Schwarze Madonna in den Sexsalons – Prostituierten-Seelsorge konkret

Sie gehen in einschlägige Etablissements und suchen das Gespräch mit den dort arbeitenden Frauen. Es gehe um Begegnung auf Augenhöhe, sagen die drei katholischen Seelsorgerinnen, die bisher in Basel die Prostituiertenseelsorge umgesetzt haben. Dies im Bewusstsein: «Wir sind im Milieu Störfaktoren.»

Regula Pfeifer

Die schweizweit einzigartige Seelsorge im Tabubereich (Sita) in Basel und Baselland ist tatsächlich auf Seelsorge ausgerichtet. Sie bietet nicht Ausstiegshilfe aus der Prostitution. Die Ausstiegs-Vorstellung sei romantisch, aber falsch und unverantwortlich, sagt Anne Burgmer, ehemalige Sita-Seelsorgerin. Denn die Sita habe mit ihren 40 Stellenprozenten weder das Geld noch die Zeit dafür. Stattdessen verweist sie Ausstiegswillige an eine Fachstelle. Eine Frau hat den Ausstieg aus eigener Kraft geschafft. «Ich durfte sie begleiten», sagt Burgmer am 9. September beim Podiumsgespräch im Pfarreisaal von St. Clara in Basel.

«Ich sehe keinen sinnvollen Weg, wie das aufhören könnte.»

Anne Burgmer, frühere Sita-Seelsorgerin

Ein Votum aus dem Publikum hat auf dieses Thema gelenkt. Eine Frau hat Unverständnis darüber geäussert, dass es Prostitution heute überhaupt noch gibt. Dafür zeigt Burgmer Verständnis, sagt aber: «Ich sehe keinen sinnvollen Weg, wie das aufhören könnte.»

Anne Burgmer hat das kirchliche Angebot 2016 aufgebaut und drei Jahre lang umgesetzt. Am Podium sprechen sie und ihre Nachfolgerinnen Brigitte Horvath und Susanne Andrea Birke über ihre Erfahrungen. Horvath hatte die Stelle von 2019 bis 2023 inne, Birke von März 2023 bis heute. Den Anlass mit rund 40 geladenen Gästen haben die Kantonalkirchen von Basel-Stadt und Basellandschaft zum Zehn-Jahr-Jubiläum der Sita organisiert. Sandra Schiess von SRF moderiert.

Sexarbeiterinnen in prekären Situationen

Die Sita kümmert sich vor allem um Sexarbeiterinnen in prekären Situationen, ist an diesem Abend zu erfahren. Also um Frauen, die kaum über die Runden kommen oder grosse gesundheitliche Probleme haben. Birke erzählt, sie sei anfänglich überrascht gewesen, im Milieu so viele Grossmütter anzutreffen, die ihre Kinder und Enkel finanziell unterstützen. Burgmer hat zu ihrer Zeit Frauen zwischen rund 18 und 60 Jahren begleitet.

Die jeweils aktive Sita-Seelsorgerin ist selten allein unterwegs zu den Sexsalons in Basel und Baselland. Meist geht sie mit einer Vertreterin der Fachstelle Aliena oder der Heilsarmee-Beratung Rahab dahin – oder mit dem neuen Sita-Sozialarbeiter für Freier, der früher für die Aidshilfe arbeitete.

Zu zweit unterwegs zu Sexsalons

Zuerst entscheidet das Zweierteam, wohin es geht. Es achtet darauf, nicht zu oft am selben Ort aufzutauchen. Denn «wir sind im Milieu Störfaktoren», sagt Susanne Andrea Birke. Wenn unklar ist, in welchem Haus und hinter welcher Tür die Prostitution stattfindet, müssen sie sich durchfragen. «Wir gehen rein, wenn uns aufgemacht wird», so Birke. Manchmal bleibe die Tür verschlossen – vor allem auf dem Land, etwa in Liestal. Da sei die Prostitution stärker tabuisiert als in der Stadt, vermutet Birke.

Manchmal ist der Zeitpunkt für ein Gespräch aber ungünstig. Etwa wenn die Frau gerade an der Arbeit ist. Dann müssen die Helferinnen in einem Gang oder einer Küche auf sie warten. Einmal mussten Horvath und ihre Kollegin von der Heilsarmee im Salon in einem Nebenraum warten. Sie hörten, wie der Betreiber den Freiern die Frauen vorstellte, ihre Dienste und ihre Preise. «Es gab ein regelrechtes Ranking. Das hat mich schockiert», sagt die frühere Sita-Mitarbeiterin.

Als Frau im Milieu

War Anne Burgmer unterwegs im Milieu, fragten sie Männer auf der Strasse, wieviel sie koste. Ein Freier berührte sie einmal mehr als freundschaftlich an der Schulter. Er habe dann ihre Grenze akzeptiert, sagt Burgmer. In einem Etablissement hiess es: Ihr kommt nur rein, wenn ihr eure Kleider auszieht. Freier liessen teilweise zotige Sprüche fallen, erzählt Birke, die ab und zu bei der Freierarbeit mitwirkt. Etwa, man habe die Grösse XXL.

Die drei Seelsorgerinnen bezeichnen ihre Präsenz im Milieu als «Tür- und Angel-Seelsorge». Vor Ort komme es meist nur zu kurzen Gesprächen. Denn die Frauen müssten weiterarbeiten.

Schwarze Madonna als Vermittlerin

Susanne Andrea Birke übergibt ihnen jeweils eine Sita-Adresskarte und eine Karte. Darauf ist die Schwarze Madonna von Einsiedeln aufgedruckt. «Die Schwarze Madonna vermittelt kulturübergreifend», sagt sie. Die Frauen fragten teilweise, welche Jungfrau das sei. «Eine Frau, der ich das Bild der Schwarzen Madonna gegeben habe, hat mich gesegnet. Das fand ich schön.»

Besuchen Sexarbeiterinnen die Sita-Seelsorgerin in deren Büro, sind längere Gespräche möglich. Zu Kontakten kommt es auch bei Segensfeiern für Frauen im Rotlichtmilieu in der Kirche St. Clara. Daran nehmen ebenso ehemalige Sexarbeiterinnen teil. Sie seien froh, sich in diesem Umfeld nicht erklären zu müssen, sagt Burgmer.

Gespräch und Gebet

Auch beim Mittagstisch der Fachstelle Aliena und im Café von Rahab sind Gespräche möglich. Öffnen sich die Sexarbeiterinnen, erzählen sie von Sorgen um die eigene Gesundheit oder jene ihrer Familienmitglieder oder von Geldproblemen. Oft wünschten sie ein gemeinsames Gebet, sagt Burgmer. «Wichtig ist, ihnen auf Augenhöhe zu begegnen», ist sie überzeugt. Und sie nicht von sich abhängig zu machen.

Ein Vorurteil will sie an diesem Abend korrigieren: Diese Frauen seien nicht dumm. «Sie haben in ihrem Herkunftsland teilweise ein Studium abgeschlossen.» Einmal habe sie mit einer Latina eine anstrengende theologische Diskussion über Maria geführt, merkt Burgmer lächelnd an.

Belastung und Hilfe

Seelsorge im Sexmilieu kann belastend sein. Etwa, wenn es in einem Bordell nach Zwangsprostitution aussieht. Oder wenn eine Frau Flecken hat, die von Schlägen herrühren könnten. Solche Beobachtungen melden die Seelsorgerinnen den Behörden.

Die Sita-Frauen haben gelernt, damit umzugehen. Horvath sagt, ihr habe geholfen, nach der Arbeit zu ihrer Familie zurückzukehren. «Das Erlebte niederzuschreiben, hilft mir verarbeiten», sagt Birke. Alle loben die unterstützende Vorgesetzte, Sarah Biotti, Leiterin Spezialseelsorge der katholischen Kirche Basel-Stadt. Und sie erwähnen die Hilfe, welche eine Supervision bei Bedarf bietet.


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