Markus Hofer: «Franz von Assisi hat die Askese geliebt und sie seinen Brüdern in der extremen Form verboten»

Franz von Assisi gehört zu den beliebtesten Heiligen und fasziniert bis heute viele Menschen. Wer war der Mann, der bei genauer Betrachtung in keine Schublade passt? Auf Spurensuche mit dem österreichischen Theologen und Buchautor Markus Hofer im Podcast «Laut + Leis».

Sandra Leis

«Mit ihm ist man nie fertig», sagt Markus Hofer über Franz von Assisi. Der tiefreligiöse Mann verzichtete auf jeglichen Besitz, sah Tiere als Geschwister an und gründete den Franziskanerorden. Was trieb ihn an, was waren seine Stärken und Widersprüche?

Der römisch-katholische Theologe befasst sich seit vielen Jahren mit dem Heiligen, hat Bücher publiziert (zum Beispiel «Franz für Männer») und hat jetzt zum 800. Todestag eine Biografie geschrieben. Untertitel: «Ein radikales Leben neu erzählt».

Nur: Kaum eine Persönlichkeit aus dem Mittelalter ist so gut dokumentiert wie Franz von Assisi. Was also ist das Neue? Dazu sagt Hofer, der alle historischen Quellen gründlich studiert hat, im Podcast «Laut + Leis»: «Es sind keine neuen Fakten hinzugekommen. Doch ich will die Geschichte für heutige moderne Menschen neu erzählen. Etwas kantiger und griffiger, vielleicht auch etwas weniger fromm.»

Der nackte Franz

Hochinteressant ist sein geradezu kriminalistischer Umgang mit den Quellenschriften. Was stimmt historisch tatsächlich? Was ist ausgeschmückt und was schlicht erfunden?

Ein Beispiel: Franz zieht sich vor seinem Vater nackt aus und gibt ihm alles zurück, was er von ihm bekommen hat. «In der ältesten Beschreibung ist er wirklich nackt. In der nächsten hat er schon ein kleines Tüchlein um die Lenden gebunden und später einen ganzen Bussgürtel», so Hofer.

Da merke man dann, in welche Richtung die Geschichtsschreibung gehe. «Manchmal muss man die Texte gegen den Strich lesen.» So komme man drauf, was historisch wahrscheinlich sei und was weniger. «Wer seine radikale Mentalität kennt, kommt zum Schluss, dass Franz sich nackt ausgezogen hat.»

Evangelium wortwörtlich genommen

Als Sohn eines reichen Tuchhändlers erlebt er eine unbeschwerte Kindheit und ausschweifende Jugendzeit, will Ritter werden und kehrt nach Kriegserfahrungen nach Assisi zurück. Er verschreibt sich ganz dem Glauben, bricht mit dem Vater und verzichtet auf allen Reichtum.

Über die Berufung sagt Markus Hofer: «Es war ein langer Weg der Suche. Letztendlich hat er seine Berufung darin gefunden, dass er das Evangelium wortwörtlich ernst nimmt.» Denn Christus sagt zu den Aposteln: «Geht hinaus, verkündet mein Wort, nehmt nichts mit. Keine Schuhe, keine Gürtel, keine Tasche.» Genau das habe Franz von Assisi umgesetzt.

Geld komplett abgelehnt

Folgerichtig hat Franz von Assisi auch Geld komplett abgelehnt. Mehr noch: Er soll Münzen, so sei in den ältesten Schriften zu lesen, auf den Boden geworfen und in den Dreck gestampft haben. «Spätere Lebensbeschreibungen verzichten auf solche Schilderungen. Doch in der Franziskaner-Regel widmet er dem Geldverbot ein ganzes Kapitel», erklärt Hofer.

So, wie er die Bibel wörtlich nimmt, könnte man Franz von Assisi durchaus als Fundamentalisten bezeichnen. Doch der grosse Unterschied zu heutigen Fundamentalisten sei: «Er hat diese radikale Lebensform für sich gewählt und sie nicht von anderen Menschen eingefordert.»

Seine Authentizität überzeugt

Natürlich stösst er mit seiner Lebensweise auch auf Kopfschütteln und Ablehnung; andere hingegen wollen es ihm gleichtun und folgen ihm nach. Kurz nach seinem Tod soll der Orden bereits rund 20’000 Brüder gezählt haben. «Das ist verrückt in einer Zeit, wo es keine Medien und keine öffentlichen Verkehrsmittel gegeben hat», so Hofer

Berührt hat er die Menschen seiner Zeit vor allem mit seinen Predigten. «Er hat innerlich geglüht und konnte sich fast in eine religiöse Ekstase hineinsteigern. Manchmal hat er beim Predigen sogar getanzt.» Das habe die Menschen sicher stärker fasziniert als der Inhalt der Predigt.

Hinzu komme: «Er hat immer auch verkörpert, was er predigt. Deshalb war er vielleicht der authentischste Mensch, den es je gegeben hat.»

Ungesunder Lebensstil

Klar ist dabei auch: Franz von Assisi hatte einen Hang zum Übersteigerten und Extremen. Er hat sich gezüchtigt sowie oft und über lange Zeitperioden gefastet. «Sein Umgang mit der Gesundheit ist äusserst fragwürdig», schreibt Hofer in seiner Biografie.

Das muss auch Franz gewusst haben, denn er hat seinen Brüdern allzu ausgiebiges Fasten und den Bussgürtel verboten. Hofer formuliert es im Podcast so: «Franz von Assisi hat die Askese geliebt und sie seinen Brüdern in der extremen Form verboten.»

Er selber sei alles andere als ein Asket, versichert der Biograf schmunzelnd. «Doch wenn man das tut, was man liebt, dann hat es Kraft. Und so können wir beide gut miteinander.»

Das Buch von Markus Hofer: «Franz von Assisi. Ein radikales Leben neu erzählt», 184 Seiten, Tyrolia-Verlag 2026.


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