In seinem Sarkophag-Reliquiar liegend, den Kopf auf die Hand gestützt, erwartet der heilige Viktor die vorbeikommenden Besucher. Anlässlich der Schweizer Tage des Kulturerbes präsentierte die Kirche St-Maurice in Freiburg jüngst ihr Skelett, eines ihrer Prunkstücke, in Anwesenheit der Restauratoren.
Lucienne Bittar, cath.ch
Mit Schmuck behängt, in prächtigen Schuhen und mit einem Schwert bewaffnet wird das Skelett unter dem Namen des Heiligen Viktor präsentiert. Seine Geschichte knüpft an die der Reliquien aus dem 16. Jahrhundert an.
Die Kirche St. Maurice, die als Augustinerkirche bekannt ist, da sie vom 13. Jahrhundert bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts zum Kloster dieses Ordens gehörte, beherbergt ein bedeutendes künstlerisches Erbe sowie Reliquien von Heiligen. Im Jahr 1255 schenkte die Abtei St. Maurice d’Agaune den Augustinern von Freiburg Reliquien von Märtyrern der Thebäischen Legion. Aus diesem Grund wurde die Kirche dem Schutzpatron St. Maurice geweiht.
Doch ein anderes Skelett stiehlt ihm die Show – und zwar ein perfekt erhaltenes. Lange Zeit glaubte man, es handele sich um einen Soldaten der Legion des Heiligen Mauritius. Tatsächlich, so erklärt Julian James, sein Restaurator, handelt es sich um die Überreste eines Mannes, der im 2. oder 3. Jahrhundert in den römischen Katakomben beigesetzt wurde. Das Skelett in der Augustinerkirche wurde 1662 vom Friedhof Cyriacus in Rom exhumiert.
Seine Gebeine gelangten zwei Jahre später nach Freiburg, als Geschenk von Papst Alexander VII. an das Kloster, bevor sie um 1748 zu einem Heiligenkörper zusammengesetzt wurden. Es wurde von den Kapuzinerinnen des Klosters Montorge verschönert, die es mit Schmuckstücken verzierten. Es trägt den Namen des Heiligen Viktor (Sieger über den Tod), einen «Standardnamen» für einen anonymen Märtyrer, neben den Heiligen Exuperius, Candide, Felix und andere.
«Die römischen Katakomben wurden Ende des 16. Jahrhunderts wiederentdeckt. Zahlreiche Überreste ihrer Toten, die als Märtyrer der Verfolgungen in der Frühzeit des Christentums galten, wurden daraufhin nach Europa gebracht, um dort als Grabbeilagen oder Reliquien in den Altären von Kirchen aufgebahrt zu werden.
Manchmal handelte es sich um ganze Skelette, oft aber auch nur um einzelne Knochen. Das Skelett in der Kirche Saint-Maurice ist nahezu vollständig. Einige seiner Knochen wurden sicherlich aus Knochenmehl mit einem Bindemittel wieder zusammengesetzt.»
Diese Grabfiguren, die vor allem in Süddeutschland zu finden sind, erklärt der Kunstrestaurator weiter, werden manchmal stehend dargestellt, meist jedoch liegend, «in einer Haltung der Ruhe oder der Meditation».
«Eines der ersten Dinge, die einem auffallen, wenn man die Grabstatue in der Kirche St.-Maurice entdeckt, ist die Opulenz, ja sogar die übermässige Opulenz ihrer Verzierungen», bemerkt Anne Baezner, Schmuckexpertin am Musée d’art et d’histoire in Genf, die an der Restaurierung der Reliquie mitgewirkt hat.
«Wir befinden uns hier in der Welt der Knopflochverzierungen und Zierknöpfe.»
«Man hat den Eindruck, in eine Schatzkammer zu gelangen. Natürlich stellte sich zunächst die Frage, ob es sich bei diesen Steinen um Edelsteine handelte. Hatten wir es mit Gold oder Perlen zu tun? Schnell wurde klar, dass es sich um farbiges Glas handelte.» Diese Stücke gehören nicht zur Welt der traditionellen Goldschmiedekunst, die sich ausschließlich mit der Bearbeitung von Gold und Edelsteinen befasst, präzisiert die Schmuckexpertin weiter.
«Wir befinden uns hier in der Welt der Knopflochverzierungen und Zierknöpfe. Diese Handwerksberufe waren hauptsächlich für die Herstellung von Militäruniformen oder regionalen Trachten zuständig. Glasmacher kümmerten sich um die Herstellung der kleinen Perlen, die zu Ketten aufgefädelt wurden. Deshalb nannte man sie ‹Paternoster›. Die Schwestern haben sie mit Silber- oder Goldfäden aufgenäht. Aber in gewisser Weise ist das ein Glück! Hätte all das einen hohen Wert gehabt, hätten wir heute nicht die Freude, es noch in seiner ursprünglichen, physischen Unversehrtheit aus jener Zeit bewundern zu können.»
Dass sich diese Grabstatue in Freiburg befindet, ist Pater Ulrich Kessler zu verdanken, dem Prior des Augustinerklosters im 16. Jahrhundert. Zwar war er zum Zeitpunkt der Schenkung bereits verstorben, doch dank seines Tatkrafts konnte das Kloster Fuss fassen.
Ihm ist beispielsweise die Finanzierung und die Errichtung des 13,5 Meter hohen Altaraufsatzes durch die Brüder Spring zu verdanken, der sich hinter dem Altar über drei Ebenen erstreckt und nicht weniger als 40 Statuen beherbergt. Er gilt als Meisterwerk des Schweizer Manierismus. Pater Kessler widmete 37 Jahre lang die Einkünfte aus seinem Amt der Bezahlung dieses Altaraufsatzes.
Seit Jahren arbeiten Handwerkerinnen und Handwerker sowie Restauratorinnen und Restauratoren daran, der Kirche Saint-Maurice ihren ganzen Glanz zurückzugeben. Die Baustelle, die ausnahmsweise während der Tage des offenen Denkmals zugänglich war, bot die Gelegenheit, das Ausmass und die Herausforderungen der Restaurierung der Altarbilder und anderer Schätze, die in dem Gotteshaus beherbergt sind, zu entdecken.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/skelett-des-heiligen-viktor-in-freiburg-erstrahlt-in-neuem-glanz/