Mit dem Abgang von Kardinal Re endet im Vatikan eine Ära

Unter den gut 200 Kardinälen war er lange der wichtigste: Als Dekan des Kardinalskollegiums hatte Giovanni Battista Re unter Papst Franziskus eine tragende Rolle. Nun hat er das Amt in jüngere Hände abgegeben.

Ludwig Ring-Eifel (CIC)

Beim Requiem für Papst Franziskus am 26. April

2025 war er es, der den Sarg des Verstorbenen einsegnete und die Messe auf dem Petersplatz zelebrierte: Kardinal Giovanni Battista Re. Dem Dienstältesten unter den ranghöchsten Kardinälen und Dekan des Kardinalskollegiums fiel diese besondere Aufgabe zu.

Und der damals 91-, jetzt 92-Jährige überraschte das weltweite Publikum mit seiner trotz des hohen Alters kräftigen Stimme und seinen weit ausholenden Bewegungen. Danach hatte er in der Sedisvakanz, der mehrwöchigen Phase zwischen zwei Pontifikaten, eine herausragende Rolle. Er lud die Kardinäle aus aller Welt zum Konklave nach Rom ein und leitete die wichtigen «Generalkongregationen» in der Zeit des Vorkonklaves.

Wichtige Rolle bei Wahl von Leo XIV.

In diesen Versammlungen diskutierten alle Kardinäle, auch die über 80-jährigen, über das Profil der möglichen Kandidaten für das Papstamt. Und es war Re, der danach am 6. Mai beim feierlichen Gottesdienst im Petersdom unmittelbar vor Einzug der Kardinäle in die Sixtinische Kapelle die letzte grosse Predigt hielt.

Damals rief er seine Mitbrüder auf, um den Beistand des Heiligen Geistes zu bitten, «damit der Papst gewählt wird, den die Kirche und die Menschheit an diesem schwierigen und komplexen Wendepunkt der Geschichte benötigen.» Am anschliessenden Konklave, aus dem Leo XIV. als erster US-amerikanischer Papst der Geschichte hervorging, durfte Re altersbedingt nicht teilnehmen.

Wechsel war eine Frage der Zeit

Bei den seither von Leo XIV. einberufenen Versammlungen des Kardinalskollegiums hatte Re weiter den Vorsitz inne und übte seine Rolle aktiv aus. Dass er nun seinen Rücktritt angeboten hat und das Amt in jüngere Hände übergibt, war angesichts seines Alters absehbar.

Auch dass die ranghöchsten Mitglieder des Kardinalskollegiums, die sogenannten Kardinalbischöfe, aus ihrem Kreis Kardinal Luis Tagle (69) zum Nachfolger wählten, ist nicht völlig überraschend. Denn die übrigen fünf Kardinalbischöfe sind weit über 80; der jüngste davon, Kardinal Beniamino Stella, ist 85 Jahre alt.

Fünf Päpste überlebt

Mit dem Abgang Res endet eine Ära. Seine Autorität rührte aus der umgänglichen Art des stets lächelnden Geistlichen aus dem Bistum Brescia und aus seiner sehr zielstrebigen und effizienten Herangehensweise an Themen und Konflikte. Der gelernte Vatikandiplomat arbeitete mehr als 55 Jahre in der Machtzentrale der vatikanischen Kurie und hat dort fünf Päpste überlebt.

An zwei der wichtigsten Vatikanbehörden war er in unterschiedlichen Rollen tätig: im Büro des «Substituts» im Staatssekretariat und in der Behörde, die weltweit für Bischofsernennungen zuständig ist. Das Amt des Substituts, also der «Nummer drei» im Vatikan, übte er von 1989 bis 2000 aus; in den folgenden zehn Jahren war er Chef der Bischofsbehörde.

Re leitete, obwohl er damals noch nicht Kardinaldekan war, als 79-Jähriger das Konklave im März 2013, bei dem die Kardinäle den Argentinier Jorge Mario Bergoglio zum Papst wählten. Der damalige Kardinaldekan Angelo Sodano war zu dem Zeitpunkt bereits 85.

Res eigene Rolle als Kardinaldekan (2020-2026) beschränkte sich bei weitem nicht aufs Zeremonielle. Sein Wort als dienstältester Ratgeber des Papstes hatte im turbulenten Pontifikat von Franziskus besonderes Gewicht. Er war einer der wenigen, der dem Papst aus Argentinien in strittigen Fragen offen widersprechen konnte, ohne negative Konsequenzen fürchten zu müssen.


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