Braucht es unbedingt eine Alkoholreklame am Kloster Einsiedeln?

Wer das Kloster Einsiedeln besucht, ist jedes Mal von neuem von der Würde und der edlen Ausstrahlung dieses Wallfahrtsorts fasziniert. Ein Plakat vor der Klostermauer wirbt momentan für klostereigenen Schaumwein und ein Gebäck. Warum ist das so? Und passt das? Ein Augenschein.

Wolfgang Holz

Ein Sonntagnachmittag im Kloster Einsiedeln. Die Sonne lässt die barocke Fassade des Klosters, das aus Sandstein gebaut ist, hell erstrahlen. Das Gold am Marienbrunnen glänzt im Sommerlicht ebenso wie das Gold an der Klosteruhr und am Strahlenkranz der Muttergottes auf der Stiftskirche.

Heilige Aura und Würde des Ortes

Der endlich neu gestaltete Klosterplatz empfängt als architektonisches Pendant zum Kloster den Schauenden und lädt ihn ein, wie in einem theatralischen Akt die zentrale Treppe zum Kloster hochzusteigen, flankiert und beschützt von den im Halbkreis allegorischen Skulpturen auf dem Balkon. Unter den Augen der Kaiser Otto des Grossen und Heinrich II., schreitet man der «Schwarzen Madonna» in der Gnadenkapelle entgegen, die einen an diesem Tag im grünen Gewand empfängt.

Die Wirkung an Heiligkeit und an Würde, die das Kloster Einsiedeln ausstrahlt, fasziniert Besuchende jedes Mal von neuem. Berauscht, beglückt und religiös inspiriert verlässt man das Kloster nach dem Gebet vor der Gnadenkapelle und nach einem Rundgang durch die grandios von den legendären Barockstars der Asam-Brüder ausgemalte Kirche. Der Sohn des Autors lässt noch eine Jesuskette von einem Pater segnen und ist ebenfalls begeistert.

Werbeplakat mit Schaumwein und Gebäck

Auf einem kleinen Spaziergang rund ums Kloster in frischer Einsiedler Höhenluft entdeckt man plötzlich irritiert neben dem Torbogen-Eingang zum Abteihof eine Tafel mit einem Werbeplakat. Es ist eine Werbung des Klosterladens, der sich hinter den Mauern befindet. Darauf abgebildet ist zum 500-jährigen Wiederaufblühen des Klosters von 1526-2026 eine Schaumweinflasche aus der klostereigenen Kellerei sowie ein Gebäck: «Unser Fest zuhause weiterfeiern», steht auf dem Plakat.

So weit so gut. Im Jahre 1526 stand das Kloster Einsiedeln, das bekanntlich 934 gegründet wurde, kurz vor dem Aus. Die Gemeinschaft war auf einen einzigen Mönch zusammengeschrumpft, den 86-jährigen Abt. Die Schwyzer schliesslich wollten nicht zulassen, dass der in ihrem Gebiet gelegene und für die gesamte Eidgenossenschaft so wichtige Wallfahrtsort verwaist. Sie baten deshalb den Abt von St. Gallen um Hilfe und setzten auf den Festtag von Mariä Himmelfahrt (15. August) 1526 hin aus der Reihe seiner Mönche Ludwig Blarer als neuen Abt von Einsiedeln ein. Ihm gelang es in den folgenden Jahren, dem Kloster neues Leben einzuhauchen, wie auf der Klosterhomepage nachzulesen ist.

Grund zum Feiern, aber…

Das ist wahrlich ein Grund zum Feiern für das Kloster Einsiedeln, das längst zum grössten Wallfahrtsort in der Schweiz geworden ist, das jährlich rund 800’000 Pilgernde und Touristen aus aller Welt anzieht.

Auch der asketische Lebensstil des Heiligen Benedikt von Nursia (ca. 480–547 n. Chr.), der als der Begründer des christlichen Mönchtums im Westen gilt, hat sich zwar im Laufe seines Daseins vom extremen Einsiedler hin zu einer gemeinschaftlichen, massvollen Lebensform gewandelt. Da hat vielleicht sogar ein Schluck Schaumwein Platz – die Einsiedler Mönche gönnen sich ja zum Mittagessen hin und wieder ebenfalls Wein.

Trotzdem fragt man sich: Warum braucht es vor diesen altehrwürdigen Mauern des «Ora et labora»-Klosterordens in Einsiedeln so eine Alkoholreklame samt Hinweis auf den Klosterladen – zumal es in unmittelbarer Nähe ein grosses Hinweisschild auf den Klosterladen gibt? Stört dieses kommerzielle Werbeplakt nicht irgendwie die wundervoll-würdige Gesamtatmosphäre des Klosters? Man könnte die Werbung ja problemlos online auf den Internetseiten des Klosterladens platzieren. Oder einfach direkt vor dem Klosterladen.

«Wein gehört in unserer christlichen Tradition selbstverständlich zum religiösen und liturgischen Kontext und ist in der Bibel ein Zeichen für Gottes Freude und Friede.»

Was meint das Kloster selbst dazu? «Es freut uns, dass Sie gemeinsam mit Ihrem Sohn einen schönen Tag bei uns verbringen durften und den Klosterplatz sowie die besondere Atmosphäre des Ortes als so einladend und erhaben erlebt haben. Vielen Dank auch für Ihre kritische Rückmeldung zum Plakat vor dem Eingang zum Abteihof», nimmt das Kloster Einsiedeln auf Anfrage von kath.ch Stellung..

«Wein gehört in unserer christlichen Tradition selbstverständlich zum religiösen und liturgischen Kontext und ist in der Bibel ein Zeichen für Gottes Freude und Friede. In diesem Zusammenhang ist es uns wichtig, zwischen Alkohol als Suchtmittel und Wein als Genussmittel zu unterscheiden. Die betreffende Darstellung verstehen wir dabei als Hinweis auf ein im Klosterladen angebotenes Produkt zum Geniessen und gemeinsamen Feiern unseres besonderen Jubiläums.»

Zugleich könne eine solche Darstellung – gerade, weil Kinder früher oder später ohnehin mit dem Thema Alkohol und anderen kontroversen Themen in Berührung kommen würden – durchaus auch Anlass sein, mit ihnen darüber ins Gespräch zu kommen und einen verantwortungsvollen Umgang damit zu thematisieren.

Das Plakat stehe zudem in einer Reihe weiterer Plakate, die das Kloster-Jubiläum thematisieren, so das Kloster Einsiedeln. «Die ersten drei sind dort platziert, wo die meisten Leute den Klosterplatz betreten; dieses vierte Plakat ist im hinteren Bereich, auf direktem Weg zum Klosterladen, in dem das Produkt gekauft werden kann, sowie zum Weinkeller, in dem das Produkt produziert wird.»


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