Mose, Martha, Paulus: Was die Bibel über psychisches Leiden erzählt

Depression, Angst, Sucht, Selbstverletzung und Wahn: Was heute psychiatrische Begriffe sind, begegnet in der Bibel als Erfahrung konkreter Menschen. Claudia und Simone Paganini werfen einen psychologischen Blick auf biblische Gestalten – und wollen damit Vorurteile abbauen.

Jacqueline Straub

Kürzlich ist Ihr Buch «Zwischen Wahn und Weisheit. Psychische Erkrankungen im Leben biblischer Gestalten» erschienen. Warum ist die Bibel aus Ihrer Sicht auch heute noch eine relevante Quelle für das Verständnis psychischer Krankheiten?

Claudia und Simone Paganini*: Natürlich ist die Bibel kein Fachbuch der Psychologie oder Psychotherapie, aber sie ist ein literarisch-theologisches Werk, das erstaunlich sensibel und realistisch innere Krisen, seelische Belastungen und auffällige Verhaltensmuster beschreibt. Sie erzählt nämlich nicht nur von Glauben, Hoffnung und Gotteserfahrungen, sondern auch von Angst, Antriebslosigkeit, Kontrollverlust, Sucht, Verzweiflung und innerer Zerrissenheit. Damit hilft sie zu verstehen, dass psychische Erkrankungen keine Erfindung der Moderne sind, sondern seit jeher zum Menschsein gehören. Und sie zeigt eindrucksvoll auf, dass Menschen mit seelischen Belastungen nicht ausserhalb der Heilsgeschichte stehen, sondern Teil von ihr sind und sie teils überhaupt erst ermöglichen.

«Martha steht unter enormem inneren Druck.»

Welche biblische Figur hat Sie bei Ihren Recherchen am meisten überrascht?

Paganini: Die Figur der Martha. Man kennt sie aus den Evangelien als die etwas übereifrige Gastgeberin, die ganz in ihrem Haushalt aufzugehen scheint, während ihre Schwester Maria lieber Jesus Gesellschaft leistet und ihm zuhört. Liest man die Szene aber genauer, zeigt sich, dass Martha unter enormem inneren Druck steht.

Inwiefern?

Paganini: Sie ist angespannt, getrieben, voller Sorge, dass etwas nicht perfekt sein könnte. Damit wird aus einem moralischen Exempel zum Thema «Aktivität oder Kontemplation» eine sehr menschliche Szene über Angst, Perfektionismus und Überforderung.

Wie zeigen sich Depressionen in der Bibel?

Paganini: Depressionen zeigen sich in der Bibel vor allem als Erschöpfung, Rückzug, Hoffnungslosigkeit, Schuldgefühl und Todessehnsucht, die sich nicht unmittelbar aus den äusseren Umständen erklären lassen.

Können Sie mir ein Beispiel nennen?

Paganini: Mose hört sich kraft- und antriebslos an, wenn er sagt: «Ich kann allein dieses ganze Volk nicht tragen». Er hat keinen Mut mehr weiterzumachen und das, obwohl er gerade das Volk Israel erfolgreich aus der ägyptischen Sklaverei befreit hat. Auch Jeremia, Jona, Tobit sowie viele Psalmen kennen bleierne Müdigkeit und tiefe Traurigkeit, die keinen Ausweg offen zu lassen scheint.

Verurteilt die Bibel ihre depressiven Helden?

Paganini: Nein, sie stellt Fragen. Etwa: «Warum bist du so bedrückt, meine Seele?» Gleichzeitig bietet sie «Lösungen» an, die sehr modern wirken, nämlich soziale Unterstützung, Zuspruch und strukturelle Entlastung.

Sie schreiben dem Apostel Paulus «ausgeprägte narzisstische und histrionische Züge» zu. Wie zeigen sich diese?

Paganini: Paulus ist eine extrem starke, leidenschaftliche und rhetorisch brillante Persönlichkeit. Er ist übrigens die einzige biblische Gestalt, von der eindeutig biografische Schriften – sieben Briefe – vorliegen. Das bedeutet, man kann ihn sehr gut als «konkreten Menschen» kennen lernen. Vor seiner Bekehrung definiert sich Paulus über Leistung, Überlegenheit, Autorität und religiösen Eifer. Nach der Damaskus-Erfahrung – wo er glaubt, den auferstandenen Jesu gesehen zu haben – bleibt diese innere Dynamik erhalten, aber sie bekommt eine neue Richtung, wird in den Dienst Gottes gestellt. Das gelingt ihm trotz oder vielleicht gerade deshalb so gut, weil er in seinen Briefen eine klare Neigung zur Grandiosität zeigt, ausserdem eine dramatische Emotionalität und einen Hang zur Inszenierung, wodurch er Menschen affektiv binden und bestimmt auch manipulieren konnte.

«Von Impulskontrollproblemen kann man etwa bei David sprechen.»

Und ergeben sich daraus Lehren für uns heute?

Paganini: Ja, klar. Zum Beispiel dass Ausstrahlung und Überzeugungskraft durchaus ambivalent sind. Menschen, die sehr von sich überzeugt sind, können viel zerstören, aber auch in Bewegung setzen. Es zeigt aber auch, dass der Erfolg allein einen Menschen nicht psychisch gesund oder glücklich macht.

Welche biblischen Figuren hatten Impuls- oder Angststörungen oder auch Anzeichen von Schizophrenie?

Paganini: Von Impulskontrollproblemen kann man etwa bei David sprechen, besonders in der Episode mit Batseba und Urija: Verlangen, Macht und Gewalt geraten ausser Kontrolle. Er vergewaltigt eine Frau und lässt ihren Mann töten. Auch selbstverletzendes Verhalten wird beschrieben, etwa bei den Baalspriestern auf dem Karmel, wenn sie gegen Eija um die Gunst Gottes kämpfen, oder bei Ijob, der sich mit einer Scherbe blutig kratzt. Angststörungen lassen sich bei Martha, Hanna, Jeremia oder Jakob beobachten: Sorge, Grübeln, innere Unruhe, Schlaflosigkeit, Katastrophisieren. An eine schizoide Symptomatik erinnern aus heutiger Sicht vor allem visionäre und auditive Erfahrungen. Da hat man in der Bibel geradezu die Qual der Wahl: Ezechiel, Jesaja, Jona, Daniel oder der Seher Johannes in der Offenbarung. Wichtig ist aber: Das sind keine klinischen Diagnosen, sondern moderne Deutungsperspektiven auf alte Texte, deren Autoren genau diese Erfahrungen als gottgegebene Visionen gedeutet haben.

«Die Bibel erzählt nicht einfach Geschichten, sondern bearbeitet kollektives Trauma.»

Gab es eine Stelle in der Bibel, die Sie nach Fertigstellung des Buches völlig neu verstanden haben?

Paganini: Eigentlich könnte man sogar sagen: den grossen Entwurf der Geschichte Israels insgesamt. Es wurde sehr deutlich, dass die Bibel nicht einfach Geschichten erzählt, sondern kollektives Trauma bearbeitet. Die Erfahrung von Versklavung, Gewalt, Eroberung, Tempelzerstörung, Vertreibung und Identitätsverlust wirkt in vielen Texten weiter. Das Vergangene ist nicht vorbei, sondern wird in seiner emotionalen Intensität immer wieder aktualisiert, im Text erinnert, beklagt, gedeutet und neu erzählt. Gerade die Klagelieder und viele Psalmen zeigen das sehr eindrücklich: Erinnerung ist kein gelassener Blick in die Vergangenheit, sondern ein schmerzhaftes Wiedererleben.

Bleibt die Bibel im Trauma verfangen?

Paganini: Nein, sie verwandelt die Schrecken der Vergangenheit in Sprache, Gebet, Ritual und Hoffnung. Indem das Unfassbare erzählbar wird, kann im Hier und Jetzt neue Sicherheit erlebt werden, ohne dass der Schmerz von damals verharmlost werden müsste.

Welche Botschaft vermittelt die Bibel Menschen, die heute unter psychischen Erkrankungen leiden?

Paganini: Die vielleicht wichtigste Botschaft lautet: Du bist nicht allein und du bist nicht weniger wert. Die Bibel zeigt Menschen in Angst, in Wut, Erschöpfung, Sucht, Wahn und Verzweiflung – und trotzdem bleiben sie Teil der Geschichte Gottes mit den Menschen. Sie werden nicht aussortiert. Im Gegenteil: Oft kommt es gerade durch verletzliche, gebrochene und belastete Menschen zur entscheidenden Entwicklung oder Wendung. Mose, Jona, Paulus – prominente Beispiele dafür gibt es genug.

Welche Vorurteile gegenüber psychischen Erkrankungen möchten Sie mit Ihrem Buch abbauen?

Paganini: Vor allem das Vorurteil, dass psychische Erkrankungen ein Zeichen für Schwäche seien, etwas, wofür man sich schämen müsste. Das ist besonders deshalb wichtig, weil religiöse Traditionen leider oft zur Stigmatisierung beigetragen haben, seelisches Leiden teils gar als Sünde, Strafe Gottes oder Besessenheit gedeutet haben. Das Buch möchte zeigen, dass psychische Erkrankungen – ganz gleich wie körperliche Erkrankungen – Teil des Menschseins sind. Die Bibel scheint das schon verstanden zu haben, später wurde diese Botschaft aber oftmals überlesen oder gar in ihr Gegenteil verkehrt.

* Das neuste Buch des Ehepaares Claudia und Simone Paganini heisst «Zwischen Wahn und Weisheit. Psychische Erkrankungen im Leben biblischer Gestalten», erschienen im Gütersloher Verlagshaus. Simone Paganini ist Professor für biblische Theologie an der Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen und Claudia Paganini ist Professorin für Medienethik an der Universität Innsbruck.


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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