Seit bald 20 Jahren leitet Nadia Rudolf von Rohr die Franziskanische Gemeinschaft der deutschen Schweiz. Sie schätzt es, sich hier als Mensch einbringen zu können und richtet sich – wo möglich – nach franziskanischen Grundsätzen. Am Samstag spricht sie mit Mitte-Politiker Gerhard Pfister in Zug über den Heiligen.
Regula Pfeifer
Sie sind seit 2007 Geschäftsführerin der Franziskanischen Gemeinschaft der Schweiz. Wie sind Sie dazu gekommen?
Nadia Rudolf von Rohr: Meine Vorgängerin wurde pensioniert, ein Freund machte mich auf die offene Stelle aufmerksam. Ich war auf der Suche und wusste, dass ich nicht weiter in der Wirtschaft Karriere machen wollte. Und ich kannte die Franziskanische Gemeinschaft, auch ihren Sitz im Mattli Antoniushaus in Morschach. Für mich schloss sich ein Kreis, als ich hier als Geschäftsführerin begann.
Und was bedeutet Ihnen diese Aufgabe?
Rudolf von Rohr: Hier muss ich nicht einfach eine Funktion erfüllen, ich kann mich als Mensch einbringen. Je mehr ich gebe, umso mehr kommt zurück. Ich kann mich entfalten und Gutes bewirken.
Wann und wie kamen Sie zur Franziskanischen Gemeinschaft?
Rudolf von Rohr: In meiner Jugend gab es im Mattli die sogenannten Franziskusfeste. An jenen Wochenenden beteiligten sich über 100 Jugendliche. Ich ging mit weiteren Jugendlichen aus meiner Pfarrei zwei- oder dreimal dahin. So lernte ich die Gemeinschaft kennen.
Hatten Sie zwischenzeitlich weniger damit zu tun?
Rudolf von Rohr: Im Studium und bei einem Auslandaufenthalt habe ich die Gemeinschaft aus den Augen verloren. Ich wusste aber, dass mich die franziskanische Spiritualität anspricht. Mein früheres Pfadi-Versprechen bekam da ein neues Label.
Was bedeutet Ihnen der heilige Franz von Assisi?
Rudolf von Rohr: Franz von Assisi ist für mich ein Beispiel dafür, wie die Nachfolge leben geht. Er beeindruckt und berührt mich in seinem Suchen und Finden. Er bleibt unglaublich menschlich. Auch sein Pragmatismus inspiriert mich – einfach mal umsetzen. Da ist er für mich Orientierung. Aber er ist ein mittelalterlicher Mensch, ich kann ihn nicht einfach kopieren.
Wie hat er Ihr Leben geprägt?
Rudolf von Rohr: Er hat mich geprägt mit seinem Sinn für Einfachheit. Ich frage mich immer wieder: Was brauche ich, was ist wichtig? Und mit seiner Geschwisterlichkeit: In allem nach den Brüdern und Schwestern zu fragen, hat einiges an meinem Umgang mit der Mitwelt verändert.
Was vom franziskanischen Denken konnten Sie umsetzen?
Rudolf von Rohr: Ich richte mein Leben nun nicht mehr nach einer Karriere aus, obwohl ich die Möglichkeit dazu hätte. Und ich nehme mir die Freiheit zu entscheiden, ob ich bei gesellschaftlichen Trends mitmache oder nicht. So bin ich seit 17 Jahren ohne Auto unterwegs.
Und wo merken Sie: Was Franz von Assisi postuliert, geht gar nicht?
Rudolf von Rohr: Ich bin alleinstehend, mittelständisch, fliege bisweilen in die Ferien und wohne in einer Dreieinhalbzimmerwohnung. Franziskanisch gesehen lebe ich auf viel zu grossem Fuss. Aber ich muss mit meinen Ressourcen haushalten. Da ich viel mit Menschen unterwegs bin, leiste ich mir, allein zu leben und nicht in einer Wohngemeinschaft. Franz von Assisi war in allem viel radikaler.
Haben Sie Papst Franziskus als tatsächlich franziskanischen Papst erlebt?
Rudolf von Rohr: Ja, er hat es versucht und war ein Beispiel für uns. Vor allem mit den beiden Akzenten – Armut und Geschwisterlichkeit. Er sagte, wir sollten uns an den Ärmsten unserer Gesellschaft orientieren. Und er rief dazu auf, das Wohl des Menschen mit dem Wohl der Schöpfung zusammendenken. Da war er sehr franziskanisch. Das gilt auch für die Bescheidenheit und Demut, die ich bei ihm wahrnahm.
Weshalb ist Franz von Assisi ein beliebter Heiliger?
Rudolf von Rohr: Er ist sehr nahbar, er hat etwas Bodenständiges. Er bietet zeitlose Lebensthemen, die er selbst durchgemacht hat. Dort kann man einhängen.
«Viele kennen ihnen als Mann mit den Tieren. Das hat etwas Liebenswürdiges.»
Zum Beispiel?
Rudolf von Rohr: Zum Beispiel der Konflikt mit seinem Vater. Oder eine Krise, als er den Lebenssinn neu entdecken musste. Seine wiederkehrende Unsicherheit, ob er etwas richtig macht. Viele kennen ihn als Mann mit den Tieren. Das hat etwas Liebenswürdiges und erleichtert den Zugang zu ihm. Allerdings blendet man gern seine sperrige Seite aus.
Wo sehen Sie das Sperrige an Franz von Assisi?
Rudolf von Rohr: In seiner Leibfeindlichkeit, die in seiner Zeit verankert ist. Gegen Ende seines Lebens merkt er: Manchmal bin ich nicht gut mit mir selbst umgegangen, obwohl auch ich Teil der Schöpfung bin. Etwa beim extremen Fasten. Er ist auch radikal und fordernd. So hat er seinen Brüdern immer wieder gespiegelt, wo sie die Spur verlieren könnten. So ein Spiegel vor der Nase kann wie ein Stachel wirken.
Sie sprechen am Samstagabend auf dem Podium der Kirche St. Johannes in Zug. Werden Sie am Sonntag den 800. Gedenktag an Franz von Assisi speziell feiern?
Rudolf von Rohr: Diesmal nicht, ich bin mit meinen Neffen unterwegs. Das ist sehr franziskanisch – das Pflegen von Beziehungen gehört zu den franziskanischen Regeln.
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