Missbrauchsprävention: Pfarrei in Dietikon geht voran

Die Paulus-Akademie in Zürich hat jüngst zum Austausch geladen mit dem aufmunternden Motto «Wir können etwas tun gegen Missbrauch – Erfahrungen teilen, wirksam werden». Dabei zeigte sich: Auch eine Pfarrei kann vorangehen – etwa St. Agatha und St. Josef in Dietikon.

Regula Pfeifer

Wo geht es zu den «Good Practices – Erfahrungen aus der Praxis»?, fragt sich die Journalistin in der Paulus Akademie – nach einer ersten Einführung in die Missbrauchsthematik im Obergeschoss. Unten, im Erdgeschoss der Paulus Akademie stehen mehrere Gruppen beieinander um hohe Apero-Tische herum.

Pfarrei mit eigenen Verhaltensgrundsätzen

Bei einer Gruppe ist auf einer Stellwand der gesuchte Titel zu lesen. Dort stellt um Apero-Tisch eine Frau ein Kartenspiel vor – es soll zum guten Umgang mit Missbrauch sensibilisieren. Am anderen wird geredet. Zwei Handouts auf dem Tisch verraten: Es sind Papiere der Pfarrei St. Agatha und St. Josef in Dietikon. Sie präsentieren ein Schutzkonzept für die Pfarrei und pfarreiinterne Verhaltensgrundsätze, nach denen sich Freiwillige Mitarbeitende richten sollen.

Beide Vorhaben befinden sich gemäss Rita Mock derzeit noch in der internen Vernehmlassung. Dementsprechend darf die Journalistin nichts davon mitnehmen oder zitieren. Rita Mock ist administrative Stellvertreterin von Pfarrer Adrian Sutter. Sie berichtet in der Runde, wie es dazu kam, dass sich die Pfarrei in Sachen Missbrauchsprävention auf die Socken machte.

Anstoss war ein Vorfall

«Vor etwa zwei Jahren hatten wir einen Vorfall, der sich bei Übergriffen im Graubereich bewegte», erzählt Mock. Die Pfarrei suchte Hilfe und wandte sich an die Limita, eine politisch und konfessionell unabhängige Fachstelle zur Prävention sexueller Ausbeutung in Zürich.

«Wir wollten uns an eine unabhängige Stelle ausserhalb der Kirche wenden», sagt Adrian Sutter, der eben zur Diskussionsrunde gestossen ist. Mit einer Limita-Fachperson besprach Mock den Vorfall in ihrer Pfarrei – was später zu einem Gespräch mit der betreffenden Person und einer internen Regelung führte. Die Limita-Fachperson wies Mock weiter darauf hin: Hätte die Pfarrei bereits Verhaltensgrundsätze für Freiwillige gehabt hätte, wäre der Fall einfacher zu lösen gewesen.

Der Vorfall war für die Pfarrei der Anlass zu handeln. Sie nahm den Hinweis ernst und setzte eine sechsköpfige, partizipativ zusammengesetzte Arbeitsgruppe ein. Es wirkten neben der Pfarreileitung mit Rita Mock auch die Ministrantenleitung, die Jubla-Leitung, eine Katechese-Verantwortliche und eine Fachperson von Limita mit.

Auseinandersetzung mit Grenzüberschreitung

Gemeinsam erarbeiteten sie das Papier «Verhaltensgrundsätze für Freiwillige». «Es war ein spannender, intensiver Prozess», erzählt Mock. «Wir setzten uns damit auseinander, was genau eine Grenzüberschreitung ist und wo sie beginnt.»

Sie hätten inzwischen ein Auge dafür entwickelt, sagen die beiden Pfarreileitenden. «Wir sagen nun schnell, wenn wir bei einer Person ein Verhalten irritierend finden», sagt Sutter. Es sei viel besser, rasch auf eine einzelne Situation zu reagieren, anstatt bis zum jährlichen Mitarbeitergespräch zu warten und dann mehrere Vorfälle auf den Tisch zu legen. So bleibe der Austausch natürlich und weniger belastet. Dabei helfe die offene Feedback-Kultur, die sie in der Pfarrei hätten, zeigen sich Mock und Sutter überzeugt.

Die Verhaltensgrundsätze sind das Pendant zum Verhaltenskodex, den das Bistum Chur erarbeitet und im April 2022 bistumsweit eingeführt hat. «Der Sinn des Verhaltenskodex ist es, die sexuelle, psychische und geistige Integrität zu schützen» sagte der Churer Bischof Joseph Maria Bonnemain damals bei dessen Präsentation. Im Kanton Zürich ist er für kirchliche Angestellte seit Oktober 2023 auch gemäss Anstellungsordnung verpflichtend. 

Freiwillige müssen unterschreiben

Das gilt selbstverständlich auch für die Angestellten der Pfarrei St. Agatha und St. Josef in Dietikon. Fortan sollen neu auch die freiwillig Mitwirkenden in ihrer Pfarrei ein vergleichbares Papier unterschreiben müssen.

Nicht alle Freiwilligen sollen in die Pflicht genommen werden. «Eine Mutter, die den Kindern an einem Nachmittag beim Kranzbinden hilft, wird das nicht tun müssen», sagt Pfarrer Adrian Sutter. «Aber jemand, der die Firmgruppe auf die Romreise begleitet schon», präzisiert Rita Mock.

Massstab 20 Stunden

Als Massstab haben die beiden Pfarreileitenden 20 Stunden Freiwilligenarbeit mit Kindern und Jugendlichen pro Jahr festgelegt. Wer so viel leistet, muss – wie alle Angestellten – bereits seit mehreren Jahren einen Privatauszug beziehungsweise einen Sonderprivatauszug aus dem Strafregister anfordern und zukünftig auch die Verhaltensgrundsätze unterschreiben.

Die Pfarreileitung hat zudem ein Schutzkonzept entwickelt. Darin sei insbesondere festgehalten, was zu tun sei bei allfälligen Grenzverletzungen in der Pfarrei, sagt Mock. So wurde festgelegt, dass auch Personen ausserhalb der Pfarreileitung Ansprechpersonen sind, etwa der Kirchenpflegepräsident, sowie eine externe Person, die nichts mit der Pfarrei zu tun hat. «Wir sind bereits seit rund zehn Jahren sensibilisiert aufs Thema Nähe und Distanz», sagt Mock. Sie hätten dazu bei der Fachstelle Limita Kurse besucht – und diese innerkirchlich bestätigen lassen.

Am Anlass in der Paulus-Akademie tauschten sich andere Gruppen aus zum Umgang mit der Veröffentlichung der Hauptstudie und zur Kommunikation von Präventionsmassnahmen. In einer Runde konnten Fragen an die Präventionsfachpersonen Stefan Loppacher und Susanne Rodi gerichtet werden.

Veranstaltungsreihe seit Pilotstudie

Der Anlass «Wir können etwas tun gegen Missbrauch – Erfahrungen teilen, wirksam werden» war der vierte zum Umgang mit Missbrauch in der Paulus-Akademie. Die Reihe begann nach der Publikation der Pilotstudie zum Missbrauch im kirchlichen Umfeld im September 2023. Daran erinnert Adrienne Hochuli in der Einleitung am Mittwochabend. Die Theologin ist seit einem Jahr an der Paulus Akademie als Leiterin Fachbereich Technologie und Religion tätig.

Vor den Gruppengesprächen gab es drei fachliche Impulse. Stefan Loppacher, Leiter der nationalen Dienststelle Missbrauch im kirchlichen Kontext, erinnerte dabei an Meilensteine der Missbrauchsthematik in der katholischen Kirche – darunter die Publikation der Pilotstudie 2023. Für ihn ist 2021 das wichtigste Jahr.

Damals hätten die drei Spitzengremien der Schweizer Kirche ihre Zusammenarbeit begonnen, die weiter andauere. Auf der Zielgeraden seien insbesondere das nationale Strafgericht und Grundlagenpapiere für neue Meldestellen. Bei den Spitzengremien handelt es sich um die Schweizer Bischofskonferenz (SBK), die Römisch-katholische Zentralkonferenz (RKZ) und die Konferenz der Institute des geweihten Lebens und der Gesellschaften des apostolischen Lebens in der Schweiz (Kovos).

Der Zürcher Synodalratspräsident Raphael Meyer sprach über die online erreichbare Meldestelle der Kantonalkirche, an die anonym Fehlverhalten jeder Art in der Kirche gemeldet werden kann. Und Synodalrat Frank Ortolf stellte die Sprechstunde für psychosoziale und sexuelle Gesundheit an der Psychiatrischen Universitätsklinik (Puk) vor, an die sich alle kirchlichen Mitarbeitenden im Kanton Zürich mit entsprechenden Problemen anonym wenden können.


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https://www.kath.ch/newsd/missbrauchspraevention-pfarrei-in-dietikon-geht-voran/