Seit rund zehn Jahren lebt sie mit ihrem Ehemann Edouard, einem französischen Unternehmer und Banker, sowie ihren Kindern Andre (5) und Emma (2) in der Nähe von Zürich. Anastasiya Petryshak gilt als eine der bedeutendsten Geigerinnen der Welt.
Gino Driussi, catt.ch
Wenn man über die ukrainische Geigerin Anastasiya Petryshak sprechen, die vor 32 Jahren in Iwano-Frankiwsk geboren wurde, sollte man vor allem ihr humanitäres Engagement und ihren Einsatz für den Frieden in ihrem vom Krieg gezeichneten Heimatland hervorheben. Der Krieg begann mit dem russischen Einmarsch im Februar 2022. Petryshak verliess die Ukraine bereits 2005, um nach Italien zu ziehen und dort ihre Ausbildung als Geigerin zu vertiefen, unter anderem bei dem bedeutenden Geiger Salvatore Accardo.
Für Anastasiya Petryshak, die durch ihre Bescheidenheit auffällt und die der Erfolg offenbar nicht verändert hat, war der vergangene 29. Juli ein Tag, den sie nie vergessen wird.
«Wir waren im «Borgo Laudato Si’» in den päpstlichen Gärten von Castel Gandolfo zu einem Gebets- und Begegnungstreffen mit dem Titel Cantico di Pace (Lied des Friedens). Dort stand ich gemeinsam mit Andrea Bocelli auf der Bühne. Es sangen 164 junge Chorsängerinnen und Chorsänger aus dem Heiligen Land, Uganda, Haiti und Italien. Auch Papst Leo XIV. war bei der Veranstaltung anwesend. Anschliessend hatte ich die Gelegenheit, mit ihm über meinen künstlerischen Weg und mein Projekt Roots (Wurzeln) in der Ukraine zu sprechen. Der Heilige Vater segnete daraufhin meine Geige, die 2012 vom Geigenbauer Roberto Regazzi gebaut worden war.»
«Der Glaube ist für mich sehr wichtig. Er ist eine Quelle von Kraft, Ausgeglichenheit und Vertrauen, besonders in schwierigen Zeiten.»
Für Petryshak war dies ein Moment grosser Emotion und Spiritualität: «Der Glaube ist für mich sehr wichtig. Er ist eine Quelle von Kraft, Ausgeglichenheit und Vertrauen, besonders in schwierigen Zeiten. Ich bin überzeugt, dass Musik und Spiritualität eng miteinander verbunden sind. Beide entstehen aus etwas, das über uns selbst hinausgeht: Wenn ein Musiker spielt, versucht er, etwas zu vermitteln, das sich nicht allein mit Worten erklären lässt.
Ich gehöre der griechisch-katholischen Kirche an Ich glaube, dass es jenseits historischer und kultureller Unterschiede eine gemeinsame Botschaft gibt, die die Kirchen verbindet: die Botschaft von Liebe, Brüderlichkeit, Hoffnung und Frieden.»
Über das Verhältnis von Musik und Spiritualität sagt sie weiter: «Eine Melodie kann zu einem Gebet werden, eine Erinnerung bewahren, Trost spenden und eine Begegnung zwischen Menschen ermöglichen, die sehr unterschiedlich sind – durch etwas, das grösser ist als wir selbst.»
Damit kommt sie zu ihrem Projekt Roots, das Anastasiya derzeit in Kiew auf den Weg bringt: «Die Idee entstand ganz einfach aus dieser Überzeugung: Durch die Musik möchte ich meine persönliche Geschichte in eine universelle Botschaft verwandeln. Ich bin in der Ukraine geboren, in Italien aufgewachsen und lebe heute in der Schweiz. Diese drei Teile meiner Identität sind nicht voneinander getrennt, sondern miteinander verwoben und leben gemeinsam in mir. Genau darum geht es bei Roots: um eine Reise zu meinen Ursprüngen, aber auch um eine Brücke zwischen unterschiedlichen Kulturen, Erfahrungen und Menschen.»
Den Höhepunkt dieses Projekts bildete das Konzert, das die Geigerin am Samstag, 26. September, in der ukrainischen Hauptstadt im Rahmen des Kyiv Music Festival gab.
«Nach dem Segen des Heiligen Vaters fühle ich mich geistlich stärker und spüre noch intensiver die Verantwortung für diese Reise, die ich in meinem Heimatland begonnen habe.»
«Es ist eines der wichtigsten Festivals für zeitgenössische Musik in der Ukraine. Dort habe ich die Weltpremiere eines Violinkonzerts gespielt, das Yevhen Stankovych, einer der bekanntesten noch lebenden ukrainischen Komponisten, für mich geschrieben und mir gewidmet hat.
Es ist eine Musik, die eng mit der ukrainischen Geschichte und Identität verbunden ist und zugleich universelle Themen anspricht: Erinnerung, Schmerz und Hoffnung. Ich fühle mich zutiefst geehrt, dieser Komposition eine Stimme geben zu dürfen. Begleitet wurde ich von der Ukrainian National Symphony Orchestra.»
Zum Abschluss sagt Petryshak: «Nach dem Segen des Heiligen Vaters fühle ich mich geistlich stärker und spüre noch intensiver die Verantwortung für diese Reise, die ich in meinem Heimatland begonnen habe. Es ist eine Rückkehr nach Hause – nicht nur als Geigerin, sondern als Künstlerin, die ihre Wurzeln wiederentdecken und mit anderen teilen möchte. Denn ein Teil der Ukraine lebt weiterhin in mir. Ich möchte nicht nur vom Leid des Krieges erzählen, sondern auch davon, was ein Volk selbst in den schwierigsten Zeiten noch hervorbringen kann. Ich habe die von Papst Leo gesegnete Geige mit mir genommen. Sie hat für mich nun eine noch grössere Bedeutung: Sie soll eine Stimme des Friedens, des Dialogs und der Hoffnung sein – eine Botschaft, die durch die Musik Menschen miteinander verbinden kann.»
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