Leihmutterschaft ist ethisch umstritten – was sagen die beiden grossen Schweizer Landeskirchen dazu?

Ein unerfüllter Kinderwunsch kann zu einer existenziellen Krise führen. Ob eine Leihmutterschaft unter strengen Bedingungen eine Lösung sein könnte, darüber diskutieren im Podcast «Laut + Leis» Sophie Zimmermann und Wolfram Kötter. 

Sandra Leis

Für beide ist klar: Ein Recht auf ein Kind gibt es nicht. Doch der Wunsch nach einem Kind ist verständlich. «Angesichts der heutigen Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin steht jedes ungewollt kinderlose Paar vor der Frage: Wie weit wollen wir gehen?», sagt Sophie Zimmermann (29). 

Die römisch-katholische Theologin arbeitet im Pastoralraum Stadt Luzern und sitzt im Vorstand des Frauenbund Schweiz. Wolfram Kötter (66) ist Kirchenratspräsident der evangelisch-reformierten Kirche des Kantons Schaffhausen und sagt: «Die Lebensphilosophie vieler Menschen ist eine andere also vor dreissig Jahren. Heute gibt es die Ehe für alle.»

Die Causa Jens Spahn

Deshalb könne er auch den deutschen Politiker Jens Spahn verstehen, der zusammen mit seinem Mann an einen Lebenspunkt gekommen ist, an dem sich beide ein Kind gewünscht und eine Leihmutter in den USA engagiert haben.

Als CDU-Politiker hat Spahn die Leihmutterschaft in Deutschland stets klar abgelehnt. Als Privatmann hat er sich dafür entschieden. «Nicht der Kinderwunsch an sich, sondern die Inkonsistenz seines Verhaltens kostete ihn schliesslich den Posten als Fraktionschef der Union», so Sophie Zimmermann.

Nein zu Leihmutterschaft

Die römisch-katholische Kirche sagt klar Nein zur Leihmutterschaft. «Das Lehramt lehnt fast jede Art von Reproduktionsmedizin ab, auch die Samen- und Eizellen-Spende. Ursprünglich hat die Kirche mit dem Eheverständnis argumentiert», sagt Zimmermann.

Des Weiteren beginne für die römisch-katholische Kirche die Würde des Menschen gleich mit der Zeugung. In anderen Religionen setze menschliches Leben nach den ersten vierzig Tagen ein. «Später sind weitere Argumente dazugekommen: Zum Beispiel, dass ein Kind kein Produkt sein soll und der Frauenkörper nicht kommerzialisiert werden darf.»

Frauenbund Schweiz stellt sich dem Thema

Der Frauenbund Schweiz nimmt keine eigene Position ein, setzt sich aber seit Jahren intensiv mit der ethisch heiklen Thematik auseinander. Vor zehn Jahren hat der Frauenbund ein 35-seitiges, sehr lesenswertes Diskussionspapier publiziert, in dem eine Juristin, eine Medizinethnologin und eine Bioethikerin Leihmutterschaft aus verschiedenen Perspektiven beleuchten und auch auf ungeklärte Fragen aufmerksam machen.

«Das Papier, das überarbeitet wird, ist nicht meinungsgebend, sondern meinungsbildend», sagt Zimmermann. «Ganz klar ist jedoch, dass eine Schwangerschaft keine Dienstleistung ist wie jede andere und auch nicht mit einer normalen Form von Erwerbstätigkeit vergleichbar ist.» Denn hier stelle eine Frau ihren Körper zur Verfügung.

Der Wert der Individualethik

Auch die evangelisch-reformierte Kirche Schweiz sagt nicht klar Ja oder Nein zur Leihmutterschaft, hat aber im Zuge der Debatte um Jens Spahn einen differenzierten Aufsatz veröffentlicht. Darin schreibt der Theologe und Leiter Kommunikation Stephan Jütte, der Kinderwunsch dürfe nicht über dem Wohl der Leihmutter stehen.

Dem stimmt auch Wolfram Kötter zu und sagt im Podcast «Laut + Leis»: «Im Gegensatz zur römisch-katholischen Kirche haben wir keine einheitliche Ethik, sondern legen Wert auf die Individualethik. Das heisst, die Kirche hat Einzelfälle zu prüfen.»

Kommerzielle und altruistische Leihmutterschaft

Eine kommerzielle Leihmutterschaft schliesst Kötter kategorisch aus, eine altruistische kann er sich unter strengen Bedingungen hingegen vorstellen: «Wenn eine Frau weiss, worauf sie sich einlässt, und aus familiären oder religiösen Gründen zum Entscheid kommt, dass sie beispielsweise für ihre Schwester ein Kind austragen will, dann mag eine Leihmutterschaft angezeigt sein.»

Grundlage müsse die absolute Freiwilligkeit sein, und allen Beteiligten müsse klar sein: «Es geht um das Wohl der Leihmutter und vor allem auch um das Wohl des Kindes. Es hat ein Recht auf Privatheit und auf Kenntnis seiner Herkunft.»

Kritik an der altruistischen Leihmutterschaft

Nur: Wie kann man feststellen, ob eine Frau sich wirklich freiwillig und selbstlos auf eine Schwangerschaft und Geburt einlässt? Bei Sophie Zimmermann läuten die Alarmglocken, «wenn Frauen und Altruismus in einem Argument zusammen genannt werden». Man dürfe Frauen nicht paternalisieren, und sie sollen selbstbestimmt entscheiden können.

Aber der Staat habe auch die Aufgabe, Menschen vor sich selbst zu schützen. «Zum Beispiel kann in der Schweiz niemand in einer Notsituation eine Niere verkaufen. Das heisst, der Staat muss sich überlegen, wo er mit dem Schutz beginnt und wo er die Selbstbestimmung der Menschen gelten lässt.» All diese Rechte würden immer wieder miteinander konkurrenzieren. «Deshalb muss abgewogen werden, wo man die Linie zieht.»

Boomender Markt – Jacqueline Fehr fordert Regelung

Unbestritten ist, der Leihmutterschaftsmarkt boomt: Schätzungen zufolge wurden im vergangenen Jahr weltweit rund 8 Milliarden Dollar ausgegeben, wobei vor allem Agenturen, Ärzte und Anwälte gutes Geld damit verdienen.

In der Schweiz ist Leihmutterschaft per Verfassungsbestimmung verboten, doch die Kinder sind da, und es werden von Jahr zu Jahr mehr. Deshalb hat die Zürcher Justizdirektorin Jacqueline Fehr letzte Woche an einer Medienkonferenz erneut vor den Folgen gewarnt.

Die Situation sei mit jener früherer Auslandsadoptionen vergleichbar. «Wir sind drauf und dran, die gleichen Fehler zu machen, über die wir uns bei den Auslandsadoptionen zu Recht so empören», sagt Fehr. Die nationale Politik schulde den Kindern, die durch Leihmutterschaft zur Welt kommen, sinnvolle und realitätsnahe Gesetze.

Auch für Sophie Zimmermann und Wolfram Kötter ist klar: Leihmutterschaften im Ausland sind eine Tatsache mit Folgen für die Schweiz – jetzt geht es darum, einen menschenwürdigen Umgang für alle Beteiligten zu finden.


Debatte um Leihmutterschaft: Viele Ethiker gegen Liberalisierung

Deutscher Schwulen-Aktivist: «Es gibt kein Grundrecht auf ein Kind»

CDU-Politiker Jens Spahn tritt nach Leihmutter-Debatte zurück

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.kath.ch/newsd/leihmutterschaft-ist-ethisch-umstritten-was-sagen-die-beiden-grossen-schweizer-landeskirchen-dazu/