lautet die Frage, wie das Materielle richtig mit dem Spirituellen verbunden werden kann. Die Sakramente stellen ebenjene Verbindung her. Auch der Nationalismus schafft Verbindung, aber eine, die ausschliessend ist und zur Aggression neigt. Die eucharistische Verbindung ist hingegen inklusiv und friedfertig.
Es mag irritieren, dass das Verb anbeten für ganz Unterschiedliches verwendet wird. Geld kann angebetet werden, ebenso wie eine Fahne oder ein Konsumgegenstand. Und natürlich Gott. Die Formen der Anbetung unterscheiden sich ebenfalls. Zudem bleibt bei aller Kritik an Dichotomien das Gegensatzpaar fasche Götter/wahrer Gott intakt, ja weist den Ausgang aus der Falle der Idolatrie. Wer sich auf die Argumentation des Buches einlässt, wird jedenfalls gesellschaftliche Phänomene mit anderen Augen sehen. Die vermeintlich säkulare Gesellschaft ist in vielfältigen Formen der Anbetung gefangen. Das Antidot heisst Sakramentalität.
*Cavanaugh, William T.: The Uses of Idolatry. Oxford University Press, 2024.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant