Papst fordert Frankreich zu Lebensschutz und Abrüstung auf

Das Verhältnis von Staat und Kirche ist in Frankreich seit jeher spannungsreich. Bei seinem Besuch in Paris wirbt Leo XIV. für ein richtiges Verständnis von Laizität und fordert mehr Einsatz für Lebensschutz und Frieden.

Severina Bartonitschek

(CIC/woz) Papst Leo XIV. hat Frankreich zu einem stärkeren Schutz des Lebens aufgerufen und nukleare Abrüstung von der einzigen Atommacht der EU gefordert. Verantwortungsträger aus Politik und Gesellschaft erinnerte Leo XIV. am Freitag in Paris an die christlichen Wurzeln des Landes.

Dabei warb er für eine «rechte Laizität», die Religion weder aus dem öffentlichen Raum noch aus dem Bildungswesen ausschliesse. Vielmehr gehe es um einen Dialog zwischen Staat und religiösen Institutionen, die ihre Kräfte für das Wahre, Gute und Schöne bündelten.

«Mit Besorgnis stelle ich bisweilen fest, wie Gesellschaften derzeit in die falsche Richtung abdriften und Gefahr laufen, Wissenschaft und Technik in gewinnorientierte Unternehmungen zu verwandeln, die genetische Manipulationen, Leihmutterschaft, den Handel mit Organen oder das Angebot eines geplanten Todes fördern», sagte Leo XIV. im Élysée-Palast – auf Französisch mit italienischem Akzent. Erst im Juli hatte Frankreich aktive Sterbehilfe und begleiteten Suizid für schwerkranke Menschen erlaubt.

Schutz des Rechts auf Leben

Leo XIV. erinnerte an die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, die 1948 in Paris angenommen wurde. Gerade dank des Reichtums seines sozialen Gefüges zeichne sich Frankreich seit Jahrhunderten durch seine Aufmerksamkeit für Vielfalt und einen starken Wunsch nach Solidarität aus, so der Papst und erinnerte an die vielen Katholiken, die sich im Laufe der Jahrhunderte für Bedürftige eingesetzt haben.

Ihre Zeugnisse seien eine eindringliche Erinnerung an den einzigartigen und unersetzlichen Wert jedes einzelnen Menschen.

«Deshalb betone ich nachdrücklich, dass der Schutz des Rechts auf Leben die unverzichtbare Grundlage für alle anderen Menschenrechte bildet.»

Zugleich dienten sie als Einladung zu lernen, das Leben bedingungslos anzunehmen, jede seiner Phasen mit Achtung und gegenseitigem Vertrauen zu begleiten und sich für diejenigen einzusetzen, die keine Stimme haben. «Deshalb betone ich nachdrücklich, dass der Schutz des Rechts auf Leben die unverzichtbare Grundlage für alle anderen Menschenrechte bildet.»

Appell für nukleare Abrüstung

Das gelte auch für die Menschen, die unter Kriegen und Konflikten leiden – insbesondere im Nahen Osten. An die Politiker der einzigen Atommacht innerhalb der Europäischen Union appellierte er für Abrüstung und ein Verbot von nuklearen Waffen. «Angesichts des Kriegsgetöns und der vielfältigen Krisen, die unsere Welt erschüttern, hat Frankreich die Berufung, ein unermüdlicher Verfechter des Friedens und des Multilateralismus zu bleiben, insbesondere innerhalb unseres teuren Europas», so der Papst.

Angesichts des Fortschritts Künstlicher Intelligenz warnte er vor einem Verlust des «Menschsein» und auferlegter Einheitlichkeit. Eine wirklich freie Gesellschaft schütze die Vielfalt der Gewissen, beuge autoritären Auswüchsen vor und fördere einen ethischen Dialog.

«Dieser Dialog ist im heutigen Frankreich umso dringlicher, als Menschen unterschiedlicher kultureller und religiöser Herkunft gefordert sind, zusammenzuleben und ihren jeweiligen Beitrag zum Aufbau der Gesellschaft zu leisten», sagte der Papst.

Paris zeigte sich von seiner besten Seite, als Papst Leo XIV. am Freitagvormittag dort seine viertägige Frankreichreise begann. Straßen und Wohnhäuser waren in mildes Spätsommersonnenlicht getaucht, selbst der rostige Stahl des Eiffelturms schien zu leuchten. Winkende Menschen säumten die Straßen, manche sassen im Bistro und tranken ihren Café in der Septembersonne.

Anders als sein Vorgänger Franziskus, der in seiner Amtszeit drei einzelne Orte im Land besuchte, stattet Papst Leo XIV. Frankreich einen echten Staatsbesuch ab – auch wenn der Akzent der Reise eindeutig auf dem kirchlichen Programm liegt. Um das Protokoll für die Begrüssung durch Präsident Emmanuel Macron im Élysée-Palast hatte es im Vorfeld Spekulationen gegeben.  

Am Nachmittag setzt der Papst seine Reise mit einer Ansprache bei der Unesco fort. Papst Leo XIV. übte dabei scharfe Kritik an Machthabern, die geltendes Recht willkürlich für ihre Zwecke auslegen. «Anstatt das Gesetz zu achten, berufen sich die Machthaber darauf, wenn es ihren Interessen dient, und missachten es, wenn es sie einschränkt», so der Papst am Freitag.

«Verdorbenheit des Herzens»

Gerechtigkeit selbst werde dabei wie eine Ware behandelt, «die man kaufen und verkaufen kann». Der Verfall des Gesetzes beginne mit «der Verdorbenheit des Herzens». In seiner Rede warnte Leo XIV. zudem vor einer Globalisierung ohne Geschwisterlichkeit. Er verurteilte die «räuberischen Formen des Neokolonialismus», ideologische Zwänge und «all jene »Kontakte ohne Beziehungen«, die das menschliche Leben auf den Handel reduzieren». Auch die Wissenschaft könnte diesem Muster folgen, «wenn sie nur noch eine Technik der Macht wird».

Danach leitete er ein Abendgebet in der wiederaufgebauten Kathedrale Notre-Dame.


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